Fels in der Brandung- Eine Mützen-Liebe

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Ich bin ein Gewohnheitsmensch. In gewisser Weise zumindest. Ich mag es, jeden Morgen genau gleich zu beginnen (zur Zeit mit heissem Kakao, klar), und ich weiss gerne, was auf mich zukommt. Auch beim Stricken. Oder beim Nähen. Und überhaupt bei allem, woran ich mich wage. Irgendwie erstaunt es mich längst nicht mehr, dass meine Socken immer haargenau gleich ausfallen -strickmustertechnisch gesehen. Gäbe es da nicht diese umwerfende Vielfalt an wundervollen, am liebsten handgefärbten Garnen, sie würden allesamt aussehen wie multiple Zwillinge. Ich stricke sie einfach so, wie ich sie kenne, mag und kann. Nach altbewährtem Stricksockenrezept sozusagen.
Einmal ins Herz geschlossen, bleibt eine Strickmuster-Liebe wohl ein Leben lang lebendig. Wirklich gute Projekte geben wir so schnell nicht wieder her, vor allem dann nicht, wenn sie uns so richtig schön vertraut geworden sind, so bekannt und heimatlich, dass wir fast schon blind unseren Weg durch den Anleitungsdschungel finden. Solche Dinge sind unschlagbare Tröster in schweren Zeiten, Mutmacher in kreativen Durststrecken, Aufbauer, wenn andere Strick- (oder Näh-) Versuche misslingen oder irgendwie nie so werden wollen, wie wir sie uns erträumen. Es gibt einfach Strickmuster, die bleiben stehen, wenn alles andere wackelt und bricht. Felsenfest. Sich daran ein bisschen festhalten, tut manchmal Wunder…

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Genau so ein „Fels in der Brandung“ ist diese Mütze hier für mich. Also nicht nur diese Mütze an sich -obwohl die meisten ihrer Maschen tatsächlich in eher düsteren Momenten der Erschöpfung und Mutlosigkeit entstanden sind- es ist vor allem auch das Strickmuster an sich. Nach dieser Anleitung (ursprünglich aus einem bereits älteren, schon vergriffenen Buch) habe ich meine allerersten Mützen überhaupt gestrickt. Zuerst für Herrn Kirschkernzeit (damals in einem waldgrünen Melange-Garn), bald darauf für meine Jungens (aus derselben Wolle, weil ich mich noch nicht traute, etwas Neues zu versuchen), einmal für meine Schwester, für meinen Bruder. Und noch einmal für Herrn Kirschkernzeit (diesmal doppelt verarbeitet, damit sie schön kuschelwarm gibt), später kunterbunt geringelt für meine Schwiegermama, diesen Herbst dann in schillerndem Rosenkäfergrün für Kind2 und nun, weich und blaugraubraun, abermals für einen meiner Jungens …
Ein ewiger Kreislauf, ein ständiger Prozess (vor allem, weil unsere Mützen immer mal wieder auf unerklärliche Art und Weise wie vom Erdboden verschwinden…). Aber immer wieder aufs Neue ein gutes Gefühl; beim Wolle-Auswählen (in diesem Fall hier „Malabrigo Rios“ in der Farbe „Playa“), beim Anschlagen der ersten Runde, beim Stricken des Bündchens, der Kopf-Form, beim Abnehmen, wo dann plötzlich dieser herrliche Stern zum Vorschein kommt… Zu stricken, was ich kenne, so richtig gut und aus eigener Erfahrung, über Jahre hinweg und bei jeder einzelnen Mütze, jedem Garn wieder aufs Neue, macht das Stricken… zu einem Stückchen Daheim für mich. Wo ich mich auskenne und loslassen darf. Andere Projekte mögen spannender sein, lehrreicher, faszinierender und ganz bestimmt um einiges beeindruckender als diese simple, höchst alltägliche Mütze hier, nach der sich wahrscheinlich keiner je umdrehen wird. Aber nur wenige haben so viele wohltuende Eigenschaften. Und mein vollstes Vertrauen.

DSC_7401 DSC_7400 „Fels in der Brandung“

Garn: Malabrigo Rios oder ein anderes Garn mit ca. 90m-100m/50gr. Lauflänge
Garnverbrauch: ca. 60gr.
Nadelstärke: Nadelspiel Nr. 5
Maschenprobe: ca. 17-18M pro 10cm.
Für eine gute Herrengrösse wären ca. 14M pro 10cm nötig.
Sie passt: grösseren Kindern und Teenagern bis mittelgrossen Erwachsenen-Köpfen. Für eine grössere Mütze schlägt man mehr Maschen an, strickt mit dickeren Nadeln oder wählt ganz einfach ein etwas dickeres Garn. Für kleinere Grössen sollte das Garn dünner sein und/oder die Nadeln feiner oder man schlägt weniger Maschen an. Mützen sind da sehr schön variabel und nehmen alles nicht so genau (eine ihrer grössten Stärken).

Stricken:

Anschlagen: 68 M auf 4 Nadeln verteilt anschlagen.

Bündchen: Alle Maschen in Runden stricken, jeweils 2re/2li, bis das Bündchen etwa 12cm hoch geworden ist. (Nicht erschrecken, die Mütze wirkt am Anfang wegen dem Rippen-Muster enorm eng! Das gibt sich dann aber später wieder. Versprochen.)
Das Bündchen wird übrigens später umgekrempelt und darum ziemlich hoch gearbeitet.

Kopf: Nach dem Bündchen alles glatt rechts stricken, bis die ganze Mütze etwa 28 cm misst. (Bei Kindern eher 26cm)
Alternativ kann man auch alles im Rippenmuster 2re/2li weiterstricken bis zu den Abnahmen. Diese Mütze sitzt dann satter am Kopf.

Abnahmen: Alle Abnahmen werden glatt rechts gestrickt.

Rd1 : Jeweils die 16. und 17. M auf jeder Nadel rechts zusammen stricken
Rd2- Rd4 : glatt re
Rd5 : immer die 7. und 8. M re zus. str.
Rd6- Rd8 : glatt re
Rd9 : immer die 6. und 7. M re zus. str.
Rd10 : glatt re
Rd11 : immer die 5. und 6. M re zus. str.
Rd12 : immer die 4. und 5. M re zus. str.
Rd13 : immer die 3. und 4. M re zus. str.
Rd14 : immer die 2. und 3. M re zus. str.
Rd15 : immer jeweils 2 M re zus. str.

Die letzten 8 M mit dem Faden zusammenziehen und den Faden verstäten. Voilà. Jetzt nur noch: Tragen und Sich-Freuen daran! Der schönste Teil jedes selbstgemachten Projektes überhaupt.

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4 Kommentare zu Fels in der Brandung- Eine Mützen-Liebe

  1. Frau Krähe sagt:

    Ach wie schön! Und wie du das beschreibst, dieses vertraute, wohlige Entstehen… Und diese Farbe! Einfach perfekt für tolle Jungs: nicht süss, aber doch freundlich, sensibel und einfach wunderschön. Eine grosse Freude beim Herstellen und beim Tragen.
    liebe Grüsse, Martina

  2. Socken sind auch für mich ein Strickfels. Einer den ich bei Flauten ansteuer, quasi. Allerdings hab ich noch nicht DAS Sockenrezept für mich gefunden.
    Insgesamt mag ich zwar gerne Abwechslung, aber die „einfachen“ Projekte, bzw. Muster, die mag ich doch noch lieber.
    Vielleicht entsteht ja noch diesen Winter so ein Mützenfels für meine Birne!? Dankeschön!

  3. Romy sagt:

    Ein schönes GEDANKENWOLLKNÄUL zum Thema Vertrautes, sicheres Terrain in dieser Welt des „von allem zuviel“. Das hast du wieder sehr gut in Worte verpackt, wir kennen das alle. Mein Projekt sind Marktfrauenhandschuhe (Pulswärmer), die mir immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückhelfen. Wo ich beim Stricken denke: es ist so wie es ist! Und übereinstimme mit unserem Wowi: „Und das ist gut so!“

  4. Micha sagt:

    Danke für die Anleitung. Mit Mützen hatte ich bisher nicht so viel Glück, aber mit so einer vielfach erprobten Anleitung wird es vielleicht mal was.
    LG, Micha

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