Wiederholungs-Täterin

Kein Post gestern. Wieder eine Lücke im Kirschkernzeit-2-Tages-Rhythmus. Aber der Tag war so schön, so üppig und einnehmend, dass ich abends, kaum schliefen die Kinder, neben dem Baby ins Bett plumpste und gar nicht mehr aufstehen mochte… Das aufkommende Gewitter streifte meine müden Füsse, kroch als kühlender Luftzug durch die offenen Fenster durchs Haus und vertrieb die Hitze aus allen Ecken, während ich still und faul dalag und den Tag Revue passieren liess; Eine Schulreise für Kind1 (mit Highlight-Qualität), ein Kind2- Kindergarten-Ausflug zum Jäger in den Wald (unvergesslich), ein Treffen mit einer Freundin aus meiner Gymnasiums-Zeit (altvertraut und schön), Rendez-vous mit meinem Mann in der Stadt, nur ich, er (still No.1), die Sonne und das Babykind. Und dann nochmals ein bisschen Luftschloss-Bauen, wacklig wie es ist. Ich denke ja nicht, dass es hält, aber spannend ist es trotzdem. Und selbst wenn alles  ins Wasser fällt (wie schon so oft); der gestrige Tag war trotzdem gut zu mir. Sommerlaune pur, auch im Herzen, ein bisschen mehr Freiheit, ein wenig mehr Wärme, Licht, das, wohin man auch sieht, die Gesichter der Menschen erhellt, als wären wir alle kleine, auf der Erde wandelnde Monde, Wachstum, das Aufblitzen neuer Möglichkeiten… Das ist Sommer. Das alles. Und noch viel mehr.

Ich glaube, es war dieses sommerleichte Sommergefühl. Damals, als sich eine dieser heiss ersehnten, hellen Lücken auftat, ein schöner, sonniger Tag, umzingelt von lauter trüben Frühlings(?)-Tagen, die mir alles andere als Mai- oder Juni-haft vorkamen… Ich fühle mich grossartig und alles schien so vielversprechend unter der Sonne, leicht und einfach und als ich da diese Schale mit den Stoff-Resten der letzten paar Näh-Projekte im Wohnzimmer antraf, war mir mit einem Schlag klar, was daraus werden würde: ein sommerfrisches Log Cabin Kissen. So klar und luftig wie ein Tag am Meer (oder an Oma s Pool, in unserem Fall).

Vergangene Näh-Projekte haben eine ganze Reihe hübscher Stoff-Reste-Streifen zurückgelassen:  „Loulouthi Coreopsis“ (Anna Maria Horner) und „Woodland Party“ (Birch) von meinem gesmockten Kleidchen (das mein Mädchen noch immer nicht anziehen will, nope, keine Chance),  „Woodcut“ (Anna Maria Horner) aus der Fassung unseres 2. Walkissens , Kaffee Fassetts Punkte-Stoffe, wo die hellblau-weisse Variante zB. in das Bullerbü-Quilt-Kissen meines Mädchens wanderte, und klitzekleine Streifen-Stoff-Restchen aus Projekt #6 (auch Kaffee Fassett), ein wenig weisses und grau-weiss getupftes Leinen von den „Quick Change Trousers“ meines Babys und dann natürlich shocking pinke Baumwolle und die dunkelblauen Streifen  der letzten beiden Projekte. Alles frische Farben. Und klares Weiss. Das ist ohnehin immer zu finden in meinen Vorräten, wo alte Leintücher und Spitzen bereits die Deckel ihrer Boxen lüpfen, so viel hat Frau Kirschkernzeit schon angesammelt… *hüstel*

Aber ich horte nicht nur, ich verarbeite auch, jawohl. „Nein, ich bin keine Verschwenderin“, sage ich jeweils zu Kind1, wenn er wieder ungläubig vor einer weiteren Tasche oder einem Paket voller Stoffe (bzw. Wolle) steht. „Ich verschwende unser Geld doch nicht. Ich investiere es nur gut.“
Nun ja.
Bei diesem Kissen wollte ich jedenfalls vorbildlich sein und einzig mit dem arbeiten, was ich gerade zur Hand hatte. Und ich wollte starke Kontraste zwischen Hell und Dunkel, scharf geschnitten wie Sommerschatten, aber all diese Log Cabin Spielregeln in Sachen Farbton-Platzierung, die warf ich getrost über Bord. Mit Farben Spielen macht (mir zumindest) einfach viel mehr Spass als Malen nach Zahlen, und ich hatte solche Lust, mal wieder direkt aus dem Bauch heraus drauslos zu puzzlen…
Frau Kirschkernzeit im Rausch. Mit Log Cabin und Sommerfarben. Das Paradies auf Erden…

Für die Rückseite des Kissens habe ich ein altes, ganz besonderes, weisses Leintuch ausgewählt, eines, wie es mir bisher erst einmal begegnet ist: Es wurde aus 5 verschiedenen, weissen Stoffen zusammengesetzt und noch von Hand gesäumt, eine Art Patchwork-Leintuch also, mit einem kleinen, feinen, knallroten Monogramm darauf. Die Stoffe sind alle ganz unterschiedlich, mal dicker, mal dünner, mal feiner, mal unregelmässig gewoben und abgenutzt, und als ich dieses Stück Bettwäsche so in der Hand hielt, um ein geeignetes Stück Stoff für mein Kissen heraus zu suchen, war ich mit einem Mal ganz ergriffen von der Sorgfalt und Sparsamkeit, die darin zu erkennen ist. Ich meine, was für eine Geschichte liegt wohl in diesem alten Tuch? Wer war die Frau, die sich sich nicht einmal genügend Stoff für ein Leintuch leisten konnte (oder wollte)? Wer war sie und wie war sie, und wie sah ihr Leben wohl aus, wann auch immer es sich abspielte? War sie eine Bäurin? Eine Küchemmagd? Witwe? Hatte sie Kinder? Wovon träumte sie wohl, wenn sie nachts unter dieses zusammengeflickte Leintuch schlüpfte? … Es ist immer dasselbe; da wo Spuren von Leben auftauchen in alten Textilien, alten Möbeln, Spielsachen oder Handwerks-Zeug, da beginnt sich das Gedankenkarussel zu drehen…

Das Kissen aber macht mir viel Freude. Es passt wunderbar ins blaue Zimmer zum Wal-Kissen meines Jungen, und es ist so sommerlich, leicht und optimistisch, dass es mich an gestern erinnert und an den verheissenen Sommer, auf den wir alle noch warten.

Heute hingegen ist es schon wieder kühl und windig, der Sommer scheint in weiter Ferne, auf und davon, durchgebrannt mit irgendeiner flattrigen Windsbraut. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, oder? So schnell nicht. Machen wir uns den Sommer! Ich hab mich jedenfalls mit meiner Mama verabredet für einen kleinen, netten Stadtbummel, das Babykind trägt seinen neuen Strickpulli und das Mädchen ihre Marine Hose, draussen füllt der erste Kopfsalat sein Beet (Wer soll das bloss alles essen?!), das Wochen-Ende steht vor der Tür und ich schiele die ganze Zeit schon mit einem Auge auf das kleine Häufchen Strickarbeit auf meinem Nacht-Tischchen (Geburtstags-Socken für Kind1. Noch 4 Wochen. Knapp. Hm…)
Mag es draussen auch kalt sein und grau; In mir ist Sommer, im Augenblick zumindest. Und ich glaube, darauf kommt es an schlussendlich, oder? Auf das, was wir im Herzen tragen…

PS. Wer Lust hat, seine Reste-Kiste zu plündern und eine gehörige Portion gute Laune zu tanken; Nikkis F-A-B-E-L-H-A-F-T-E Log Cabin Anleitung ist einfach unschlagbar (Danke, du Gute!). Ich jedenfalls bin süchtig danach. Und (das sehr ihr hier, hier und hier) Wiederholungs-Täterin aus Leidenschaft. Womit jetzt auch der Titel dieses Posts erkärt wäre…

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12 Kommentare zu Wiederholungs-Täterin

  1. Galina sagt:

    Ein Tolles Kissen , meine Tochter hat auch eins genäht ,bin sehr begeistert ,ich habe gerade Spaß beim Möbel streichen in Weis ,habe eine alte Kommode vom Schrot gerettet ,Ich wünsche dir ein Super Wochenende.

  2. Oh wunderbar! Kissenhülle hab ich ja auch auf der Liste, aber derart wild und bunt, das trau ich mich nie… ich bin motiviert über meinen Schatten zu springen, ja, das werde ich. So passt das ja auch einfach zu allem! Und ist bunt, wie ein guter Sommer.
    Herzlichen Gruß!

  3. Milena sagt:

    Liebe Bora
    Schön farbig ist Dein Kissen. Ich habe mir den Link angeschaut und ja, diese Art will ich auch mal ausprobieren. Bis jetzt waren meine Patchwork-Werke immer eine exakte Lektion Geometrie. Wehe, es stimmt nicht auf den Milimeter genau… Aber hier kann man einfach machen, nur mit dem Bügeleisen und Rollschneider bewaffnet. Egal, ob die Streifen zwei oder drei Zentimeter breit sind. Wunderbar (un)perfekt!
    Mit der Geschichte, die ein Stoff in sich hat… mmh… das möchte ich – ehrlich gesagt – gar nicht wissen. Es gibt ja auch jene, die Kopfkino betreiben, wissen möchten, wo das Möbeli stand, wer das Kleid getragen hat, welches Kind mit dem Spielzeug gespielt hat. Aber ich nicht. Das wäre nur unnötiger Ballast, den ich dann in mir herumtrage. Stell Dir vor, jemand erzählt mir von einem Schicksalsschlag von einer Person dessen Sache ich nun in den Händen halte. Die Freude wäre mir gerade verdorben. Wenn mir jemand erzählt, dass die Grossmutter darin die Lismete aufbewahrt hat – wunderbar. Mehr möchte ich aber bitte nicht wissen.
    Ich schaue mir lieber etwas an und finde es hübsch und kaufe es. Und lasse es gut sein.
    Liebe Grüsse
    Milena

    • Also gaaaaaaanz genau will ich das wohl auch nicht wissen… aber es bewegt mich schon, wenn ich weiss, dass da etwas, das ich nun benutze, Teil einer anderen Lebensgeschichte war, früher einmal, besonders,wenn dieses Ding handgemacht ist. Dann empfinde ich auch einen besonderen Respekt vor der Arbeit und der Sorgfalt, die darin steckt, weil mir klar wird; doch, da hat sich jemand Mühe gegeben, dieses Teil hier war ihm wichtig. So werden Kleinigkeiten wie ein Leintuch plötzlich wieder etwas ganz Besonderes für mich. Ich glaube, es geht ein bisschen in die Richtung; Ich merke einfach wieder, wie verbunden wir Menschen doch sind untereinander, und obwohl getrennt durch Zeit und Raum, doch irgendwie ähnlich, so im Kern… Ein Ur-Thema von mir, wahrscheinlich 😉 Endlichkeit und Menschenleben. Das macht mich manchmal total konfus. Gut, ist mein Alltag so bodenständig und simpel, da komme ich gar nicht erst zum lange-Grübeln 😉

  4. Rita sagt:

    Das Kissen und der Link dazu ist soo toll geworden! Ich liebe diess Unregelmässige sehr und ja, ich kann auch mal einfach ungenau arbeiten;)
    Da fehlen mir doch noch ein paar Kissen vom Schweden, damit ich die dann schön „anziehen“ kann.
    Wünsch Dir was Liebes und viel Sonne!
    Herzlich, Rita

  5. Raniso sagt:

    Ich glaube fast, dieses Kissen ist mein virtueller Favorit aus der Reihe Bora-und-LogCabin! Toll geworden. Und vielen Dank für den Anleitungs-Link, einfach genial!
    Liebi grüäss und knutscher, anja

  6. Melonengruen sagt:

    Ach Bora, wie bringst Du es nur fertig, solche Streifen als Reste zu haben, bei mir ist es oft ein totales Durcheinander der Stoffe, überall fehlt ein Teil;-)…kleine Fetzelchen, aber nie solche Streifen….
    Ein wirklich tolles Kissen, das man sicher noch einige Male machen kann!
    Liebe Grüsse
    Sara

    • kirschkernzeit sagt:

      Liebe Sara
      Ja, das war bei mir auch immer so mit den Stoffen- bis zu „Sunday morning quilts“, wo die Autorinnen erklärt haben, wie sie Stoffe horten, und ich muss sagen, ihr Trick ist einfach GOLD wert: man zerschneidet JEDEN Stoff, der übrig bleibt sofort wieder in ein viereckiges Stück, also man begradigt selbst den kleinsten Schnipsel und entscheidet, ob man ihn überhaupt nochmals brauchen kann und will, oder ob er weggeworfen werden soll. Die Autorinnen sortieren noch nach Farben, das hab ich (vorest) mal aufgegeben… Aber das mit dem Begradigen ist einfach super; man kann besser Stapel machen und ist so viel schneller beim Patchworken- das bringt gleich viel mehr Spass und Schwung ins Nähen. Ausprobieren, Sara, unbedingt! 😉
      liebeGrüsse!
      Bora

  7. Liebe Bora,…

    dein Kissen hat mich total inspiriert und ich habe seit glaube ich über einem Jahr die Arbeit an meiner Patchworkdecke wieder aufgenommen. Erst habe ich alles aufgetrennt und nun habe ich schon den ersten Block in 30×30 fertig und der Zweite ist auch kurz vor der Vollendung.
    Danke, für den Link.
    Wünsche euch einen schönen sonnigen Tag.
    Liebe Grüße FadenFräulein

  8. Nikki sagt:

    das mit der leidenschaft, dem spaß am durcheinander und besonders den geschichten dahinter liegt mir ganz nah am herzen. deshalb besonderen dank an dich, liebe Bora, dass du wie immer dafür die passenden worte findest:) ebenfalls total gern geschehen! lg, nikki

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