Schon wieder für mich. Jedenfalls beinahe.

Grosse Strick-Projekte haben ihren ganz eigenen Reiz, hab‘ ich recht? Man muss sich überwinden, zuerst, ich wenigstens muss das, weil ich jedes Mal, wenn etwas über das Klein-Kinder-Mass hinausgeht sofort in ehrfürchtiges Staunen gerate ob der Grösse und Unberechenbarkeit der Arbeit. Und natürlich fängt jedes meiner grösseren Projekte an mit Zweifeln, mit Zweifeln nach den eigentlichen Zweifeln, die mich beinahe gar nicht erst beginnen liessen, mit vielen Zweifeln. Mit schwerem Gepäck, an das ich mich zuerst gewöhnen muss. Bevor ich das Stricken richtig geniessen kann, vergeht immer eine ganze Weile, und erst wenn die ersten schwierigen Passagen überwunden sind und das Ganze langsam Gestalt annimmt, erst dann kommt so etwas ähnliches wie Entspannung auf. Gleichzeitig ist es aber auch so: „Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“, buchstäblich, und meistens komme ich mir derart verwegen vor, sobald ich es wage, etwas für mich Neues, irgendwie beängstigend Gross-Artiges in Angriff zu nehmen, dass mein Blut von Adrenalin nur so überschwemmt wird und es zuerst einmal einfach nur wahnsinnig viel Spass macht, zu sehen, wie das Garn auf den Nadeln sich entfaltet, wie die Farben sich verstreuen und der echte, eigentliche Garn-Charakter sich langsam entpuppt.

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Egal ob ein Garn im Strang kommt oder bereits zum Knäuel gewickelt: bevor es zu Maschen wird, hält sich sein wahres Wesen verborgen. Die Farbverläufe, die Harmonie zwischen Farb-Tönen und ihren Abständen zueinander, die Griffigkeit und Schwere oder Feinheit- das alles enthüllt sich erst nach und nach, mit den ersten Maschen, den ersten Reihen oder Runden, dem ersten Ärmel… Ich bin jedes Mal vollkommen gebannt, wenn ich diesen Prozess miterlebe; am liebsten möchte ich stricken und stricken und stricken und niemals mehr aufhören. Faszinierend ist das. Und ungeheuer spannend. Der Zauber des Neu-Anfangs eben.
Neu-Anfang… Es ist wie mit dem Frühling eigentlich. Natürlich werde ich keine Bäuerin werden, soviel steht schon mal fest, aber mit den ersten Frühlings-Blumen-Spitzchen, mit den Schneeglöckchen und Primelchen-Teppichen im Rasen, kommt sie, unweigerlich und so vertraut; diese ganz grosse Lust, alles neu zu machen. Altes über Bord zu fegen, neuen Gedanken, neuen Plänen, neuen Ideen und Sehnsüchten (endlich)  die Tür zu öffnen und aus so vielem wie nur irgend möglich etwas Hand-Festes zu machen. Im Frühling wollen meine Hände einfach nicht zur Ruhe kommen…

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Vielleicht ist es Zufall, vielleicht auch nicht, aber gerade als mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass der Frühling sich anbahnt, so langsam und schrittchenweise, genau da wurde meine Jacke  fertig, ein eher grosses Projekt für meine Verhältnisse, eines, das ich eine ganze Weile lang vor mir her geschoben hatte und dann auch zeitweise ein bisschen zur Seite legen musste, um neue Motivation zu finden (so ein Rückenteil kann einem schon sehr, sehr lang werden mit der Zeit). Die letzten Fäden waren vernäht, die Knöpfe gefunden, dieser Eine, einzelne Fehlende noch hurtig nachbestellt… und meine Nadeln lagen plötzlich wieder brach. Stille. Ruhe. Ein kurzer Moment, in dem die Gedanken sich sammeln, bevor sie von neuem ausholen, Ravelry durchkämmen, Strickmuster prüfen, auf die Suche gehen nach neuen Schätzen, die es zu heben gilt… Und just in dem Moment kam ein neues Garn („Malabrigo Rios“, hier in der Farbe „Arco Iris“) in meine Hände. Aus meinem Vorrat, aber bisher nie verstrickt, unbenutzt, ein klitzekleines Strick-Abenteuer, eine Expedition ins Farbenland… Ich wusste ziemlich bald, wo mich diese Reise hinführen würde; Zu einer neuen Mütze. Für mich. Eine „Hats for all“ ganz allein für mich.

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Die ersten paar Runden waren … die reinste Offenbahrung; diese Farben, diese Textur… Auch wenn das jetzt übertrieben klingt (und nein, ich werde nicht bezahlt, um das hier zu schreiben); Diese ganze erste Zeit über, während ich strickte und strickte und zusah, was aus diesem anfangs ein bisschen chaotisch wirkenden Knäuel so wurde, ging ein Wort mir im Kopf herum: „Lush“. Üppig. Luxuriös. Opulent. Satt. Saftig. „Lush“. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können, wie ich dieses Garn empfinde, optisch wie haptisch, emotional. „Malabrigo Rios“ ist mitunter das Sinnlichste, das ich je verstrickt habe.

Ich habe mittlerweile vier verschiedene Malabrigo Rios Garne hier in meiner kleinen Büro-Ecke voller Woll-Vorräten. Eines davon liegt gerade auf meinen Nadeln, gleich links neben meinem Bildschirm und versucht die ganze Zeit über, mich vom Schreiben abzuhalten (bald bald, nur Geduld…), ein anderes wartet noch als ganzer Strang auf seine Bestimmung (noch eine Mütze vielleicht?), das dritte -in Grün-Tönen- wurde einmal kurz angestrickt, sofort über alle Massen gemocht, aber trotzdem für nicht ideal befunden für das angefangene Projekt… und das vierte, „Malabrigo Rios Arco Iris“, liegt unten neben der Haustüre, direkt im Rahmen des kleinen Fensterchens, das auf den Garten hinausgeht. Es wartet auch. Auf jemanden, an dem mir sehr viel liegt: Als meine Mama heute mit mir zum Trödler fuhr, wusste ich es im Grunde sofort. Dass diese Mütze gar nicht wirklich für mich bestimmt war, sondern für sie.
Ich glaube, es liegt an den Farben. Dieses warme Braun neben lauter kühlen, reinen Tönen, ein bisschen Grün, ein bisschen Blau. Genau wie ihre Augen.

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Was mir aber auch klar wurde: Dieses Garn wird wiederkehren. Vielleicht für einen Pulli, vielleicht für ein Jäckchen, vielleicht auch für etwas ganz anderes, wir werden sehen. Auf jeden Fall aber wird es für mich sein. Braun, Blau, Grün. Wir haben dieselben Augen.

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23 Kommentare zu Schon wieder für mich. Jedenfalls beinahe.

  1. zwergental sagt:

    Frühling auf deinem Blog sehr schön dein Heider ,und du siehst so niedlich aus auf dem ersten Bild die Farbe der wolle gefehlt mir auch und als Pulli bestimmt ein Traum Ps deine Steine mag ich ja auch sehr

    • kirschkernzeit sagt:

      Hast du ihn bemerkt? Ich bin froh, dass er dir gefällt! Ich dachte, ein bisschen mehr Frische wäre ganz nett nach dem eher stillen, dunklen Winterheader bisher… Und der Stein mit dem Blatt ist übrigens ein selbstgeschnitzter Stempel-Aufdruck. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis er schön aufgestempelt war, aber jetzt hält er auch eine kalten Dusche aus. Danke für deine ermutigenden Worte immer wieder, Galina! Es freut mich immer, vom dir zu lesen!

  2. Daniela sagt:

    Ach Bora, Du hast wieder einmal so schön geschrieben… Da denke ich an meine Mama, die nun schon so lange nicht mehr bei mir ist und die ich mit meinen plumpen Anfänger-Strick-Projekten in Liebe überschüttet hätte 😉 Deine Wolle hätte ihr auch gut gestanden 😉
    PS: Wunderbar verschmitzt wie Du da auf dem einen Bild schaust 😉

    • kirschkernzeit sagt:

      Mütter sind Mütter- und unserem Herzen manchmal so wahnsinnig nah, hab‘ ich Recht? Und ich bin ganz sicher; egal wie „Plump“ eine Sache auch scheinen mag; eine Mama sieht sie mit dem Herzen. Und das sieht zuweilen besser als jedes Auge…

  3. Stefanie sagt:

    sehr schöne Wolle und schöne Muetze!
    Findet man Dich eigentlich auch bei Ravelry, fände es sehr schön Deine Stricksachen mal auf einem „Haufen“ zu sehen …

    Lieben Gruesse
    Stefanie

    • kirschkernzeit sagt:

      Leider nein. Ich habe, glaube ich, zwar noch meinen „alten“ Account, wo ich vielleicht sogar noch zwei, drei Sachen verlinkt habe zum Blog hier, aber ich habe gemerkt, dass ich einfach keine Zeit und Energie mehr habe, um das eingermassen zuverlässig Up To Date zu halten. Im Blog geht das noch ganz gut, aber sobald eine andere Platform hinzukommt, komme ich nicht mehr nach… Darum, nein, leider. Vielleicht ändert sich das eines Tages ja, dann werde ich das sicher hier irgendwo in der Sidebar verlinken. Ich freue mich aber, dass du danach gefragt hast! Liebe Grüsse!

  4. Rita sagt:

    Das Garn ist absolut traumhaft und die Farbgebung genau meins;)
    Die Mütze ist toll und Deine Mutter wird sich sicher sehr darüber freuen!
    Und das Foto mit dem verschmitzten Lächeln gefällt mir sehr! Bitte mehr davon;))
    Ganz liebs Grüessli, Rita

  5. kristina sagt:

    vor allem das lächeln steht dir unglaublich gut! ganz liebe grüße kristina

    • kirschkernzeit sagt:

      Dankeschön. So still lächel ich eher selten; meist grinst dann sofort der ganze Mund in allerbreitester Clown-Dimitri-Manier (manchmal erinnere ich mich selber auch an Jim Carrey…)

  6. E sagt:

    Das erste Bild ist toll! (und die Mütze natürlich auch :0)

    liebe Grüße,

    E

  7. Sanne sagt:

    liebe Bora,
    kristinas Worten schließe ich mich an
    dein Lächeln ist bezaubernd!

    Wolle und Mütze auch, aber mit dir drin noch viel besser

    herzlichst
    Sanne

  8. Oh, wie hübsch Du aussiehst! Die Mütze steht Dir wunderbar,vielleicht solltest Du Dir auch so eine stricken, die Farben stehen Dir wirklich gut und lassen Deine Augen strahlen. Wenn Deine Mama die gleichen Augen hat, ist die Mütze ein tolles Geschenk!

    • kirschkernzeit sagt:

      Danke, lieb, dass du das sagst, das mit den Augen und so. Die Farben stehen aber, glaube ich, praktisch jedem, ob hell oder dunkler im Teint, soweit ich das abschätzen kann nach den drei, vier Test-Personen, denen ich die Mütze aufgezwungen habe *hüstel*… Vielleicht liegt das daran, dass in diesem Garn kalte und warme Töne so unkonventionel gemischt wurden?

  9. Marianne sagt:

    Bora lächelt!!! Wundervoll… wie hübsch Du bist! Echt! Liebe Grüsse, Marianne

    • kirschkernzeit sagt:

      Hihi… also in Natura ist mein Lächeln leider etwas schief, weisst du. Das kann man hier nicht so gut erkennen… aber dankeschön, das macht mich ganz verlegen jetzt…

  10. Steffi sagt:

    Finde ich auch! So ein schönes Foto von dir! 🙂

  11. Raniso sagt:

    Hihi, ich sehe, es geht auch meinen Vorschreiberinnen so wie mir: So ein
    hübsches erstes Bild! Wahnsinn! Ein tolles Lächeln hast du und auch dein Lachen ist toll (Dimitri habe darin aber noch nie entdeckt…). Passend zu einer tollen Frau <3
    Ganz liebi grüäss und knuddel, anja

  12. Frau Krähe sagt:

    Ich kann mich nur anschliessen: so ein hübsches Lächeln! Und dass es da auch noch ein grosses Lachen dazu gibt, ist ja nur toll. Fleissig Gebrauch machen davon, und dann liegt auch einiges an Mama-Rumgeschnautze und -Gemecker drin (du hast mal kürzlich darüber geschrieben, dass es dich nervt, dass du nicht so oft wie du gerne möchtest gelassen reagieren kannst). So ein schönes Lächeln/Lachen wiegt das alles auf, ganz sicher.
    Fröhliche Tage dir!

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