Staunen aus der Kiste

Ich mag das Wasser. Ich mag dieses unvergleichbare Gefühl, wenn es sich auf meinem Körper bricht und mich weich umschliesst wie eine Decke aus fliessender Seide. Ich mag Seen, grosse, weit wie das Meer, Flüsse, die mächtig und angeschwollen oder seicht und gemütlich sein können. Ich mag lustige Waldbächlein und Teiche, wo es quakt, surrt und plätschert. Ich mag das Moor, düster und geheimnisvoll, die dicken, schwarzen Pfützen auf dem Feldweg, wenn der Regenhimmel sich spiegelt darin. Und ich mag das Meer. Jedes Meer, schätze ich. Aber wissen kann ich das eigentlich nicht, denn besonders viele Meere habe ich noch gar nicht gesehen in meinem Leben.

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Ich erinnere mich an den Atlantik. Da war ich in Irland -gleich nach dem Abitur- und kutscherte mit meiner allerbesten Freundin per Pferdewagen von einer Katastrophe in die nächste (Unsere Pechsträhne erreichte ihren Zenit als uns der Zigeunerwagen gegen den Betonpfeiler einer Einfahrt fuhr, irgendeinen Stein-Sockel auf dem Boden zerscherbeln liess und dann umkippte. Immerhin; sein Fall wurde auf halbem Weg von einer Steinmauer abgefangen, das Pony blieb unverletzt und die alte Dame, die uns für die Nacht beherbergte, kümmerte sich rührend um alles. Sie fütterte uns mit Kuchen voller rosa Zuckerguss, machte Torf-Feuer im Kamin und nannte mich „Darling“, was ich ungeheuer tröstlich fand).
Der Atlantik war wild und rauh. Es windete wie verrückt und auf dem Tonband (ein Kinder-Radio, grellbunt mit kleinem, dicken Plastik-Mikrophon), auf dem wir unsere Reise-Memoiren aufnahmen, rauschte es so sehr, dass man kaum ein Wort verstand. Am Strand war keine Menschenseele, trotzdem hatte der TouristenShop geöffnet. Und wie ich so dastand, mit flatternden, damals noch roten Haare, das Tosen des Windes in meinem Gesicht, die Weite des Meeres, die sich vor mir erstreckte wie endlos und unergründlich, die Wellen, die gegen meine Schuhe schwappten, und ich ganz allein, nur ich und das Meer und der Souvenirshop… diese Szene brannte sich ein in mir.  Weil sie so unfassbar war; Ich am Meer. Am Meer. Allein. Ein wirklich grossartiger Moment; Meine letzte Begegung mit dem Meer, wild, romantisch und irgendwie mystisch.

Ganz anders als das Meer meiner Kindheit. Damals flogen wir als Gross-Familie hinaus nach Menorca, an einen Strand, der warm war, weich und im Sandwich zwischen den Zähne knirschte. Zugegeben, schon von aussen sah das Mittelmeer fasznierend aus, beeindruckend riesig und voller badender Fremder, aber als ich mit meiner Schnorchel unter Wasser tauchte -die Füsse leuchtend orange in meinen Flossen wie ein verirrter Pinguin- eröffnete sich mir seine wahre Schönheit; Eine unfassbare Welt voller Schönheit, Abenteuer und Märchen tat sich auf für mich. Wo bunte Fische unter mir zusammenschwärmten, kleine, schwarze Seeigel an den Felswänden klebten und alles schaukelte und strahlte. Es schien, als würde alles Schlechte dieser Welt verpuffen, alle Kinderängste zerstieben wie Meeres-Gischt.

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Diese Welt unter Wasser war still und durchtränkt von absolutem Frieden. Und sie steckte voller Geheimnisse. Eine schillernde Muschel, die im gebrochenen Licht blitze, ein neu entdecktes Feld Seeigel-Kolonie, ein kleiner, weicher Tintenfisch, der meine Flossen streifte (ok. das fand ich doch auch ein klein wenig unheimlich)…
Unter dem Meer, das war… anders. Absolut. Alles schien so… blau-bunt, gedämpft aber trotdzem strahlend. So weit. So verschoben in seinen Dimensionen, in seinem Tempo, seiner Lautstärke. Hier regierten Stille, Musse, Schwerelosigkeit, Licht und Schatten. Die Gesetze des normalen Lebens waren aufgehoben, die Zeit verlor sich zwischen meinen Atemzügen, Märchen wurden wieder lebendig.
Ich zweifelte nicht daran, dass weiter draussen, fernab von Taucherflossen und Gummibooten, die kleine Meerjungfrau Ausschau hielt nach fremden Schiffen…

Mittlerweile bin ich erwachsen geworden. Die meisten meiner Kinderwelten sind verschwunden, leider, und ich weiss nicht, ob heute noch so vollkommen bodenlos in meinem Staunen versinken könnte wie damals. Aber eines weiss ich; Dass ich gar nicht wirklich alles wissen will. Nicht über das Meer. Nicht über das All. Auch nicht über die Welt weit oben in menschenleeren Berg-Gebieten. Oder draussen in der Wüste, wo uns die Welt genauso fremd und unergründlich wird wie unten in den Tiefen der Ozeane.
Noch immer hält die Erde ein paar Geheimnisse für uns bereit- und genau die möchte ich mir bewahren. In vollem, süssen Unwissen. Nicht zu wissen, bedeutet, sich die Dinge noch vorstellen dürfen, in eigenen Farben, unter eigenen Gesetz-Mässigkeiten. Das schenkt Freiheit, finde ich. Inneren Raum. Für Märchen. Zum Träumen und Staunen und Sichdrinversenken.

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Und genau das tue ich, wenn ich mir diese wunderbare Kiste voller Meereswunder ansehe, die Kind2 und mein Mädchen für mich gemacht haben. Zusammen mit mir, das geben ich zu, aber hey, blau-bunte Welten erschaffen, mit Fisch-Schwärmen in allen Regenbogen-Farben, einem sich tummelnden Seehund und einem absolut hinreissenden Rochen mit Rosenknopsen-Schwanz (hach, mein Mädchen mal wieder…)- ich meine, wer kann da schon widerstehen? Sogar König Triton ist hier eingezogen. Und Arielle (allerdings in blond)…
Eine Märchenwelt, die sein darf wie sie ist und bleiben darf, wie sie ist. Ganz egal wie erwachsen ich noch werde…

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6 Kommentare zu Staunen aus der Kiste

  1. Jenny sagt:

    Ach ist das traumhaft, Eure kleine Unterwasserwelt! Wunderschön ist sie geworden!

    An so etwas habe ich selber keine Erinnerungen, jedoch an Irland, wo ich auch in der 11. Klasse auf Studienfahrt war. Leider nicht so originell wie ihr unterwegs, sondern in der großen Gruppe mit Reisebus… Aber es war trotzdem wunderschön, und ich will unbedingt mal wieder hin. Vermischt mit meiner 2-monatigen Zeit als Sommeraupair in Nottingham nach dem Abi. Klingen phantastisch, Deine Erinnerungen!

    Bis dahin wartet hier mein wunderschönes, letztes Jahr direkt in Irland (bei einem dort seit Jahrzehnten lebenden Deutschen) bestelltes Tweedgarn auf mich, endlich in eine Strickjacke umgewandelt zu werden… Das passende Anleitungsbuch dafür ist auch schon da… Aber im Moment bleibt neben den Puppen kaum Zeit zum Handarbeiten… Aber irgendwann…

  2. Stefanie sagt:

    Liebe Bora,
    wie immer wunderschön geschrieben…zum drin Versinken, selbst in Kindheits- und Jugenderinnerungen schwelgen…ich befinde mich gerade im absoluten Tief: Keine Lust mehr auf Mamasein, keine Geduld, keine Muße mehr für die Belange der Familie. Ich freue mich so auf den Beginn meiner Arbeit und kann das Ende der Elternzeit kaum abwarten…..Da kommt mir Dein Post gerade recht.
    Wie gerne würde ich jetzt in Deiner Küche sitzen, mich von Deinem Schokoladenkuchen, Kaffee und Deiner tröstenden Anwesenheit umarmen lassen. Ach, allein die Vorstellung ist schon tröstlich…

    Deine Steffi

  3. Was für großartige Reiseanekdoten da zum Vorschein kommen! Rosenknospenschwanzrochen find ich auch herrlich. Das muss schön sein, so kinderbebastelt zu werden.
    Lieben Gruß!

    • kirschkernzeit sagt:

      Ja! Ich muss aber gestehen, dass ich schon ein bisschen mit Hand anlegen „musste“… ob sonst so viel Elan aufgekommen wäre, da bin ich mir nicht ganz sicher…Aber mit richtig viel Motivations-Hintergrund-Arbeit immer mal wieder, entstand dann schlussendlich doch etwas, woran wir alle Freude haben…

  4. Sarah sagt:

    Oh wie schön – das ist eine tolle Wasserwelt!

    Und schön, von deinen Erinnerungen zu lesen.
    Als ich damals nach England kam, auch gleich nach dem Abitur, ging es mir sehr ähnlich.
    Das Meer – das hat mich sehr in seinen Bann gezogen. Und ich bin tatsächlich für viele Jahre dort hängen geblieben, an der Südküste. Irland würde mich auch sehr reizen. Obwohl Schottland auch ganz toll ist – dort war ich auch einige Male, auch ein Jahr als Au-pair.
    Was ist es nur, was die britischen Inseln so schön macht, so anders?

    liebe Grüße,
    Sarah

  5. Miriam sagt:

    Grandios!!! Ihr seid wahre Künstler!!!

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