Wal-Kissen

Mit Kindern und Kunst ist das nun so eine Sache; Entweder es ist Liebe. Oder eben nicht. Und ich glaube fast, es gibt auch bei Kindern kleine Leute, die ihr Herz lieber an anderes verschenken als ausgerechnet an Farbe und Pinsel und die wilden Werke, die daraus entstehen können.
Kind 2 zum Beispiel ist so ein Kind. Er liebt Comics. Er liebt das Wasser. Er liebt Essen. Aber Malen, das liebt er nun nicht so besonders. Meistens jedenfalls.
Das hat nichts damit zu tun, dass er nun faul ist oder zu wenig „begabt“ oder zu unreif, um gerade Linien zu zeichnen oder so (gewisse Kreise interpretieren da ja ziemlich viel in so eine Kinderzeichnung hinein, was das angeht). Es liegt auch nicht unbedingt daran, dass er hier keinen Zugang hätte zu gutem Material oder keinen Platz, um sich damit auszutoben. Es ist wie es ist, schlicht und ergreifend: Kind 2 malt einfach nicht so gerne.

Es dauerte seine Zeit, bis ich das einfach so stehen lassen konnte.
Aber ich denke, ganz egal wie gerne ich selber male und wie sehr mir das alles am Herzen liegt, ich kann das Glück nicht für jeden definieren, sondern nur für mich allein. Das eine Kind geht völlig auf, sobald es vor einem leeren Blatt Papier und einer Schachtel frisch gespitzer Farbstifte steht, und ein anderes geht eben viel lieber Fussball-Spielen. Und Glück ist Glück, oder?

Jetzt versuche ich, das Malen einfach anzubieten, ganz ohne Erwartungen, und immer wieder Platz dafür zu schaffen, sowohl im Haus als auch in unseren Tagen, wo ich ziemlich leicht mit Haut und Haaren verschluckt werde von Wäschebergen und Still-Pausen.
Und wenn mein Junge mein Angebot dann annimmt, ganz wider Erwarten, dann macht das ganz bestimmt nicht nur ihn glücklich…

Nachdem mein Mädchen mir mit ihrer wunderbaren Unterwasser-Welt ein ganz grosses Geschenk gemacht hatte, zog es plötzlich auch Kind2 zu Stoff-Malfarbe und buntverschmierte Handflächen. Und wie es ihn hinzog! Vollkommen versunken stempelte er seine Handflächen auf das Stück Leinen, das ich ihm dafür hingelegt hatte. Und nach dem Trocknen zeichnete er drauflos, so konzentriert und zufrieden, wie ich ihn noch selten über einer Mal-Arbeit gesehen habe. Ich konnte mich kaum sattsehen daran.

Nach dem Trocknen seiner Unterwasser-Szene zogen wir beide uns für einen stillen Augenblick in unsere Gerümpelkammer zurück, zwischen meine Stoff-Regale, rupften Stück um Stück hervor, bis Kind2 fand, was er suchte: Stoff, der zu Oma passt. Zu seiner Oma, die jetzt ein ganz besonderes Enkel-Geschenk bekommen sollte, von ihm gemalt und ausgedacht, von mir genäht und mitgestaltet; ein Patchwork-Wal-Kissen für sie ganz allein.
Er wollte es romantisch, denn sie mag Geblümtes in gesetzten Farben, mit etwas Grün aber nur ganz wenig Blau, aber doch mit so viel Blau in hellen Tönen, dass auch sein Wal-Bild sich gut einfügt darin. Und Braun wollte er haben. Braun, weil ihm der braune Bäumchen-Stoff so gut gefiel, und weil sein U-Boot mitsamt den Tauchern ja auch ziemlich braun aussah…

Ich habe wirklich jeden Schritt dieses kleinen Mutter-Kind-Projekts in vollen Zügen genossen und mich richtiggehend voll-gesogen mit dieser besonderen Energie, die über allem liegt, wenn zwei Menschen sich gemeinsam in etwas versenken.
Und immer wieder stand ich verblüfft vor den Entscheidungen und Gedankengängen meines Kindes, das mir beim Malen und Planen auch den einen oder anderen für mich ganz neuen Einblick in sein Wesen schenkte. Wer etwas er-schafft, der offenbart sich darin. Eine grosse Sache eigentlich, wenn ich es genau überlege.

Was dabei zustande kam, übertraf all meine Erwartungen. Schön ist es geworden, dieses Kissen. Zu schön fast, um es gleich wieder ziehen zu lassen. Aber bei Oma ist eben doch, wo es hingehört, in liebevollen Händen, die Kinder-Kunst zu schätzen wissen und ganz bestimmt mehr als nur ein bisschen der Liebe erahnen, die es entstehen liess…

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Dieser Beitrag wurde unter kreativ mit Kindern, Nähen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Kommentare zu Wal-Kissen

  1. Ramona sagt:

    Oh wow, das ist wirklich toll geworden. Gerade gestern habe ich mich mit dem Mann über unseren Wolf, den Nicht-Zeichner unterhalten. Er ist auch eher so ein Draussen-Räuber. Und auch mir fällt es schwer, das Nichtmalen im Raum stehen zu lassen. Vielleicht könnten ihm aber Walabdrücke gefallen. So mit Farbe mantschen, das mag er nämlich schon.

  2. Rita sagt:

    Wunderbar ist das Kissen geworden. Meine Jungs sind da eher impulsiv, dann muss es schnell gehen und kaum angefangen, ist’s schon wieder vorbei…..;)
    Drum habe ich eine besondere Zeichnungsmappe bereit, für diese eben aussergewöhnlich kreativen Momente…Damit ich sie mir wieder mal hervor holen kann;)
    Ganz viel Freude beim Schenken! Das gehört auch dazu;)
    Liebs Grüessli und ein grosses Kompliment an den Künstler, Rita

  3. Raniso sagt:

    Ich weiss nicht, ob ich mich gerade in einer sentimentalen Phase befinde, auf jeden Fall rollte mir beim Lesen eine Träne über die Wange – vor Rührung, versteht sich… 😉 Hab dir ja erzählt, dass mein Grosser auch gar kein Maler und Zeichner ist. Schade, aber auch gut so. Er verweilt sich dafür beim Puzzlen. Kein Wunder bei den Genen. 😉
    Das Kissen ist fabelhaft! Wunderschön, von der Idee über die Ausführung bis hin zum Endresultat! Ich hoffe, ich werde auch mal Oma so kreativer Enkel und (Schwieger-) Töchter 😀
    Ganz liebi grüäss, anja

  4. Pünktchen sagt:

    Wenn ich Deine Zeilen lese, dann wird mir so unglaublich warm um’s Herz. Ich freue mich für Deinen Jungen, daß er solch‘ ein schönes Erlebnis mit seiner Mama haben und etwas wunderschönes mit ihr für die Oma gestalten kann.

  5. sinnvoll sagt:

    Oh wow, das Kissen ist ganz toll geworden! Dein Junge ist halt doch ein kleiner Künstler! Das Stoffbild ist sooooooooooooo süss 🙂
    Ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen. Ja manchmal haben wir Erwachsenen genaue Vorstellungen, was unserem Kinde gut tut. Und nimmt es dann das scheinbar wertvolle, sinnvolle oder kreative etc. nicht an, sind wir ein wenig enttäuscht. Aber Kinder sind alle so einzigartig, sie wollen/können sich manchmal nicht für die von uns gutgemeinten Vorschläge begeistern. In den verschiedensten Bereichen habe ich selbst schon diese Erfahrung mit meinen Kindern gemacht. Wie sagte Khalil Gibran in seinem Buch der Prophet so schön: „Ihr mögt danach streben, wie eure Kinder zu sein, aber sucht nicht, sie euch gleichzumachen.“
    Liebe Grüsse
    Sarah

  6. Roswitha sagt:

    Großartig ihr Beiden!

  7. JenMuna sagt:

    oh Bora, ich bekomme gar keine email mehr über neue posts:( ..und hatte mich schon gewundert nichts mehr von dir zu lesen..jetzt hab ich einen ordentlichen Schwung toller posts nach zu holen!
    nachher bei einer tasse tee oder kaffee:)
    alles liebe!
    sarah

  8. Ich finde, man sieht es an dem Polster, dass Ihr es wirklich alle genossen habt. Das ist ein wirklich inspirierendes Projekt.
    Liebe Grüße aus Wien
    Dita

  9. Elisabeth sagt:

    Du bist so eine wunderbare Mama!
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

  10. Pingback: Baby Booties | Kirschkernzeit

  11. Pingback: Noch ein Wal | Kirschkernzeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.