Lock-Stoff

Es gibt Leute, die freuen sich darauf, ihre Lieblings-Shops nach neuen Kleidern oder Schmuck und Schuhen und anderen schönen Dingen zu durchforsten. Es gibt Leute, die sind ganz verrückt nach Büchereien und tun nichts lieber als in den Stapeln voller Neu-Ausgaben und Must-Haves aus den Bücherspalten der Zeitung herum zu stöbern. Es gibt Leute, die geniessen einen ausgedehnten Bummel durch den Wochen-Markt, wo sie frisches Obst, Gemüse vom Bauern und Blumen und marinierte Oliven aus Italien immer wieder neu entdecken und mit allen Sinnen geniessen. Es gibt Leute, die kaufen am liebsten überhaupt nichts und ihr Haus ist ganz bestimmt rein und hell und ganz anders als meines. Und dann wiederum gibt es Leute, die könnten ausflippen und vor Freude Schwanensee tanzen, sobald sie in einem Woll-Laden stehen. Oder auch nur die Website ihres Lieblings-Online-Woll-Shops am Bildschirm öffnen, nachts nach zehn zum Beispiel, wenn alles ruhiger geworden ist im Haus.
Und genau diese Art von Mensch bin ich.
Wollverliebt. Wollvernarrt. Süchtig nach Wolle.
Ich kleide mich in Wolle, ich spiele und arbeite mit Wolle, ich sammle Wolle… und heute ist mir klar geworden, dass ich sogar mein Zuhause mit Wolle dekoriere. Überall liegen Knäuel und zum Wickeln bereit gelegte Stränge, angefangene (Langzeit-)Projekte, auf die mein Blick fällt, strategisch bewusst so platziert, dass ich keinen Tag lang an ihnen vorbeikomme, ohne dieses sehnsüchtige Ziepen in der Brust, denn schöner Wolle kann ich einfach nicht widerstehen…

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Ich stricke wirklich unheimlich gerne. Obwohl mein Selbstwertgefühl genau in diesem Bereich alles andere als gut ist, eher realistisch, würde ich sagen, geprägt von den vielen, vielen Runden und Reihen, die ich wieder auflassen musste, weil ich Fehler mache (immer noch) und manches nicht so werden will, wie ich es mir vorstelle…
Erst kürzlich sass ich wieder einmal da, auf meinem Bett -die pflaumenrote Strickjacke, an der ich nun schon eine ganze Weile arbeite (mit Unterbrüchen, ich geb’s zu) auf dem Schoss- und besah mir die Misere; kreuzfalsch verteilte Knopflöcher (9 cm statt 6 cm Abstände), zu viele Seiten-Abnahmen am 2. Vorderteil, Fehler, die nicht sein sollten. Schliesslich seufzte ich zweimal tief, zog die Nadeln raus – und begann mit Auflassen. Ganze 20cm. Nur um dann wieder neu anzufangen.
Nicht unbedingt erhebend, dieser Moment.
Aber das gehört dazu, denke ich. Nicht zu verzweifeln und den Mut nicht zu verlieren, auch den Kopf nicht und vor allem nicht die Freude. Sich einen Ruck zu geben, nach ein, zwei Schock-Momenten, die Schultern straffen und dem ganzen eine neue Chance zutrauen. Wieder und wieder.
Ich glaube manchmal, beim Stricken lernt man mehr als nur stricken. Man lernt Geduld, Zuversicht, in Visionen zu investieren und auch in emotional harten Momenten irgendwie bei sich zu bleiben. Stricken ist so was wie eine Lebens-Schule für mich. Und eine ganz besondere Freude in meinem Leben. Schule, die wirklich gut tut also…

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Folgendes ist schwer für mich: Zeit finden dafür. Im Getümmel des Familien-Lebens einfach die Stricknadeln hervor zu kramen und mir ein, zwei Runden zu zutrauen, trotz Lärmpegel und zupfenden kleinen Fingerchen. Und dann auch zufrieden zu sein damit. Mit Appetit-Häppchen-Stricken statt der ausgedehnten, erfüllenden Strick-Stunde, denn die wäre es natürlich, die ich mir wünsche, die und noch viel mehr.

Das aber ist einfach: Mich freuen darauf. Auf das ganz grosse Stricken (wann immer es möglich sein wird). Und mich freuen daran, wenn es sich -ja, es gibt sie noch, diese kleinen, feinen Alltags-Wunder!- doch einmal ergibt. An der Wolle auch, an den herrlichen Farben, an ihrer ganz unterschiedlichen Ausstrahlung und an dieser Fülle prachtvoller Projekte, die ich mir zusammensammeln darf, über Tage, Wochen, Jahre, und wo ich immer wieder neue Lieblings-Stücke finde, wie seltene Blumen.
Wahrscheinlich ist das alles auch Teil des Strickens. Ein wichtiger Teil vielleicht sogar, wer weiss. Auf alle Fälle aber ein Teil, der seinen festen Platz gefunden hat in meinem Leben und der das Stricken darin verankert hält, selbst in Dürrezeiten, wo nicht viel Platz bleibt für mehr.

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9 Kommentare zu Lock-Stoff

  1. Rita sagt:

    und schon bald werden die kleinen Finger mitstricken…..

    Viele schöne Momente wünscht dir Rita

  2. zwergental sagt:

    Ja so geht es mir auch deine Wolle ist wunderschön.lg galina

  3. Juliane sagt:

    Das hast Du sooo schön geschrieben!!!
    Mir geht es genauso. Wenn ich etwas aufziehen muss bin ich geknickt, um dann mit Freude wieder neu anzufangen.
    Liebe Grüße, Juliane

  4. radattel sagt:

    …das muß an der pflaumenroten Wolle liegen!!…die hab ich auch schon aufgetrennt, ein Jäckchen sollte es werden, genau wie bei Dir…vielleicht mag sie lieber was anderes werden…
    immermal ein paar ruhige Strickminuten wünsch ich Dir…und die nötige Gelassenheit, wenns mal nicht so klappt,
    herzlich, radattel

  5. Maschenbild sagt:

    Irgendwann wird sie fertig sein, Deine Strickjacke. Und Du wirst sie voller Freude tragen.
    Aufribbeln kennt doch jeder Mensch, der strickt. Und es kommt doch auf das Stricken an & nicht auf die Menge von fertigen Projekten. Oder!? Irgendwann sind sie fertiggestrickt und werden getragen….

    LG Ina

  6. Miriam sagt:

    Schluchz, Bora, und ich kann immernoch nicht stricken… Ich kann deine Liebe zu Wolle sooo gut verstehen. Ich horte hier auch wunderbare Wolle, nur leider wird sie nieeemals verstrickt (ich warte immer noch darauf, dass endlich einmal ein Strickkurs in der Volkshochschule angeboten wird). Hach…. so lange lebe ich meine Liebe zu Stoffen aus…. mein größtes Glück ist es, Stoffe zu bestellen 😉
    Ganz liebe Grüße!
    Miriam

  7. So eine Liebe zur Wolle habe ich auch in mir. Heute beim Spaziergang zählte ich, wieviel Wollstücke ich trage. Wieviele mein Mädchen. Da fällt mir auf, das Stück in der Tasche hab ich nicht mitgezählt, das für-den-Wunder-Fall-Strickprojekt das immer da sein muss.
    Neulich jedenfalls, beim Wohnungsputz hab ich darüber sinniert, über die Wollvoräte anderer StrickerInnen. Ich habe schoneinmal von Frauen gelesen, die einen größeren Wollvorrat haben als sie zu Lebzeiten verstrocken könnten. Ist das nicht verrückt?
    Ich wünsch Dir ein paar Maschenhäppchen. Hier und da. Und wenn ein Tag ohne neue Maschen vergeht, na dann halt ein andermal!

  8. Romy Gößler sagt:

    Liebe Bora, ich bin eine Deiner stillen Leserinnen und freue mich über Deine Worte und Bilder. Auf Dich getroffen bin ich auf der Suche nach einer deutschsprachigen Anleitung für das Elfenmützchen, da ich mein Buch verborgt und leider nicht wieder bekommen habe. Meine Elfenenkelin lebt mit ihrer Mama (mein Mittekind) und ihrem Papa auf einer Farm in Kentucky. Für sie soll die Mütze sein. Kannst Du mir helfen?
    Und danke, danke für Deine wundervolle Art, die Höhen und Tiefen eines ganz normalen Familienalltages zu schildern. Das ist Geschichte, gelebte Geschichte. Vielleicht tröstet es Dich, so war es auch schon vor 33 Jahren. So schön, so schwer so absolut einmalig.
    Liebe Grüße aus dem verschneiten Berlin, Romy-Omi

  9. Pingback: Wochenrückblick KW5/2014 | In einem kleinen Apfel...

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