auf dem Weg zur Langsamkeit

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Irgendwann im Verlauf des Jahreswechsels packte es mich; das Aufräum-Fieber. Ich spürte, dass es diesmal mit Staubsaugen und ein paar vom Boden aufgepickten Spielsachen nicht getan sein konnte. Ich wollte ran an die Front, hinein in den Kriesenherd und kämpfen und radikal für Ordnung sorgen… Und das tat ich dann auch (und tue es noch): Fast zwei Tage lang stand ich in meiner Gerümpelkammer, knöcheltief in Stapeln von Stoff, Knäueln von Wolle, umgeben von Kisten voller Kinderzeichnungen und alten Andenken. Manches wurde losgelassen, anderes umgepackt, neu sortiert und mit einer Idee versehen. Vor allem die alteren Stoffe in meinen Vorräten brauchen das, eine Idee, eine Bestimmung, denn so lange wie sie nun schon bei mir lagern, scheinen sie allmählich zu verschwinden wie ein Chamäleon, sich anzugleichen an mein Haus und zum Hintergrund-Acessoir zu werden, das einfach nur sein will, Staub ansetzend in meinen Regalen und niemals mehr in Frage gestellt wird.
Dabei will ich genau das; In Frage stellen, was ich habe. Brauche ich das? Möchte ich das wirklich? Warum? Wozu?
Müssten wir umziehen, ich habe keinen blassen Schimmer, wie all diese Dinge ihren Ort wechseln sollten. In Schiffs-Ladungs-grossen Mulden? In Baustellen-Lastern? Ich wäre gern ein bisschen leichter, was meinen Besitz angeht…

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Viele meiner Stoffe liegen mittlerweile in Stapeln bereit oder lagern in Kisten. Alte Kleider auch, mit schönen Stoffen oder aus besonders gutem Material. Aus ihnen sollen Hosen werden für meine Mädchen, eine Tasche vielleicht aus verfilzten Pullovern, Sommerkleidchen aus alten Kissenbezügen, ein Kindheits-Quilt aus den allerliebsten Babysachen meiner Mutterzeit… Es gibt vieles, das auf mich wartet, auf freie Zeit, freie Hände und ein bisschen Musse, aber auf der anderen Seite spüre ich, dass ich gerade viel Luft brauche und ein bisschen mehr … Mut zur Langsamkeit.

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Bisher hatte ich ein gutes Gefühl mit diesem noch ziemlich blutjungen Jahr. Alles döselt so vor sich hin, ich atme tief und bewusst langsam, wenn mir die Hektik des Tages ins Blut fahren will, und eigentlich geht es mir gut, sehr gut sogar. Ich meine, ja, es ist mitunter sehr, sehr anstrenged, dieses Leben, vor allem auch mit meinem Babykind, das ein unglaublich anlehnungsbedürftiges, schutzsuchendes Kind ist, mit kaum zu bändigendem Forscherwillen, ein kleines Wesen, das mich Tag und Nacht braucht und um sich haben will und mit seinen 1.5 Jahren noch immer den Löwenanteil ihrer Energie aus Muttermilch bezieht. Aber auf der anderen Seite bin ich mir nur mehr als bewusst, wie gut ich es habe. Mein Leben ist das einer Prinzessin, wenn man so will, und überall funkeln unbezahlbare Schätze, Liebe, Familie, Sicherheit, Gesundheit, eine Zukunft, die noch Platz hat für Träume… Was ich aber auch gelernt habe; Wie wichtig es ist, mein Tempo zu drosseln. Nicht noch mehr machen/haben zu wollen. Anzuhalten, auszutmen und dann langsam -ganz langsam- wieder ein.

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Vielleicht läuft manches tatsächlich schneller, wenn ich mich selber antreibe, vielleicht wird manches schöner oder besser. Ein Strick-Körbchen, das sich ein paar Wochen früher wieder leert, eine Familien-Malstunde mehr, ein Paar selbst gestrickte Socken zusätzlich, Essen, auf das ich stolz sein kann, weil meine Hände es waren, die es zubereitet haben… Aber da ist immer auch ein Preis zu zahlen. Für alles eigentlich. Und „schneller, besser, mehr“ kann sich gut anfühlen zeitweise, vor allem, wenn man beide Hände frei hat und sich (wie ich) nach einem selbst-bestimmteren Leben sehnt, ganz, ganz nah bei der Natur sein möchte, bei Gott und den Menschen, die man liebt.
Aber wenn die Hände besetzt bleiben, über Jahre hinweg, und wenn der Spagat, da zu sein, für vier grundverschiedene Kinder mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen, in ganz unterschiedlichen Kindheits-Abschnitten, an einem zerrt, dann ist es vielleicht besser, das Tempo zu drosseln. Einmal nicht stricken, keine neuen Hosen zu nähen, obwohl es mich richtiggehend magisch hinzieht zur Nähmaschine und meinen Stoff-Stapeln, den Kochherd kalt zu lassen oder schon wieder Griessbrei zu kochen mit Zimt und Zucker, zum dritten Mal in Folge…
Ich glaube, ich habe meinen Fokus gefunden, mein Leit-Thema für dieses Jahr, für diese Zeit: In der Ruhe liegt die Kraft. In der Langsamkeit, in der Gelassenheit. Und alles, was mich dem näher bringt, ist gut.

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Vielleicht werden ab und zu zwei oder sogar drei Tage vergehen zwischen zwei Posts, vielleicht werden sie kürzer ausfallen bisweilen, vielleicht werde ich weniger stricken in diesem Jahr als sonst und dafür erst noch länger brauchen als bisher, und aus den bereit gelegten Stoffen wird ganz bestimmt nicht über Nacht ein neu aufgestockter Hosenvorrat für meine Kinder entstehen… Aber das ist okay. Alles hat seine Zeit. Und ich nehme mir meine, Schritt für Schritt, und versuche, im Rhythmus zu bleiben, in meinem Rhythmus.
Offen gesagt… dass etwas entstehen wird, daran zweifle ich nicht. Niemals. Wir Menschen sind zum Schöpferisch-Sein geboren, wir können gar nicht anders.

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11 Kommentare zu auf dem Weg zur Langsamkeit

  1. Das hast Du mal wieder wunderbar zusammengefasst.
    Genauso ging es uns in den letzten Wochen auch. Erfreulicherweise nicht nur mir sondern auch meinem Mitbewohner. :o) Wir schoben das als Reise-Folge, denn dort hatten wir zu dritt ein Zimmer, ein Bett, ein Tisch, ein Schrank. Und und unser Hab und Gut hatte in zwei Rucksäcke gepasst.
    Und obwohl ich immer dachte ich wär bescheiden. Es war zu viel. Zu eng. Zu schwer. Was wir da noch alles hatten. Die Aktion ist noch in Arbeit da wir auch einiges verkaufen. Verschenken. Spenden. Der Stoffstapel wurde gründlich hinterfragt (auch die hunderte von Altkleidern aus denen doch noch was werden könnte) mit dem Ziel alles in einem Zimmer (statt drei) Und in einem Regal (statt fünf) aufzubewahren.
    Schon vor dem ersten Kindesgeburtstag habe ich es geschafft, und nun kamen die gleichen Gedanken vor Weihnacht. Es gab viele Ideen, Pläne und Wünsche es selbstgemacht und schön zu haben. Aber zwei drittel von den Plänen einfach gestrichen haben es noch da zu EINFACH gemacht.
    Und dann fühlt es sich viel leichter an an eine einzelne Sache ranzugehn.
    Ganz lieben Gruß! Und auf solche Beiträge warte ich auch gerne drei Tage! :o)

  2. Pünktchen sagt:

    Liebe Bora, ich habe schmunzeln müssen. Denn ich befinde mich seit Silvester im Aufräummodus. Ich mag es garnicht zuviele Dinge um mich zu wissen. Also habe ich tagelang alles gesichtet, neu darüber entschieden, sortiert und in ebensolche Plastikwannen geräumt, wie dein obiges Bild zeigt. So können die Sachen auch im aufgeräumten Keller auf ihren Einsatz warten, statt mir in unseren heiligen Hallen die Luft zum Atmen zu rauben. Aufräumen ist toll, wenn ich auch zugeben möchte, daß für eine ganze Weile erst recht Chaos um mich herum entsteht. Aber nach getaner Arbeit fühlt sich alles nochmal so gut an. Man schafft so nicht nur Freiräume um sich herum, sondern auch im Kopf, was ich als äußerst wohltuend empfinde.

    • Marianne sagt:

      … genau so ist es, räumt man auf, passiert dasselbe automatisch im Kopf. Und umgekehrt!! Sehr treffend beschrieben! Liebe Grüsse, Alchemilla

  3. Daniela sagt:

    Wieder einmal triffst Du den Nagel auf den Kopf und wieder tut es einfach gut zu lesen, dass es Anderen auch so geht wie einem selbst. Mein „Klotz am Bein“ sind ebenfalls Kästen voller Stoffe, Wolle und ein Schrank, nebst Regalen mit Bastelkram, den ich nie in meinem Leben „abarbeiten“ kann. Alles wundervolle Dinge, aber von allem viel zu viel. Seit einer Ewigkeit ist der (Kreativ)Schrank mein „Schrank des schlechten Gewissens“ und ich habe den Eindruck, dieses ganze Zeug erdrückt mich. Am liebsten wöllte ich mich mit einem Schlag von allem befreien, alles ungesehen verschenken – aber das schaffe ich einfach nicht. Verrückt oder? Für einen ersten Anfang des „Material-Abbaus“ habe ich aber nun beschlossen 2014 jedem kleinen und großen bastelwilligen Geburtstagskind ein zusammengestelltes Bastelpaket zu schenken. Mal sehen wie das ankommt und wieviel dann am Ende des Jahres noch übrig ist 😉
    Liebe Grüße! Daniela

  4. Rita sagt:

    Liebe Bora
    Und ein weiteres Jahr mit ausmisten;) Erst gestern habe ich einen Ordner gefunden und geleert….;) Dein Text ist wunderbar!!
    Ich les gerade ein Buch über eine junge Frau, die einen Alpsommer macht, um eben, das zu finden, Langsamkeit und Ursprung.
    Wünsch Dir einen ganz guten Wochenstart!
    Herzlich, Rita

  5. Kerstin sagt:

    liebe bora,du sprichst mir aus der seele.sich mehr zeit zu gönnen für sich selbst, ist mein ziel fürs neue jahr.
    und ein jahr lang keine wolle oder neue stoffe zu kaufen,wird wohl nur ein vorsatz bleiben aber ich will meinen vorrat abbauen,denn beim durchsehen und umräumen habe ich sachen gefunden,die ich völlig vergessen hatte und auch gar nicht mehr weiß für welches projekt ich das brauchte.
    aber ich habe eine woll inventur gemacht und bin auf 25,5 kg gekommen und da bekam ich schon einen schreck, mit 3 kindern und voll berufstätig – wann soll ich das verstricken ?!
    ideen habe ich viele,auch dank deines blogs- so viele inspirationen –
    aber wie vielen mamas fehlt mir die zeit und ruhe dafür, du hast recht,weniger ist manchmal mehr – ein guter vorsatz
    liebe grüße kerstin

  6. amselgesang sagt:

    *Vielleicht werden ab und zu zwei oder sogar drei Tage vergehen zwischen zwei Posts…*
    Bora! Du bist einfach unschlagbar… 😉 (Bei mir vergehen immer mindestens „sogar drei Tage“ zwischen den Posts, und wenn es nicht mehr werden, bin ich ganz stolz)!
    Mit dem, was du schreibst, triffst du natürlich auch meinen Selbermach- und Wiederverwertungs- Nerv. Wenn man einen schönen Stoff oder Wolle sieht, dann hat man ja sofort vor Augen, was daraus werden könnte – und beim Kaufen hat man das Gefühl, man kauft sozusagen schon das, was erst noch gemacht werden muss. Man kauft quasi einen Traum. Dann hat man nicht gleich Zeit dafür, und bald sieht man wieder sowas Schönes, und alles wiederholt sich. Bis man schließlich so viel wunderbarstes Material daliegen hat, dass man bis zur Rente beschäftigt wäre… Nun, solange ab und zu einer von den Träumen wahr wird, ist es ja gut, finde ich. Aber Neues kaufe ich schon länger nicht mehr (ähm…fast…)!

    • Iren sagt:

      „man kauft quasi einen Traum“ – Was für einen treffenden Satz! Das bin genau ich. Ich habe so viel Traummaterial zu Hause, so dass ich entschieden habe, nichts mehr zu kaufen, bis einige Träume Material geworden sind.

      Herzlich
      iren

  7. Milena sagt:

    Liebe Bora
    Ich bin genau gleich. Stapelweise schöne Stoffe – alt und neu. Wolle hier und da. Alles schöne Sachen und gute Qualität, die ab und zu gestreichelt werden wollen und auf die richtige Verwendung warten. (Ich überlege lange, sehr lange, was ich daraus mache. Meistens lagern die Sachen einfach noch ein bisschen vor sich hin.) Schön hast Du aufgeräumt und alles beschriftet. Bei mir lagern die Stoffe in einem Rollladenschrank, den ich einfach zumachen kann und schon ist aufgeräumt. Bei der Wolle habe ich noch keinen Rollladenschrank, stelle aber fest, dass auch das ganz praktisch wäre…
    Liebe Grüsse
    Milena

  8. Raniso sagt:

    Ich lese deinen Post erst heute und kann nur nicken, nicken und nicken… Seit letztem Herbst lebe ich entschleunigt und es geht mir viiiiel besser 🙂 Und im Aussortier- und Umräummodus sind wir hier auch. Ich bin manchmal auch froh über unsere kleine Wohnung. Allzu viel Material können wir uns Gott sei dank gar nicht anschaffen so… 😉
    Ganz liebi grüäss, anja

  9. Karin sagt:

    …wie meistens, wenn ich deinen Post gelesen habe, kann ich nur zustimmend nicken. In vielen finde ich mich wieder, dem kleinen Spatz der mit 16 Monaten noch ein Brustkind ist, und jetzt wo er krank ist, mich gar nicht loslassen kann,… die wunderbaren Dinge die sich ansammeln, bei mir eher Stoffe , aber auch ein paar Knäuel Wolle,…der Drang Ordnung her zu stellen,….in der ganzen Wohnung,…die Ernüchterung, wenn es meine Meute wieder innerhalb von Minuten schafft, dem Chaos den roten Teppich auszurollen,…die wenigen Minuten die mir bleiben für mich, mich ganz alleine,…die Müdigkeit nach wieder einer anstrengenden Nacht,…..und trotzdem ,..trotz all dem „Alltag“ daraus Mut, Motivation und die Schönheit des Augenblickes zu erfassen,…
    Danke, dass du immer die richtigen Worte findest, dass ich auch meinen Alltag als schön oder zumindest als zufriedene Mama , empfinden kann,….
    LG Karin

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