Wunderkräfte

Ich weiss gar nicht genau, wann es anfing.
Der Morgen war fröhlich, verheissungsvoll, die Müdigkeit diskret im Hintergrund… wann also fing alles an? Das Hochschnellen meiner Augenbrauen, wenn eines der Kinder die Nase schon wieder sehr geräuschvoll hochzog und so tat als hätten wir nicht mindestens 200 Taschentücher im Haus (10 davon sogar bunte Stoff-Nastücher, die ich heimlich still und leise hier einziehen lasse, bis sie eines Tage *husch* ihre weissen Wegwerfkollegen gänzlich ersetzen… aber psst…). Meine Standpauken auf jedes Anzeichen von Geschwisterzwist hin, meine deprimierende Unfähigkeit, mich auch nur 10 Minuten lang richtig einem meiner Kinder zu widmen, mein Geschimpfe, mein Türenknallen, meine wachsende Verzweiflung über mein eigens Verhalten, die Schwere meiner Glieder, der Druck in meinem Kopf, der mir sämtliche Gedankengänge zu blockieren drohte, bis kaum mehr etwas durchzusickern schien, und ich leer war, leer…
Wann genau es anfing, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass es ein dummer Tag war. Surreal und verzagt, so ein trüber Tag, der mich hier beladen mir Schuldgefühlen ganz allein zurücklässt,
Manchmal wünsche ich mir, wieder klein zu sein, mich im Schoss einer Mutter zu vergraben, die gross und standhaft und ein Hafen der Sicherheit ist. Ein bisschen weinen und schniefen, um dann ihre Hand auf meinem Haar zu fühlen, die mir schwer, wie sie ist, alle Schuld und allen Kummer wegstreichelt.
Heute ist so ein manchmal-Moment. Wenn ich meiner eigenen Hässlichkeit mehr als genug ins Auge blicken musste und einfach fix und fertig bin von diesem Anblick…
Als ich dann im Bett liege neben meinem kleinen Mädchen, das zum dritten Mal innerhalb einer Stunde weinend erwacht ist, geschieht etwas Sonderbares: Wie ich sie tröste und in den Schlaf streichle, werde ich innerlich langsam still. Die ganze Raserei dieses Tages verfliegt zu Schall und Rauch. Während ich mein Kind ansehe, dieses zerbrechliche Wesen, das sich selbst nach diesem Tag vollkommen vertrauensvoll an meine Brust kuschelt, geborgen bei mir, satt, durch und durch daheim…  da weiss ich mit einem Schlag wieder, was es heisst, loszulassen… von Neuem anzufangen… sich hineinzugeben in den Moment und zu vergeben… vor allem aber, Vergebung zu erfahren. 
Ich hänge eine Weile in diesem Bewusstsein wie eine Feder in dünnem Geäst, dann schäle ich mich sorgfältig aus der Umarmung meines schlafenden Mädchens und tripple zum Bett meiner beiden Jungen.
Eine enge, feste Umarmung, ein Blick in kleine, klare Kinderaugen, Hinsehen, Hinhorchen.
„Es tut mir so Leid…“
Ich kenne kaum einen Satz, der grössere Kraft hat, Steine ins Rollen zu bringen (und Gespräche zum Fliessen) mehr Licht, Erleichterung und Nähe schaffen könnte. Dieser Satz hat Wunderkräfte.
Gefolgt von leisen Kinderfüssen, die – kaum bin ich zurück bei meinem Mädchen im Bett- zu mir unter die Decke schlüpfen und sich an den meinen aufwärmen, wirkt diese Kraft bis hinein in mein Herz. Statt Tränen und Selbsthass pumpt es jetzt die Hoffnung, dass diese Nacht alle Schatten mitnehmen wird und mir einen neuen Tag zurücklässt, den ich neu beginnen kann, liebe-voll, geduldig, weise und wach.
Süsse Träume…
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18 Kommentare zu Wunderkräfte

  1. mausekind sagt:

    ich kenen solche hässlichen tage…wir waren so harmonisch in der letzten zeit und trotzdem weiß ich ganz genau wie sie sich anfühlen…und ich finde genau wie du, die kraft der entschuldigenden worte ist unglaublich. und die der berührung und liebe. du wärst ja kein mensch wenn du nicht auch mal solche tage hättest…wenn du auch nur ein bruchteil dessen was du hier schon an gefühlen transportieren kannst deinen kindern gibst, haben sie doch alles was sie brauchen! und ich grüble immer noch 🙂 schlaf gut!

  2. Katarina sagt:

    Ach Liebes, wie gut, dass du die Vergebung praktisch körperlich fühlen kannst! Ich kenne diese düsteren Tage auch und kann dann gelegentlich mein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen … wir sind Menschen! Und wir dürfen verzeihen und um Verzeihung bitten. Was für ein Glück!
    Schlaf gut, wärmt einander mit Leib und Seele…
    Herzliche Grüsse,
    Katarina

  3. Schnulli sagt:

    Auch diesmal hast du, mal wieder, dem Nagel auf den Kopf getroffen. Leider kenne auch ich dieses Gefühl nur zu gut. Dieses „ich will zu meiner Mama“, hatte ich Anfang Woche. Wir wohnen viele kilometer auseinander, 6-7 Stunden Autofahrt, wir tlefonieren jeden Tag, manchmal sogar 3, 4 x. Die letzten Tage konnte ich NICHT anrufen, hatte Angst, zu weinen. Warum? Weil sie sich dann Sorgen macht, Vorwürfe, das sie nicht da ist, um zu helfen… An diesen Tagen sagte ich sehr oft zu meinen Jungs:“Es tut mir leid…!“
    „Mama, du darfst doch auch mal einen schlechten Tag haben…!“

    Ich wünsche Dir einen schönen, ruhigen sonntag

    Leeve Jrööß
    Schnulli

  4. Stefanie sagt:

    Liebe Bora,
    beim Lesen Deines Eintrags habe ich Tränen in den Augen. Ich kann Deine Gedanken so gut nachvollziehen. Mitten im Babyblues vor knapp drei Jahren wollte ich auch nur noch zu meiner Mama um mich bei ihr im Arm vor der Welt und allen Aufgaben und Erwartungen und der riesigen Verantwortung für das Leben meines Babys zu verkriechen. Erst als sie da war, endlich bei mir (wir wohnen ca. 900 km auseinander), war meine Welt wieder in Ordnung.
    Und nun rufe ich sie trostsuchend an, wenn ich krank bin und nur sie mich trösten kann, selbst durchs Telefon.
    Und ich kenne diese Wut, die in einem hochsteigt, die Ungeduld ob der kindlichen Geschwindigkeit, die uns Großen so viel Disziplin abverlangt. Wenn ich meinen Sohn anschreie und er dann ganz ruhig sagt, Mama, du sollst nicht so schreien, dann ist alle Wut verflogen und ich schäme mich fürs Schreien und dafür, die Wut nicht in ein Wutkissen geschlagen zu haben.
    Umso schöner sind diese Kuschelmomente, die mich stolz machen, denn ich kann meinen Kleinen trösten, bei mir fühlt er sich sicher und geborgen.
    Dir einen entspannten, schönen Sonntag, liebe Bora, Du Poetin!

  5. *eni* sagt:

    meine liebe bora…auch ich kenne diese tage…nur zu gut. an denen die nerven so dünn wie feine fäden sind.
    wo die kleinste kleinigkeit einem innerlich zum rasen bringt und man viel zu schnell laut wird.
    und dann abends wenn der bube neben mir einschläft, dann plagt mich auch…das schlechte gewissen…eine innere traurigkeit über meine unfähigkeit…
    und dann bin ich dankbar, dass es diese worte gibt…“es tut mir leid“…
    das ich meinen buben dann ansehe…wie er da so friedlich bei mir liegt…und mir so sehr vertraut…und mir immer wieder vergibt…
    und dann spüre ich, wie sehr ich ihn liebe…und das ich mir selber auch vergeben darf.
    weil ich eben nur mensch bin.
    und auch mütter dürfen schlechte tage haben.
    dürfen unperfekt sein und fehler machen.
    aber so lange die liebe in meinem herzen da ist…die liebe zu diesem meinem kind…und so lange ich weiss, dass ich es beim nächsten mal besser machen will…solange gibt es immer einen neuen anfang.

    hab dank für deine so ehrlichen worte…worte einer mutter…die mensch ist!!!
    und du…bist eine wunderbare mama…

    fühl dich fest umarmt und gedrückt!!!
    und hab einen innigen sonntag mit deinen lieben!!!

    liebgruss von herzen
    eni

  6. ka sagt:

    wunderschön. danke!

    lg ka

  7. Karin sagt:

    Hallo Liebe Bora,

    auch bei mir sind Tränen geflossen. Und ich dachte…, nur mir geht es so. Manchmal habe ich gefduld ohne ende, nehme alles mir Humor und dann gibt es Tage, an denen ich die Gelduld einfach nicht finden kann, sie ist einfach weg. Und ich fange an mich zu hinterfragen. Wieso bist du so? Hab doch etwas mehr geduld…

    Seit ich ins Taebo gehe, habe ich viel mehr geduld.
    Ich bin froh, dass ich diesen Ausgleich gefunden habe.

    Alles Liebe
    Karin

  8. Bora, du Liebe… du findest so wunderbare Worte für ein Erleben, das man oft so stark nur im Inneren fühlt und aushalten will/muss/soll… und doch nicht kann. Eine wahre Erlösung, wenn man dieses „es tut mir leid…“ sagen kann und dann fühlen darf, dass das auch angekommen ist und wirkt. Alles Liebe. maria

  9. tüftelchen sagt:

    Liebste Bora,
    „Die empfangene Ungerechtigkeit zu verzeihen,
    bedeutet sich selbst die Wunde seines Herzen heilen.“
    Hab Dank für deinen wundervollen Post, der mir wieder einmal gezeigt hat, wie heilsam es ist, Vergebung zu üben.
    Ach, du hast solch sensible Seele, die in der Lage ist, genau hinzufühlen, was los ist und solch wachen Verstand, der alles auf den Punkt bringt.
    Ich denke, ihr konntet gestern zusammen wachsen, du und deine Jungen und es ist ein großer Gewinn für die beiden, erfahren zu haben, wie wohltuend eure Versöhnung war, nachdem du um Verzeihung gebeten hast.
    Sei lieb gegrüßt.
    Herzlichst
    tüftelchen

  10. Tinki sagt:

    Oh ja – es ist so ein Tag, an dem man wahrscheinlich nichts ertragen kann – und die Kinder kennen da keinen Pardon. Ist man selber schlecht drauf, dann sind es die Kinder auch…aber die Worte – es tut mir leid – wirklich so gemeint. die verstehen die Kinder auch – und auch von ihnen kommen manchmal solche Worte, wenn sie merken, daß auch wir verzeihen können.( meine Beiden konnten das beide ebenso wie ich, wenn sie mal ungerecht zu mir waren oder ich zu ihnen). Es ist eine Größe und eine Stärke, sich einzugestehen – vor den Kindern, daß man auch Fehler hat und diese zugibt. Man wird für die Kinder authentisch.
    Und dann verträgt man sich wieder und hat sich einfach ganz dolle lieb – mit allen Macken – Ecken und Kanten!
    Ich versuche dann meist meiner Kleinen zu erklären, daß ich sie immer liebe – IMMER – aber manche Eigenschaften von ihr mich auf die Palme bringen und ich deshalb auch öfter mal genervt bin… Oder ich bin wegen etwas anderem genervt und sie kommt gerade dazwischen – das ist auch doof.
    Ach und es kann auch einer Mutter nicht immer gut gehen.
    Nach einem Tal kommt eben auch immer wieder ein Hoch!
    Liebe Grüße Tinki

  11. Franzi sagt:

    ein sehr guter Post!

  12. du liebe,

    wagst mal wieder in worte zu fassen, was auch mir immer mal wieder – besonderes am ende eines vollen tages – zu schaffen macht! auch wenn 'nobody perfect' ist – mama möchte das doch ganz gerne sein, gerade ihren herzliebchen gegenüber.

    doch es ist für die kinder auch soooo wichtig, menschen als unperfekt und um verzeihung bittend zu erleben!
    meine mutter konnte das nicht, sie konnte niemals zugeben, etwas nicht richtig gemacht zu haben. wir kinder haben es aber doch gespürt und sie so als unehrlich erlebt. das war nicht gut für unsere beziehung.

    ich persönlich mag die worte 'ES TUT MIR LEID' vieltausendmal mehr als ein schnödes 'entschuldigung'. zweiteres empfinde ich als verdrehung, denn es ist ja die kurzform von 'entschuldige du mich bitte' – nimm du die schuld von mir. doch ICH ja bin diejenige, die in so einer situation nicht richtig gehandelt habe, deshalb sage auch ich das heilende 'es tut MIR leid'.

    auch hilfreich übrigens:
    genügend schlaf und viel wassertrinken!

    herzliche grüße
    von einer auch unperfekten

  13. 19nullsieben sagt:

    es gibt den kommentaren eigentlich nichts mehr hinzuzufügen … aber .. das wollte ich dir da lassen … ich hab´s gelesen und kenne solche tage ganz genau. alles liebe, selina

  14. kirschkernzeit sagt:

    an euch alle von tiefstem Herzen: LOVE!!!! Ihr seid So liebenswerte und kluge Frauen!!!!
    Bora

  15. Pepperoni sagt:

    Oh, ich habe dein Blog neu entdeckt und muss jetzt auch noch einen Kommentar hier lassen! Tage wie der, den du beschreibst, kennt glaube ich jede Mutter. Verbunden mit dem fremden Gefühl, das einen schon beim Schimpfen befällt ( so als würde man sich gleichzeitig von außen betrachten …) und die Selbstvorwürfe hinterher. „Es tut mir leid, ich war wütend, vielleicht auch ungerecht, ich habe zu schnell verurteilt, statt hinzusehen“ – ich meine, dass solche Sätze Eltern groß machen und nicht klein, und ich sage sie und merke, dass meine Kinder dasselbe tun. Wir haben übrigens ein nettes Bilderbuch zu diesem Thema: „Josefine findet heute alles doof“ von Tove Appelgren. Mutter und Tochter streiten den ganzen Tag, sitzen schließlich getrennt voneinander weinend in Zimmer bzw. Küche und am Ende entschuldigen sie sich und versichern sich ihrer Liebe, auch wenn sie mal „grummelig“ sind. Unsere Kinder mögen dieses Bilderbuch sehr!

    liebe Grüße
    Patricia

  16. Bianca sagt:

    Mensch Bora, Deine Posts sind der Hammer!
    Solche Tage kenne ich. Besonders der Satz „Wenn ich meiner eigenen Hässlichkeit mehr als genug ins Auge blicken musste und einfach fix und fertig bin von diesem Anblick…“ trifft mich mitten ins Herz!
    Ich umarme Dich jetzt mal schnell virtuell!
    LG, Bianca

  17. alfarascha sagt:

    Wie schön zu wissen, dass man nicht alleine ist..ohne Hässlichkeit gäbe es vielleicht keine Schönheit. Im Schlechten liegt manchmal das Gute-die Erkenntnis.
    Danke*

    alfarascha

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