Wochen-Ende: im Fluss

Manchmal komme ich mir vor, als würde ich mitten in einem reissenden Fluss stehen, barfuss, und die Strömung zerrt an mir, greift um meine Füsse und Beine und versucht mit aller Kraft, mich mit sich zu reissen.
Ja, das bin ich, wie ich hier stehe, mit beiden Beinen in meinem Leben, ich, einfach ich, hier und jetzt. Wo Kinder eigentlich permanent, an meinem Rockzipfel zupfen oder mir Dinge zurufen, Fragen stellen, Bedürfnisse anmelden, Geschichten erzählen, mir ein neues Lieblingsbuch entgegenstrecken oder ihr blitzendes Milchzahn-Lächeln zeigen, das ich um nichts in der Welt unerwidert lassen möchte. Wo Wäschezainen sich füllen und füllen und füllen und der Kühlschrank sich leert und leert und leert und Dinge niemals länger als 5 Minuten (so scheint es) an ihrem Ort bleiben. Wo aus einem entspannten Miteinander in einem einzigen Augenschlag der allergrösste Kinderkrieg entbrennen kann, mir Gekreische, Wutgeschrei, Fluchtiraden und bitteren Tränen- und dann genauso urplötzlich wieder friedliche Stille herrscht (Manchmal. Immerhin), als wäre rein gar nichts geschehen. Wo alles in Bewegung und fast gar nichts so richtig vorhersehbar ist. Für mich. Weil hier Menschen wohnen, grosse und kleine, und weil auch ich, die Radnabe in diesem grossen, dynamischen Ganzen, die alles zusammenhält, durch und durch menschlich bin.
Ja, manchmal komme ich mir vor, wie inmitten eines reissenden Stromes. Ich spüre es zerren und ziehen, diese ganze Ur-Gewalt menschlichen Daseins, konzentriert in einer Familie, und ich habe das Gefühl; sobald ich aufhöre, präsent zu sein, präsent und selber Bewegung, verliere ich das Gleichgewicht und werde mitgerissen. Die Kinder fallen über mich her wie Raubtiere zur Fütterungszeit, die Wäscheberge explodieren, wir leben von Dosenravioli, Milch, Käse und sonst nichts, die Schnecken wüten in unseren Gemüsebeeten, die Zimmer sehen aus wie nach einer Kneipenschlägerei, die Kinder genauso, während es brüllt und lärmt und die Welt untergeht im Hause Kirschkernzeit.
Ein einziger Alptraum.

Doch manchmal, da wage ich es. Ein klitzekleines bisschen. Ich schliesse kurz einmal die Augen … und lasse mich fallen, treiben, von der Strömung mit sich tragen …
Ich schlage jeden aufkeimenden Hausfrauen-Perfektionismus, jeglichen Erziehungs-Ehrgeiz in den Wind und … stürze mich ins Leben. In ein intensives, mitreissendes und trotzdem irgendwie entspanntes Wochen-Ende…

Mein Wochen-Ende

: das Licht betrachten, das durch die Jalousien fällt, eine volle Minute lang, dem trommelnden Regen zuhören und da sein, dankbar sein, für das Wasser vom Himmel, für das Licht, die Geborgenheit eines Daheims :

: die Kinder Kinder sein lassen, ein bisschen Streit ertragen (es versuchen, zumindest, obwohl das schwer fällt), und den Frieden feiern und geniessen :

: selbstgemachte Geschenke einpacken für Omas Geburtstag, ein paar letzte Schliffe, Papier und eine Schleife drumherum. Ganz besondere Momente mit meiner kleinen Schar, die ganz furchtbar stolz und aufgeregt ist vor lauter Freude und Ungeduld. „Ich han so gärn wänn Burtstag isch!“ erklärt mir mein Mädchen eins ums andere Mal mit hochroten Backen („Ich hab so gern, wenn Geburtstag ist“). Ich auch, mein Kind, oh ja, ich auch :

: Perlen zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen. Mit Kinderfingerspitzengefühl, viel, viel Geduld, Fantasie und etwas Hitze aus der Steckdose. Auch das ist Kinderkunst. Und ich liebe sie. Keine Frage:

: reisen, gemeinsam, einmal zum Gottesdienst und zurück, mit Abstecher zu einem ganz, ganz besonderen Fleckchen Erde. Zum Luftschlösschenbauen. Tief durchatmen. Nichts erwarten. Aber alles erhoffen :

: den Tag im Garten verbringen. Die Sonne geniessen. Die Wolken willkommen heissen. Wissen, dass es wieder regnen wird, wahrscheinlich, und dass dieser Sommer ein Sommer ist, ein kalter, nasser, unbeständiger zwar, aber ein Sommer, nichtsdestotrotz :

: von Kinderhand gepflückte Wiesenblumen einstellen und beim Kaffeetrinken davon träumen, eines Tages einen richtigen Bauerngarten zu haben (und bittedanke den grünen Daumen gleich dazu!), mit üppigen Blumenrabatten, duftenden Rosensträuchern und Ringelblumen, Mohn, Sonnenblumen und Margarithen überall zwischen den Gemüsebeeten :

: in einem neuen Schatz stöbern und blättern und die Zeit dabei vergessen: „Sommerleben“ hat tatsächlich noch den Weg zu mir gefunden (ganz zauberhaft verpackt, wie ihr auf Bild 3 sehen könnt), obwohl es schon lange Zeit vergriffen ist. Eine aufmerksame Leserin hat meinen Hilferuf in einem meiner Posts (in diesem hier, nehme ich an) vernommen und mir ihr Exemplar „Sommerleben“ angeboten. Ein Wunder! Und eine riesengrosse Freude für mich. „Sommerleben“, ein Traum von Shabby Chic, nordischer Kühle, Rosenbüschen, Flohmarktbummeleien und einem grünen, überwucherten Flecken Erde nur für mich ganz alleine… :

Es ist schon so, besonders produktiv war ich ja nicht in diesen Tagen (andere stricken halbe Pullover an einem Wochen-Ende). Der Kühlschrank wurde leerer, die Wäschetonne voller, das Haus auf den Kopf gestellt, und es gab, ganz wie vorhergesehen, Zank und Zoff und Geschwister-Rivalitäten. Aber nicht nur. Wo Schatten ist, da ist auch Licht, Frieden nach dem Donnerwetter, Gemeinsamkeiten neben den Differenzen, Nähe und Freiheit und wilde Schönheit. Es ist immer da. Irgendwo. Und, ja, die Welt steht trotzdem noch, trotz meinem Bad im reissenden Strom des Familien-Lebens…

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Dieser Beitrag wurde unter Dankbarkeit, Familienalltag, Themen-Reihen, Wochen-Ende veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

9 Kommentare zu Wochen-Ende: im Fluss

  1. Bianca sagt:

    Liebe Bora,

    du hast es genau auf den Punkt gebracht!! Es ist so wichtig, dass wir ´“Mütter“ immer im Fluss bleiben, uns nie von der Strömung der Familie (die ja teilweise richtige Tsunami-Intensität annimmt) mitreißen lassen. Treiben lassen ist super, aber eben nie davontreiben. Du kannst das Profane und Alltägliche sooooo unglaublich gut beschreiben, wow. ♥♥♥♥

    Alles, alles Liebe

    Bianca

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Bianca, dankeschön für diese netten Worte!!! Ich sitze nämlich grade hier -drei Minuütchen stibitzt und hoffe, die Kinder sind kurz friedlich 😉 – lese meinen POst zum 5. Mal durch und möchte am liebsten nochmals schleifen daran, Sätze umformen, umtexten… Ich habe immer Angst, „falsch“ zu schreiben. So dass keiner mehr versteht, was ich sagen wollte (ähm, was wollte ich überhaupt sagen? Diese Still-Hormone…). So dass es zu lyrisch ist und nur noch gehaltlos zum Schluss. Oder so dass es zu simpel klingt und nicht mehr lesenswert… Danke, dass du mir ein bisschen Unsicherheit nimmst mit deinen vielen ermutigenden Kommentaren! Das ist GOLD wert! Und mein Post bleibt -dank dir- heute wie er ist 😉

      • brigitte sagt:

        Bei mir ist es so: Wenn ich sehr lange an einem Text herumfeile (das dauert auch bei mir immer ewig), habe ich irgendwann immer weniger Gefühl für seine „Echtheit“. Arbeit am Text ist gut und macht auch Freude, aber es gibt einen Punkt, da bin ich nicht mehr „drin“, da fühle ich das, was ich sagen möchte, nicht mehr, sondern betrachte es nur noch von „außen“. Spüre nicht mehr, ob das, was da steht, authentisch ist oder eben nur ein „Text“. Dann aufzuhören und einen Rest von Unvollkommenheit stehenzulassen, kostet mich Überwindung, aber nur so bleibt das Geschriebene „meins“, unperfekt wie ich selber, verletzlich, angreifbar, aber lebendig.
        Und ein Blog ist auch kein Buch, sondern ein Stück Leben. So wie es jetzt gerade ist. Morgen würde ich manches vielleicht ganz anders sagen – aber für heute stimmt es so .
        Bleib wie du bist – du bist (und schreibst) ganz unverwechselbar!

  2. wie schön du von meinem wochenende schreibst! *lach*

    “ sobald ich aufhöre, präsent zu sein, präsent und selber Bewegung,…“ – das ist so ungeheuer anstrengend! wie machen es die männer, einfach alles laufen zu lassen und ihren eigenen kram zu tun, ohne sich um den reißenden fluß zu kümmern? vielleicht geht das nur, weil sich ja die frauen um den reißenden fluß kümmern?

    ich wünsch dir einen schöne gute woche!
    alles liebe

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, du ahnst ja gar nicht wie oft ich mich DAS schon gefragt habe! 😉 Mein Mann sagt manchmal zu mir: „Hey, lass doch das alles einfach liegen und ruh dich ein bisschen aus“- und ich frage mich „EINFACH???! Was um Himmels Willen ist daran EINFACH?“ Ich weiss ja, wenn ich die Küchen so verkommen verlasse, werde ich sie nicht nur genauso verkommen wieder antreffen, sondern sogar noch SCHLIMMER, und das wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt, wo ich das ganze Chaos schon halbwegs vergessen habe und mich auf ein Tässchen Kaffee freue und dann total erschlagen werden, kaum komme ich durch die Tür… Vielleicht liegt das einfach daran, dass die meisten Männer das Zuhause wirklich nicht als persönlichen Verwantwortungsbereich empfinden, sondern als Ruheinsel?

  3. lena sagt:

    ganz klar wirken deine texte auf mich.klar und doch voller herz und gefühl……

  4. nula sagt:

    Liebe Bora,

    was für ein wunderschönes Wochenende!

    Dieses im Fluss sein, ist schon eine Kunst, die mal mehr, mal weniger gelingt.
    Danke fürs Teilhaben lassen, so erlebe ich dass eigene Ringen, um mein im Fluss sein, eingebettet in das Ringen vieler anderer, die eben dies VERSUCHEN und denen dies gelingt.

    Liebe Grüße
    Nula

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.