Flecken von Herbst

Herbst. Es ist schon eine komische Sache mit den Jahreszeiten irgendwie… Wenn mich jemand fragt, wann ich mich am wohlsten fühle im Verlauf des Jahres, dann muss ich nie lange überlegen, denn ich weiss, wohin ich gehöre; In den Herbst. Zweifellos.
Vielleicht noch ein wenig in den Frühling, dann wenn er aufgehört hat, matschig zu sein und kein Schnee mehr zu erwarten ist, wenn es nur noch nach vorne geht, ohne Rückfälle von Eis und Sturm. Ich mag den Frühling in seiner hellen, optimistischen Austriebs-Phase, die Vögel, das Knospen und Werden, das lange, weite Aufatmen. Aber der Herbst… der Herbst… das ist mehr als nur Liebe. Das ist eine Art… Seelenverwandtschaft. Ich bin ein Stück weit selber Herbst, glaube ich. Genau wie er habe auch ich meine düsteren, schwermütigen Seiten -ein ganzes Bündel davon sogar- und dann diese hellen, luftigen Flecken dazwischen, wo ich genauso unbeschwert und herzlich bunt sein kann wie jene sonnendurchfluteten Tage im September, Oktober, an denen wir vor allem Farben sehen, Pracht, Schönheit, wo alles so einfach erscheint und wir ohne zu zögern vergessen, dass der Herbst im Grunde vor allem eines ist: ein langes, intensives Abschied-Nehmen. Wahrscheinlich sind wir alle ein bisschen Herbst. Ein wenig Winter, etwas Frühling und ein gutes Stückchen Sommer… Aber es kommt mir doch so vor, als hätte jeder so ein wenig seine Jahreszeit. Die Zeit, in der er sich am meisten gespiegelt fühlt oder wo er einfach… daheim ist irgendwie.

In diesem Jahr allerdings habe ich sie alle mehr oder weniger verpasst. Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Während mir im letzten Jahr alle Veränderunge im Jahreslauf direkt unter die Haut gingen, spuhlen sich die Monate jetzt nur so ab, wie ein Uhrwerk, von dem ich ab und zu ein Ticken vernehme, aber ansonsten jede Station der Zeiger verpasse, es sei denn, der Kuckuck ruft. Die Zeit läuft und läuft und ich vergesse mich ganz darin. Was?! Herbst-Ferien?! Schon wieder Halloween, Räbeliechtli-Umzug, erste Fragen nach unseren Plänen zu Weihnachten… Seit mein Baby da ist, ist alles anders. Die Tage sind so viel geruhsamer, obwohl sie voll bleiben, voller sind sogar. Ich merke, dass ich mich unheimlich auf den Kern meiner Familie konzentriere, darin aufgehe und Tag für Tag unserem ganz eigenen Rhythmus nachgehe. Es ist ein kleines, aber sattes Leben. Und ich weiss auch, dass es sich wieder ändern wird, grösser werden wird, weiter, aber bis dahin… ist es gut, so wie es ist. Das Haus, mein Universum.
So vergeht das Jahr, ohne dass ich es gross mitbekomme. Und jetzt ist Herbst mittlerweile. Schön.

: Raschelblätter : sich weitende Blick-Felder : Sammeln, Pflücken und Horten, und Vorräte anlegen, ganz instinkitiv : Nischen schaffen : aufflammendes Orange, Gelb und ein Braun, das sich breit macht : Warme Farben in kühler Luft : neue, herbstlich dicke Socken für Kind2 (*Trommelwirbel und einen Tusch*) : Momente voller Lebensfreude unter immer stiller werdenden Bäumen : Vermicelles und Berge von Büchern : Schönheit. Die unvergleichliche Schönheit des Vergehens :

Herbst.
Ja. Du bist da.
Jeden Tag ein klitzekleines bisschen anders.
Aber immer unverwechselbar vertraut.

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7 Kommentare zu Flecken von Herbst

  1. Raniso sagt:

    So wahre tiefsinnigs Worte! „Jeder hat eine Zeit, in der er sich am meisten gespiegelt fühlt oder wo er einfach… daheim ist irgendwie.“ Wunderbar Bora, danke dir! Wer könnte es besser ausdrücken als du?
    Ich erlebe die Jahreszeiten dieses Jahr so intensiv dieses Jahr, gemeinsam mit meiner Truppe. Und doch rast die Zeit auch hier und ich staune so oft, wo die Tage geblieben sind. Voll, aber auf gute Weise, sind unsere Tage, schrieb ich heute einer Bekannten. Am liebsten bin ich gerade auch einfach zusammen mit meinen Liebsten. Arbeiten, das hätte dieses Mal irgendwie wirklich nicht sein sollen… Aber es ist wie es ist und es ist schon gut so…
    So, bevor ich wieder Kommentar-Romäne schreibe, verkrieche ich mich entgültig im Bett, wo ich schon längstens hin gehörte! Ganz liebi grüäss, anja

  2. Rita sagt:

    Ganz meine Worte;)!!
    Herbst, das letzte volle Aufbäumen mit Farben, Früchten und den letzten, schönen, warmen Sonnenstrahlen. Das Melancholische wollen wir dabei nicht vergessen;)
    Ja, auch ich liebe diese Jahreszeit sehr!
    Geniess das Dasein mit Deiner Familie, jeden Tag auf’s Neue;) Und vergiss dabei DEINE Ruhepausen nicht;)
    Herzlich Rita

  3. amberlight sagt:

    Eine wahre Ode an den Herbst und für mich an meinem letzten Urlaubstag, den ich am Schreibtisch verbringen muss 🙁 ein wunderbarer Tageseinstieg. Deine Worte werden mich durch den Tag begleiten …

  4. charlotte sagt:

    wunderschöne herbstbilder! danke dir charlotte

  5. Micha sagt:

    Das Bild von eurem Bücherregal gefällt mir besonders gut: „Ernest und Celestine“ sind zu süß!
    LG, Micha

  6. Akaleia sagt:

    Gute und warme Gedanken sind bei Dir und Deiner Familie.
    Habt ein frohes Wochenende
    HG
    Birgit

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