Ein Fall für uns

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Heute war Mittwoch, schulfreier Nachmittag, ein weiterer Nachmittag, den wir von zuhause verbracht haben, gemeinsam, ich und die Kinder, innerhalb dieser Mauern, die uns viel mehr geworden sind als nur ein Dach über dem Kopf- ein sicherer Hafen, Lebens-Raum, unsere Nische in dieser grossen, weiten, fremden Welt. Einmal mehr ist mir bewusst geworden, was für ein lascher Winter das hier ist für uns. Wir leben auf Sparflamme, und das ganz bewusst; kaum Ausflüge, einkaufen nur wenn es wirklich dringend nötig ist und dann auch höchstens im Dorfladen (was bedeutet, dass die Mahlzeiten hier auch eher einfach ausfallen meistens, zusammengewürfelt und aus dem Vorratskeller, Kartoffeln, Griesssuppen mit Karotten und ein bisschen Wirsing, Pfannkuchen mit Marmelade, Zimt und Zucker und Apfelmus…).
Ich erinnere mich kaum an Stadt-Besuche in den letzten paar Monaten. Ich glaube, es gab keine.
Und genau das macht diesen Winter wiederum zu einem Winter, so richtig nach meinem Herzen, urgemütlich nämlich, entspannt und mit klarem Fokus auf das, was mir am allerwichtigsten ist; Familie, Heim und Herd. (Naja, das mit dem Herd sollte ich jetzt vielleicht streichen, so wie ich zur Zeit koche…)
Die meiste Zeit über sassen wir daheim, lasen, werkelten irgendwas im Haushalt rum, arbeiteten an kleinen Projekten, backten Brownies und Schokoladenkuchen, hörten Radio und die immergleichen Kinderhörspiele aus unserer umfangreich gewordenen MC-Sammlung (Leider ist der Kasettenrekorder jetzt kaputt. Unser dritter in zwei Jahren, glaube ich. Scheint so, als wären diese Dinger nicht für wirklich intensive Nutzung gemacht… Nun denn, von jetzt an kaufe ich CDs.) Die Zeit plätschert dahin und wir plätschern irgendwie mit und lassen die Welt sich drehen.

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Natürlich wird sich das ändern. Die Kinder werden wachsen. Der Frühling wird kommen und mit ihm die Zeit, wo es uns alle raus zieht und das Leben sich hinausbewegen will aus der kuscheligen Höhlenwelt unseres Zuhauses. Aber bis dahin geniesse ich es, einfach nur für mich zu sein. Für uns. Mit so wenigen Aufgaben und Verpflichtungen ausserhalb wie möglich und ganz, ganz viel Zeit gemeinsam drinnen, wo wir sein dürfen, wie wir sind. Ich mag dieses Leben an der Quelle, losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen und Verpflichtungen, frei von aufgepfropftem Leistungs-Denken oder diesem sonderbaren Glauben, dass sinnvoll verbrachte Freizeit immer ausserhalb des Zuhauses stattfinden muss. Ich mag es, wenn alles, was ich tue in irgendeiner Form ganz direkt mit uns zu tun hat, mit der Familie in ihrer konzentrierten Form und all ihren Bedürfnissen, mit all diesen kleinen, zahlreichen Aufgaben des alltäglichen Hausfrauen-Mama-Lebens, die so simpel sind und trotzdem so ungeheuer wichtig, weil sie die Basis bilden, auf der jedes einzelnen Familienmitglied sein Leben aufbaut. Ich glaube, ich bin einfach ein durch und durch häuslicher Mensch. Ein Familientier, ein absolutes.

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Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein, aber ich habe den Eindruck, dass sich genau dieses innere Familientier so langsam in meine Näharbeit einschleicht… Oder sagen wir; es bildet sich da eine Art Muster, vom Nähen just for Fun, einfach, weil ich ausprobieren möchte, mit hübschen Stoffen spielen, mich kreativ versenken, hin zum Stillen eines echten Hungers, wo etwas ganz einfach dringend benötigt wird- Kinderkleider zum Beispiel oder das Znüni-Täschli für mein Mädchen eines Tages dann- und meine Zeit und meine Hände sich dafür stark machen, diesen Mangel zu beheben. Das gibt meiner Arbeit eine ganz andere Qualität, finde ich. Etwas sehr Bodenständiges und Pragmatisches. Weil es meistens eher schnell gehen muss, weil das Kind Kleider braucht und zwar möglichst bald, und weil die Projekte sich plötzlich wie von alleine aneinanderreihen, eins nach dem anderen, und diese eher spielerischen, nicht so wirklich unbedingt notwendigen Projekte ein bisschen verdrängen. Wie den lang ersehnten nächste Quilt, von dem ich träume (an sich hätte ich ja Quilts genug für die halbe Nachbarschaft) oder noch ein Patchwork-Kissen (für keine-Ahnung-auf-welches-Bett-oder-Sofa).
Vielleicht ist das ganz gut so. Ein bisschen Eingrenzung kann sehr entspannend wirken manchmal. Man findet sich dann leichter zurecht in all den wunderbaren Möglichkeiten, die sich vor einem ausbreiten (Wannado-Listen wachsen naturgemäss. Tag für Tag, hab ich recht?). Ein schwindender Stapel Pullover im Kleiderschrank des Kindes? Ein Mädchen, das sich Sachen wünscht, die sich weich anfühlen und bittebitte ja nicht kratzen? Ein Stoff-Vorrat, der einem zu beobachten scheint, unentwegt, bei jedem Schritt, mit diesem ganz eigenen, teils vorwurfsvollen, teils verführerischen Blick?

Wir wissen, was zu tun ist, oder? Dieser Fall ist ein Fall für uns. An der Nähmaschine. Und mit diesem wunderbaren Stoff, von dem wir damals einen halben Jahresvorrat bestellt haben, eben weil er so schön weich war und ganz bestimmt nicht kratzt. Und weil er obendrein ganz einfach schlichtweg zum Anknabbern süss aussieht…

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Ich glaube, manche Probleme sind in Wahrheit gar keine. Sondern nur neue Chancen, die sich bemerkbar machen.
Wäre mein Mädchen nicht wie fast über Nacht aus fast allen ihren Pullis gewachsen, ausgerechnet jetzt in diese ganze, so herrlich ausgedehnt ausgekostete Winter-Trägheit hinein, wer weiss, ob ich mich an das „Crossover Tee“ (in der langärmligen Version mit aber nur 5cm breitem Arm-Bündchen) aus Meg McElvees‘ „Growing Up Sew Liberated“ / “ Das Mama-Nähbuch“ jemals herangetraut hätte… Selbst nach zwei Baby-Sweatshirts empfinde ich noch eine gewisse Scheu vor Jersey, ganz ehrlich, und wahrscheinlich brauche ich ihn einfach ab und zu, diesen Mangel, dieses echte Bedürfnis, das sich klar und gross mitten in den Raum stellt (Pulli! Jetzt!) und mich sanft aber mit Nachdruck an den Nähtisch schiebt. Ans Nähbuch-Regal, hinter die Maschine, hinein in jene kleinen, enorm wertvollen 10, 15 Minuten, die immer wieder unverhofft frei werden in diesem häuslichen, familienzentrierten AlltagsTrubel. Ein klein wenig Druck, der keiner ist, sondern nur Ermutigung der etwas anderen Art vielleicht…

Auf jeden Fall; Mein Mädchen ist begeistert. Von ihrem neuen Pulli, dem weichen, garantiert nicht kratzenden. Und ich von ihr. Einfach weil sie ist wie sie ist; ein Wirbelwind, ein fröhlicher, sonniger, quirlig wie Quecksilber.

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Auch sie ist … ein Fall für mich, ganz ohne Frage.
Mein Lockenkopf voller Flausen und anderen Trouvaillen.
Für sie zu nähen ist mehr als ein Vergnügen.

PS. Noch ein paar Quellen; Der Stoff ist von Kissa, das süsse kleine grüne Häkelkätzchen von der unglaublich kreativen Rita und diese süsse, kleine Patchwork-Decke mit herrlichen Anna Maria Horner Stoffen von  der wunderbaren 19Nullsieben.

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8 Kommentare zu Ein Fall für uns

  1. radattel sagt:

    …der ist wirklich einfach entzückend! So ein schöner Stoff…so ein schöner Schnitt…und ja, es fühlt sich ganz großartig an mit der Näherei richtige Bedürfnisse zu benähen!…wie schön ist es wenn man seine Kinder so bildlich in Liebe hüllen kann!
    hab eine gute Zeit, radattel

  2. zwergental sagt:

    Ach wie schön das dein Wohnzimmer genau so ordentlich ist wie meins ,der Pulli ist sehr schön der stoff mit Kirschen ist schön und wen die benähten glücklich sind dan ist es perfeckt in deiner Post strahlst du soviel Energie aus danke ich nehme mir etwas davon .lg galina

  3. Ach wie toll! :o)
    Das Buch hab ich dauerhaft von der Bücherei ausgeliehen. Und frage mich, wann ich wohl soweit bin, für Jersey. Wahrscheinlich dann wenn mal nicht genug in der Kleine-Mädchen-Klamotten-Schublade ist. Ich denke die Mischung aus Wird-dringend-gebraucht- und aus-Spaß-Projekten macht’s. Es tut einem ja beides gut. Und so ein Hüpse-hüpfe-Mädchen erst recht.
    Lieben Gruß!

  4. Raniso sagt:

    Herrlich! Auch ich bin so eine häusliche, genau so wie du das so treffend beschreibst! Das merke ich vor allem im Winter immer wieder…
    Toll hast du dich an einen Jerseypulli getraut! Ich finde, du darfst stolz auf dich sein!!
    Ganz liebi grüäss und knuddels, anja

  5. Marianne sagt:

    Liebe Bora, da fällt mir das Buch von Michael Winterhoff ein…. „Lasst Kinder wieder Kinder sein“. Du musst es nicht lesen, Du hast das Prinzip verinnerlicht :-)! Und der Pulli ist wundervoll! Die Kirschkerne-spuckende Maus genau so wie der bequeme Schnitt…. nähen sollte man können! Liebe Grüsse von Alchemilla

  6. Miriam sagt:

    Liebe Bora, ich bewundere das ja wirklich, wie ihr das so lange, so oft zu Hause „aushaltet“. Ehrlich. Ich empfinde das oft als großen Stress. Gut, bei uns liegt die Schwierigkeit auch daran, dass der große besondere Junge kein „Dahinplätschern“ erträgt, dann wird er nervös und ärgert, meckert, macht etwas kaputt. Da ist es besser, einen Plan, ein Ziel zu haben.
    Und auch mein Mädchen, sie will immer mehr Hobbys haben, möchte unterwegs sein im Trubel und am liebsten jeden Nachmittag etwas anderes machen (Ballett, Musikschule, Turnen,…)
    Wie ist das denn bei deinen Kindern? Möchten sie gar nichts unternehmen bzw in den Turnverein doer so? Das ist gar keine Kritik, ich bin nur ehrlich neugierig 😉 Weil ich ja wie gesagt hier so unternehmungslustige Kinder habe.
    (Gerade will mir mein Tochterkind noch aufschwatzen, dass sie unbedingt zum Fußballtraining möchte……..args)
    Liebste Grüße!
    Miriam
    PS: Der Pulli ist wirklich wunderschön, mir gefällt der Stoff so gut.

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