Bei mir Zuhause: eine (lange!) Einleitung

Das Wort „Zuhause“ löst ein Gefühl tiefster Zufriedenheit in mir aus. Und weckt gleichzeitig ungeheure Neugierde. Zuhause…Haus…was alles mitschwingt in diesen Worten! Geschichten, Emotionen, Erinnerungen… So eine Haus ist ja eine Art Mikrokosmos, eine kleine Welt für sich, wo gelebt wird, geliebt, gelitten, gewachsen und gestorben. Neue Generationen werden hier geprägt und formen so das Morgen.

 

Früher, vor diesem Haus hier, als wir noch in der Stadt Zürich lebten, pilgerte ich einmal die Woche in die nächste, gutbestückte Bibliothek zum Bücherausleihen, und kehrte jeweils mit so schweren Taschen wieder heim, dass die Nähte ächzten und stöhnten. Die dicksten und meist geliebten Stapel bestanden immer aus Wohnbüchern: „Nordlicht“, „Sommerleben“ (nebenbei mein Hilferuf: Ich suche schon lange, lange, lange danach! Aber leider ist es längst vergriffen und wird bei amazon nur noch zu wahren Wucherpreisen verscheuert… Falls also jemand eines zu verkaufen hätte…), „Wohnen zu jeder Jahreszeit“ und „Relax“ und noch ganz anders hiessen die Wunder-Welten, in denen ich mich stundenlangversenken konnte. Der Stoff aus dem die Träume sind. Schönheit ohne Ende.

Dann kauften wir ein Haus, ein altes, und Wohnbücher verloren ganz unerwartet ihre Anziehungskraft, sonderbarerweise proportional zum Aufwand, den wir hier veranstalteten, um dieses Flickwerk aus verwinkelten Gängen, kreuz und quer gezogenen Leitungen und Röhren, stillgelegten Kaminen und mehrschichtigen Böden zu so etwas wie einer Einheit zu machen. Zu unserem Haus (ob man so etwas auch „domestizieren“ nennen darf?).

 

Noch immer gerate ich beim Anblick schön gestalteter Räume in Verzückung. Aber anders.
Ich habe gelernt, dass zwischen den Paradiesen in „living an more“ und meinem eigenen Zuhause Welten liegen, die sich nur schwer finden. Besonders der sphärische, helle, irgendwie perfekte skandinavische Landhaus-Stil, der mich jedes Mal aufs Neue in seinen Bann schlägt, birgt die Gefahr in sich, ein Heim in eine Art „Museum des guten Geschmacks“ zu verwandeln. Zumindest wenn ich darin lebe. Das viele Weiss, die schönen Dinge, die zarten, geblümten Stoffe und die sensiblen Holzböden… Ich könnte einen ganzen Tag lang meine Augen daran weiden ohne jemals satt zu werden, aber in dieser Schönheit einen Platz für Kinder zu finden, verlangt einiges an… Gelassenheit. Und Optimismus.
Wasserfarben und  Kekskrümel an den Socken. Grellbunte Legosteine. Kissenschlachten. Donald Duck Comics. Stickers. Socken oder hastig abgestreifte Pullover. Wohin mit all dem in „Wohnen in weiss“?

Unser Wohnzimmer ist so ein bisschen das, was ich mir immer erträumt hatte: weiss, mit hellem Holz, selbstgezimmert und harmonisch ( äusserst „Nordlicht“- inspiriert also). Es ist für mich eine Oase im Chaos. Mein Ort, mit meiner Ecke, seit ich mein früheres Zimmerchen weitergegeben habe.

Vor allem abends nach halb zehn, wenn ich mich hierhin zurückziehe fürs Nähen, Stricken, Bloggen… für all das, was tagsüber kaum Platz findet in meinem Leben und mich trotzdem irgendwie ausmacht.
Vielleicht ist unser Wohnzimmer das, was man früher „die gute Stube“ nannte. Ein Kinderspielplatz ist es jedesnfalls nicht. Das heisst, ein Kinder-Platz ist es schon. Zum Lesen, Vorlesen, Familienspiele-Spielen, Zeichnen oder Holzklötze-Turm-Bauen. Ein guter Platz auch für ein Puppenmütterchen und seine Puppen… aber Legokisten fehlen hier (zu schnell in alle Himmelsrichtungen verstreut), genauso wie Bälle (zu viel Zerbrechliches), Wasserfarben (zu viel Weiss), Briobahnen und Kappla (der empfindliche Holzboden).
Und Kissenschlachten oder wilde Wettrennen sind hier ein No-Go.

 

Für mich ist das in Ordnung so. Unser Haus ist so gross, dass es ein mimosenhaftes Zimmer ertragen kann.
Aber überall diese zerbrechliche Schönheit? Ich muss zugeben, dass mir meine Verehrung für den romantischen, sorgfältig inszenierten skandinavischen Wohnstil irgendwann in die Quere kam. Ich träume derart von perfekten Räumen, dass ich mich nicht mehr traue, irgendwo einen Nagel einzuschlagen oder ein buntes Kissen zu nähen, aus Angst, es könnte „falsch“ oder „zu viel“ sein.Das Kinderzimmer, das vor gar nicht so langer Zeit noch unser altes Wohnzimmer war, überforderte mich zum Beispiel masslos, denn zum einen fühlte ich mich blockiert, weil einiges noch provisorisch war (elektrische Leitungen und so), zum anderen spürte ich nur zu deutlich, dass gerade das Kinderzimmer mit seinem grellbunten Durcheinander und den vielfältigen Bedürfnissen, die es zu erfüllen hat, sich regelrecht sträubte gegen meinen Geschmack.

Ich räumte ständig auf und ständig um.
Doch es half nur wenig. Das Gefühl, in einem Provisorium zu leben (ja, ich lebe tatsächlich den grössten Teil des Tages im Kinderzimmer…) blieb haften wie ein alter Kaugummi.

 

Bis vor ein paar Tagen, als mein Mann mir eröffnete, er müsse jetzt unbedingt die Sache mit den Stromkabeln in Ordnung bringen und dazu eine Wand auffräsen, neu verputzen, streichen. Mittelgrosse Veränderungen also… Ich witterte meine Chance. Denn was mir fehlte, war mir mittlerweile klar geworden: Mut zur Farbe, eine unkomplizierte, lebensfreundliche Einrichtung, die Spielraum lässt fürs Kind-Sein und bunte Bausteine aller Art.
Mal sehen, was daraus wird…
Auf alle Fälle hat es mich gerade ziemlich gepackt, das Einricht-Fieber, und dem möchte ich diese Woche auch hier ein bisschen Raum geben. Wer sich so gar nicht fürs Wohnen begeistern kann, darf sich also für diese Woche „Kirschkernzeit-frei“ nehmen… Alle anderen, die gerne wissen möchten, was es mit der gelben Farbe von vorgestern auf sich hat, klicken sich einfach Mittwoch wieder ein.
 Bis dann!
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16 Kommentare zu Bei mir Zuhause: eine (lange!) Einleitung

  1. Mona sagt:

    oooooh da bin ich aber schon sehr gespannt :o) Ich brauch auf gar keinen Fall kirschkernzeit-frei … ich will dabei sein :o)

    Liebe Grüße, Mona

  2. Anja sagt:

    Du bist seeeehr gut im neugierig machen 😀 ich bin natürlich auch gespannt dabei. Obwohl ich mich ja dann auch gerade neu einniste… Morgen kanns los gehen 🙂
    Ganz liebi grüäss, anja

  3. Kirschkernzeit-frei kann ich mir so gar nicht vorstellen….
    Und, irgendwie egal über was Du schreibst. Es ist immer so schön zu lesen und zum reindenken. Und die Bilder … ich mag sie.
    Dann warte ich ab und komme wieder
    Elisabeth

  4. Und wie ich neugierig bin!!!!!
    Deine Worte versteh ich so gut. Bei uns gibt es auch so Zonen wo es kein wildes Spielen gibt. Eher „kultiviertes“, nennen wir es mal so (Bücherschauen, Malen und sowas…). Wenn mein Mann mir eröffnet, dass er mal wieder eine Wand bearbeiten muss und die Kabel usw. – dann krieg ich erstmal die Krise. Ich find es herrlich, dass du das als Chance siehst 🙂 und ich bin auch schon so gespannt, wie du sie genutzt hast!!! Ach Bora… ich freu mich schon auf Mittwoch 🙂
    Alles Liebe, maria

  5. kirschkernzeit sagt:

    @Anja: wie uufregänd! Ich druck dir d Tuumä, dass alles guät gaaht! Bruuchsch na äs (chli chlobigs) holzig Tellerboard? Han grad eis vorig;-)

  6. Susanne sagt:

    solche Wohnträume-Bücher sind wirklich zum Abtauchen und Ideensammeln, aber ups..für die Preise bekommst du ja eine ganze Menge Farbe um deine Wände zu streichen;)! Bin auf jeden Fall auch schon neugierig auf deine Mittwoch-Enthüllung! Und ist schon seltsam, dass viele die Farbe gelb schon in der Natur mögen, aber nicht unbedingt in den eigenen vier Wänden, geht mir ähnlich, und schon garnicht mag ich gelb an meinen Kleidern!
    Bis Mittwoch dann und lieben Gruss:)
    Susanne

  7. mausekind sagt:

    du sprichst mir wieder mal aus der seele bora…unheimlich wieder mal. mir gings ganz ähnlich wie dir…mit dem mauskind ists bunter geworden, gelassener, nicht mehr so „zwanghaft“ schlicht-schön. ich habe einige jahre ein einrichtungs-deko-geschenk geschäft geführt und ebenso in wohnbüchern etc geschwelgt…noch warte ich auf ein geeignetes haus angebot in dem wir unser konzept des legeren holz-weiß-und was bunt 🙂 familienwohnens umsetzen werden…ich träume von fachwerk oder ökohaus…mal schauen was draus wird! bei euch siehts wunderschön aus!!!

  8. Sanne sagt:

    liebe Bora,

    ein interessantes Thema, wohnen, zuhause sein, ordnen, sich zuhause fühlen, genau das sind meine Themen und ich lese sehr gern deine Gedanken dazu.
    Wir zogen zusammen, als das erste Kind schon auf dem Weg war, direkt nach meinem Abitur. Irgendwelche Sparguthaben hatten wir nie und bisher sind wir dahin auch nicht gekommen.
    also habe ich immer schon improvisiert und aus der Not eine Tugend gemacht. Ich liebe Sperrmüll, Spendenverwertung, geerbstes und geschenktes. Liebe es, weil es die einzige Art war,überhaupt etwas zu gestalten. Unser Haus, welches wir dann mit zwei Kindern kauften, ein absolut renovierbedürftiger Kasten. Und mit jedem Kind wurde noch eine Wand hochgezogen, noch ein Zimmerchen gezaubert.
    das war gut und lebbar, solange die Kinder klein waren.
    jetzt wird es anders.
    Unsere Villa Kunterbunt wird zu meinem Zuhause.
    endlich.
    immer noch bunt.
    aber es kristallisiert sich heraus, was wir wirklich brauchen und es nicht einfach genutzt wird, weil wir es günstig bekommen können.
    langer Rede , kurzer Sinn:
    bin gespannt was du noch erzählen wirst!
    was ich bei euch sehe,empfinde ich als sehr angenehm, luftig, hell, warmes Holz, verbindendes weiß mit einem phantasievollen Familienleben.
    herzliche kunterbunt-noch durcheinander Grüße

    Sanne

  9. Karen sagt:

    Kirschkernzeit-frei geht gar nicht! Ich freue mich schon auf die Wohnwoche, bin ich doch eine Gerneleserin von Wohnzeitschriften und Wohnbüchern, die in der Realität auch in einem bunten Familienhaus zuhause ist. Zu bunt darf es nicht sein, das überfordert mich, aber ein „Wohnen in Weiß“ – so schön das auf Fotos aussieht – wäre mit unseren Kindern nicht zu realisieren. Da werden Kunstwerke mit nach Hause gebracht, die einen schönen Platz brauchen, da steht mal ein Puppenwagen im Wohnzimmer (weil die Puppe einen ruhigen Platz zum Schlafen bei „Oma“ braucht. Ja, das soll ich sein, lach), da wurden im Kindergottesdienst Kerzen bunt verziert, die unsere Mahlzeiten erleuchten. Auch bei uns haben die Kinder das Leben und das Haus bunter gemacht – und das finde ich super!!!

    Ich bin sehr gespannt auf die Wohnwoche bei Dir, vielleicht gehe ich auch mal mit der Kamera durch unser Haus und mache mit…

    Viel Erfolg beim Gestalten!

    Liebe Grüße,
    Karen

  10. alfarascha sagt:

    oh spannend:)
    mit museum des guten geschmacks hast du es gut getroffen, wohnbücher lassen oft die eigentliche „Seele“ eines Hauses aus, die Menschen, die Erinnerungen, die selbstgemachten Dinge…
    Eure Holzdielen und die großen Fenster erinnern mich sehr an das Haus meiner Eltern, ich liebe helle lichtdurchflutete Räume! ….und weil mir hier in der Großstadt mal wieder die Decke unserer recht kleinen Wohnung auf den Kopf fällt werde ich micht ein wenig in der marokkanischen Frühlingssonne erholen „gehen“:)schaue aber ganz bestimmt voher nochmal rein um zu sehen was aus deinem projekt geworden ist!
    sarah

  11. micha sagt:

    Sieht doch aus wie in einem Wohnträume-Buch!

  12. Tinki sagt:

    Liebe Bora – mein Freund sagt immer: in den Wohnzeitschriften-Bilder lebt keiner. Dort liegen keine Handarbeiten herum, dort spielen keine Kinder und tobt kein Hund herum. Es liegt kein Staub herum und die Fenster sind immer geputzt.
    Ich leben aber in meinen Räumen – und dort darf auch die Farbe leben und mich berühren. So halte ich es eben auch. Ich liebe die Wohnzeitschriften mit all ihrem tollen Einrichtungen aber noch mehr liebe ich das wirkliche Leben in meinem ( leider oft sehr chaotischen ) kleinen Häuschen. Es ist ruschelig und gemütlich – mit 3-5 Personen sehr klein und rummelig, dennoch gibt es eben Falten in diesem Haus und Ecken und Kanten, die nicht gezeigt werden sollten : )
    Und mein Holzfußboden hat auch Kratzer und Riefen bekommen. Es ließ sich nicht vermeiden!
    So ein schöner Post. Du hast wirklich eine tolle Art Bilder mit wunderschönem Text zu versehen. Es ist wie eine Entführung in eine andere kleine Welt.
    Weiterhin gespannte Grüße Tinki
    PS: Renovieren bleibt auch bei mir IMMER Thema!

  13. *emma* sagt:

    Total mein Thema:)
    Ich bin so was von gespannt was mit der gelben Farbe geschieht!!!
    Heute ist schon Mittwoch:)

  14. dieAnderls sagt:

    liebe bora,
    du sprichst mir aus der seele. als ich diesen post gestern spät abends noch gelesen habe(aber nicht mehr in der lage war, ihn zu kommentieren), da las ich meine gedanken, wobei mir erst beim lesen klar wurde, dass das – in bezug auf den nordischen landhausstil und den shabby chick stil – meine gedanken sind. verstehst du wie ich das meine. oft beschleicht einen beim gedanken an etwas schönes ein ungutes und beunruhigendes gefühl in der magengegend und man kann sich nicht erklären, warum das so ist. und dann auf einmal spricht ihn jemand aus oder bringt ihn zu papier – den gedanken und die gedankengänge, die einen „unrund“ machen.
    und mit diesem landhausstil geht es mir wie dir: ich finde ihn wunderschön, hätte gerne eines dieser weißen holzhäuser und diese wunderschöne, stimmige einrichtung. aber beim gedanken daran, ihn in unserem wohnzimmer (das demnächst neu gestaltet werden soll) zu verwirklichen, fühle ich beinahe davon erschlagen, wie denn dieser nordische landhausstil aussehen „muss“, um perfekt zu sein. dann frage ich mich: will ich das in meiner wohnung überhaupt? perfekt sein? ich bin sonst auch nicht perfekt, also passt auch ein perfekter einrichtungsstil nicht zu mir.
    und so wird es ein bunter mix werden mit unserer gemütlichen schokobraunen couch zum schlunzen (herumlümmeln) und einer weißen landhaus kommode.
    alles liebe, barbara
    ps: zu deinem neuesten post: ich LIEBE den herbst und freue mich jetzt schon auf die tee, kerzen und bastelzeit!

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