River

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Nach einer Reihe kühlerer Tage, die schon mehr vom kommenden Herbst erahnen liessen, als ich erwartet hatte, ist die weisse Emaille-Schale neben meinem Schreibtisch wieder leer. All das dschungel-grüne Strickzeug ist daraus verschwunden. Maschengeflecht (knapp 430 Gramm übrigens). Nadeln (Stärke 5.5 und 6). Der zum Ball gewundene Strang „Malabrigo Rios Ivy“, der zweitletzte aus einem ganzen Garnberg, weil es mir lieber ist, es bleibt etwas übrig, als mein Wollvorrat endet vor der letzten Reihe oder Runde eines mir lieb gewordenen Strick-Projekts. Und ans Herz gewachsen ist es mir rasch, dieses Projekt hier, ich glaube fast, schon vor der ersten, tatsächlich angeschlagenen Masche, in dem Augenblick wahrscheinlich, in dem ich bei Quince & Co. die „patterns“ Seite durchschlenderte, fasziniert von den wunderschönen Modellen an noch wunderschöneren Models, in dem Augenblick in dem ich das hier sah; „River“, den schlichten Wollpullover mit der kleinen Knopfleiste (Jim Kopf in Dunkelgrün) am Kragen.

Ich weiss nicht, was es war, das mir so gefiel, ob tatsächlich die Schlichtheit und Weichheit des schönen Pullovers, die Farbkombination von blassblauer Wolle und bauschigem, schokoladig braunem Rock-Stoff und das ebenmässige Gesicht der jungen Frau und ihre Hände, wie sie diesen Ball Wolle halten -ein Detail wie aus einem alten Ölportrait- oder die Tatsache, dass alles hier stimmte, alles rund zu sein schien, selbstvergessen, feminin, entspannt, geerdet.

Ich machte mir ein Lesezeichen unter „Jetzt, ganz wichtig!“ und verbrachte den Rest des Abends damit, nach geeigneter Wolle zu suchen. Für meinen „River“.

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Nun, er ist fertig geworden. Herausgestrickt aus all den Dosen, Körben und Schalen, in denen er seine Wartezeiten verbrachte, die allzu Schönwetterischen oder die, in denen mir einfach nur nach etwas Kleinerem zumute war, weil die Runden und Runden so lange wurden oder weil ich Zeit brauchte zum Atemholen nach x aufgelassenen Zentimetern, die nicht so verlaufen waren, wie geplant (notiere; mein Mantra heisst ab sofort „Ich vertraue dem Strickmuster“).
Was ich mag an diesem Pullover? So vieles! Sein Garn. Natürlich. „Malabrigo Rios“… wie könnte ich es auch nicht lieben? Die Farben -wenn auch ziemlich Jägergrün- die mich an Urwälder erinnern, an Urwälder irgendwo in fernen Ländern, wo ich nie war und wohl auch nie sein werde, Grüntöne, die mir mutig vorkommen, kraftvoll, kompromisslos, ein Statement (komisch eigentlich, gerade kommt mir Che Guevara in den Sinn). Ich mag die feinen, regelmässigen Streifen Linksmaschen, die jeden Zählfehler verzeihen (in den Ärmeln zum Beispiel verfiel ich irgendwann in ein 4 Runden rechts, 1 Runde links-Rythmus, was nicht ganz den Angaben entsprach, gottseidank aber kein Drama ist). Ich mag den einfachen, prima geschnittenen und angenehm zu tragenden Kragen ohne eigentlichen Kragen und natürlich die Knöpfe an der Seite, ein Fake, ein liebenswerter. Zu knöpfen gibt es nämlich nichts, genau genommen.
Ich mag, wie die schmalen, sehr eng anliegenden Ärmel sich ohne weiteres zusammenschieben lassen und damit mehr oder weniger Haut bedecken ohne je krumpelig auszusehen (Vorsicht bei fülligeren Armen! Ich denke, hier wären ein paar Maschen extra für ein wenig mehr Luftigkeit vielleicht gut investiert). Ich mag auch die breite Rippenpassage am Bauch. Die ganz besonders, obwohl ich auch nicht genau weiss warum. Ich habe den ganzen Pullover etwas länger gestrickt (43 cm ab Ärmel-Ausschnitt, davon 10 cm Rippchen-Bund), aus dem Bauch heraus und ohne jeden Plan. Aber als ich dann fertig war mit Abketten und sah, dass von der Rippchen-Passage nur mehr ein paar läppische Zentimeter übrig waren, ein ganz gewöhnliches Bündchen, kein „River“-Bund mehr, der sich lang und weit über die Hüften spannt… da holte ich die vernähten Fadenenden wieder aus ihren Verankerungen, schnitt und zog und fing von neuem an mit dem Fertigwerden. Und beim zweiten Mal wurde es besser.
Keine Frage; „River“ braucht diesen markanten Abschluss. Auch bei den Ärmeln. Hier habe ich 10 cm Rippenbündchen gemacht, an einem etwas länger gestrickten Ärmel von insgesamt auch 43 cm. (Gewaschen habe ich bisher offen gestanden noch nichts. Vielleicht war die Länge auch ein Fehler und das Ganze dehnt sich noch aus… Hoffen wir das Beste… So wie wir es immer tun, nicht wahr?)

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Hm, ja.
Ja, ja, ja. Ja!
Ich mag diesen Pullover.
Doch. Wirklich.
Wirklich, wirklich, wirklich.
Auch wenn ich natürlich nicht auch nur annähernd so hübsch und feminin darin aussehe wie die bezaubernde junge Frau bei „Quince & Co.“, ich mit meinem schiefen Grinsen und den überall verteilten Muttermalen und Sommersprossen. Schön ist wohl anders. Aber das Gefühl stimmt. Ein wenig zumindest. Geerdet und entspannt. Doch, so könnte man es nennen. Geerdet und entspannt. Wie das fliessende Wasser des Amazonas, grün und tief und ein bisschen gemütlich (stelle ich mir vor). Meine Version von „River.“

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28 Kommentare zu River

  1. Barbara Karl sagt:

    So entzückend! Der Pulli, dein Lächeln, die Farbe, die Wolle…einfach geglückt! Ich freu mich für dich! deine Barbara

  2. Daniela sagt:

    Du siehst wunderschön aus! Mein Glückwunsch auch zu diesem Meisterwerk liebe Bora!

  3. Galina sagt:

    Das sieht so gut aus Bora Wunderschön.Galina

  4. Elke sagt:

    Liebe Bora, wunderschöner Pulli und toll rübergebracht. Auch ohne 4 Stylisten bist du für mich die Schönste. Liebe Grüße von Elke

  5. M. sagt:

    Also ICH finde es wunderschön! Ich bewundere dich um deine wortgewandten Beiträge und dein Durchhaltevermögen bei großen Strickprojekten. Ein besonders hübsches Detail sind die Knöpfe, finde ich.
    Liebe Grüße, M.

  6. Mona sagt:

    Wärend ich deinen Beitrag hier lese läuft nebenher im Radio „Bruno Mars ‚just the way you are'“ und mit diesem wundervollen Lied grüße ich dich jetzt! Du bist wunderschön, genauso wie du bist (besonders deine Haare mag ich sehr, den täglichen Zopf habe ich von deinen Fotos abgeschaut), lass dir von einem Fotomodell mit Stylisten nichts vorgaukeln! Zumal ihr dein Strahlen fehlt, denn SIE hat den wunderbaren Pullover sicher nicht selbt gearbeitet!

    Sonnige Grüße von
    Mona

  7. ann-ka sagt:

    einfach nur wunderschön. du, deine freude, dein stolz.
    die knöpfe gefallen mir auch ganz besonders.

    herzlich, ann-ka

  8. Melonengrün sagt:

    Mensch Bora, der Pulli ist eine Wucht!
    Du aber auch!
    Liebe Grüsse
    Sara

  9. Katrin sagt:

    Toller Pulli!
    Steht auch auf meiner Warteliste…. Sieht sehr kuschelig aus!

  10. Liebe Bora,
    was für ein wunderschöner Pullover. Für dich ungewohnt figurbetonend, wie ich finde. Es steht dir sehr, sehr gut!
    Liebe Grüße,
    Kathrin

  11. Evelyn sagt:

    Wunderschön! Da hast du eine perfekte Wahl für dich getroffen, der Pulli sieht wirklich wunderbar an dir aus und umgekehrt!
    Das vierte Foto – traumhaft, und die Knöpfe – es gibt keine passenderen!
    Ganz rund. Alles.
    Liebe Grüße!
    Evelyn

  12. Melanie sagt:

    Ich finde auch, auf jedem Foto, dass du toll aussiehst. Frauen, die auf natürliche Weise so schön aussehen wie du, mag ich viel, viel lieber als alle anderen. Ich finde dich übrigens sehr feminin. 🙂

    Gruß
    Melanie

  13. Solveig sagt:

    Ja, ich finde feminin, passt gut. Feminin und trotzdem handfest. Ein Statement, so wie du es geschrieben hast. Einfach toll, du und der Pullover 🙂 !

  14. Ein wunderschöner Pullover. In einer Farbe, die mir steht, würde der mir sofort auch gefallen. Wenn ich nur nicht immer an großen Strickprojekten scheitern würde …
    Du siehst toll aus in deinem dschungelgrünen Modell! Und was heißt „schön ist anders“? Andersrum stimmt es: „Anders ist schön!“ 🙂 Jeder ist auf seine Art schön, du auf alle Fälle. Und wenn alle gleich schön wären, gäbe es ja nur normal. Wie langweilig das wäre!

    Liebe Grüße, Doro

  15. Petra Schmidt sagt:

    Liebe Bora,
    da haben zwei zueinander gefunden. Du und Dein River. So stimmig. So wunderschön- ihr zwei.
    Liebe Grüße
    Petra

  16. Clara sagt:

    Liebe Bora,

    was soll ich da noch sagen, meine Vorrednerinnen haben es auf den Punkt gebracht. Wunderschön. Du dürftest alles Selbstvertrauen der Welt haben, bei den schönen Projekten die du immer zauberst. Nur Mut 😉

    Lieben Gruß
    Clara

  17. Rita sagt:

    Liebe Bora
    Dein Strickstück ist wunderschön und die Farbe finde ich traumhaft!! Aber die Knöpfe haben es mir besonders angetan und wirklich wundervoll!
    Bravo! Super gemacht!!

    Viel Freude beim Tragen, der Herbst scheint ja schon Vorboten zu schicken….;)
    Liebs Grüessli, Rita

  18. Klara sagt:

    So ein tolles Strickprojekt, und im letzten Absatz …! Ich bin richtig erschrocken über Deine Selbstwahrnehmung in Verbindung mit einem so gelungenen selbstgeschaffenen(!) Werk. Ich finde, Du bist hübsch, einfach von Natur aus schön.
    Und der Figurbetonte Pullover steht Dir einfach perfekt!

  19. amselgesang sagt:

    Fast bin ich versucht zu sagen: „Na, fishing for compliments?“, mit schelmisch-mahnend erhobenem Zeigefinger… 😉
    Aber falls du es wirklich ernst meinen solltest mit dem nicht-so-feminin-sein, dann lass mich dir sagen, dass ich vom ersten, bzw. zweiten, Bild an dachte: Umwerfend, wie dieser Pulli pure Weiblichkeit und Selbstbewusstsein sichtbar macht! Nichts gegen gemütliche Schlabberteile (ich mag sie auch!), aber das da – ist schon etwas anderes! Du hast es mit „Statement“ bezeichnet, das trifft es genau. Du hast es nicht nötig, davon etwas zurückzunehmen.
    Finde ich. 🙂
    Brigitte

    P.S. Danke für den Link (quince & Co.), sehr schöne Sachen!

  20. Sanne sagt:

    Das Bild von dir mit dem roten Wollknäule ist UMWERFEND schön! sehr sehr hübsch und anziehend. wow, was du alles kannst. meine Bewunderung hast du.
    herzlichst liebe Grüße an dich, du Schöne!
    Sanne

  21. Romy sagt:

    Liebe Bora, Du hast vier Kinder geboren und die Figur eines Teenagers und die Ausstrahlung einer Elfe. Deine Worte und Bilder berühren und insperieren viele Leserinnen – sei zufrieden mit Dir und nicht so bescheiden, herzlichst Romy

  22. Manuela sagt:

    Ich würde jetzt sagen, der Pullover ist wie für Dich gemacht, aber das ist er ja auch tatsächlich. Perfektes Modell, perfekte Farbe und die Knöpfe sind der Hit.

    Liebe Bora, es gab Zeiten, da haben sich die Frauen Schönheitsflecken aufgemalt oder geklebt. Und Sommersprossen… Ich habe als Teenie immer meine beste Freundin um ihre Sommersprossen beneidet. Ich finde Sommersprossen heute immer noch ganz toll, sie haben so etwas verschmitztes, freches an sich. Mein Sohn hat auch welche und ich liebe jede einzige davon an ihm.

    LG Manuela

  23. Raniso sagt:

    Wooooooooow! Wieso sehe ich diesen Post erst jetzt???? (Und dann noch mitten in der Nacht ;-)) Von wegen nicht so schön wie die Frau auf dem Bild! Du siehst umwerfend aus! Und der Pulli ist ein Traum! Da werd ich glatt neidisch! Hut ab, liebe Bora!
    Ganz liebi grüäss und knuddel, anja

  24. Pami sagt:

    Liebe Bora,

    du siehst bezaubernd in deinem neuen Pullover aus.
    Ganz stolz!
    Und das darfst du auch sein!
    Das Projekt zu Ende bringen, dass ist immer ein großer Erfolg und wenn es dann auch noch so wunderbar ausschaut…einfach toll.

    Viele liebe Grüße,
    Pamela

  25. Bea sagt:

    Liebe Bora,
    der „Dschungelpullover“ ist einfach wundervoll.
    Ich zieh den Hut vor Dir, wie du alle Aufgaben bewältigst, die Kinder hütest und dann noch so viel strickst.
    Meine 3 Kinder sind erwachsen, aber bei einem 8 h Job hat man nicht soviel Zeit und Lust noch zum stricken.
    Liebe Grüße und schreib weiter so nett- ich lese sehr gerne deine Seiten.
    Alles Liebe Bea

    • kirschkernzeit sagt:

      Das kann ich verstehen. Ich glaube, wenn ich jeden Tag raus müsste in die Arbeitswelt, dann wäre ich auch noch k.o-er als jetzt schon! Ich denke, allein der Wechsel immer wieder von daheim auf „öffentlich“ und wieder zurück nimmt sehr viel Kraft weg, oder?

  26. Helga sagt:

    Liebe Bora,

    Du bist ein Geschenk für uns alle, ein ganz wundervoller Mensch. Auch Lesen ist eine Begegnung, und ich bin dankbar dafür, daß ich Dir hier begegnen durfte, immer mal wieder, wenn es mir gerade einfällt. Einem wahren Menschen zu begegnen, einem der Anteil nehmen läßt, sich zeigt und (mit)teilt ist ein Geschenk, ein seltenes. Diese Brücke verbindet uns und läßt mich dankbar sein.
    Wenn ich könnte, ich würde Dich von Herzen drücken.

    Herzliche Grüße
    Helga

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