Wochen-Ende: mittendrin

Im Augenblick habe ich das Gefühl, wieder so richtig mittendrin zu stehen, zu schwimmen in all den grossen und kleinen Alltags-Trubeln, und das Leben ist so voll und so reich und so warm wie die Natur, die gerade dabei ist, zu vollenden, was sie angestrebt hat in all ihrem Wachsen und Blühen; es wird Erntezeit. Überall. Ferien gehen zu Ende, Globetrotter kehren zurück, Kinder gehen wieder zur Schule, die Städte füllen sich erneut, und alles fängt von vorne an, nur ein vielleicht ein bisschen entspannter und reicher an Erlebtem.
Wie immer bin ich erstaunt, wie rasch man wirklich zurück ist. Zurück im Alltag, zurück in allem, was vorher schon war. Egal wie lange der Unterbruch dauert und wie weit man der Normalität entfliehen konnte- zwei, drei Tage, und sie hat einem eingeholt, da gibt es kein Entrinnen. Aber ist das schlimm? Hm… ich weiss nicht so recht. Ich glaube, nicht wirklich. Irgendwie ist es wahrscheinlich genau das -der stinknormale Alltag mit all seinen Gewohnheiten, den scheinbar unbedeutenden Ritualen und eingespielten Abläufen, mit seinen altbekannten Gesichtern, den vertrauten Wegen und sich ständig wiederholenden Aufgaben das- was wir Heimat nennen. Und wieder zuhause zu sein, zurück in der Heimat, das ist doch eigentlich etwas ganz Wundervolles, finde ich…

Mittendrin

: … entstehen manchmal wunderbare Dinge, ganz spontan und unverkrampft. Und ich staune, dass sie tatsächlich noch möglich sind (mit etwas Glück), diese kleinen Nischen im Alltag, diese plötzliche Lust und Begeisterung, etwas zu erschaffen, aus dem Nichts entstehen zu lassen. Einfach nur so. Weil es Freude macht :

: … reifen erste Cherrytomaten an den Sträuchern, rot und rund und süss und haargenau richtig für hausgemachte Tomatensauce, Pizza à la maison- oder für kleine Schleckmäulchen, die alles, was gut ist, direkt von den Ästchen naschen :

: … ist ein Fussballfieber ausgebrochen, das mein Mutterherz zum Strahlen bringt; meine zwei Jungs, wie sie im Garten Pflanzenstäbe einbuddeln, als Tor, und in den ausgetragenen Fussballklamotten meines Bruders einem lumpigen, zerkratzten Ball nachjagen, barfuss oder in Sandalen. Aber sie tun es gemeinsam. Und das ist, was für mich zählt :

: … steht da eine einzelne Sonnenblume. In einer Vase in meiner weissen Küche. Und strahlt. So wie der grosse, dicke Strauss im Schulzimmer am allerersten Tag meines kleinen, grossen Schulkindes. Sonnenblumenstrahlen für eine weitere Woche Erstklässler-Sein. :

: … liegen Kürbisse in unserem Garten-Djungel, ein bisschen orange, ein bisschen grün. Und spannen eine Brücke. Vom Sommer zum Herbst :

: … spüre ich den Drang zu ordnen und Angefangenes zu Ende zu bringen. Ich sortiere, reduziere, arrangiere. Es tut gut, leere Plätze zu sehen in den Regalen und Schränken. Schönes oder Heissgeliebtes braucht einfach Platz zum Leuchten :

                                                                                   *

Es war eine gute, reiche, aber auch anstrengende Woche, meine letzte. Das Babykind kam gar nicht gut klar mit seiner Impfung, und bis zu diesem Samstag fühlte ich mich wie zurückversetzt in die ersten neun Monate mit ihr, wo ich sie buchstäblich rund um die Uhr an meinem Körper trug… Nur sitzt sie mir heute mit ein paar Kilo mehr auf den Hüften. Heute ist sie wieder das stille, anhängliche aber zufriedene kleine Speckröllchenbaby, das sie normalerweise ist. Und ich bin mehr als dankbar dafür. Gesundwerden macht einfach glücklich. Und demütig.
Ein Kind wurde Fünftklässler, mit grosser Verantwortung (Nein, diesmal lief ich nicht mehr noch halb im Pijama zu ihm ins Schulhaus, um ihm das vergessene Englischbuch zu bringen… Diesmal nicht. Nicht mehr. Aber es war hart. Für mich.), ein Kind wurde Erstklässler, brachte erste Hausaufgaben mit nach Hause und ein riesengrosses Bedürfnis nach Nähe, Ruhe und Aufmerksamkeit,  wie so viele Kinder auch, denke ich.
Zum Schulkind zu werden, das kann Angst machen, Versagens-Angst vielleicht oder ein Gefühl von Verlorensein in diesem grossen, fremden Gebäude voller unbekannter  Türen, Situationen und Gesichter. Doch sie wachsen. Sie wachsen da hinein, genau wie ihre Mütter, und irgendwann ist nichts von all dem mehr bedrohlich, sondern vertraut und – hoffentlich – sogar geliebt, so wie man sein Dorf lieben kann, seinen Häuserblock, seine Region. Oder seinen Alltag. Einfach deshalb, weil das alles zu einem gehört, weil es Heimat ist, vertraut, einzigartig, blind zu erkennen, wie die eigene Hosentasche. Und weil man mittendrin steht. Im Abenteuer namens Leben.

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4 Kommentare zu Wochen-Ende: mittendrin

  1. Raniso sagt:

    Jetzt habe ich ein paar Tränchen in den Augen, ab deinen letzten Zeilen… Und die Vorfreude auf Morgen, den ganz gewöhnlichen Alltag steigt! Danke Bora, diese Einblicke sind so wunderbar nah und herzerwärmend! Du bist einfach eine Wort- und Stimmungseinfangkünstlerin!
    Gute Nacht meine Liebe, ich liege schon im Bett und werde jetzt vorfreudig die Augen schliessen 🙂
    Ganz liebi grüäss und eine gute Woche, anja

  2. Silvia sagt:

    meine Kinder sind schon groß und manchmal frage ich „wow wie hast du das nur alles hinbekommen,..“ Ich möchte eine Anekdote mit dir teilen: Mein Jüngster war eine Woche in der Schule und fragte wie oft er denn da noch hin müsse, er wäre da doch letzte Woche schon dort gewesen“ Heute ist er in der neunten Klasse, aber diese Einstellung zur Schule hat er bis heute behalten. Er geht in der Regel sehr gern zur Schule, weil er dort seine Freunde trifft und Fussball spielt aber der Rest,….. Liebe Grüße Silvia

  3. kristina sagt:

    du gute. ich bin immer wieder so berührt von deinen posts. danke.

  4. Galina sagt:

    Ach das ist bei uns nicht anders meiner kommt in die 4 das schöneste ist für ihn Sport und die Pause .Ich finde das schön das du alle Erinnerungen ihn deinen Block aufschreibst so sind sie immer aufrufbereit .ich würde die Kinder lieber mit 7 ihn die Schule schicken aber mann hat ja leider nicht die wahl.

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