Taproot Tunic

Kleider selber machen, das ist ein richtiger Strauss voller Glücksmomente, finde ich. Ich komme zwar immer ein bisschen ins Schwitzen dabei, mit all dem Schnittmuster-Nachzeichnen, Bügeln und Feststecken, Säume-Messen und dem Vollkommen-bei-der-Sache-sein, und nervös werde ich bisweilen, dass es kaum mitanzusehen ist, aber zu guter Letzt… ist alles Schwitzen, Kniffeln und Zweifeln vergeben und vergessen. Kleider-Machen ist … so befriedigend. So belebend. Naschwerk für mein Selbstwertgefühl. Kleider selber machen, gibt mit Wurzeln und Flügel gleichzeitig…

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Aber da sind Unterschiede. Etwas für meine Kinder zu machen, das fällt mir wesentlich einfacher als für mich selber zu nähen oder zu stricken. Aus mancherlei Gründen. Einmal, weil Kinder, vor allem solange sie noch klein sind, selbstgemachte Sachen oftmals sehr viel sorgloser tragen als ich selber. Sie fragen nicht danach, wie genau das jetzt aussieht, ob hausbacken oder professionell, und wenn es sich gut anfühlt und die Farben sich einigermassen im akzeptablen Bereich befinden (Sachen in Lieblingsfarben haben natürlich Bonus-Qualität), dann stehen die Chancen gut, dass unsere Arbeit sich so richtig gelohnt hat. Hingegen bin ich mir schnell unsicher in der Farb- und Schnittwahl oder wenn ich nach  dem richtigen Stoff suche für mich, einen, der mir auch wirklich steht. Das fällt mir ehrlich sehr schwer und braucht jedes Mal viel Zeit und Überlegung.
Und Stoffe sind teuer. Garne zwar auch, aber Stoffe… Mich erstaunt es immer wieder, wie unfassbar viel so ein Meter kostet, vor allem verglichen mit den Kleiderpreisen von der Stange, die eigentlich eine absolute Unverschämtheit sind, wenn wir ehrlich sind. Ein T-Shirt für ein paar Fränkli? Darüber kann ich nur den Kopf schütteln… So gesehen sind die Stoff-Meter-Preise für mich wieder ganz in Ordung. Stoffe sind Wert-voll. Sie machen mir viel Freude und verlangen Mutter Natur etwas ab. Sie stecken voller Arbeit, Energie, Gedanken-, Maschinen-und Menschenkraft, und das bezahle ich gerne. Nur… verschwenderisch nähen, das kommt in diesem Moment natürlich nicht mehr in Frage. So gerne ich ein neues Schnittmuster ausprobiere- was bei Kinderkleidern, die nur wenig Stoff verbrauchen, ein herrliches Abenteuer ist, macht mich bei Sachen in meiner Grösse schon richtig nervös und lässt mich zögerlich werden.

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Die „Taproot Tunic“ von Sonya Philip (aus einer vergangenen Ausgabe des kanadischen Magazins „Taproot“) lag darum auch schon geraume Zeit in meinem Näh-Sekretär im Wohnzimmer bereit, zerteilt in ihre einzelnen Zutaten: Zuunterst der Stoff („Memoire a Paris“ von Lecien), ein seidiger, Voile-ähnlicher Baumwollstoff in erdigen Tönen mit feinstem Blümchen-Muster, die Näh-Anleitung aufgeschlagen darübergelegt und zuletzt die dünne, weisse Schicht Seidenpapier, mein fertig zugeschnittenes Schnittmuster.
Allein, mit fehlte der Mut für den ersten Schnitt.
Was, wenn die Tunika mir zu eng wird? Oder einfach nicht steht? Was, wenn der Stoff zwar hübsch aussieht (was er schon tat- ich fand ihn fantastisch!), mich aber bleich oder altjüngferlich aussehen lässt (die Chancen dafür stehen gut. Leider sehe ich ziemlich schnell blass, langweilig, dürr und zerknittert aus)? Ich traute dem ganzen nicht. Noch nicht.
Bis… zu jenem Tag, an dem mich so etwas wie jugendlicher Übermut packte und ich in einem merkwürdigen Anfall von Tatendrang alle Wenn’s und Aber’s über Bord warf. Einfach anfing. Und weitermachte. Und fertig wurde.
Voilà.
Es kann so einfach sein. Im Grunde.

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Der Schnitt ist… sonderbar. Da fehlen zum Beispiel richtige Arm-Ausschnitte. Die Ärmel -einfache Rechtecke ohne grosse Kurven- fliessen einfach so in den Körperteil hinein. Aussergewöhnlich vielleicht, aber es funktioniert. Erstaunlicherweise.
Die Tunika-Länge kam mir schnell viel, viel zu kurz bemessen vor, und ich bin gottenfroh, dass ich gleich von Anfang an volle 7 cm dazu genommen habe, das heisst im Grunde sogar noch mehr, denn auf den umgeschlagenen Saum habe ich verzichtet und stattdessen Schrägband („France Duval Stella“ via Strickcafe) genommen, so wie bei den Ärmeln und im Halsausschnitt auch (okay, das hätte man professioneller machen können als ich…)
Die Ärmel habe ich 1 cm länger zugeschnitten- sicher ist sicher- und ich denke, wenn ich einen normalen doppelt umgeschlagenen Saum genäht hätte, so wie angegeben, dann wären sie mir jetzt zu knapp. So aber reichen sie schön über die Ellbogen, was prima ist und absolut angenehm in all den Zwischenzeiten des Jahres, weil die Haut bedeckt wird, aber nicht zu fest eingepackt und zugeschnürt.

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Der Stoff, den ich hier gewählt habe, ist eigentlich ganz anders. Andersrum, um genau zu sein: Als ich sah, wie süss und romantisch das klare, feine Blümchenmuster auf der linken Seite des Stoffes aussieht, habe ich es kurzerhand falsch herum verwendet, so dass die verwaschenen Pastell-Töne jetzt aussen sind, ohne die scharfen, schwarzen Konturen der richtigen Vorderseite. Ob die Idee gut war? Hm. Ich bin mir nicht ganz sicher. Kind2 sprach sich sehr für die rechte Seite aus, aber mir gefiel das plötzlich hervortretende Blassblau der Blüten auf dem weichen, braunen Untergrund einfach zu gut….

Am Tag meiner Näh-Arbeit legte ich meine neue Tunika erst einmal zur Seite. Ein bisschen Abstand, eine Nacht darüber schlafen. Und dann, am nächsten Tag, als ich schnell was zum Überziehen brauchte, schüpfte ich in hinein- und zog sie die nächsten paar Tage nur noch zum Schlafen aus.

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Ich denke, das ist ein gutes Zeichen.

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6 Kommentare zu Taproot Tunic

  1. Rita sagt:

    Cool so eine Tunika bräuchte ich auch mal und wüsste auch genau, welche, aber eben…..;) Anderes komm zuerst, wie 7! Paar Hosen flicken…..und plötzlich haben alle Hosen Löcher.
    Wünsch Dir eine Gute Woche und nur weiter so! Glückliche Mami, glückliche Familie;)!
    Liebs Grüessli, Rita

  2. Melonengrün sagt:

    Liebe Bora
    Wie Du so schreibst, Deine Ängste vom Stoffe an-oder-zer-schneiden, kenne ich gut. Musste schmunzeln!
    Vielleicht sollten wir uns öfter mal sagen; wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
    Und Du hast doch gewonnen! Die Tunika steht Dir ausgezeichnet!
    Liebe Grüsse
    Sara

  3. Kerstin sagt:

    liebe bora,mut wird immer belohnt wunderschöne tunika,die die sehr gut steht,das baby natürlich auch :)))))

  4. amselgesang sagt:

    Du hast alles richtig gemacht, finde ich: länger zugeschnitten (ich dachte schon beim Schnittmuster-Foto: ups, das sieht aber kurz aus, mehr nach Kinderkittelchen), Stoff rumgedreht (wirkt wunderbar sanft und charmant) und eine Nacht drüber geschlafen (das mache ich auch immer mit neuen Sachen, egal ob gekauft oder selbergemacht – dann wirken sie nicht mehr so fremd und ungewohnt auf mich…).
    Na, und das Wort „altjüngferlich“ – das hat wohl doch bei einer wie dir nichts verloren, mit vier Kindern und immer noch so jung… ich schlage stattdessen vor: „jungmütterlich“! 🙂

  5. Wundervoll. Schön sieht sie aus. Die Tunika und die Tochter! Und die Kulisse – genial inszeniert!
    Hätte mir den Schnitt nie so gut tragbar vorgestellt. So ohne alles. So ne Tasche hat sowas Pippilangstrumpfhaftes. So gut!

  6. Elisabeth sagt:

    Ach Bora,

    Wie schön, wie schön! Und so ein liebes Bild von Dir und deinem kleinen (ach schon wieder so großen) Mädchen. Und toll dass Du Dir wieder was für Dich gegönnt hast. Ich kann diese Anfangsangst, das Zögern und das Gewichten (das andere geht ja viel schneller, die Kinder brauchen es viel dringender….) so gut nachvollziehen.
    Hmm. Ich glaub der Tag ist nicht allzu fern wo ich mich auch mal an ein Schnittmuster wage…
    Grüße, Lisa

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