Winterblumen

Kleider waren für mich eines der Haupt-Themen diese Woche. Kein Wunder eigentlich, bei so vielen Menschen in diesem Haus. Ich habe unglaublich viel gewaschen (dafür sind jetzt praktisch sämtliche Wäschekörbe des Hauses leer, die Schränke voll und meine Waschküche piekfein und sauber. Eine kostbare Seltenheit!).
Und wenn ich dazu kam, trug ich die Sachen meiner Kinder Schicht für Schicht aus ihren Kleiderschrank-Stapeln ab, breitete sie auf dem Fussboden aus- und begann zu sortieren. Was passt noch? Was nicht mehr? Welche Sachen werden kaum je richtig benutzt und warum? Wegen der Farbe? Einem unbequemen Schnitt? Einfach, weil das Stück nicht zu meinem Kind passt? Wo muss einfach nur geflickt oder abgeändert werden?
Alles, was geliebt, getragen oder demnächst ganz sicher in Gebrauch kommen wird, liegt jetzt wieder zusammengefaltet in den Regalen. Manches (weniges, um ehrlich zu sein) sogar geblätzt oder umgenäht. Alles, was keinen richtigen Anschluss finden konnte in unserer Familie, steckt in einer Tüte für die Kleidersammlung. Und der Rest -geliebte, aber zu klein gewordene Kleider- lagert bis die Tage in Boxen: Sachen, die ein nächstes Kind in der Geschwister-Reihe noch anziehen wird, auf dem Dachboden. Alles andere, wovon ich mich nicht trennen kann, ohne in einem Meer nostalgischer Emotionen zu versinken, in meiner Gerümpelkammer, also jede Menge Shirts, Stoffkleidchen, Babystrampler oder selbstgestrickte, aber durchlöcherte Wollsocken (jawohl, Wollsocken!). Für später. Für Enkelkinder (hach!) oder Kindheitsquilts oder Wandbehänge mit Geschicht oder für sonstwie vernähte Erinnerungen.
Die Kleidertürmchen, die schlussendlich zurückbleiben sind manchmal viel kleiner als vorher, manchmal kaum verändert, aber immer, wenn ich eine Hose, einen Pullover oder süsse, kleine Kindersöckchen, aus denen ein Kind definitiv herausgewachsen ist, zur Seite legen muss… zögere ich für einen winzigkleinen Moment. Ich glaube nicht, dass man das sehen könnte, wahrscheinlich ist es mehr so ein Gefühl von „nein, ich will noch nicht ganz loslassen“, das mich durchfährt. Und natürlich lasse ich dann doch los. Schlussendlich. Die Kisten werden voll, Deckel drauf. Ein Stückchen Mutter-Kind-Geschichte erhält einen Punkt mehr gesetzt. Ein Kapitel endet, ein neues wird begonnen. Bittersüss, aber der Lauf der Dinge.

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Vielleicht verbrachte ich darum jenen Abend unten im Wohnzimmer, über den Tisch und eine grosse Bahn Bio-Jersey-Stoff gebeugt. (Herrlich; „Sommerblumentraum“ von Kissa. Für mich sind das jetzt Winterblumen.) Um ein neues Shirt zu schneidern für mein Mädchen, das Kind mit den am schlimmsten geschrumpften Kleiderschrank-Stapeln. Schneidern, um aufzustocken und ihre Garderobe eine Spur persönlicher zu gestalten. Schneidern, um das Bittere am Wachsen ein klein wenig zu mildern.
Es ist ein weiteres Crossover-Tee geworden (aus „Growing up Sew Liberated“, auf deutsch erhältlich als „Das Mama-Nähbuch“) mein drittes, bzw. das dritte, das mein Mädchen jetzt tragen wird, schön alternierend vielleicht, sehr wahrscheinlich aber eher mit längeren Pausen zwischendurch, je nachdem, wie lange die Warteschlaufe wieder werden wird für all die Schmutzsachen in den Wäschekörben. Ihr „Crossover Tee“ mit den Kirschkern-spuckenden Mäuschen zieht sie vielleicht zu Ringelleggins und den dreiviertel-langen, geflickten Jeans ihrer Brüder an. Das andere, das mit den altrosa Schmetterlingen möglicherweise über einem kurzärmligen, hellen Kleidchen oder zu einem dieser einfachen, schlichten Jupes im Stil ihres Shocking-Pink-Röckchen, so wie schon so oft. Und dieses neue, noch so wunderbar straffe, unangetastete, geradezu bemerkenswert fleckenlose Shirt hier (das viel zu bald schon um einiges gealtert aussehen wird *hüstel*)? Vielleicht so wie heute; kunterbunt kombiniert mit dem, was sie gerade so ganz zuoberst in ihrem Kleiderschrank findet. Mit pink-weiss-gestreiften Leggins, ausgebleichten, grauen Kniesocken, einer Hose, die Mama aus einem alten, grün eingefärbten Kissenbezug genäht (und schon wieder geflickt) hat- und mit diesem ihr eigenen, absolut spitzbübischen Grinsen.

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Egal, was dieses Kind trägt; Neben ihrem Lausemädelgesicht mit seinen blitzenden Augen und dem verschmitzten, meist irgendwie verdächtigen Schmunzeln verblassen Schnitte, Farben, Stoffwahl- die ganze, wilde Mischung…

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6 Kommentare zu Winterblumen

  1. Sanne sagt:

    liebe Bora,
    ach, wie gut ich deine Gefühle verstehe…….ich habe ganz ähnliche Gedanken gehabt, je älter die Kinder werden, umso einfacher wird es…….eines Tage hoffe ich auch MemoryQuilts zu nähen, einen Familienquilt haben wir schon für KH Aufenthalte.
    Überaus herzliche Grüße an dein großes Mädchen, ihr Bild hat meinem Mann und mir ein wirkliches Lächeln ins Gesicht gezaubert, magisch, ein liebes Danke dafür.
    Sanne

  2. Oh wie wunderwunderschön liebste Bora! Und es freut mich so sehr zu lesen, dass du diese Woche so viel Energie hast und Kraft für die Wäschebege. Mir fehlt sie diese Woche gänzlich, die Energie – die nächste Erkältungswelle hat uns erwischt bei diesem nassgrauen Wetter, zu wenig Schlaf und was man sonst noch so nicht braucht. Aber das wird auch wieder und derweil erfreue ich mich an deiner Beschwingtheit.
    Ein schönes drittes Adventswochenende wünsche ich euch
    Sternie

  3. Marta sagt:

    Deine Tochter ist einfach wunderschön. Und diese Blicke! Ein tolles Mädel ist sie bestimmt, unsere 2 würden sich toll verstehen…warum wohnt ihr so weit?

  4. simone sagt:

    Liebe Bora,
    danke für deine mail.ich finde du bekommst die Balance sehr gut hin!!
    Und auch hier spricht du wieder aus,was ich so gut kenne.Meine Kleine ist jetzt 1 geworden,um mich herum kamen gerade ganz viele neue Babys zur Welt…und ich frage mich nur :“Wo bitte ist die Zeit geblieben?!“
    Aber so ist der Lauf der Dinge…
    Liebe Grüsse
    Simone

  5. Noch ist da ja jemand, der die zu kleinen Sachen tragen kann! Wie schwer ich mir es vorstelle, wenn dann auch das Kleinste Kind mal rausgewachsen ist! Aber auch das hilft uns Mamas doch nur beim Wachsen. Beim Mitwachsen mit denen die groß werden wollen und sich nie und nimmer stoppen lassen.
    Wie schön das Shirt ist. Und wie zaubersüß Deine Große ist. Im bunten Mix. Der ist stark!
    Herzlich!

  6. raniso sagt:

    Das letzte Bild ist so toll! Erinnert mich irgendwie an Astrid Lindgren Bücher. Ein Michel-Mädchen… 😉
    Ganz liebi grüäss, anja

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