Ich und der Anfang vom Ende

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Vorgestern nahm ich sie zum ersten Mal ganz klar und deutlich wahr; diese Dunkelheit morgens. Ich schlurfte um halb sieben in die Küche, um meinen Jungens ihre Ovomaltine zu machen (warm mittlerweile, auch so ein klares Zeichen fürs Abnehmen des Jahres) und war fast ein bisschen geschockt, als ich vor dem Fenster bloss dichte, schwarze Nacht vorfand. 20 Minuten später lichtete sich das Schwarz langsam, wurde zu Anthrazit, zu Taubengrau und schliesslich zu jenem hellgrauen, diesigen Morgenlicht, das ich so sehr liebe und das so typisch ist für diese Gegend hier. Und als die Sonne durchbrach und mein Zimmer durchflutete -die Kinder waren inzwischen in der Schule, mein Mädchen im Kindergarten- fühlte ich mich so froh und belebt und ein bisschen bewegt. Vom Herbst. Der Herbst kommt immer so an. Bei mir. Mit einem tiefen, warmen Gefühl der Dankbarkeit und leiser Aufregung. Grundlos eigentlich und ich weiss auch gar nicht warum, aber es ist wie ein Wiedersehen mit einem allerliebsten Freund. Die ersten krinkeligen Kastanienblätter vor dem Schulhof, ein Himmel voller Nebenschwaden, dieses einmalige, weiche, warme, wehmütige Licht, die Kinder, die mir Eicheln und Kastanien bringen für unseren Jahreszeitentisch… Für mich als Herbstkind bedeutet das: Heimkommen.

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Wolle wird plötzlich mit ganz einem ganz neuen Gefühl zur Hand genommen (ein bestes Omen für die Geburtstagsocken meines Zweitgeborenen, die morgen nämlich fertig sein müssen) und die kleine Sendung Bio-Garn vom Strickcafe („Rosy Green Cheeky Merino Joy“) löst schon beim Auspacken höchste Glücksgefühle in mir aus. Wolle! Stricken! Einlullen und Einmummeln! Wie ein Eichhörnchen beim Nüssesammeln grabe ich nach neuen Ideen, nach Strickprojekten und Wolle und den schönsten Möglichkeiten, eins mit dem anderen zu verbinden.
Alles in mir wird umgekrempelt, gerät in Aufräumlaune, will Abschliessen, zu Ende bringen, neu sortieren und vorbereiten. Ich suche nach Gemütlichkeit und Heimatgefühl, gehe mit neuem Elan an aufgeschobene Dinge, schneide die letzten Rosen, die letzte Gurke, bastle mit meinem Mädchen einen rosafarbenen Zauberstab zur selbstgenähten Geburtstagskrone für ihre Freundin … und bin glücklich dabei.

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Der Herbst hat so etwas Ruhiges an sich. Etwas Gelassenes bei all seiner Beschäftigtheit. Aus dem bunten Treiben des Sommers wird etwas anderes, neues, etwas Braunes, Weiches, Warmes, das sich gutmütig an die Arbeit macht. Der Anfang vom Ende eines Jahres. Mit ganz untrüglichen Zeichen des Zerfalls und des Abschiednehmens. Und doch ist es nicht wirklich traurig, sondern eher tröstlich für mich, vielleicht weil ich weiss, dass das Ende kein Ende sein wird, sondern nur der lange, wohlverdiente Dornröschen-Schlaf einer Schöpfung, die viele Monate lang ununterbrochen in Bewegung, im Keimen, Wachsen, am Kinderbekommen und Fruchtbringen war. Ein bisschen mehr Ruhe tut uns allen gut. Luftholen und Heimkehren. Eine Einladung, sich einzumummeln und die Früchte des Jahres zu geniessen.
Ich nehme sie an. Mit einem Ja aus tiefstem, dankbarstem Herzen.

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13 Kommentare zu Ich und der Anfang vom Ende

  1. Melanie sagt:

    Schön, schön, schön! Danke für diesen Text – irgendwie habe ich schon auf ihn gewartet. Wie der Sommer bereits im August etwas „stockte“, wurde mir in diesem Jahr auch bewusst, wie viel mir der Herbst bedeutet. Das Licht, die Farben, die Luft, die zunehmende Ruhe. Und da habe ich bereits schon ziemlich oft an deinen Blog gedacht, dem ich „anonymerweise“ bereits seit knapp 2,5 Jahren folge und mich daran erfreue.
    Auch ich habe das Bestreben, die Dinge jetzt zu richten – noch dazu, wo unser kleiner Erdenbürger Nr. 2 in knapp 2 Monaten das Licht der Welt erblicken wird. Gerade hat uns das Schicksal zwar einen Strich durch die Rechnung gemacht und uns auf ein gewisses Minimum heruntergebremst, aber auch dies wird vorbeigehen und vielleicht genieße ich den Herbst draußen gerade deshalb umso bewusster.

    Mach weiter so mit deinem Blog 🙂
    Liebe Grüße
    Melanie

  2. Bianca Jex sagt:

    Du Liebe,

    das ist so ein traumhaft schöne Liebeserklärung an den Herbst….ich habe den Text jetzt dreimal hintereinander gelesen und kann jedes Wort nur absolut unterschreiben. Der Herbst ist auch für mich immer ein „Runterfahren“ und „Langsamer Werden“….ich danke Dir für diese tollen Worte. Sie sind wie Balsam für die Seele ♥♥

    Ich grüße dich ganz lieb
    Bianca

  3. Sabine sagt:

    Der Herbst, wenn alles bunt wird, die Luftveränderung, die Ruhe in der Natur, finde ich schön.
    Dann bleibt wieder mehr Zeit um drinnen zu basteln, zum Handarbeiten, das tut gut.
    Die Krone und der Feenstab sind Euch sehr gut gelungen.
    Alles Liebe
    Sabine

  4. Hille sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag und die Fotos (das Bild der beiden Schwestern ist unbeschreiblich schön!!!).
    Ich freue mich immer sehr über deine Einträge, die mich oft noch tagelang begleiten und einfach gut tun!
    Ich selber habe keinen blog, bin aber auch Mutter von mittlerweile 4 erwachsenen Kindern.
    Liebe Grüße
    Hille

  5. raniso sagt:

    Hihi, ich habe auch schon gewerweisst, wann Frau Kirschkernzeit Herbstliebeserklärung wohl dieses Jahr hier auftauchen wird *lach* Und hier ist er, dein Post, wunderschön deine Worte. Ich bin gerade auch sehr Herbst verliebt und geniesse ihn in vollen Zügen.
    Bei deinem Eichhörnchen-Vergleich muss ich kichern, wie passend – du Eichhörnli 🙂
    Ganz liebi grüäss und knuddels, anja

  6. ann-ka sagt:

    Liebste Bora!

    Einfach nur wunderschön deine Worte.
    Die Geburtstagsgeschenke sind bezaubernd.

    Mein Herz hat aber vor allem einen Sprung bei dem Foto deiner Mächen gemacht.
    Ist das ein Pingu Buch (fast vergessene Kindheitserinnerungen werden wieder wach, danke)?
    Das Foto, ein wunderbarer Moment.

    Herzlich, Ann-ka

  7. Der Herbst ist da. Und ein Strang Rosy auch bei mir. Woll-Lust und erste Maschen nach Monaten. Eifer, irgendwie. Und gleichzeitig auch dieses schöne Gefühl einer Auszeit, wie wenn Besuch kommt.
    Ich Herbstkind fühle mit Dir. Tiefst.
    Herzlich! Ann-Kathrin.

  8. fadenvogel sagt:

    Herbstzeit ist Strickzeit. Ich kenne das auch.

  9. nicole sagt:

    Ohhh das Rosy Garn! Seit Monaten mein der absoluter Liebling. Viel Freude beim Verstricken 😉

  10. Rita sagt:

    Und ich warte auch immer wieder darauf, auf den Herbst;)!¨
    Schon wieder fast ein Jahr durch……

    Wünsche Dir viel Spass beim Verstricken;)!!
    Liebs Grüessli, Rita

  11. Duska sagt:

    Poesie vom Feinsten:-))) Ich, auch Herbstkind, habe jedes Wort gefühlt und genossen. I love it!
    lg

  12. Frau öm sagt:

    Eine Ode an den Herbst! Wo sonst, wenn nicht hier auf diesem wunderbaren Blog kann man sie finden? Liebe Frau Kirschkernzeit, vielen Dank dafür!

  13. Romy sagt:

    …und dann beginnt die schönste Jahreszeit. Das Foto mit den Mädchen und deine Worte berühren mich sehr. Liebe Grüße, Romy

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