In meiner Schatzkammer

Mein Haus ist selten aufgeräumt, und wenn, dann nur partiel, auf gar keinen Fall aber durchgehend überall, von oben bis unten, und in Schränken und Kommoden herrscht viel zu oft totaler Ausnahme-Zustand (sage ich mir. Tatsächlich handelt es sich wohl eher um unseren Normal-Fall *hüstel*). Unser Flur wird tagtäglich von neuem von Stiefeln, Jacken, Mützen und herrenlosen Streuner-Socken überschwemmt, die Kinder meutern in ihren Kinderzimmern und die Waschküche füllt sich -kaum habe ich mir ein Herz gefasst und zwei, drei Ladungen Wäsche nicht nur gewaschen und aufgehängt, sondern auch noch zusammengelegt und versorgt (*Schulterklopf*)- sofort wieder mit neuen Körben voller dreckiger Sachen und Stricksocken, die aufs Stopfen warten.
Aber es gibt auch andere Ecken hier im Haus. Hübschere. Gemütlichere. Solche, die mich an das Gute im Hausfrauenleben glauben lassen und mir neuen Aufschwung geben, wenn ich Gefahr laufe, mich vom Hamsterrad aus ständig von vorn beginnenden Aufgaben zermürben zu lassen.

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Eine schön hergerichtete Ecke schenkt mir enorm viel Kraft. Sie beflügelt und stimmt mich froh genug, um dem Rest des Hauses, der vielleicht gerade mal wieder alles andere als nach „schöner wohnen“ aussieht, ein trotziges Lächeln zu schenken, die Ärmel hoch zu krempeln- und weiter zu machen.

Möglicherweise ist es aufgeräumt in meinem lila Zimmer -sehr wahscheinlich sogar, würde ich sagen, denn das lila Zimmer ist das Erste und das Letzte, was ich sehe von meinem Tag, und der erste Eindruck zählt, vor allem der eines frühen, jungen Morgens. Mit etwas Glück lässt es sich auch in der Küche und im Wohnzimmer ganz angenehm leben, hoffentlich in unserem winzigkleinen Mini-Bad- und ja, es könnte sein, auch in meiner kleine Büro-Ecke, meiner Nische, die ich verbissen verteidige gegen Kram aller Art, vergessene Spielsachen, Zainen voller Wäsche-Stapel und Kisten für den Dachboden inklusive.
Mein „Büro“, eingenistet im Flur gleich unterhalb des Estrichs, ist mir heilig, ein richtiges Herz-Stück, obwohl es eigentlich kein richtiges Büro ist, sondern „nur“ eine türlose Ecke dieses grossen, aber immerzu sehr voll wirkenden Hauses, die ich eines Tages im Mai letzten Jahres in einem wahren Anflug von Nestbau-Fieber für mich eroberte. Als Rückzugs-Ort. Als Territorium. Als Inspirations-Quelle, wo ich einen freien Kopf und neue Ideen finde, während ich im www, bei Amazon oder im Strickcafe stöbere oder in meinen Kisten und Schubladen wühle, eine frisch ausgedruckte Strickanleitung in der Hand, daneben meine Liste mit notierten Maschenproben und Garnvorschlägen. Das ist wie Spielen für mich. Und hier finde ich Platz dafür. Platz für diese kleinen Eskapaden, wo für einmal nur ich wichtig sein darf, ich und meine Träume und Visionen und die Dinge, die mir so richtig von Herzen Spass und Freude machen.

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Ich mag diesen Ort. Ich liebe ihn geradezu. Viele der Dinge, die im Verlauf des letzten Jahres ihren Weg hierher unters Dach gefunden haben -und meistens mussten sie tatsächlich ein wenig durchs Haus irren, wurden hierhin und dorthin gestellt, ein bisschen benutzt, wieder umgestellt, von neuem verschoben- liegen mir wirklich am Herzen. Bilder, Zeichnungen, Möbel, liebgewonnene Kleinigkeiten; Sie erzählen von dem, was mich bewegt und begleitet hat und erinnern mich an Menschen und Ereignisse oder auch einfach nur daran, was ich mir erträume vom Leben und wo mein Herz schlussendlich Wurzeln schlagen möchte…

Die alte Holztruhe meiner Mama zum Beispiel, liegt voll mit alten Sachen, mit Briefen, Erinnerungs-Stücken meiner Kindheit, mit uralten schwarzweissen Foto-Tafeln meiner Vorfahren und auch mit der einen oder anderen aufgenommenen MC, wo ich und meine Geschwister Radio-Moderatoren spielten, die ihr eigenes Fest-Tags-Radio-Programm auf die Beine stellten. Ich erinnere mich… Die „Holiday-Reporters“ nannten wir uns damals, und mit im Programm waren u.a. unsere Lieblings-Rezepte (Bananen-Flip), ein selbstverfasster Weihnachts-Persönlichkeits-Test und unsere absoluten Lieblings-Songs der Saison (u.a. „Bad“ von Michael Jackson). Erst kürzlich (damals entstand auch dieses Bild) habe ich alles wieder in die Hand genommen. Manches kam mir plötzlich fremd vor (das kam weg), anderes aber rief sofort starke Gefühle und Bilder in mir wach und ich legte es sorgsam -aber möglichst rasch, denn das Babykind stand neben mir, und das Babykind ist neugierig und verflixt schnell!- zurück in meine Truhe, dankbar, einen Ort zu haben, wo diese Dinge mitsamt ihrer Kraft Vergangenes zurück zu rufen, in Sicherheit und gut aufgehoben sind.

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Nicht alles hier hat seine Vergangenheit mit mir geteilt. Bei weitem nicht alles sogar. Manches kam auch erst vor kurzem hierher… und trotzdem kommt es mir so richtig und vertraut vor, es um mich zu haben… Die alte, schwarze Kommode zum Beispiel. Ich sah sie eines Tages beim Dorf-Trödler stehen, hinaufgewuchtet auf eine andere, offenbar etwas grössere und robustere Kommode (Brockenhaus-Verkäufer sind meistens ziemlich stark), und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste sofort, ja, die ist es, die und keine andere, und ich war hingerissen vom glänzenden, tiefschwarzen Lack, von den eisenbeschlagenen Griffen und der hellen Marmorplatte, die so herrlich elegant, so maskulin upperclass wirkt. Ich hatte schon immer ein Faible für männlich-snobistisches Design, obwohl ich Räume normalerweise eher feminin und verspielt einrichte (warum eigentlich?), mit Patchwork, Streublümchen-Muster und gehäkelten Spitzendeckchen. Das hier war genau der Kontrast, der mir fehlte.

Leider steht mein Haus schon voller Möbel. Wir brauchen eigentlich nichts mehr. Eine neue Kommode kam mir unnötig vor, sinnlos und verschwenderisch und ich mir selber ein bisschen gar zu kaufsüchtig. Also blieb sie beim Trödler da oben stehen, die schwarze Kommode. Vorerst. Drei Monate lang oder mehr. Und ich schlich mich jedes Mal, wenn ich vorbeikam, zu ihrer Ecke hinüber und warf ihr seufzend traurige Blicke zu, gleichzeitig froh und entsetzt, dass sie noch da war.
Eines Tages dann konnte ich mein Elend selber nicht mehr mitansehen und kaufte sie. Auf einen Schlag. Jawohl.
Zuhause grübelte ich eine Weile, wohin ich sie stellen sollte und welchen Zweck es überhaupt gab für sie (denn schliesslich wollte ich überzeugend wirken, wenn ich Herrn Kirschkernzeit meinen neuesten Kauf („Meine Güte, wohin willst du denn damit?“) präsentierte). Und es gab einen Zweck, einen guten, für meine neue, alte Kommode, eine gewichtige Aufgabe sogar, wenn man hier im Hause Kirschkernzeit steht; Ich wollte und brauchte einen wirklich guten Ort, wo ich all meine Wolle unterbringen konnte, griffbereit und einigermassen übersichtlich und so ein klein wenig persönlicher als unten in der Rumpelkammer, wo ich meine Knäuel und kunterbunten Stränge bis anhin verstaut hatte. Eine Woll-Kommode! Ja! Genau das hatte ich schon immer gewollt! -Nur hatte ich es bisher nicht gewusst…

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Nun, dieses kleine Ecken-Zimmerchen für mich… ist wie eine Schatzkammer. Voller schöner Dinge und Momente, die mich reich machen und sich kostbar anfühlen. Goldene Momente, Gold-Stücke, ein Spielplatz für mich, wo ich die Welt um mich herum für eine Weile vergessen darf.
Ich glaube, Räume wie dieser machen mich wirklich, wirklich froh, egal wie klein, egal wie oft oder selten, wie intensiv oder sporadisch sie benutzt werden und ganz gleich wie opulent oder karg sie eingerichtet sind, ob modern oder nostalgisch, pur weiss oder cozy im Cottage Style… Zimmer, die aus dem Herzen sprechen, berühren mich immer. Und dieses hier, dieses ganz besonders.

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4 Kommentare zu In meiner Schatzkammer

  1. Rita sagt:

    Deine Ecke gefällt mir sooo gut! Ich hab ja auch ein Zimmerchen,oben im 3. Stock. So ein kleines Reich ist einfach wunderbar!!
    Deines gefällt mir sehr, besonders die Kommode finde ich toll!
    Ich wünsch Dir ein ganz gemütliches Wochenende und viel Zeit in Deinem Zaubereckchen!
    Herzlich, Rita

  2. Raniso sagt:

    Die Kommode steht da, als wäre sie nie irgendwo anders gestanden und ist schon so gut bestückt, da konnte Herr Kirschkernzeit gewiss keine Einwände haben, oder?! 😉
    Deine Ecke ist bezaubernd!
    Ganz liebi grüäss, anja

  3. Zwergental sagt:

    Ein schönes gemütliches Zimmer .lg galina

  4. Caramella sagt:

    Boah das nenn ich mal eine tolle Kommode! hab selbst eine aus Vollholz zuhause, aber die Farbe von deiner gefällt mir um einiges besser!Und so viel Wolle, muss jetzt wieder mal meine Sockenstrickkenntnisse auftauen 🙂
    Lg Caramella

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