das weisse Zimmer

Die heissen Tage und mein … naja, Schattendasein in unseren dämmrigen Zimmern hat mich irgendwie emsig gemacht; Ich räume. Ich räume auf und um und wirble durchs Haus wie die verzauberten Fegbürsten alter Disney-Klassiker. Es tut so gut, Raum zu schaffen. Dem Licht mehr Platz zu schenken und all dem verstaubten Trödel in den Ecken Lebewohl zu sagen…

Gestern war das Zimmer von Kind1 dran. Oh ja, und wie.
Das weisse Zimmer

Es ist schon eine ganze Weile her, dass Kind1 in seine kleine, weisse Kammer gezogen ist. Alles ist weiss hier, von den Wänden, über die Decke bis hin zum selbst eingelegten Dielenboden aus billigen Estrich-Latten. Auch das schmale Sideboard, das die ganze Zimmerbreite unter der Dachschräge ausfüllt, ist weiss, aus denselben Brettern getischlert und mit derselben Lasur gestrichen wie der Boden.

Ich mag diesen Raum. Es ist einer meiner allerliebsten Orte hier in diesem alten Haus. Vielleicht weil er ursprünglich für mich gedacht war?
Da war ein alter, kaputter, mit Dachziegeln (!) vollgepackter Kaminschacht, der sich vor’s Fenster drängte und das Zimmer verdunkelte, da war die zerschlissene Tapete und der grüne, knautschige Linoleum-Boden, da waren versteckte Balken und ein dickes Vorhangbrett über dem kleinen Fenster… und um all das hat Herr Kirschkernzeit sich gekümmert, damals vor 7 Jahren bald, als wir ganz frisch hier einzogenm mit Sack und Pack und zwei kleinen Kindern.
Der Kamin wurde abgebrochen, die Tapete abgekratzt, der Linoleum herausgerissen, die Balken freigelegt und abgeschliffen, das Vorhangbrett kam weg und ein hübscher, neuer Holzboden wurde -Brett für Brett, als eine Art Pilot-Projekt- ins Zimmer eingefügt. Ich musste nur laut träumen- und all meine Wünsche wurden erfüllt. Mein Zimmer. Mein Raum. Das weisse Zimmer.

Nun, heute lebt Kind1 darin. Und ich glaube, er fühlt sich genauso wohl hier wie ich seinerzeit.

Als Kind1 umzog nahm er nicht viel mit aus dem blauen Zimmer, das er ein paar Monate lang mit seinem Bruder geteilt hatte. Mit 10, mittlerweile 11 Jahren passen die meisten persönlichen Habseligkeiten noch in eine grosse Truhe, und genau die fand auch als Allererstes ihr Plätzchen, die grosse, schwarze Musiker-Truhe, die so gut zu diesem Kind passt und jetzt auf Briefe, Erinnerungs-Stücke, Walkman (yep, so was gibt’s noch immer im Hause Kirschkernzeit) und selbstgemachte Schätze achtgibt.

Das Bett ist alt und hässlich, mein Bett aus Kindertagen aus gebogenem, schwarz lackierten Holz, mitsamt den Kratzern und Kerben der letzten 20 Jahre. Ich halte Ausschau nach etwas Schönerem, und mir schwebt ein altes Eisenbett vor oder ein schönes, geschnitztes Holzbett, das wir frisch bemalen, in Weiss, auch in Tintenschwarz, wenn es denn sein muss… doch Kind1 lehnt dankend ab. Mit Nachdruck. „Ich mag dieses Bett, Mama. So eines wollte ich schon immer.“
Na, wenn das so ist…

Auch der Tisch ist alt, ein Sperrmüll-Fund ohne Schublade (Dank Herrn Kirschkernzeit -einen recht kräftigen Applaus bitte- hat er nun wieder eine). Der angeschliffene Stuhl lag in Zürich am Strassenrand, sein brauner Zwilling stand beim Trödler in der Ecke und wartete auf mich. Die Dinge, die darauf Platz finden, wechseln ständig. (Genauso auch die Bilder an den Wänden. Das USA-Bild zum Beispiel wurde gestern abgenommen. Nun ist die Wand wieder weiss und still und wartet.) Aber es sind immer Schätze und Erinnerungs-Träger, ganz bestimmt. Sie erzählen von Charakter und einem Kinderleben, das sich verändert, mit jedem Tag ein bisschen mehr…

Für einen Schrank war kein Platz im Zimmer, doch als Herr Kirschkernzeit auf meinen Wunsch hin die hohe, breite IVAR-Regalwand im gelben Zimmer kleiner sägte, blieb ein Stück übrig, das haargenau in die Schrägung unter dem Fenster passt und all die Kleider, Schulsachen und sonstigen Kleinigkeiten in sich aufnimmt, die ein 11-jähriger Junge heute so braucht.

Kind1 ist mutig, klug und wissbegierig, aber alles andere als ordentlich, und weil Mama und Papa ihr Kind nur zu genau kennen, schnitt Herr Kirschkernzeit nochmals ein Brett zurecht, lackierte es weiss und befestigte Vorhang-Schienen daran, während ich im Brocki (ein Wunderort, ich schwör’s!) auf absolut geniale Klammern mit Vorhang-Gleitern dran stiess und ein altes, stabiles Leintuch aus meiner Sammlung zupfte. Als Schrank-Vorhang. Zum Kaschieren. Für einen an sich ganz simplen, improvisierten Kleiderschrank, der nun fast schon etwas Romantisches, irgendwie Französisches an sich hat und sich ganz wunderbar in den Raum einfügt, ordentlich und aristokratisch elegant aussieht- selbst wenn hinter seinen Vorhängen Jeans und T-Shirts wild durcheinander liegen.

Und darüber Flugzeuge, kleine, grosse, selbstgebaute oder eifrig gesammelte, einer davon sogar gewonnen an seinem allerersten (und bisher einzigen) Schach-Turnier…

Mein Bruder wollte Pilot werden, seit er klein war. Und das wurde er auch, er fliegt heute die ganz grossen Maschinen. Auch Kind1 möchte Pilot werden, Militärpilot, was seine Mama offen gesagt weit weniger begeistert als ihn… Doch ein Himmel voller Flugzeuge, das kann er haben… Ich liebe diese Ecke hier! Ganz ehrlich. Obwohl ich selber am liebsten mit beiden Beinen auf der Erde bleibe…

Überhaupt mag ich dieses Zimmer. Noch immer. Es ist klein, übersichtlich und strahlt unheimlich viel Geborgenheit und Ruhe aus. Und es ist hell, freundlich, zuversichtlich, ein bisschen verbraucht zwar schon mit all seinen Rissen und Striemen, aber irgendwie wirkt es so rein auf mich…
Und jetzt, nach meinem sommerlichen Frühjahrs-Putz-Einsatz ist es das wohl auch…

Zumindest vorübergehend. (C’est la vie)
Mittlerweile hat nun alles sein Plätzchen gefunden. Und überall, in jeder Ecke, sehe ich Kind1, seine Handschrift in den Dingen, in der Art wie sie arrangiert (oder eben nicht arrangiert) sind. Jetzt ist es seines. Das weisse Zimmer.

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19 Kommentare zu das weisse Zimmer

  1. Elke sagt:

    Hallo Bora, eine schöne Geschichte. Ich war am Träumen und habe dabei die Welt um mich vergessen. Das passiert selten.Danke dafür und liebe Grüße auch an Deine Nr. 1 von Elke

  2. Galina sagt:

    Schön hast du das Zimmer gestaltet ,Ich finde alte Möbel hat soviel mehr zauber .Meine Tochter ist 11 habe ihr Zimmer auch gerade umgestaltet hatten Glück haben ein Schwarzes Bett aus Eisen geschenkt bekommen.Wünsche dir noch viel Spaß das nähste schöne teil wartet irgendwo am Straßenrand

  3. Rita sagt:

    Ein wundervolles Zimmer! Mit ganz vielen Schätzen darin und bereits mit Erinnerungen gefüllt;) Wünsch Euch einen kühlen Tag, bei uns bewölkt und (noch) recht kühl, so dass der frische Wind durchs Haus ziehen kann;)
    Liebs Grüessli, Rita

  4. subs sagt:

    Wow, mit so viel Liebe eingerichtet, da kann man sich ja nur wohlfühlen. Ob noch jung oder schon „groß“ ….
    Liebe Grüße, Subs

  5. Galina sagt:

    Ich bin es nochmal hast du die Decke selbst genäht ,und was macht mann in die Decke .?Ich versuche ein zu Nähen .

    • kirschkernzeit sagt:

      Neinnein, so ein Prachtsding würde ich wohl nie im Leben fertigbringen! Ich hab diesen Quilt (ein Original aus Amerika) wie eigentich alle Quilts bei uns (ausser den wenigen, einfachen, die ich selber zusammengewurschtelt hab 😉 ) secondhand gekauft und irgendwie blieb er nun einfach bei Kind1, zu dem das Braun-Bordeaux-Marine hervorragend passt, finde ich.
      Wenn du aber selber einen Quilt machen willst (ist an sich ganz einfach, glaube mir! Je nach Patchwork-Design, wo man ja auch bloss grosse Quadrate oder Streifen zusammennähen kann), dann nimmst du ein Vlies (vom Stoff-Laden) als Mittelstoff (zwischen Oberseite und Rückseite). Das gibt es verschieden dick (ich mag es gerne dicker, denn es wird eh recht flasch nach dem Zusammennähen (= „quilten“). Du kannst aber auch einfach ein grosses, dickes Leintuch nehmen, zB. eines aus Flannell- oder das Mittelteil ganz weglassen und Ober- und Rückseite einfach rechts auf rechts zusammennähen, verstürzen und dann nur noch Punktweise „quilten“, indem du ein paar Stiche auf der Stelle machst und den Faden verknotet.
      Es gibt supertolle Websites fürs Quilts-Machen… ich schick dir mal ein paar Links, wenn ich dazu komm, ja?

  6. conny sagt:

    Hallo du liebe,
    das Zimmer ist soooooooooooo schön geworden. Es könnte im Haus mit Blick aufs Kattegat sein…. 😉
    Träumerisch fein.Kühl und ein Lebens(t)raum….

  7. Elisabeth sagt:

    Wunderschön …. und wie Du es erzählt hast nimmt mich mit ein bisschen in Euer Zimmer
    liebe Grüsse
    Elisabeth

  8. Fraki sagt:

    irgendwie hat mir ja fast bisschen was gefehlt,als du (Sie?) „nur“ die zu meinen Füßen Reihe gemacht hast 🙂

  9. conny sagt:

    Sag mal, hat dein Sohnemann da echte Schmetterlinge im Bild?

    • kirschkernzeit sagt:

      Ja. Aber keine Bange; die sind alle ganz schrecklich alt und vom Trödler! Wir lieben Schmettis viel zu sehr um sie aufzuspiessen oder den illegalen Handel damit zu unterstützen… Aber schön sind sie, nicht wahr?

  10. Pingback: ein Bild erzählt | Kirschkernzeit

  11. papillionis sagt:

    Die Farben der quilted Überwurfsdecke sind toll! *schwärm*

    Liebe Grüße,
    papillionis

  12. Raniso sagt:

    Puh, nach längerer urlaubsbedingter Medienabstinenz (hat das gut getan!!) bin ich wieder auf Blogrunde und schmöckere in Verpasstem. Ein toller Post, der so viel Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt… Also dich als Mama hätte ich auch gerne 😉
    Ganz liebi grüäss und knuddel, anja

  13. Frederike sagt:

    Was für ein schönes Zimmer, und wie gut ihr die Dachschräge ausgenutzt habt (ich kämpfe immer noch mit denen in meiner Wohnung…) Der Quilt auf dem Bett deines Jungen – auch wenn man ihn nicht ganz erkennen kann – ist ein Traum!! Hast Du ihn selbst gemacht?
    Ganz viele Grüße und warme Gedanken,
    Frederike

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