Babyspeck und Huck Finn

OhmeinGott. Ich sag’s ja nicht gerne, ehrlich nicht, denn lange genug haben wir ihn uns doch herbeigesehnt, den Sommer, und nun wo er endlich da ist, möchte ich mir meine Dankbarkeit so lange wie möglich bewahren… Aber. Es. Ist. Heiss. Nicht mehr nur warm, nein heiss, heiss, heiss. Und das ist auch gut so. Denn, ja, so ist er, der Sommer, so schmeckt er, salzig, verschwitzt, nach Eiscreme und Paprika Chips und eisgekühltem Espresso mit ein klein wenig Zucker und viel Milch und noch mehr Eiswürfeln. Wenn ich aus dem Pool steige, rinnen mir eisblaue Tropfenperlen ins Gesicht. Sie glitzern auf der Haut meiner Kinder, zeichnen unter ihren Füssen Spuren auf dem glühend heissen Boden.
Ich mag ihn, den Sommer. Nicht immer, denn im Grunde meines Herzens bin ich ein Herbst-Kind, aber im Moment, da liebe ich ihn, so wie er ist, heiss wie ein Backofen, hell und einnehmend, mit allem drum und dran.

Trotzdem. Es ist heiss. Ich sitze hier auf meinem Sessel, in meiner kleinen Büro-Ecke, summe ununterbrochen diesen Song hier vor mich hin, und tippse auf meiner Tastatur diesen Post hier, aber innerlich liege ich bereits im Bett auf einem kühlen Laken und lasse mir vom Ventilator Luft zufächeln, wie eine edle Dame in den Tropen der Kolonialisierungs-Zeit… Ich kann mir gar nicht recht vorstellen, jemals wieder ellenlange Blogposts zustande zu bringen, ohne dabei in der dämmrigen Abendhitze über meiner Tastatur einzuschlafen. Die Sonne macht schläfrig. Und ein Tag mit vier sonnenhungrigen Bade-Ratten tut sein Übriges dazu, um mich wie eine tote Fliege in meine Kissen sinken zu lassen…

Was ich definitiv nicht mag am Sommer; Wenn die Hitze nachts alles niederdrückt. Wenn ich nicht auskomme ohne frische Luft von aussen und die Strasse abends dröhnt vor Motorenlärm, so dass das Baby aufwacht und weint und kaum wieder einschlafen kann, weil es so schwitzt. Oder wenn die Pensions-Gäste vom Hotel vis-à-vis bei offenem Fenster bis morgens um vier in voller Lautstärke fernsehen, so wie letzten Sommer zum Beispiel, als ich hochschwanger nachts wachlag und unfreiwillig quer über die Strasse irgendwelche Gangster-Filme mithören musste. Ich mag keinen Sonnenbrand, ich mag keine Sonnencreme und ich mag es nicht, wenn der Schweiss einem die Haut verklebt. Das Thema Sommerkleidung bereitet mir jedes Jahr aufs Neue Kopfzerbrechen. Zum einen möchte ich mich und meine Kinder vor der Sonne schütze, so gut es geht, zum anderen aber möglichst viel Luft an unsere Haut lassen, und ein bisschen hübsch aussehen würde ich natürlich auch ganz gerne, im Sommer vor allem, wo es auf den Strassen nur so wimmelt von Schönheits-Königinnen im Mini mit wallendem Haar und Bronze-Teint. Ich dagegen sehe sommers genauso blass aus wie immer, nur wirke ich noch blasser, weil der braungebrannte Rest der Welt mein Käsegesicht noch stärker hervorhebt, genauso wie all die schönen, kräftigen Waden unter ihren Shorts meine Hühnerbeinchen wie Karikaturen aussehen lassen.
Ich trage nie Shorts. Auch keine kurzen Röcke. Darin würde mich keiner mehr ernst nehmen. Und als Mama bin ich doch angewiesen auf ein gewisses Mass an autoritärer Würde *grins*.
Das Problem haben meine Kinder gottlob ja nicht. Die tragen Shorts und Kleidchen und sie sehen kerngesund und wunderhübsch aus damit. Nur bei meinem Babykind mache ich mir ab und zu Gedanken, was ihr wohl gut tun würde bei so viel Sommer…


Möglichst wenig auf der Haut? Oder eben doch -gerade nachts, wo sie oft mit schweissnassem Köpfchen neben mir im Bett liegt (und das ganz ohne Decke)- etwas Dünnes, Weiches, das viel Feuchtigkeit aufnimmt? Jersey oder Baumwolle? Oder am besten Seide? Aber die ist so leicht durchgescheuert an den Knien, und genau dort braucht sie auf jeden Fall ein bisschen schützenden Stoff, denn mein Baby ist ein Krabbelkind, fast ständig in Bewegung -wenn sie nicht bei mir auf der Hüfte sitzt- und im Moment sehr gerne auf allen Vieren unterwegs… Ich glaube beim Anziehen eines Kindes ist es wie mit allen anderen Mama-Themen auch: Es hilft, wenn man seinem Herzen vertraut. Wenn man sich auf das Kind vor einem konzentriert, beobachtet, sich einfühlt, nachfragt, Nähe zulässt, wieder beobachtet… Selbst ein neugeborenes Baby gibt einer Mutter so viele Signale und Möglichkeiten, sein Wesen und seine Bedürfnisse kennen zu lernen, und ich glaube fast, diese besondere Art, intuitiver Kommunikation gehört mit zum Schönsten und Berührendsten, was wir erleben dürfen in dieser ersten Zeit eines noch ganz jungen Lebens.

Als der Sommer kam, hatte ich plötzlich das Bedürfnis, Hosen zu nähen. Sommerhosen. Für mein Mädchen, aber auch für mein Babykind, das gar nicht aufhören will, aus seinen Sachen herauszuwachsen (Muss es auch nicht. Obwohl… könnte sie nicht wenigstens ein klein wenig länger Baby bleiben? Bloss noch ein bisschen…) Ich wollte etwas Leichtes, sehr Bequemes und trotzdem Robustes, das auch unseren Dielenböden und Feld, Wald und Flur standhält. Keine Baumwoll-Strickhosen also. (Die müssen warten, bis das Kind läuft) Dafür solche aus unkomplizierter Baumwolle, am besten mit nur wadenlangen Hosenbeinen, so, dass sie lang genug sind, um die Knie vor dem Wundscheuern zu bewahren, aber noch so kurz, damit der Wind über die erhitzten Babybeinchen streifen kann. Nichts geht über eine feine Briese an einem Tag voller Sonnenschein, oder? Und nichts geht über Babyfüsschen mit Knubbelringen, richtig?

Die „Huck Finn Pants“ aus „Weekend Sewing“  (auch als Taschenbuch erhältlich) ist für diesen Zweck einfach perfekt, finde ich. Der Schnitt wirkt klassisch und irgendwie „angezogen“, und ich mag seine Einfachheit, den bequemen Gummibund und die sauber vernähten Nahtzugaben, die mit einer zweiten Naht direkt am Hosenbein versäumt werden und so nicht mehr kratzen oder fransen. Eine schlichte Hose, die Babys noch knuddliger aussehen lässt, als sie ohnhin schon sind- falls das überhaupt möglich ist. Ich glaube, es liegt am verkürzten Hosenbein, ganz ehrlich, die Art und Weise, wie es beim Sitzen oder Krabbeln hochrutscht und dabei diese unwiderstehlichen, kleinen Babyspeck-Röllchen sichtbar werden lässt…

Ich glaube, davon brauch ich noch mehr.
Babyspeck und Huck Finn Pants. Am allerbesten gleich in Kombination…

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9 Kommentare zu Babyspeck und Huck Finn

  1. Raniso sagt:

    Mir gefiel vor allem die sonntägliche Kombi sehr gut, wirklich zum knuddeln!
    Und Babyfüsschen, hach, ich könnt sie fressen 😉
    Ganz liebi hitzigi grüäss, anja

  2. Jana sagt:

    Liebe Bora,
    ich schick dir ein Gedicht, das irgendwie passt 😉
    Auch wir haben hier ja Sommernächte + Straßenlärm …
    Liebste Grüße
    Jana

    Mascha Kaléko
    Langschläfers Morgenlied

    Der Wecker surrt. Das alberne Geknatter
    Reißt mir das schönste Stück des Traums entzwei.
    Ein fleißig Radio übt schon sein Geschnatter.
    Pitt äußert, daß es Zeit zum Aufstehn sei.

    Mir ist vor Frühaufstehern immer bange.
    … Das können keine wackern Männer sein:
    Ein guter Mensch schläft meistens gern und lange.
    — Ich bild mir diesbezüglich etwas ein …

    Das mit der goldgeschmückten Morgenstunde
    Hat sicher nur das Lesebuch erdacht.
    Ich ruhe sanft. — Aus einem kühlen Grunde:
    Ich hab mir niemals was aus Gold gemacht.

    Der Wecker surrt. Pitt malt in düstern Sätzen
    Der Faulheit Wirkung auf den Lebenslauf.
    Durchs Fenster hört man schon die Autos hetzen.
    — Ein warmes Bett ist nicht zu unterschätzen.
    … Und dennoch steht man alle Morgen auf.

  3. Oh so luftige Hosen wünsch ich mir auch. Für mich und mein noch-ein-paar-Tage-Baby. Diese Temperaturen inspirieren zum Nähen, aber bis ich mir was lustiges gewerkelt haben werde ist wahrscheinlich schon Frost.

    Ich hatte schon gehofft dass Du mal wieder euren Naturtisch zeigen würdest. Naja, vielleicht ein bisschen mehr als aus Krabbler-Blickwinkel?!

    Ganz liebe Grüße! Von einer die gerne in der Kälte sitzt.

  4. Thank you Bora, for reminding me about that pattern! I was thinking of making my baby boy another, this time un-lined pair of Quick Change Trousers, because as he is still crawling those knees need some protection, but those would be quicker and do the job just perfectly. I’m off to make some now. Your are GORGEOUS x love Hannah

  5. Sorry – I meant YOURS are gorgeous! (but, as one tired fellow mother to another, who knows how un-gorgeous we can often feel), you are too!

  6. Galina sagt:

    In diesen Tagen trage ich am liebsten Kleider oder ganz Weite Lein Hosen .Du hast eine ganz tolle Hose genäht ich habe auch ganz viele davon .Ich wünsche dir einen SCHÖNEN TAG

  7. Clara sagt:

    Hallo Bora!

    Seit langem melde ich mich wieder mal in einem Kommentar. Ich lese jeden neuen Post von dir, bin aber immer so mit dem Kind eingespannt, dass für einen Kommentar einfach keine Zeit mehr bleibt. Und in zwei Monaten erwarten wir unser zweites Kind.
    Ich bin immer wieder dankbar von dir zu lesen, weil du mir irgendwie immer wieder deutlich machst, dass jede Situation zu meistern ist und das Leben schön ist wie es ist (manchmal fehlt einem nur der Abstand um das zu erkennen!).

    Ja und heute kam ich, durch dich ermutigt, endlich dazu mich an den Tisch zu setzten, einen Hosenschnitt zu machen und eine Sommerhose für mein Mädchen zu nähen. Es sind dann auch gleich zwei geworden 😉 Sommerhosen kann man ja nicht zu viel haben.

    Ganz lieben Gruß
    Clara

    • kirschkernzeit sagt:

      Find ich doch super, dass du das geschafft hast! Ich weiss schon, wie das ist, mit so einer kleinen Maus am Rockzipfe, und ich bin einfach glücklich und dankbar, dass du noch immer gerne bei mir liest; mach dir bittebitte keinen Druck mit Kommentieren! Ich schaff das auch kaum, wenn ich mal zum Blogs-Lesen komme… Liebe Grüsse und nur das Allerbeste für die 2. Geburt!

  8. Jawohl, wir brauchen Babyspeck! J hat auch wunderbar viel Babyspeck – der so toll ist, dass sogar fremde Menschen in der Straßenbahn hingreifen, was ich wiederrum nicht so toll finde. Vielleicht würde da ja so eine luftige Sommerhose auch helfen? Dann locken nur noch die schnuckeligen Specki-Arme 😉

    Aber du hast recht, das Anziehen ist keine einfache Sache, an solch heißen Tagen, wo das Kind schwitzt und klebt… und man selbst 3 mal am Tag unter die Dusche hüpft, aber nicht weiß, ob das der zarten Babyhaut auch gut tut… Wir haben hier jedenfalls mal ein paar Tage Pause vom Hochsommer, da kann man mal wieder richtig durchatmen – ich freu mich drauf!

    Alles Liebe, Selina

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