Goldstücke

Ich weiss nicht… es geht mir gerade so unverschämt gut, wisst ihr. Obwohl das unfassbar schöne, einfach … absolut perfekte Luftschlösschen, das wir uns so ein wenig zusammengezimmert hatten in den letzten Wochen -ein Bauernhaus mit Land, am richtigen Ort, zum richtigen Preis (anfangs zumindest), in der richtigen Grösse und mit so richtg viel Charme und Potential und überhaupt…- vor einer kleinen Weile schon zusammengefallen ist und diese traurige Nachricht erst jetzt so langsam, langsam vom Kopf in mein Herz sickert. Obwohl es wilde Zeiten sind mit allen Kindern unter einem Dach und obwohl ich schon ganz vergessen habe, wie sich ein voller freier Abend (von allem anderen ganz zu schweigen) überhaupt anfühlt. Obwohl es heiss ist und Sommer und ich, das Herbstkind, ganz leise schon den Ruf des nahenden Herbstes vernehme wie ein Tier, das Wasser riecht oder die Sippe wittert, der es sich verwandt fühlt. Es ist der Ruf der Heimat. Irgendwie.
Und trotzdem… Ja, trotzdem bin ich glücklich. Ganz ehrlich. Ich meine, es ist Sommer, wie gesagt, und Ferien, und all meine Liebsten jetzt wieder Tag und Nacht um mich zu haben, das kommt mit so… wunderbar vor. Genau, wunder-bar, wie ein Wunder, ein ganz, ganz grosses Geschenk. Zeit, Nähe, Zusammensein, Geborgenheit … Daheim eben. Das sauge ich auf in mir, hinein bis in meine Haarspitzen. Es sind Zeiten, die gut tun, sich voll und richtig anfühlen, ohne gross spektakulär zu sein. Mit lauter grossen Kleinigkeiten, an denen mich freue als wären es Körbe voller Gold… was sie auch sind, irgendwie… Gold-Stücke, die mich reich machen…

Tinkis Puppe (ach, Tinki, ich denke so oft an dich…) im Arm meines Mädchens, ein Stückchen Lebensgeschichte, das weiter getragen wird, buchstäblich, das seine Spuren hinterlässt in einem anderen, jungen Leben… Bittersüss, ja, aber Gold, trotzdem, denn da liegt so viel Zärtlichkeit im Griff meines Kindes, und ich muss immer wieder daran denken, wie glücklich das Tinki gemacht hätte… bittersüss, wirklich. Bittersüss…
Aber dann wiederum blüht es rund um mich herum, süss, so süss, und nach der Blüte reifen die Früchte, es wird Erntezeit und die Luft flirrt vor Pollen, surrenden Bienen-Flügeln und dem Duft von Lavendel und Tomaten. Mein Mädchen schneidert sich Stoff-Reste-Puppen aus Papier und ich sehe und staune und freue mich daran, an all dem Leben und Wirken rund um mich herum.
Gold in meinem Tag, verstreut wie Tau im Morgengras.
Golden dieser kleine, feine Moment, ich, mein Kaffee und mein grosses, nicht mehr ganz weisses Sofa unterm Fenster. Golden die Locken meines Kindes, die sich ringeln wie Wendeltreppen, golden der Augenblick, wenn ich inmitten von Trödel und Tand eines dieser Dinge entdecke -wie diese kleine, bunt lackierte Holz-Dose mit dem Huhn drauf- die ich vom allerersten Augenblick an ins Herz schliesse, obwohl sie vielleicht ganz gewöhnlich sind und nicht der Rede wert.

Und da ist dieser Schatz in uns selber, dieser schöpferische Reichtum, den Gott jedem von uns ins Herz gelegt hat und den wir wohl niemals wirklich erfassen können in seiner Fülle und im Ausmass seiner Möglichkeiten.
Wie heute, wo wir draussen im Garten sassen und Tonklumpen zwischen den Fingern kneteten. Oder wie gestern nacht, als ich neben meinem Liebsten im Halbdunkeln sass, mir einen indischen Film ansah (Er hat mich überredet, ehrlich!) während weinrote Maschen aus meinen Händen flossen, Reihe um Reihe, Stück für Stück, geduldig und glücklich.
Auch diese Momente sind lebensnah und immer wieder auch … ja, bittersüss in ihrer Echtheit; Kinder, die sich triezen beim gemeinsamen Tonen, Ideen, die nicht kommen wollen, Versuche, die verworfen werden, Risse, abgebrochene Teile, Anfang und Ende und jede Menge, das es zu lernen gilt.
Oder ich mit meinem Strickzeug, wie ich Maschen zu stricken vergesse, wie der Faden sich spaltet, weil ich fast nichts sehe im Dämmerlicht des Monitors… Perfekt ist nichts von alledem. Aber es ist echt. Und fassbar. Das, was das Leben mir schenkt. An Gold und sonstigen Kostbarkeiten.
Unbezahlbar.

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15 Kommentare zu Goldstücke

  1. mme ulma sagt:

    der hahn, der hahn … so schön.
    auf mehr unverschämtes gutgehen, liebe bora.
    liebe grüße von ulma

  2. Dieses Goldlöckchen – eine Freude wann immer sie hervorblitzen!

    Mit diesem Gutgehen, mit dieser Zufriedenheit über die kleinen Dinge damit hast Du etwas im Leben erreicht was leider zu viele nie schaffen. Etwas Elementares, etwas Großartiges. Und nicht genug, Du kannst es auch noch in Worte und Bilder hüllen, teilbar machen! Dieser Beitrag sollte eigentlich in die Kategorie Anleitung/Tutorial.

    Lieben Gruß!

  3. Galina sagt:

    Ich bin ganz gerührt von deinem Text wunderschön .

  4. Raniso sagt:

    Meine Liebe, nach einigen Frusttagen habe ich diesen Post heute Morgen gelesen und da ist bei mir irgendwie der Zwänzger gefallen – ich habe einen wunderwunder vollen Goldstück-Tag mit meinen Kindern verbracht, liebe Bora. Danke dir! Ich bin sooo froh, gibt es dich, ehrlich!
    Ganz liebi grüäss und müntschi, anja

  5. Kristina sagt:

    Ach, liebste Bora, ach… Mehr fällt mich dazu nicht ein, denn bei diesem Text und diesen Bildern kann man nur noch seufzen – so voller Leben, so voller Liebe, so voll, so voll…
    Unbezahlbar, was DU uns schenkst, mit jedem Deiner Worte. Hab Dank dafür!

    Allerliebste Grüsse,
    Kristina

  6. Elke sagt:

    Liebe Bora, dich schickt der Himmel (das Internet) Wollte heute gleich arbeiten ohne „Bloglesen“ Dann habe ich mir nur Deinen verordnet und wusste warum.Das ist Fülle von Leben. Liebe Grüße von Elke

  7. Pingback: berührt: Babyhaar | Kirschkernzeit

  8. Margarete sagt:

    Wie schön eingefangen und beschrieben – zum Aufbewahren für später, wenn es mir vielleicht schlecht geht, um sich zu errinern, dass nichts perfekt sein muß, damit es perfekt ist.

    Liebe Grüße und viel Gold wünsche ich dir!

  9. Raniso sagt:

    Habe dich soeben verlinkt… Eigentlich wollte ich diesen Post direkt verlinken, das klappt bei deinem Blog aber irgendwie nicht (ist mir schon einmal aufgefallen). Jänu, jetzt muss man hier halt ein wenig stöbern, schadet ja nix 😉
    Ganz liebi grüäss, anja
    P.S. Deinen Give-away-Post lese ich dann morgen, muss dringend schlaaaafen…

  10. Pingback: Hoch hinaus | raniso

  11. raniso sagt:

    Ach so! Danke, habe es gleich richtig verlinkt… Kussis, anja

  12. Pingback: aus meinem Tagebuch: Bloss so ein Wochen-Ende | Kirschkernzeit

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