Trödel.

Trödel. Das klingt verstaubt, gammelig und nicht gerade präsentabel, so nach Weggeworfenem, nach Dingen, die keiner mehr haben will und für die es keine Zunkuft mehr gibt… Der Duden stellt das ganz unmissverständlich klar: „Trödel (oft abwertend) = alte, als wertlos, unnütz angesehene Gegenstände; alter unnützer Kram)“.
Aber ich sehe das anders. Wenn ich das Wort „Trödel“ höre, dann spitzen sich meine Ohren, mein Herz tut einen Freudensprung und ich spüre, wie mein Puls zu traben beginnt wie ein übermütiges Pferd, das Hafer riecht.

„Trödel“, nur schon dieses Wort. Trööööödel. Wie das rollt auf der Zunge und sich dehnt, warm und hölzern wie ein Weidestrauch im Frühling. Und das -L im Angang schmeckt nach samtweichem Boderaux, schwer und rauchig, alt, ja, aber nicht verstaubt und schon gar nicht ohne Zunkuft. Ich finde, es klingt eher edel, edel in einem französischen Sinne, so nach einem alten, romantischen Bistro in einer Pariser Nebengasse, wo der Wein abends bei Kerzenlicht dunkel in den Kelchen glitzert und morgens der Café au Lait Dampfwölkchen gegen die dunkle Holz-Täferung schickt. Zeitungs-Geraschel, abgewetzte Chintz-Sessel, klapprige Stühle aus geschwungenem Holz, chic und athmosphären-reich. Das ist Trödel für mich. Etwas, das bereits seine besten Tage hinter sich hat, ohne aber die Hoffung aufgegeben zu haben. Vielleicht warten neue beste Tage, man kann nie wissen…

Auf alle Fälle liebe ich Trödel. Trödel aller Art, solange er eine Seele besitzt. Charme. Dieses gewisse Etwas, das einem nicht mehr loslässt, bis man sich geschlagen gibt und seufzend -sei es vor Wonne oder Ergebenheit- das Portmonnaie zückt.
Charmanten Trödel mit Seele und dem gewissen Etwas muss man einfach mit nach Hause nehmen, sonst hat man keine ruhige Minute mehr. Ich habe noch kaum je einen Flohmarkt-Kauf bereut, aber schon so manches Stückchen, das ich nicht gekauft habe, und mehr als einmal bin ich Hals über Kopf wieder in ein Brocki zurückgekehrt, atmenlos und überhitzt, weil mir urplötzlich klar wurde, dass ich diese Uhr, dieses Bild, diesen Krug ganz einfach doch brauche, jetzt, sofort, koste es wass es wolle (was ja meinstens eh nicht viel ist). Bevor ein anderer vielleicht schneller ist.

Trödel ist meistens einzigartig. Ein Stück mit Spuren, mit Vergangenheit, dem man das auch ansieht, mit seiner ganz eigenen Geschichte und vielen verlorenen Schwestern und Brüdern, ein Greis, dem die Familie nach und nach abhanden kommt und der genau darum so wertvoll und unheimlich faszinierend ist, weil er als einer von nur noch wenigen ein Zeit-Zeuge ist; Ein Zeuge vergangener Zeiten, die unwiderbringelich hineinfliessen in den langsamen, aber stetigen Strom der Geschichte.

Trödel macht mich glücklich. Trödel macht mich neugierig und bringt mir das Staunen zurück. Und Trödel macht mich manchmal sprachlos. Wenn ich Dinge sehe, die so fein und sorgfältig gemacht, dass ich es mir kaum vorstellen kann, dass hier wirklich Menschen-Hände am Werk waren, oftmals über Jahre hinweg, mit Herzblut und einer Engels-Geduld. Spitzendeckchen, hauchzart gehäkelte Kragen, ganze Tischtücher voller Stickereien… Kleine Wunder. Einfach so.

Wenn ich etwas in den Händen halte aus Zeiten, in denen man sich die Dinge noch fürs Leben kaufte und Mensch und Mechanik irgendwie Hand in Hand gingen, mit Kurbeln, die man drehen musste, anstelle von Batterien, die einem alles abnehmen, und Uhrwerken, die, wenn man sie nicht Morgen für Morgen von neuem aufzig, einfach stehen blieben. Sprach-los macht mich das. Nachdenklich. Und irgendwie bleibe ich berührt zurück.
Eines Tages werden auch die Dinge, die mich jetzt umgeben, die ich benutze, besitze und manchmal sogar ziemlich gerne mag, zu Trödel werden. Alt, unnütz, ohne Zukunft.  Zeugen meines Lebens, Zeugen einer vergangenen Zeit. Eine sonderbare Vorstellung.

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14 Kommentare zu Trödel.

  1. Pünktchen sagt:

    Deine letzten Zeilen kann ich unterstreichen, denn sie geben auch meine Gedanken wieder. Oft genug höre ich die Worte im Geiste, die meine Vorfahren uns jüngeren mahnend zuraunten: „Das letzte Hemd hat keine Taschen…“, damit man nicht Besitztümer anhäufte, sondern sich nur anschaffte, was wirklich gebraucht wurde. Das, was uns heute lieb und teuer ist, das wird höchstwahrscheinlich für unsere Nachfahren nicht den selben Wert haben. Was wird dann damit geschehen? Ja, in der Tat – eine sonderbare Vorstellung.

  2. Rita sagt:

    Auch ich mag Trödel, Flohmärkte, ect. Dieses Stöbern nach dem gewissen Etwas, Erinnerungen werden wach, hatte nicht meine Oma mal so etwas?…
    Meine Handarbeitsleidenschaft, die Büchersammelei… was wird mit meinen Sachen, wenn ich mal nicht mehr bin? Daran denke ich immer wieder mal. Damit meine Habe nicht all zu gross wird, miste ich dann wieder mal aus, gebe Bücher, Material ezc. weiter, damit ich nicht zum Messi werde. Wahrscheinlich bin ich eh schon eine;)
    Wünsch Dir einen ganz schönen Tag und hab Freude;)
    Herzlich, Rita

  3. Elke sagt:

    Hallo Bora,
    so feine Handarbeiten begeistern mich. Ich habe von meiner Oma alle Nähsachen samt Sticktuch aus ihrer Schulzeit bei mir aufbewahrt und bin genauso fasziniert und überlege mir dann wie in diesen Jahren“ gelebt “ wurde und was es da so zu Essen gab, wie mit Freundinnen gemeinsam dabei gelacht wurde, mit was die Kinder gespielt haben…… Ich glaube das ist Leben und nicht nur Zerstreuung vor dem Ferneher, was aber auch oft Spaß macht.

    Liebe Grüße von Elke

  4. Akaleia sagt:

    Liebe Bora,
    wenn die Menschheit begreifen würde wie wertvoll und kostbar dieses alte Handwerk ist – dann wäre vielen geholfen.
    Ich umgebe mich auch sehr gerne mit all diesen Sachen und beweine so oft den Niedergang unserer Kultur!
    Sei ganz lieb gegrüßt und zudem getröstet, weil es mit deinem Wunsch vom eigenen Hof nicht geklappt hat!
    Birgit

  5. isa. sagt:

    oh ich liebe deine bildsprache, du wortkünstlerin!
    ich bin auch ein grosser brokifan, und dieses wochenende war hier bei uns grad ein brocante, eine ganze riesenturnhalle voller kunst und krempel, das hätte dir sicher gefallen!
    letzte woche hab ich mir ein kleines kommödchen via internet ersteigert, das scheinbar einer alten frau gehörte und in der letzten schweizer handweberei in brienz gestanden hatte, so erzählte mir jedenfalls der verkäufer die geschichte. ist das nicht toll!?

    liebe grüsse, isa.

  6. sinnvoll sagt:

    Au ja Trödel. Auch ich bin immer mal wieder auf der Suche nach alten, gebrauchten und qualitativ gut erhaltenen Stücken. Am liebsten gehe ich auf Möbeljagd! Heutzutage werden (bezahlbare) Möbel oft aus billigem, bestenfalls aus echtem Holzfurnier hergestellt. In den Brokenstuben findet sich aber doch immer noch das eine oder andere einfache aber gute Stück, dass sich mit ein wenig Schleifpapier und Farbe auffrischen lässt. Meine zweite Leidenschaft sind gebrauchte Körbe, die mich immer so lieb anlächeln und ich dann erbarmen mit ihnen habe 😉
    Liebe Grüsse
    Sarah

  7. Marianne sagt:

    Bora, Deine Erklärungen zum Wort Trödel… die lautmalerischen Vergleiche mit Weidestrauch und Bordeaux…. das ist ganz grosse Klasse. Ja, in der Tat… das (Kunst-)Werk einer Wortkünstlerin! Herzlich, Alchemilla

  8. Stefanie sagt:

    Ich musste beim Lesen etwas schmunzeln, denn ich kann bei deinen Gedanken total mitgehen. Ich liebe Flohmärkte und kleine, manchmal auch ramschige, Trödelläden. Wie leer wäre unsere Wohnung, wenn wir den gesammelten Trödel wegzaubern würden… 🙂 Ich mag es, genau wie du es auch schreibst, wenn Dinge schon eine Geschichte haben, tw. aus einer Zeit vor mir stammen.
    Gerne freue ich mich auch über ein neues Teil, nicht alles muss schon eine Geschichte haben. Aber so ab und zu …
    Und wer weiß, wer mal unseren Trödel schätzen wird oder vielleicht ganz gruselig findet?

  9. Raniso sagt:

    Auch ich geniesse deine Wortkünstlereien! Was für Bilder sich da vor meinem geistigen Auge malen! Du schreibst toll!
    Ich finde es auch seltsam, daran zu denken, was mit meinen Sachen in Zukunft einmal geschehen wird… Und ich finde es traurig, wenn ich all das Plastikzeug und die unzähligen qualitätlosen Gegenstände in den Läden sehe. Wenn ich über unsere Wegwerf-Gesellschaft nachdenke, der ich manchmal auch angehöre 🙁 Da tut es gut, Trödel wertschätzende Worte zu lesen.
    Ich selber gehe nur selten in Brockis und an Flohmärkte, unsere Wohnung ist einfach zu klein für alles, was ich Heim schleppen würde… 😉
    Ganz liebi grüäss, anja
    P.S. Deine Schnippschnapp-Posts hatten nur kurze Saison, was?! 😉

    • kirschkernzeit sagt:

      Hihi, ja stimmt,seeeeeeeeeehr kurze Saison 😉 Ich fühle mich komischerweise gleich doppelt so motiviert, sobald ich mir vornehme, meine Posts kurz zu halten *lach* Muss die Erleichterung sein… Und dann sind das natürlich Themen, die mich echt begeistern selber und die ich nicht bloss so mitein paar Fotos abspeisen kann ohne dass es mich selber reut… Das mit dem Platz ist also schon ein Problem; wir haben ja genügen davon, aber trotzdem wächst mir manchmal alles über den Kopf, so voll sind manche Räume und Regale- und dann muss ab und zu auch ein Teil wieder weg. Zurück ins Brocki. Ach ja; und glaub ja nicht, ich würde ALLES immer nur ertrödeln! Es stimmt zwar schon; der Löwenteil unsrer Sachen ist second-hand, alle Kinderkleider, die meisten Möbel und Spielsachen und auch das Geschirr, aber dann gibt es auch Dinge, zB. Bücher, die ich mir unheimlich gerne und verhältnismässig oft und gerne gönne. Neu. 😉 Ganz zu schweigen von all den handgemachten, neuen
      Schätzen wie Puppen und Spieltiere oder Schals und Taschen etc. Du bist also in bester Gesellschaft bei mir!

  10. isa. sagt:

    Liebe Bora!
    mal was ganz Anderes, was nix mit Trödel zu tun hat, aber trotzdem…
    Kuck mal, was ich gefunden habe:
    http://www.nido.de/artikel/blog-der-woche-lausemia/
    da wird dein Blog ganz unten im Artikel erwähnt, und stell dir vor, das ist ein Heftli aus Deutschland! Gratuliere, du bist BERÜHMT! 😉 😛

    liebi Grüess, Isa

    • kirschkernzeit sagt:

      Aber hallo! Ich bin ja ganz perplex! Also damit hatte ich jetzt wirklich nicht gerechnet! Coll irgendwie *ganzdollgrins* Danke für diese tolle Mitteilung, du!

  11. Tinki sagt:

    Huch … ich habe gerade aus versehen eine Tastenfunktion gedrückt und nun sind alle i’s auf meiner Seite gelb markiert. Das sieht echt lustig aus…
    Nun aber zum Thema Trödel. Also ich finde Trödel klasse – toll einmalig, vor allem, wenn dieser auch noch einen Sinn und einen Zweck erfüllt. Also ich sammle gerne, aber am liebsten wenn man diesen auch wirklich benutzen kann ( Alte Nähmaschinen, Kuchenformen, Kaffemühle, Leinenküchentücher, Emaille-Töpfe und Kellen( bitte gut erhalten) ) etc. also immer etwas sinnvolles, dann denke ich an die „wiederverwertung“ und bin froh, daß ich ein wenig gegen die Wegwerfgesellschaft arbeite…. Da ich aber Glück habe und mein Liebster mir einiges schon reparieren konnte, was andere für „tod“ hilten ist natürlich die Freude an alten Dingen manchesmal noch schöner!
    Danke für den schönen Trödel-Post. Rollendes R und auslaufendes L… Mein Freund würde dazu wieder mit den Augen rollen …. was willst Du denn mit soooo was!
    Liebste Grüße Tinki

  12. Isla sagt:

    Ich finde, ‚Trödel‘ ist ein hübsches Wort. Klingt nach Liebhaberstücken, eine Einladung zum Stöbern in der Vergangenheit, nach kleinen Schätzen. 🙂

    …der Wecker ist toll – so einen hätte ich auch gern!

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