Aus meinem Tagebuch: in diesem Augenblick

Mittwoch 26. 12.2012  11:30

Weihnachten ist vorüber und ich sitze hier in meiner Küche auf dem Boden und spiele mit meinem quietschfidelen Baby. Der Geschirrspühler rattert, während er die Teller und Gläser vom gestrigen Festtags-Schmaus wäscht. Neben mir steht noch der Dosen-Berg voller Weihnachtsplätzchen, und oben höre ich die Kinder spielen. Ich bin gelöst und guter Dinge, die letzten Tage waren fröhlich und leicht und vergingen wie im Flug, was immer ein ziemlich gutes Zeichen ist.
Gestern waren wir draussen im Grünen, machten uns ein Lagerfeuer und brieten Würste unter einem freien, langsam schwarz werdenden Dezember-Himmel. Die Kinder sprangen übers Feld und freuten sich über das Lichtermeer des Dorfes zu unseren Füssen. Wir hörten den Abend stiller werden, sahen die Nacht anbrechen, und als es ganz dunkel war, zündeten wir uns Fackeln an und machten uns auf den Heimweg, durch den stockfinsteren Wald, durch die Wildnis, wo werweisswas in den Schatten hätte lauern können (*schauder*), wäre das nicht das Licht gewesen in unseren Händen, Licht das uns Mut machte, uns alle Schauermärchen vergessen liess und mir wieder ins Bewusstsein rief, wie unvergleichlich kostbar alles Helle und Warme doch ist für unser Leben. Je dunkler die Nacht, desto dankbarer wird man dafür.
Spannend war das. Und wunderschön. Licht im Dunkeln. Hände, die sich aneinander festhalten. Ein gemeinsamer Weg, ein gemeinsames Fest, eine neue Erinnerung, die uns verbindet… Ja, ich bin gelöst und zufrieden. Genau hier, genau jetzt…

in diesem Augenblick

In diesem Augenblick… trommelt der Regen an unsere Fenster. Es ist mild, fast frühlingshaft. Und nass. Zumindest heute morgen. Der Wind, der draussen die kahle Natur zerzaust, erinnert mich an den Frühling und schafft es -trotz Weihnachtskeksen und vier brennenden Adventskranz-Kerzen- eine ganz, ganz leise, aber schon ein wenig kribbelnde Vorfreude aufkommen zu lassen. Aufs Frühjahr, das neue. Auf alle Neue eigentlich…

In diesem Augenblick… liegt noch immer das rote, reich bestickte Tischtuch auf dem Küchentisch. Wo gestern noch Kartoffelauflauf, Pastete, Mousse au Chocolat und Zimtsterne lagen, stehen jetzt nur noch ein paar Gläser und die fast abgebrannte Bienenwachs-Kerze, die ich mir am diesjährigen Weihnachts-Markt von einem Imker gekauft habe. Bienenwachs, weil ich Bienen mag, den Duft ihrer Waben, und weil mich ihre warme, honigbraune Farbe irgendwie erinnert, an meinen grossen Traum vom Leben auf dem Lande…

In diesem Augenblick… bricht unversehens die Sonne durch die Wolken, ein seltener, aber immer gern gesehener Gast um diese Jahreszeit. Hier leben wir düstere Dezembertage. Meistens hängt der Himmel voller Grau und von den Böden steigt Nebel auf. Das macht mir nicht viel aus, denn ich liebe den Nebel und die Erlaubnis zum Faulsein und Mich-Verkriechen, die nasse Wintertage mir schenken. Aber dem Optimismus, den so ein Strahl Sonne versprüht, genau hier, genau jetzt, auf meinem alten, handbestickten, schon etwas löchrigen Leinen-Tischtuch, kann auch ich mich nicht entziehen. Zauberhaft…

In diesem Augenblick… liegen ein paar Strang neuer Wolle (empfohlen von einer lieben Leserin) auf meinem Fensterbrett. In Sichtweite. Absichtlich. Denn jetzt, wo alle Wichtelgeschenke fertiggestellt und in gute Hände gekommen sind, brauche ich wohl wieder ein bisschen mehr Motivation, um zu meinen Nadeln zu gelangen. Stille Momente sind nach wie vor rar, und es fällt mir nicht leicht, mir die Freiräume auch wirklich zu erkämpfen ermöglichen, die ich bräuchte, zum Arbeiten, zum Kreativ- oder einfach mal nur Still-sein. Wir rasch gebe ich anderem den Vortritt; der Wäsche, zwei streitenden Kindern, dem leeren Kühlschrank oder einem läutenden Telefon. Dabei weiss niemand besser als ich selber,  wie wahnsinnig gut mir diese Zeit nur für mich und meine eigenen Bedrüfnisse tun würde.
Vielleicht reicht der Charme dieser sechs Stränge ja aus? Alpaca, Wolle, Leinen. Hmmm… klingt tatsächlich verlockend…

In diesem Augenblick… kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn ich meinem Baby so zusehe. Sobald sie auf dem Rücken liegt, zieht sie sich zusammen wie ein Gummiband, elastisch und weich, und ihre kleinen Fingerchen greifen fast schon reflexartig nach ihren Füssen, tasten, zupfen, lutschen am grossen Zeh… Sie sieht so zufrieden und knuffig und unglaublich süss aus dabei, dass  sie meistens nicht lange so liegenbleibt- sondern sofort in Mamas Armen landet und mit  Küssen fast zugedeckt wird. Hach Babies

In diesem Augenblick… duftet es nach frisch geröstetem Müesli. Zur Geburt meines Babys bekam ich einen ganz wunderbaren Korb voller hausgemachter Köstlichkeiten von einer lieben Freundin geschenkt, unter anderem auch mit einem Einmach-Glas selbstgemachter Frühstücks-Flocken samt dranbaumelndem Rezept. Meine Kinder waren hell begeistert und das Glas im Handumdrehen leer geknuspert… Genau daran musste ich heute vormittag plötzlich denken (ja, auch an dich natürlich, Susi!), und weil es gerade so wunderbar ruhig war um mich herum und mir noch die Energie einer langen, erholsamen Nacht in den Knochen steckte, machte ich mich hurtig ans Knusperflocken-Backen. Eine sehr sinnliche, einfache Sache, wie ich finde, mit lauter bodenständigen, ehrlichen Zutaten wie Honig, Haferflocken, Apfelsaft und Nüssen.
Schön, so ein Glas. Gesund, schlicht, gut und herrlich selbstgemacht.

In diesem Augenblick… verabschiede ich leise den Advent. Nur so für mich. In aller Stille. Die Kerzen bleiben noch ein wenig, der Kalender wird bald weggeräumt, unsere Wichtel-Geschenke rutschen hinein in ihr erstes Jahr Gebraucht-und-geliebt-Werden im Hause Kirschkernzeit.
Alles floss irgendwie so dahin in einem langsamen, stetigen Ryhtmus, vom Dekorieren der ersten weihnachtlichen Ecken, von aufkommenden Wichtel-Ideen und gemeinsamen, heimlichen Näh-Sessions im abendlichen Dämmerlicht, bis hin zum Weihnachts-Frühstück im Kindergarten, dem grossen Familien-Treffen mit zig fröhlichen Onkels und Tanten im Haus meiner Eltern. Und unserer eigenen, kleinen, fackel-erhellten Feier in der Schwärze der Nacht.
Wir hatten es gut. Das Gefühl von Dankbarkeit und Ruhe liegt noch immer über mir wie eine warme, weiche Decke. Unsere Feiertage waren reich und beschaulich und sehr, sehr erfüllend. Genau so wie ich es mir gewünscht hatte. Und dafür bin ich  zutiefst dankbar.

So long also, Weihnachts-Zeit! Mach’s gut- bis zum nächsten Dezember.

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4 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: in diesem Augenblick

  1. Raniso sagt:

    Hach wunderbar! Und einfach wunderbar hier lesen zu dürfen. Danke liebe Bora, für diesen Ort! 🙂 <3
    Ganz liebi grüäss, anja

  2. Gabriela sagt:

    Wunderschöne Augenblicke, die du da verschenkst. Ich nehme mir ein paar davon mit in die Nacht. Danke dafür!
    Härzlegi Griess! 🙂
    Gabriela

  3. Marta sagt:

    Ha, hast auch bestellt! Und wie findest Du diese Wolle? Was hast Du damit vor? Ich habe jetzt noch rote für ein Kapuzenpulli für meine Tochter. Und….ich bin verlinkt worden??? Danke!
    Wie immer bei Dir, sehr schöne Worte! Ich freue mich das es deinem Baby besser geht. Wir haben erst im Januar Untersuchungstermin…..aber wenigstens ist Grippe langsam vorbei

  4. Rita sagt:

    Wie schön Eure Tage waren;)
    Dieses ausserrthytmische Geschehen finde ich wunderbar, wir geniessen hier diese Stimmung auch. Der Alltag kommt bald genug…
    Die Wolle sieht genal aus, besonders das Grün finde ich super!
    Wünsch Euch weiterhin entspannte und kraftschöpfende Tage!
    Herzlich, Rita

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