Ein Baby Raglan Pulli

Morgen ist der letzte Tag des grossen Drops Supersale. 35 Prozent auf eine ganze Reihe schöner, warmer Garne… und wisst ihr, wie viel ich eingekauft habe? Bloss 5 Knäuelchen. Ein Rekord in Sachen Zurückhaltung ist das. Aber immerhin; 5 Knäuel „Karisma“ haben es zu mir geschafft, bestimmt für eine kunterbunte Wintermütze nach demselben Strickmuster wie die „Sibirische Winter-Mütze“, die Herr Kirschkernzeit letzten Dezember von mir geschenkt bekommen hat. Meine Schwiegermama war nämlich vom Fleck weg verliebt in diese Mütze, fand sie dick und warm und kuschelig, und naja, solche Sachen sieht man gern, Leute die mögen, was man macht und kleine Wünsche mit Blick auf deb Strick-Korb äussern (die man natürlich nur zu gerne erfüllt)…
Jedenfalls liegen nun 5 Knäuel „Karisma“ bei mir, in ganz untypisch leuchtenden Farben. Nur 5 Knäuel. Nicht mehr. Dabei bin ich Drops-Käuferin. Eine ganz begeisterte sogar. Aber ich glaube, so langsam, langsam entdecke ich, wie gross und vielfältig die Welt der Garne im Grunde ist, bevölkert und bereichert durch so viele verschiedene Garn-Sorten diversester Garn-Labels…


Irgendwann im Februar, glaube ich, als ich es nach langer Zeit wieder einmal in die Stadt geschafft hatte, fand ich mich plötzlich im kleinen, hiesigen Woll-Laden wieder, vor einem Regal mit absolut hinreissendem Garn, einer Mischung aus Baumwolle und Leinen, in den herrlichsten Farben; dieser Handspun-Charakter, unregelmässig aber fein und dabei -im Gegensatz zur Bourette-Seide, die ich in meinen letzten Projekten (1 Mal „Kanoko Pants“ und 1 Mal „Pebble Vest“) verstrickt habe- sehr, sehr robust. Widerstand zwecklos. 4 Knäuel  “ Samea“ (von „Lang Yarns“, in der Farbnummer 806.0015) mussten mit. Und ich habe es keine einzige Sekunde lang bereut. Ehrlich.

Eine kleine Weile lang hatte ich sie auf meinem Büro-Tisch liegen, gleich neben dem Laptop, immer in Griff- und vor allem in Sichtweite. Um mich daran zu erinnern, dass sie auf ihre Bestimmung warteten. – Aber natürlich auch deshalb, weil ich sie mir einfach gerne ansah, so zwischendurch. Wie Kaffeepause für die Augen.
Und irgendwann dann, dank Ravelry, fand ich das perfekte Projekt für dieses (ebenso perfekte) Garn: Den „Baby Raglan Pulli“ von Ela-strickt, einen wunderschönen, schlichten Kinderpullover!

Als erstes fiel mir bei dieser Anleitung auf, wie kurz sie ist: Knappe 2 Seiten nur, mit viel Raum auf zwischen den Zeilen, prima beschrieben und schön übersichtlich dargestellt. Ich dachte: „Was so einfach klingt, kann wohl nicht so schwer sein, oder?“ und wagte einen verwegenen Sprung ins eiskalte Wasser. Denn; einen Raglan-Pullover hatte ich noch nie zuvor gestrickt…

Die Arbeit floss nur so zwischen meinen Fingern hindurch. Da dieser Pulli von unten nach oben gestrickt wird, hatte ich jede Menge Zeit, mich mental auf das Abenteuer „Raglan“ vorzubereiten und zuerst einmal die schöne Struktur des Garns zu geniessen. Ein Garn zum ersten Mal zu verstricken, ist immer wie… eine Art Reise für mich, wo ich alles zum ersten Mal sehe, zum ersten Mal spüre, eine Forschungs-Reise für die Sinne, ins Land der Farben und Strukturen, die niemals, niemals ihren Reiz verliert…

Anders als bei den meisten Raglan Pullis werden die Ärmel vom Bündchen her rund gestrickt und dann auf Achselhöhe in das Körperteil eingearbeitet. Ich war zeitweise etwas verwirrt von all den Markierungs-Fäden auf meinen Nadeln (bittebitte nehmt euch bei Raglan-Projekten die Zeit, um wirklich alle Markierungen sorgfältig und genau einzusetzen. Sie sind absolut Gold wert und vereinfachen einem die Arbeit enorm!). Aber irgendwann schaffte ich es durch den ganzen Faden- und Zähl-Dschungel und sass dann plötzlich da, ein bisschen plemplem von der ganzen Konzentriererei (tolles Wort, nicht?), ein wenig erschöpft und wie vom Donner gerührt, vor allem aber sehr, sehr glücklich- mit einem waschechten, kleinen Raglan Pullover in meinen Händen.

Einzig der Kragen stellte sich noch etwas quer. Ich weiss nicht genau, woran es lag, ob an der für mein Baby noch etwas zu grossen Grösse (80/86) oder vielleicht an meiner Strickfestigkeit, jedenfalls wirkte der Hals-Bereich irgendwie ein kleines bisschen zu kurz und gleichzeitig zu weit, so als würden da ein paar Zentimeter fehlen zwischen Schulter und Hals. Das Garn ist nicht unbedingt Sommer-tauglich, trotz dem Leinen und der Baumwolle. Es ist eher dick und schwer (fast 200 gr.), und ich fand, eine Pullover wie dieser könnte einen hoch-geschlossenen Kragen ganz gut vertragen…
Nun, an sich sträubt sich ja alles in mir, wenn ich eine fertige (und hier auch bereits verstätete) Arbeit wieder auflassen soll, aber dieser Pulli machte mir so viel Freude, und die wollte ich mir einfach nicht trüben lassen… Also aufribbeln, nicht viel, bloss die 5 letzten Runden Kragen-Rippchen und nochmals 5 Runden, damit Platz frei wurde für ein paar Abnahmen zuästzlich (für einen engeren Hals-Ausschnitt) und für etwa 5 glatt rechte Extra-Runden nach den Abnahmen, damit der Kragen höher wird. Leider habe ich mir die einzelnen Schritte nicht notiert, aber auf alle Fälle gab es zum Schluss noch 72 Maschen abzuketten, und ich erinnere mich, dass ich nach dem Auflassen anstelle der vorher benutzten Nadel Nr. 3.5 ein Nadelspiel Nr. 4 verwendet habe, für ein bisschen elastischere Maschen.
Und ja, wie schön, es passt!

Ich mag diesen Pulli wirklich unglaublich gerne. Und ich mag dieses Garn, diese Farbe irgendwo zwischen Haselnuss und Caramel. Irgendwie sieht mein Baby so weich aus darin, so richtig zum Verknuddeln weich und warm und kuschlig und zum Fressen süss (Ne, ich knabber sie schon nicht an. Obwohl ich alles Süsse liebe. Höchstens vielleicht ganz, ganz sanft und vorsichtig…)
Das Problem bei all diesen heissgeliebten Babysachen ist immer; eines (gar nicht mal allzu fernen) Tages, werden sie zum letzten Mal angezogen. Und dann schweren Herzens weggepackt. Und noch schwereren Herzens eingemottet. *seufz* Babys wachsen einfach immer viel zu schnell, oder? Und da ist im Moment so gar kein Geschwisterchen, das die abgelegten Lieblings-Stücke meiner Kleinen dann nachtragen könnte… Ich glaube, wir Strickerinnen müssten mindestens 10 Kinder haben. Oder Enkel gleich im Anschluss. Oder gleich beides zusammen!

Naja, der Haselnuss-Caramel-Raglan-Pulli wird dem Babykind immerhin noch eine Weile passen. Ich habe den ganzen Pulli etwa 1-2 cm länger gestrickt, im Moment krempel‘ ich die Ärmel noch hoch, und falls der Kragen dann doch noch zu eng werden sollte- was soll’s, lassen wir ihn eben nochmal auf. Und wenn er dann eines Tages tatsächlich nicht mehr passt… Mal sehen, was dann kommt. (Falls ich anfangen sollte, mir Babypuppen in Lebensgrösse zu kaufen, wisst ihr wenigstens warum…)
Festhalten lässt sich diese Zeit nicht, nein, keine Sekunde davon bleibt für länger. Aber geniessen kann ich, sehen und fühlen und dankbar bleiben für den einzigartigen Zauber, den ich miterleben darf… Und immerhin; Das Stricken wird bleiben. Mein Weg, ein bisschen Liebe und Fürsorge greifbar zu machen und die, die ich liebe, in Wärme und Schönheit zu packen. Als Zeichen für das, was ich mit ganzem Herzen bin und bleiben werde, egal wie rasch meine Babys ihren Pullovern entwachsen; eine Mutter. Und eine Mutter bleibt eine Mutter. Ein ganzes  Leben lang.

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13 Kommentare zu Ein Baby Raglan Pulli

  1. ela sagt:

    Vielen herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag, die lieben Worte und die bezaubernden Fotos. Ich mag deine Version des Pullis sehr sehr gerne, die Farbe, den handgesponnenen Charakter, hach und ich freue mich einfach so, jemandem mit der Anleitung eine Freude gemacht zu haben. Ich hoffe, der Pulli passt noch ganz lange (mein Junge hatte ihn damals bestimmt ein halbes Jahr getragen, und nun ist er schon 3,5 … und den Pulli trägt nun seine kleine Schwester, die allerdings auch bald herausgewachsen ist …) und ja du hast Recht, wir Strickerinnen brauchen mindestens zehn Kinder 😉 herzliche Grüsse, ela

  2. Kristina sagt:

    Ach Bora… Was soll ich sagen? Vielleicht Danke – einfach nur Danke… Für Deine Gabe, alles irgendwie immer in Worte fassen zu können, in ganz wunderbare Worte und zauberhafte Bilder. Vor allem die letzten Sätze haben mich sehr berührt.

    Auch wenn das mit dem Stricken bei mir (noch) nicht ganz so hinhaut (weil ich die langsamste Strickerin bin, die die Welt je gesehen hat!) so werden meine Kinder gerne benäht. Zum Glück lassen sie es (ebenfalls noch!) zu. Aber mein Mama-Herz hat ein bisschen geblutet, als mein Grosser neulich lieber ein Superhelden-Shirt anziehen wollte als das mit meinem applizierten Schiff. Vielleicht klappt das mit dem Stricken irgendwann mal, denn auf Socken müssen keine Superhelden drauf sein, die müssen wärmen – das ist meine Chance!!!

    Viele liebe Grüße
    Kristina ♥

    P.S.: Und lass Dir eines gesagt sein (bevor Du jetzt wieder damit kommst von wegen, dass auch Du eine Furie sein kannst und so weiter *zwinker*): auch wenn ich ein grosser Fan Deiner Buchvorstellungen bin, Du stehst all denen in nichts nach. An so einem Kirschkernzeit-Buch würde ich auch Freude haben, ganz bestimmt. 😉

    • kirschkernzeit sagt:

      Och menno… so lieb! Ich herz dich nun mal zurück, ja, und das mit dem Herzbluten, das kenn ich auch… Manche meiner liebevoll gemachten Stücke wandern ziemlich schnell irgendwo in die hintersten Gefilde des Kinderschrankes und stauben da vor sich hin… Vielleicht tut uns ja deshalb dieses www so gut? Weil wir hier Frauen finden, die genauso fühlen wie wir und die eigentlich immer ein nettes Wort für uns finden… Gaaaaaaanz liebe Grüsse!!!
      PS. Danke für das mit dem Buch! Schön, so was zu lesen…

  3. Galina sagt:

    liebe Bora wie schön du das gesagt hast so warm und Göttlich .

  4. Katharina sagt:

    Ein wunderschöner Pulli in toller Farbe. Und so berührend deine Worte. Mich erfasst auch immer ein wenig Wehmut, wenn ich zu klein gewordenes wegräume. Noch wird alles aufgehoben. Für den Fall….
    Alles Liebe, Katharina

  5. Jenny sagt:

    Liebe Bora – auch mich haben vor allem Deine letzten Zeilen sehr berührt und total aus dem Herzen gesprochen. Es ist ein unvergleichliches Gefühl, wenn mein Sohn seine lila Strickjacke trägt, die ich nur für ihn gestrickt habe, in seiner Lieblingsfarbe, die er sich aber im Kindergarten schon nicht traut anzuziehen… Ist es nicht eigentlich traurig? Und auch die Wehmut des Größerwerden kenne ich natürlich nur zu gut….

    Die Babypuppen in Lebensgröße kannst Du dann ja bei mir in Auftrag geben, hihi. 😉

    Liebste Grüße,
    Jenny

    • Oh, darüber hab ich gerade heute nachgedacht, der Einfluss und diese „Vorschriften“, die schon im Kindergarten anfangen. Das ist ja echt mies, vor allem für die Strickerin. Selbstgestrickt sollte so ein Ansehen haben, dass es auf die Farbe gar nicht ankommt.

      Und Bora, jeden Tag wenn ich meinem Mädchen die Weste die meine Mama für mich gestrickt hatte anziehe rätsel ich darüber, ob sie wohl schon so weit gedacht hatte damals, als sie (leider ziemlich zum letzten Mal) die Nadeln hervorkramte. Ich bin die Jüngste, nach mir kam keiner der sie tragen konnte. Aber jetzt trägt sie schon das dritte Enkelkind. Ich rätsel oft darüber aber irgendwie trau ich mich gar nicht zu fragen, ich bin nicht sicher ob ich die Antwort wirklich wissen will.

      Die Wolle ist echt eine tolle Entdeckung überhaupt sind Deine Wollschätze echt tolle Stücke!

      Liebe Grüße!

  6. Micha sagt:

    Drops-Supersale… uuaah, fast verpasst – jetzt muss ich aber doch noch bestellen…. LG, Micha

  7. Too, too cute, Bora – I LOVE that sweater, and your little sweetie in it …. oh. my. goodness. You’re making me broody again, and my fourth baby is still a baby! I have to knit that sweater for Reuben – thanks for the inspiration! x Hannah

  8. Ramona sagt:

    Oh wie gemütlich! ich hab mir neulich auch Wolle bestellt für eine Jacke für den Sterngucker. Die Stricklust kommt wieder (und mit ihr hoffentlich auch Zeit dafür)

  9. Bianca sagt:

    Liebe Bora,

    erstmal ein ganz herzliches Dankeschön für deine tollen Anregungen zu so feinen Stricksachen ♥♥ Ich bin ganz verliebt in diesen Pulli!! Habe mir direkt gleich und sofort die Anleitung heruntergeladen und auch sofort ausgedruckt!! Im Moment bin ich noch schwer mit einem Rüschenschal beschäftigt, aber sobald meine Nadeln leer sind, werde ich mich wohl an diesen Wahnsinnspulli machen!! Mein Tag müsste eindeutig noch 12 Stunden mehr haben…du weisst schon was ich meine, oder?

    Ich grüße dich ganz lieb
    Bianca

  10. Wirklich süß sieht sie aus, die kleine kuschelige Maus im Pulli. Mir gehts mit den voller Herzblut genähten Sachen auch oft so, dass ich trauere, wenn sie nicht mehr passen. Momentan hoffe ich auf eine kleine Nichte im Herbst, an die ich sie erstmal weitergeben kann … 🙂

    Liebe Grüße,
    Doro

  11. Rita sagt:

    Das Pullöverli ist wunderbar gelungen und die Wollstruktur gefällt mir sehr! Die Kleine sitzt so geerdet in sich, hat was von Buddha;)
    Ich hab meinen Jungs zwei Pullunder gestrickt, die ich noch immer in ihrem Kleiderschrank habe…ich zögere es solange als möglich raus….
    Ich hab mit meiner Jacke angefangen…;) Mal sehen, wie’s geht;)
    Wünsche Euch ein ganz gutes Wochenende!
    Herzlich, Rita

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