Aus meinem Tagebuch: Im Auge des Tornados

Über der weissen Bank in der Küche hängt eine Girlande. Eine kleine, einfache Frühlings-Girlande aus festem Papier. Sie entstand an einem trüben Samstag-Morgen, an dem alles ein bisschen schief lief. Ich hatte diese dummen, dumpfen Kopfschmerzen, wie sie mich immer öfters überkommen, wenn das Wochenende anfängt, und war schrecklich reizbar und nervös, weil ich wusste, dass wir bis zum Mittag alle zu einer Hausbesichtigung fahren würden, zu einem Haus, das so vielversprechend aussah auf den Website-Fotos, dass es mir richtig unheimlich vorkam (Leider wurde nichts daraus schlussendlich. Und vielleicht habe ich auch das damals schon geahnt, ganz unbewusst.)
Um 12 Uhr war der Besichtigungs-Termin zu Ende. Herr Kirschkernzeit half bei einer Feuerwehr-Übung und der ganze Terminplan sah fürchterlich eng bis eigentlich unmöglich aus. Und es stand noch so viel an: Einkaufen, Brote schmieren für ein schnelles, Lunch-mässiges Mittagessen kurz vor der Abfahrt, Herrn Kirschkernzeits Picknick für unterwegs einpacken, Kinder anziehen, Dossier suchen… Ich schaffte alles. Irgendwie. Aber ich blieb nervös, angespannt und grummelig und mit pochendem Kopf.

Bis auf diesen Moment hier, der voller Zauber stand, voll von glattem, weissem Papier, Wasserfarben und Frühlings-Gefühlen…

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Ich hatte Kreise vorgezeichnet und kritzelte langsam, aber ohne viel zu denken mit fliessenden Pinselstrichen Sujets in die leeren Flächen der eine Blatthälfte, Sujets, die mich an den Frühling erinnerten. Braune Striche mit winzigen, grünen und rosafarbenen Punkten für die noch kahlen Zeige mit allererstem Blattgrün und Ansätzen von Frühlingsfloor, grüne Striche für das spriessende Gras, rosa Kirschblüten, Himmelblau, Sonnengelb und ein grosses, schlichtes knallgrünes Blatt. Ich pinselte. Und immer, wenn die Farbe trocken wurde, schob ich meinem Mädchen das Papier hinüber, und sie malte ihre Version der Szene in die Nachbars-Kreise gechts davon.
Ich kam mir sehr japanisch vor. So sauber und sorgfältig und einfach und gemächlich. Die Magie der kleinen Dinge, eingeschlossen in einem kleinen, stillen Moment.

Dann waren die Kreise voll. Die Zeit drängte. Alles Japanische, Friedliche, Magische zerploppte im Chaos des Tages zu Nichts. Und blieb doch hängen. In meinem Kopf.
Der Samstag verstrich wie er begonnen hatte, ein einziges Desaster, bis hin zum Schluss. Aber wenn mein Blick heute auf unsere Girlande fällt, dann erinnere ich mich. Nicht an die Hektik, nicht an mein Genörgel, nicht an die Kinder, die den ganzen Tag lang nichts als Unfug im Sinn hatten, nicht an die langen, verzweifelten Seufzer vorne im Auto, wo Herr Kirschkernzeit und ich die Augen verdrehten und uns wünschten, wie sässen ganz alleine in einem Flugzeug Richtung Südsee.
In meinem Leben – und zwar nicht nur an jenem fürchterlichen Samstag- gibt es Hektik, Lärm, Dreck und schlechte Laune, eine ganze Menge davon sogar, und das will ich gar nicht leugnen (es wäre ohnehin zwecklos). Aber wenn ich mir diese Girlande ansehe unten in der Küche, dann sehe ich vor allem eines; diesen einen kurzen Augenblick, mein Mädchen und ich und unsere Pinselstriche, still und zufrieden, Seite an Seite, wie wir im Auge des Tornados malen und alles um uns herum einen Atemzug lang vergessen.

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Der Lärm, die Hektik, Dreck, schlechte Laune, auch sie sind da, selbst in meiner Erinnerung kann ich sie noch sehen und ein Stück weit auch spüren. Aber sie verblassen. Wie vom Winde verweht. Von Tag zu Tag mehr. Und das ist gut so.

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10 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: Im Auge des Tornados

  1. Elke sagt:

    Liebe Bora, so schön geschrieben ich hatte fast vergessen was du für einen liebevollen Blog im www hast. Liebe Grüße von Elke

  2. amselgesang sagt:

    Ein Text, zum Staunen schön und wahr, aufgeblüht wie eine japanische Kirschblüte…
    Oder, weniger poetisch ausgedrückt:

  3. amselgesang sagt:

    (…ups, versehentlich geklickt) – ich wollte sagen: der Text hat selbst die Form eines Wirbelsturmes mit der Stille im Zentrum, die sich auszudehnen scheint und einem das Gefühl eines unzerstörbaren Augenblicks vermittelt. Ich mag deinen Stil sehr!
    Viele Grüße von
    Brigitte

  4. innilisi sagt:

    Liebe Bora,

    Lass Dir auch mal virtuell Mut und Kraft senden. Ich kenne die Momente in denen ich mich unzulänglich fühle, von den Aufgaben und den Listen in meinem Kopf quasi erschlagen werde und ganz genau fühle, dass ich reizbar, ungeduldig und launisch bin – obgleich ich es gar nicht möchte. Und dann merke wie die Situation nur noch mehr entgleitet. Weil mein Sohn auch merkt dass etwas nicht rund läuft, weil er stark zahnt, meine Nähe braucht und einfordert, und und und….
    Und doch – eigentlich bin ich es selbst der diese Meßlatte so unsagbar hoch hängt. Ich würdige die Aufgaben die ich dann doch irgendwie erledigen kann auch nicht so wie ich sollte. Nur wenn ich innehalte, mir bewusst mache was alles an diesem Tag geschehen ist, was ich in die kleinen „freien“ Momente reingezwängt habe, was alles schönes in diesem „verqueren“ Tag aufgetaucht ist, ganz unerwartet. Das erste „Geschenk“ meines Sohnes aus der Krippe, das erste Mal dass er strahlend auf mich zuwackelt, ein Gänseblümchen (oder besser den Kopf davon) fest in der Hand und „Mama, Mama“ sagt und mich anstrahlt…
    Dass ich nicht nur geputzt, gesaugt, abgespült und gekocht habe, sondern wir uns in den Garten gesetzt und die ganzen Blumen betrachtet haben, die Bienen wie sie um die Johannisbeeren summen, den Frosch im Lichtschacht, die dicke Hummel in den letzten Osterglocken….
    Und ich weiß, dass auch den Kindern diese Momente im Herzen bleiben.
    Inmitten im Chaos, sich hinsetzen und loszumalen: Das ist bewundernswert!
    Du bist vielleicht keine tolle, durchorganisierte Hausfrau (zumindest siehst du dich nicht so, das weiß ich), kein ruhender Fels in der Brandung, aber du bist ein wahnsinnig warmherziger, authentischer und kreativer Mensch, der seiner Familie und zig unbekannten Menschen per Blog jeden Tag aufs Neue schöne Momente schenkt.
    Und was glaubst Du ist wichtiger???

    Danke für deinen Blog!

    Elisabeth

  5. linnea sagt:

    in deinem blog wirkt immer alles so harmonisch, irgendwie „clean“ und aufgeräumt. dass es im eigentlichen leben häufig auch mal hektisch, chaotisch oder wild zugeht, glaube ich trotzdem gern. wie schön, dass du ein ventil gefunden hast, das sogar so ein friedvolles ergebnis mit sich gebracht hat.
    linnea

  6. Mona sagt:

    Hallo bora, heute haben wir deine girlande nachgearbeitet, jetzt stellt sich mir nur die frage, wie hast du die bilder an was festgemacht, also aufgereiht?
    aufkleben, nähen, tackern, an papier, geschenkband oder stoff?
    Bitte gib mir doch nen tipp, auf deinem bild kann ich es nicht erkennen…
    Sei gegrüßt von
    Mona

    • kirschkernzeit sagt:

      Also, das mit der Girlande, das geht ganz einfach (es freut mich übrigens total, dass ihr sie auch gemacht habt!!!): Man macht mit einer Lochzange (oder einem Locher/einer Ahle/einer Schere etc.) zwei Löcher oder einfache Schnitte (ich habe das kleinste Loch gewählt bei der Lochzange) in einigem Abstand oben am Kreis (oder am Viereck, falls man Viercke macht- es könnten auch Dreiecke sein wie bei Wimpeln). Dann zieht man eine Schnur der Wahl von hinten ins erste Loch, rüber zum zweiten Loch, und da dann wieder hinein durchs Loch zur Rückseite. Die Schnur geht dann zum nächsten „Wimpel-Kreis“ und ort wieder von hinten nach vorn, rüber zum zweiten Loch, nach hinten. Und zum nächsten „Wimpel-Kreis“…
      Wenn du die Schnur dann spannst, verrutschen die Kreise nicht. Wegen der Fadenspannung. Wenn du die Schnur nur locker aufhängen möchtest, dann kannst du sie jeweils hinten an den „Wimpel-Kreisen“ mit etwas Klebestreifen fixieren.
      Ich hoffe, es klappt!
      Sonst nur melden, ja?

  7. Raniso sagt:

    Eine coole Idee! Und schön an solchen Tagen auch noch ruhige Oasen zu haben. Bei uns häufen sich die stürmischen Tage gerade ein wenig und ich wünschte mich auch schon einige Male weit weg in den letzten Tagen. Was da wohl in der Luft liegt?
    Ganz liebi grüäss und knuddel, anja

  8. Jenny sagt:

    Liebe Bora,

    wir haben sie auch nachgearbeitet, so in der Art, eine wunderbare Papier-Sommergirlande diesmal, für ein bisschen mehr luftige, fröhlich-bunte Sommerlaune in der Küche.

    Ich kann nicht so schön schreiben wie Du, aber ein paar Fotos davon siehst Du in meinem Blog.

    Liebe Grüße,
    Jenny

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