berührt: Spital

„Berührt“ heisst für mich;
Einmal pro Woche möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas  inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)

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Ein unglücklicher Sturz, das Kind versucht zu schreien, bekommt keine Luft und sackt ohnmächtig in meinen Armen zusammen. Dann -nach ein paar Sekunden- ein Schnappen nach Luft; Sie ist wieder da. Aber ich fühle mich, als wäre mein Herz stehen geblieben.
Meine Mutter kommt, meine Schwester auch, sie fährt mich und das Babykind ins Spital zur Kontrolle, obwohl alles wieder ist wie immer, als wäre nicht gewesen, doch die Ärzte wollen sie sehen. Mir sitzt der Schreck noch immer in den Knochen.
Es ist später Abend, Pflegepersonal im Schichtwechsel. Wir warten im Untersuchungsraum. Das Babykind freut sich an den bunten Bildern an der Wand und wühlt vergnügt in einer Kiste mit Holzspielsachen. Je mehr Zeit verstreicht, desto wacher wird sie.
Im Zimmer nebenan weint ein Kind zum Steinerweichen. Ich kann es hören und fühle mit, auch das Babykind läuft immer wieder zur Türe, mit ausgestrecktem Finger und fragendem Blick, und ich weiss, dass sie nach dem Kind sucht, das da weint. Ich höre das Schluchzen und sehe wie wohl mein eigenes Mädchen ist, wie unversehrt, wie kräftig und schön, und plötzlich komme ich mir unglaublich fehl am Platz vor.
Der Arzt taucht auf, in Schal, Mütze und Jacke. Nach 14 Stunden Krankenhaus-Arbeit ist er nun auf dem Weg nach Hause, will aber noch kurz nach dem Kind sehen und entscheiden, ob wir über Nacht bleiben müssen. In meiner Tasche stecken ein paar hastig zusammengesuchte Dinge, wie Zahnbürste, Deo, Kindersocken, mein Strickzeug und „Der Weg des Künstlers“. Mir ist längst klar; wir werden nichts davon brauchen, dem Kind geht es blendend, da hatte einer seine Hand über uns.
Dann könne wir gehen, bestens versorgt mit Ratschlägen und eine Reihe von eingebläuten Alarmzeichen im Kopf, für den Fall der Fälle, wenn wir wiederkommen müssten. Ich glaube nicht daran, aber ich höre zu, das Babykind auf dem Schoss, das wie ein trotziger Zwerg auf meinem Schoss sitzt und seine Lippen versiegelt. Ihre Stirn ist gerunzelt, der Blick abschätzend und skeptisch. Sie kommt mir so stark vor, so eigenwillig und selbstbestimmt, dass ich meine Arme nur noch fester um sie schlinge, aus lauter Liebe und Erleichterung.
Draussen auf dem Flur zeigt die Uhr zwanzig nach neun. Wir warten auf Herrn Kirschkernzeit, der uns abholen will. Er atmet auf am Telefon, „Klar, ich fahre sofort los!“
Das Babykind läuft die Gänge rauf und runter, nur in Socken, keine Schuhe, die ist sie einfach nicht gewöhnt. Sie lacht und quietscht und stört die Nachtruhe des Portiers an der Reception, aber ich fühle mich leicht wie eine Feder, so dankbar bin ich, so gross und warm fühlt es sich an, mein Glück: Dass ich mein Kind noch habe, mein kleines, weiches, kerngesundes Babykind mit seinen warmen, dunklen Augen, mit dem Flaumhaar und dem festen Blick… das ist mir mehr als Worte je erfassen könnten.

Ein kleiner Nachtrag: Das alles liegt jetzt schon ein paar Tage zurück und noch immer geht es dem Kind prächtig. Der Kinderarzt, bei dem wir heute zur Vorsorge-Untersuchung waren, löste auch meine letzten Ängste und Unsicherheiten auf und erklärte irgendetwas von „empfindlichem vegetativem Nervensystem“ und so… Auf alle Fälle bin ich nun gleich noch froher, dankbarer und gelöster; Alles ist gut, was für ein Glück!
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21 Kommentare zu berührt: Spital

  1. Marianne sagt:

    Wie gut, dass alles gut ist. Ich glaube, jede Mutter kennt solche Schrecksekunden, gefolgt von bangem Warten…. Erhol Dich gut! Liebe Grüsse, Alchemilla

  2. Raniso sagt:

    Hui, Gott sei Dank! Ich schicke dir einen Knuddel und deinem Babykind gleich einen mit!
    Ganz liebi grüäss, anja

  3. zwergental sagt:

    Schön das der Schutzengel und Mama da waren .gruß galina

  4. Melonengrün sagt:

    Es tut gut zu lesen, dass alles gut ausgegangen ist!
    Solche Situationen brauchen einfach viel Energie! Spitalzeiten sind auch nicht ohne. War jedesmal „nudelfertig“, wenn wir ein paar Tage dort waren.
    Liebe Grüsse
    Sara

  5. Martina sagt:

    Ein Glück, dass alles gut ausgegangen ist. Mein Sohn hatte dieses Ohnmächtigwerden bei Erschrecken oder Schmerz 2 Jahre lang. Er hatte Affektkrämpfe, die nicht schlimm sind (für das Kind), aber schreckliche Momente für die Eltern bedeuten. Ich kann mitfühlen, was du durchmachen musstest.
    Alles Gute für euch!

    Martina

    • kirschkernzeit sagt:

      Du, da bin ich jetzt gerade extrem dankbar für diesen Comment, weil ich bis zum Arzttermin tatsächlich ziemlich besorgt blieb wegen dieser Reaktion (Atemschwierigkeit und Ohnmacht) und keine Ahnung hatte, dass manche Kinder derart reagieren, wenn sie sich weh tun oder erschrecken, obwohl sie an sich kerngesund sind. Und dankbar bin ich auch, dass es deinem Jungen besser geht mit Schmerz/Schreck umzugehen. So was ist ja wirklich nicht lustig und macht einem echt Angst (und dem Kind vielleicht auch? Vor allem wenn es schon etwas älter wird?). Danke auch für den Begriff „Affektkrampf“, denn der hat mir noch gefehlt und hilft mir jetzt ungemein beim Verstehen und Umgehenlernen mit solchen Momenten- falls sich das wiederholen sollte… Ich hab gerade einen tollen Artikel gegooglet be Swissmom (hier: http://www.swissmom.ch/baby/medizinisches/ihr-baby-daheim/wenn-ihr-baby-schreit/affektkraempfe/). Danke also nochmals, du hast mir sehr geholfen. Und alles Liebe und Gute für dich und die deinen!

      • Martina sagt:

        Es freut mich, dass ich Dir helfen konnte. Ich finde, der Artikel nimmt einem etwas die Angst. Ich hoffe, bei euch bleibt es bei dem einen Mal.
        Martina

  6. mme ulma sagt:

    ich kann so so nachfühlen, wie es gewesen sein muss. gut, dass alles gut ist bei euch. und immer wieder gut, sich ins bewusstsein zu rufen, wie dankbar man dafür sein muss.

  7. Steffi sagt:

    Oh Bora, ich kann jedes einzelne Gefühl so gut nachempfinden! Das wühlt einmal kurz das ganze Herz durch und wieder zurück. Gut, dass alles gut ist!! 🙂

  8. Ly sagt:

    Was für ein grosses Glück!

    Und was für ein Foto!!!

    Herzliche Grüsse, Ly.

  9. Kathrin sagt:

    Liebe Bora,
    wie schön, dass es deinem Babymädchen gut geht! Ich hatte während des Lesens mein kleines neues Mädchen im Tragetuch und hatte einen dicken Kloß im Hals und Tränen in den Augen. Kinder sind etwas so kostbares und – in unseren Augen – so zerbrechliches.
    Liebe Grüße,
    Kathrin

  10. Lena sagt:

    gut , dass alles gut ist . Möge es so bleiben . Lieben Gruß Lena

  11. Oje, da kamen Erinnerungen hoch beim Lesen… Und Dankbarkeit: Nicht nur für meine beiden, die bisher Gott sei Dank auch noch jedes Krankenhaus gesund(et) bzw. zugenäht verlassen haben, sondern auch für den Fakt, dass solche Schreckmomente doch weniger werden im Laufe der Jahre. Zwischen Laufenlernen und Kindergartenmutproben habe ich so manche Wartestunde mit den Jungs in der Notaufnahme verbracht. Aber schon wenn sie alt genug sind, um zu sagen, ob und wo genau es wehtut, wird es als Mutter leichter, finde ich.
    Ich freue mich mit dir, dass es auch bei euch gut ausgegangen ist, und wünsche dir ganz, ganz wenig Krankenhauszeit und Schrecksekunden für die Zukunft!

    Viele Grüße,
    Lena

  12. Daniela sagt:

    Puhhhh… Ich habe von so was noch nie gehört bis jetzt. Gottlob ist es nichts Schlimmes!!! Alles Gute aus der Ferne!

  13. Sarah sagt:

    Wie schön, dass alles gute gegangen ist – manchmal ist wirklich ein Schutzengel in der Nähe.

    Meine Jüngste hatte mal ein Loch in der Schädeldecke nach einem Sturz (darüber bildet sich eine weiche Blase), aber selbst da konnte man nichts machen. Es musste einfach von allein zuwachsen.

    Das Buch, das du bei dir hattest ist ganz wunderbar! Ich habe es vor ein paar Jahren durchgearbeitet und es hat mir sehr viel Freude gemacht und mich auch ein gutes Stück weiter gebracht. 🙂

    Liebe Grüße,
    Sarah

  14. Kerstin sagt:

    gott sei dank ist alles wieder in ordnung bei euch

  15. Rita sagt:

    Was für ein Schreck….Gott sei Dank ist alles wieder gut.!!
    ….Wir waren notfallmässig letzteSommerferien im Spital, Verdacht auf Blinddarm…..beim Älteren. Hatte sich dann nicht bestätigt…aber auch bange Stunden im Spital verbracht.
    Ganz herzlich, Rita

  16. JenMun(a) sagt:

    oh ja den schreck kann ich mir vorstellen, schön dass alles gut ist!
    dein kleidchen aus dem letzten post ist so wunder-wunderschön!;)
    alles liebe;) sarah

  17. linnea sagt:

    ich hoffe, eurer kleinsten geht es wieder richtig gut und du hast dich von dem schrecken erholt!
    linnea

  18. Sarah sagt:

    Genau am 1.Geburtstag meiner Tochter erlebte ich zum ersten Mal, was du beschreibst:
    Mein bewegungs- und kletterfreudiges Kind rutscht vom Stuhl ab und fällt auf den Kopf. Sie holt tief Luft um zu schreien, aber kein Atem und kein Ton kommen heraus. Der kleine, kräftige Körper wird schlaff und kraftlos in meinem Arm, das Gesichtchen bleich, die Lippen bläulich, die Augen schließen sich.In Panik rufe ich immer wieder ihren Namen und endlich ein Atemzug und schwaches Weinen…nicht viel später spielt und lacht sie wieder.
    Über ein Jahr wiederholte sich von nun an diese Situation ab und zu, wenn sie sich stärker wehtat am Kopf.
    Auch wenn ich wie du, bald erfuhr, dass dies nicht weiter gefährlich ist, hat es mich jedesmal bis ins Innerste erschüttert. Ein Arzt war jedoch zum Glück nie nötig, wir haben die Pupillen genau beobachtet und ob sie munter bleibt. Geholfen hat bei uns, mit einen kühlen, feuchten Waschlappen das Gesichtchen zu bestreichen, um die Ohnmacht zu beenden. Die Kletterfreude und Entdeckungslust meines Mädchens wurden nie dadurch eingeschränkt und ich habe ihrem Lebens-Mut vertraut, der sie sehr geübt und sicher auf jede Leiter und in jeden Baumwipfel führt und auch wieder hinunter. Sie ist nun vier Jahre alt und diese Phase hörte im dritten Lebensjahr auf. Mit mitfühlenden Grüßen!
    *Sarah*

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Sarah, du kannst gar nicht glauben, wie froh ich um diesen Bericht bin! Gerade vor 2 Tagen passierte es wieder, wenn auch nicht mehr so arg, also ohne Ohnmacht, aber dieser Schreck ist einfach unfassbar und es bedrückt einem schon, weil es so fürchterlich mitanzusehen ist, wie dieses kleine, süsse Wesen sich windet und quält und buchstäblich nach Atem ringt- und dann schlaff in dein Armen liegt… schrecklich, oder? Aber es beruhigt mich wahnsinnig zu lesen, dass es auch anderen Kindern und Müttern so geht/ging, und dass sie da rauswachsen, unversehrt und trotzdem stark und glücklich… ganz, ganz herzlichen Dank fürs Berichten und Beruhigen und alles Liebe dir und deiner kleinen Tochter!

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