Zur Zeit…

Zur Zeit…

* Zur Zeit… fühle ich mich oftmals  wie… gefangen. In einer Art goldenem Käfig. Mit Baby auf dem Arm, Kochlöffel in der einen und Vorlesebuch in der anderen Hand, die Schürze um den Bauch und alles voller Mehl oder Schokolade oder Legoteilchen, und irgendwie sind meine Ohren müde geworden, und empfindlich. Meine Augen genauso, sie haben Mühe, das Schöne zu sehen zwischen all den Hürden und Haufen an Arbeit und schon wieder von vorn beginnender Aufgaben. Mir scheint, hier gibt es kein Enrinnen. Nur die Zeit. Sie arbeitet für mich. Denn es wird alles leichter werden, irgendwann. Darauf vertraue ich. Voll und ganz. *

* Zur Zeit… brauche ich ganz, ganz viel Luft, Leere und … so viel Ordnung wie nur irgend möglich (also nicht so wahnsinnig viel *hüstel*, das dann aber unbedingt). Und jede Ecke, die neu und frisch wieder entlassen wird aus meiner ordnenden Hand, macht mir Freude, unglaublich viel Freude. Sie wirkt wie… eine Pauseninsel hier in meinem Ozean, wo nichts jemals stillzustehen scheint und Woge über Woge mein Gleichgewicht ins Wanken zu bringen droht. So ein Blick auf eine weisse Pinnwand zum Beispiel, befreit von wild übereinander gesteckten Näh-Anleitungen, Ideensammlungen und Krimskrams, dafür jetzt fein bestückt mit Kinderkunst (yep, die Papier-Männchen-Reihe meines Mädchens hing vorher in der Küche) tut so gut! Oder meine zwar winzigkleine, dafür wieder tadellos saubere Info-Ecke (rechts unten im Bild).  Eine Agenda, Steck-Igel für hübsche Zeichungen oder Arzttermine, ein alter Toasthalter für Rechnungen und Schul-Info-Blätter oder für Post, die zum Briefkasten muss- sie mag klein sein, aber sie funktioniert. Und alles, was funktioniert ist gut.
Und sobald es funktioniert und erst noch hüsch aussieht, betrachte ich es definitiv als Wunder. *


* Zur Zeit… sitze ich immer wieder still und staunend bei meinem Baby. Das eigentlich kein Baby mehr ist, seit Juli schon nicht mehr, aber irgendwie… eben doch. Für mich zumindest. Für mich wird sie wohl noch eine ganze Weile das Babykind bleiben, das Babykind, das nun mit allergrösster Leidenschaft Treppen, Stühle und Leitern besteigt, als wäre sie allein dazu geboren, die höchsten Gipfel zu erklimmen, die sie findet in ihrem kleinen, immer grösser werdenden Universum. Das Babykind, das keine Angst zu kennen scheint, nur Ziele, Ziele, die es anvisiert und fest im Auge behält, verteidigt gegen Mamas Einwände und Ablenkungsmanöver, koste es was es wolle. Das Babykind, das sofort ahnt, wofür die kleinen, bunten Wachsstift-Würfelchen gedacht sind, und das trotzdem staunt und sich freut, wenn die Linien, die seine Hände damit fahren auch tatsächlich auf dem Papier erscheinen, kunterbunt und wie durch Zauberei. Wenn man 1 Jahr alt ist, steckt die Welt noch voller unbekannter Möglichkeiten, voller Zauber und Wunder. Schön. Auch für mich, die ich mit eintauchen darf in diese Welt. Still und staunend. *

* Zur Zeit… verändern sich die Winkel in meinem Haus. Der Herbst zieht ein, ganz langsam, in kleinen, vorsichtigen Schrittchen. Ein bisschen Sommer, ein bisschen welkes Laub, eine Stimmung, die mich anrührt, weil sie melancholisch ist und doch auf stille Art froh. Ich sitze mit dabei, während der Sommer sich zum Abschied bereit macht, ich sehe die Wärme, die nun nicht mehr wirklich spürbar, aber immer stärker sichtbar wird, nicht nur draussen, im Laub, im Licht, im Graublau des Himmels, in den Tomaten und Kürbissen… sondern auch drinnen, wo ich plötzlich den alten, handgemachten Tonkrug wieder hervor geholt habe, für einen schlichten, schweren Strauss Wermut aus dem Garten. *

* Zur Zeit… bin ich dankbar und jedes Mal verblüfft, wenn die Sonne sich aus dem frühen Morgennebel schält. Es ist August, immer noch, eine wunderbare, üppige und nährende Zeit, aber eingepackt in Nebelgrau vergesse ich den Sommer so leicht. Dann fühle ich mich überrumpelt und betrogen, weil es mir vorkommt, als wäre dieses Jahr alles viel zu schnell gegangen, ein Wechsel ohne Abschied, vom Sommer direkt und ohne Umschweife mitten hinein in den Herbst. Doch dann bricht die Sonne durch. Und aus dem Herbst wird wieder Sommer, ein August, so warm und schön, wie er sein soll. Ja, dafür bin ich dankbar. Für die Sonne, den Sommer und die Zeit des Abschieds. Es tut gut, wenn noch Zeit bleibt für ein Lebewohl. *


* Zur Zeit… sammle ich Kräuter, Gartenkräuter, die den Wildwuchs in meinem Garten überlebt haben. Es sind nicht viele, Minze, Malven, ein paar Ringelblumen, etwas Schafgarbe, Thymian, von allem nur ein paar Handvoll, mehr nicht. Aber für ein Tässchen Tee reicht es allemal. Sogar für einen kleine, getrockneten Vorrat davon. Mit Berghonig aus dem Puschlav schmeckt er Schluck für Schluck nach einem besseren, selbstbestimmteren Leben, nach den Heilkräften der Natur… und ein bisschen auch nach Hustensaft *grins*. *

* Zur Zeit… überfällt mich manchmal, meistens schon frühmorgens, sobald die Jungens aus dem Haus sind, dieses absolut verzehrende Verlangen, zu nähen, zu stricken, kreativ zu sein, so richtig, stundenlang und ungestört, einfach nur ich und ein wilder Tanz von Farben, Mustern und Ideen. Doch die Realität ist nüchtern im Moment, sie berechnet genau und weiss, was möglich ist. Und was eben nicht. Nun… viel wird nicht genäht zur Zeit. Auch gestrickt wird nur wenig und selbst das schleppt sich träge dahin… Aber für diese ganz einfache Tasche aus einem alten Vorhang in kräftigem Rot und einem altmodischen Stückchen Retroprint musste die Zeit einfach reichen… *

*Zur Zeit… stehe ich ab und zu ganz versunken vor meinem alten, weissen Sekretär und sehe mir die Stoff-Stapel an, die sich in seinen Schubladen und Fächern stapeln. Meine Augen ruhen in Mustern und Farben und meine Hände arrangieren und probieren immer wieder neue Kombinationen aus, ganz von alleine. Es ist ein Spiel. Nur für mich. Eines, das mir Mut macht und Freude und irgendetwas in mir zur Ruhe bringt. Einfach nur indem ich Harmonien erschaffe, da wo vorher noch nichts zusammengehörte.*

* Zur Zeit… möchte ich versinken in Bildern wie diesem. Die Zeit anhalten, festhalten, eintauchen darin… Ein schlafendes Baby, ein Kuschelhase, der -zum 2. Mal schon- dazugehört, geliebt wird, gebraucht wird, ein Nest aus Kissen und Decken, Geborgenheit und Ruhe, Zuflucht… Ja, das ist es, wonach ich mich sehne. -Und genau das habe ich ja bereits, hier und jetzt, ein Baby, ein Daheim, einen Kuschelhasen, Liebe und alle Geborgenheit, die ein Mensch sich nur wünschen kann. Wunderbar eigentlich. *

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Dieser Beitrag wurde unter Augenblicke, aus meinem tagebuch, Familienalltag veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Kommentare zu Zur Zeit…

  1. Zwergental sagt:

    Ein schönes Leben hast du ihn Harmonie und Geborgenheit und ein bisschen Stress ,Ich muss die Stifte immer ihm Auge behalten den sie Mahlt gern auf schönen weißen Untergrund .Liebe Grüße

  2. Conny sagt:

    Anhalten, still stehen und sehen was vor einem liegt…sehen was man eigentlich hat…. (und nicht, was man nicht hat). Genau das ist es, was deinen blog ausmacht! Wunderschön geschrieben…wie immer, Bora.

  3. missmenke sagt:

    Ordnung brauche ich im Moment auch viel, deshalb wird aussortiert. Ich habe gehört, dass wir in Umbruch- und Aufbruchzeiten leben, da passt die Müdigkeit und der Wunsch nach Klarheit genau ins Bild. Ich glaube, sehr bald geht es mit einem großen Energieschub weiter in die richtige Richtung.
    Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag ein Teil auszusortieren und auf meiner Seite anzubieten (gegen Porto verschenken, gegen etwas Schönes eintauschen oder gegen Geld verkaufen), damit auch meine Reise weiter gehen kann.
    Alles ist gut und fügt sich am Ende zu einem stimmigen Bild zusammen. 🙂

  4. Sanne sagt:

    einen herzlichen, lieben Gruß verbunden mit einem großen Dankeschön für deinen wohltuenden Text, dein Teilen mit uns, sende ich dir
    ich bewundere sehnsüchtig eure Helligkeit, das Licht, das viele Weiß
    dazwischen die bunten Tupfer, sehr sehr schön!
    das Kindergezwitschere höre ich wohl auch
    auch wenn es manchmal lauter wird…..
    es ist gut so wie es ist
    das sag ich mir jetzt einfach selber mal
    Sanne

  5. Rita sagt:

    Ja, die Zeit. Und die Ordnung, das nie enden wollende räumen und ausmisten….;)
    Der Herbst kommt mir irgendwie noch unwirklich vor, da mir der Sommer doch gefallen hatte….(nicht die Hitze!!) Ich hoffe sehr, dass Dein Familienkäfig Dir auch mal ein offenes Türchen ermöglicht! Damit DU mal da raus kommst und einfach mal DU sein kannst!
    Ganz herzlich, Rita

  6. Edna sagt:

    Oh, das hast du schön geschrieben! Vielen Dank!
    Ich hab dein Blog erst vor kurzem entdeckt, als ich auf der Suche nach einer Strickanleitung für eine Zwergenmütze war – und seither schau ich regelmäßig vorbei und freue mich, dass noch Lesestoff auf Vorrat da ist. Vielen Dank!

    Edna

  7. Conny sagt:

    hey, jetzt wirkt sie noch viel besser als schon heut´ morgen…. ihr Stoff ist schön…hat einen“will-haben-Charakter“ ;-). Ist er auch Secondhand?

  8. Raniso sagt:

    Wunderwunderwunderschön geschrieben, ja wie immer… Mit dem Übergang zum Herbst geht es mir ganz ähnlich. Ich sitzte fröstelnd in der Wohnung und gräme mich ein wenig, wegen des fehlenden Abschieds. Dann trete ich vor die Haustür und stehe im Sommer…
    Ah, die Babykindbilder sind so anrührend! Ich habe hier auch ein Babykind, das eigentlich längst keines mehr ist… 🙂
    Ganz liebi grüäss, anja

  9. Vilwarin sagt:

    Vielen Dank für diese schönen Momentaufnahmen mit den vielen philosophischen und persönlichen Tiefen !
    Ich lese nun seit einiger Zeit deinen Blog und schaffe es erst jetzt, einmal zu kommentieren und zu danken für all dein Teilen. Dafür, dass du mich immer sehr berührst und weitest…
    Obwohl ich (noch?) keine Familie habe, kann ich vieles von dem, was du schreibst, so sehr nachvollziehen. Und ich schätze die Poesie deiner Worte und Bilder, wie du die Schönheit und kleinen Wunder des Alltags, seine Widersprüchlichkeit und Vergänglichkeit einfängst. Du gibst mir Kraft und ich wünsche dir selbst ganz viel davon ! Lass dich nicht unter Druck setzen und lebe einfach weiterhin, was gelebt werden will unabhängig von den „Man“-Gedanken… Ich kann eine Mama mit vier Kindern die so lebt wie du nur bewundern !
    Alles Liebe – und bis bald (habe mir vorgenommen, jetzt öfter mal zu antworten)
    Vilwarin

    • kirschkernzeit sagt:

      Vielen Dank für so viele schöne Worte! Das freut mich sehr! Aber glaub mir, zu bewundern gibt es an sich nicht wirklich viel bei mir…

  10. Sabine sagt:

    I absolutely LOVE your home! It is gorgeous! 🙂

  11. liebe bora,
    da hab ich mich bei einigen „zur zeits“ sehr gut wiedergefunden! und vor allem das letzte bild, so berührend und wunderbar! ich möchte auch in diesen anblicken meines babies versinken. noch ist er ganz offiziell ein baby, aber mir wird es wohl ähnlich gehen wie dir, dass er noch länger mein babybub bleiben wird als bis zum 1. geburtstag…
    alles liebe, selina

  12. Pingback: Happy Summer Vest (In deutscher Fassung) | Kirschkernzeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.