Aus meinem Tagebuch: Still

Es ist dunkel. Nacht. Einzig der Schein der Strassenlaternen dringt von draussen zu mir herein und bricht sich an den weissen Wänden. Stille. Frieden. Wunderbar.

Ich höre die das gleichmässige Atmen meines schlafenden Mädchens, dazwischen die kurzen, schnellen Atemstösse meines Babys. Es schläft nicht. Es zappelt neben mir und seine schlenkernden Beinchen streifen mich ab und zu.
Die Decke raschelt. Eigenartig; während alle Welt schläft habe ich hier so ein kleines, strampelndes Menschenkind, das uns beiden so mir nichts dir nichts die Nacht zum Tag macht. Hellwach, lebendig- es ist so viel Leben in diesem Haus, so viel pulsierendes, lärmendes, kaftvolles Leben.

Mich überkommt ein warmes, dankbares Gefühl; das ist Geborgenheit. Hier in einem sicheren Zuhause, in einem warmen Bett zu liegen, in einer Nacht, von der ich nichts zu befürchten habe, zwischen kleinen, warmen Menschenkindern, bei einem Mann, der zu mir gehört, ohne jeden Zweifel, und ich zu ihm. Geborgenheit…

Mein Mädchen dreht sich im Schlaf. Ich zupfe an der Bettdecke, ziehe sie ihr über die Schultern, damit sie nicht friert und fühle mich als Beschützerin, als Hirtin, die im Dunkeln über ihre kleine Herde wacht. Ein gutes Gefühl.

Mein Baby dreht den Kopf zu mir her. Blanke, dunkle Augen glitzern im Lichtstrahl, sehen mich, erkennen mich. Ich glaube, es lächelt und lächle zurück. Es kommt mir so vor, als würden wir miteinaner reden ohne zu sprechen, als könnten wir uns verstehen, allein durch unsere Blicke, durch die Nähe und Verbundenheit, die wir teilen, wir zwei, dieses kleine, wortlose, wundervolle Wesen, dessen Leben erst angefangen hat, und ich, seine Mutter, die ihres bereits grosszügig aufgebraucht hat, nach und nach, fast ohne es zu bemerken.

Mein Herz ist so voll. Gibt es wirklich Worte für alles?
Ich und dieses Baby. Ich und die Kinder. Ich und der Mann an meiner Seite. Zusammen. Gestern. Heute. Morgen. Es ist schön, das Leben zu teilen, mehr als schön, ein Wunder im Grunde, denn verdient habe ich mir nichts von alledem… Ich bin reich und beschenkt, einfach so. Ein Wunder, tatsächlich.

Manchmal denke ich, dass es eigentlich gar nicht sein kann, dass das alles ein Fehler sein muss, ein Versehen.
Aber dann wieder sage ich mir, dass Gott wohl keine Fehler macht.

5 kleine Fingerchen umklammern meine Hand, 5 winzigkleine Fingerchen, die immerzu nach Halt suchen. Ich halte sie fest.
Ein rundes, warmes Köpfchen schmiegt sich an mich. Ich streichle seinen Haarflaum glatt, riechen den vertrauten Duft von warmer Haut und verschütteter Milch.
Das kleine, starke Körperchen, das strapelt, atmet… langsamer, gleichmässiger, entspanner. Ich ziehe es näher zu mir her und bette es in meine Arme, während es schläft.

Festhalten, wärmen, nähren, behüten. Lieben. Voll und ganz, mit allem, was ich bin und habe, immer, auch in anstregenden, nerven-aufreibenden, herausfordernden Phasen, und sogar dann, wenn es eigentlich gar nicht danach aussieht… Es ist diese grosse, tiefe, feste Liebe, die mich durch alles hindurchträgt.

Sie ist es, die alles zusammenhält, sich zwischen uns hindurch spinnt und uns alle verbindet. Mann und Frau. Mutter und Kind. Vater und Kind. Bruder und Bruder, Schwester und Schwester, Geschwister, Familie, die Welt. Diese Liebe ist das Fundament und die Kraft. Ohne sie gäbe es kein Leben.

Ich schliesse die Augen. Von irgendwo her tönt eine Kirchturm-Uhr. Es ist vier Uhr morgens, bald wird der Tag erwachen.

Das Baby an meiner Brust liegt still und entspannt und nuckelt im Schlaf. Ich halte es fest, wärme und behüte es. Ich bin glücklich. Dankbar. Denn das ist alles, was ich möchte. Festhalten, wärmen, nähren, behüten. Alles Wünschen steht hier still.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Print Friendly, PDF & Email
Dieser Beitrag wurde unter aus meinem tagebuch, Dankbarkeit, Familienalltag veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

26 Kommentare zu Aus meinem Tagebuch: Still

  1. Raniso sagt:

    Ui Bora, jetzt muss ich glatt weinen! Nicht ein bisschen feuchte Äuglein, nein richtig dicke Krokodiltränen! Siehst du, das meine ich! Wie du schreibst, Mensch, wie du schreibst! Das ist eine Gabe und ich bin dir sehr dankbar, dass du ein wenig davon mit uns teilst! Sooo schön <3 Ich kuschle mich jetzt ins Bett, voller Liebe!
    Ganz liebi grüäss, eine berührte anja

    • kirschkernzeit sagt:

      Also zum Weinen wollte ich dich nun wirklich nicht bringen! 😉 Naja, es war wirklich eine ziemlich emotional bewegende Nacht irgendwie 😉 So einer dieser MOmente, in denen man glaubt, endlich zu wissen, warum man da ist auf dieser Erde und auf einen Schlag hat man alles, was man immer wollte… Ich glaube, jede Mama erlebt solche Momente…nur leider sind sie unheimlich flüchtig, wie Seifenblasen, zerbrechliche und bewegt. Aber sie hinterlassen auch immer etwas, ein Bild, ein Spur im Herzen (so wie die Seifenringe am Boden vielleicht). Danke dir, du wunderbare! Ich habe so viel Kraft getankt aus deiner letzten mail! Jetzt schreibe ich wieder richtig gerne! 🙂
      ganz lieb
      Bora

  2. Rita sagt:

    Der Tag bricht bald an und ich sitze hier und lese Deine Zeilen….die Stille im Haus, die schlafenden Kinder, Göttergatte im Stall….ja das ist Geborgenheit und Friede! Deine Zeilen sind so offen und ehrlich und ich verstehe genau, was Du meinst!
    Ich wünsche Dir ein paar ruhige erholsame Stunden SChlaf und viel Friede!
    Sei herzlich umarmt, Rita

  3. Sanne sagt:

    ohne weitere Worte von mir:

    einfach nur ein herzliches Danke für deine überaus schönen, guten Worte.
    Gott segne euch

    schniefende Grüße

    Sanne

  4. subs sagt:

    oh, wie wundervoll bora… hab auch feuchte äuglein jetzt!
    bezaubernd… du, deine kinder… deine worte…

    liebe grüße, die subs

  5. Oh wie schön, wie wundervoll, wie berührend … du fühlst, du deine Gefühle zu „Papier“ bringst.
    Das versöhnt mich ein wenig mit dem Loslassen-Müssen vor der Geburt – danke dir von Herzen!
    Selina

  6. amberlight sagt:

    Ganz tief mitten ins Herz getroffen hast du mal wieder. Danke dafür!

  7. Stille Leserin sagt:

    Das haben Sie wunderschön ausgedrückt, danke dafür.
    Madeleine

  8. Marta sagt:

    Einfach das beste Post das ich je gelesen habe! Heute, wird mein Sohn 2, heute brauche ich seelische Unterstützung, heute finde ich es (wieder) hier bei Dir. DANKE; DANKE DANKE LIEBE BORA!

  9. Marily sagt:

    Seit einigen Monaten verfolge ich deine Posts und immer wieder berühren mich deine Worte irgendwo ganz tief in mir. Bis heute habe ich es nicht gewagt und geschafft, dir zu antworten. Doch nach diesem wundervollen Post muss ich dir schreiben, dass da noch jemand ist, der deine Gedanken, Gefühle, Ängste, Wünsche… mitliest, teilt und geniesst und tief in sein Herz schliesst.

    DAS ist das wahre Leben, das, worauf es ankommt. Nicht meine Tage, erfüllt mit (sinnloser?) Arbeit und nervenaufreibendem Stress, wo nur wenig Zeit bleibt für die wirklich wichtigen Dinge. Dank dir weiss ich, worauf ich hinarbeite, wie meine Zukunft aussehen soll, was meinem Leben in Zukunft Sinn geben soll.

    Danke, dass du uns an deinem Leben teilhaben lässt.

    • kirschkernzeit sagt:

      Du machst mich ganz verlegen… Vielen Dank an dich, dass du mir das schreibst; ich bin sehr, sehr glücklich, wenn mein Geschreibsel jemandem etwas Gutes tut… Dann hat das alles erst wirklich Sinn, das mit dem Bloggen…

  10. Katharina sagt:

    Das ist so liebevoll geschrieben! „Denn das ist alles, was ich möchte.“ Dieses Gefühl kenn ich gut. Danke für diesen Post!
    Alles Liebe, Katharina

  11. Milena sagt:

    Liebe Bora
    Gestern Abend spät habe ich Deinen Post gelesen. Dann ist der kleine Prinz erwacht. Ich ging zu ihm. Er war froh, mich zu sehen und streckte seine Ärmchen aus. Ich nahm ihn kurz zu mir in die Arme, damit er sich beruhigen konnte. Wieder im Bettchen weinte er wieder. Dann musste ich an Deinen Post denken und nahm ihn zu mir ins Bett. Wie früher, als Baby. Aber ohalätz! Ab diesem Moment hatten wir Rambazamba. Als dann um 2 noch immer 4 Aufgen offen waren, musste der kleine Prinz wieder zurück in sein eigenes Reich. Ich hätte ihn gern in den Schlaf gekuschelt und ihm am Morgen bem Aufwachen zugeschaut, aber er wollte lieber plaudern und klettern.
    Nicht immer wollen die Kindern, wie wir es möchten. Oft werden Pläne über den Haufen geworfen oder die Vernuft siegt. Wohl zum Wohle allen. Es ist, wie es ist. Auch wenn man das Andere noch so sehnlichst herbeiwünscht.
    Liebe Grüsse
    Milena

  12. mia lause sagt:

    Oh Bora,du berührst mich wieder zutiefst.Deine Mütterlichkeit und Wärme…deine Worte,die mich daran erinnern,wie glücklich wir Mütter sind und wie wir in solch schönen Momenten innehalten sollen und das Leben bewusst genießen.Mein kleiner Junge schläft ebenfalls bei uns im Bett.Anfangs,als ich kaum Kraft hatte, war es wenn er wieder und wieder wach wurde für mich jedes Mal ein Schreckensmoment.Aus dem Schlaf gerissen zu werden,den man doch so sehr braucht.Und sogleich ein Menschenkind zu versorgen,dass dich doch so sehr braucht.
    Heute kann ich es auch genießen.Ich schnuppere an ihm und kuschel mich wieder an ihn.Erfreue mich daran,dass er nach einigen zufriedenen Lauten wieder in den Schlaf findet.Dann kann auch ich wieder ruhig sein.
    Ich bewundere dich,weil du es schaffst das alles,dieses Gefühl reich beschenkt zu sein,in Worte fassen kannst.In wundervolle wärmende Worte.Worte die einem die Kehle schnüren und Tränen in die Augen steigen lässt.
    Ich werde an sie denken,wenn ich eines Nachts hochschrecke und nicht die entspannte Mutter bin,wie ich sie sein möchte.Ich werde mich an deine Worte erinnern.Versprochen.

    Mia

  13. Steffi sagt:

    Liebe Bora,
    ich dachte schon, ich bin die Einzige, die Du zu Tränen rührst, aber nein, weit gefehlt.
    Ich kann mich meinen Vorrednerinnen nur anschließen, das ist der beste Post, den ich je gelesen habe!
    Ich bin oft so ungeduldig mit meinem Sohn und Du schaffst es mit Deinen Posts, Sinn und vor allem Kraft in mir zu wecken! Ich freue mich immer über einen neuen Post von Dir. Du gibst uns Leserinnen so viel von Dir! Vielen Dank dafür!
    Die Fotos strahlen eine solche Geborgenheit aus, vor allem das erste mit dem Teppich, es weckt Kindheitsgefühle bei mir, die mich die bedingungslose Liebe und Geborgenheit aus jener Zeit wieder nachfühlen lassen. Auch dafür möchte ich Dir danken.

    Sei ganz fest umarmt von Deiner Steffi

  14. auch ich bin sehr gerührt von diesem wunderbaren eintrag.
    (ich les ihn grad vor einer eventuell unruhigen nacht, da die siebenjährige hustet und fiebert und ich sie zu mir ins bett holen will…)
    ich danke dir fürs teilen.
    herzliche grüße

  15. Marianne sagt:

    Ich bin ganz still geworden beim Lesen, Bora, ganz still…. und bin sehr berührt. Danke. Marianne

  16. Wunderschön! Du kannst so perfekt ausdrücken, was jede Mama kennt. Hach, wie herzerwärmend, wenn ein kleines Menschlein in meinen Armen einschläft und ich spüre, wie ich ihm Ruhe und Geborgenheit schenken kann und es sich ganz fallen lässt. Die Zeit steht still und man möchte am liebsten den Moment für immer festhalten, das Kleine für immer so behüten …

    Liebe Grüße,
    Doro

  17. bea sagt:

    Ich komme immer wieder sehr gern zu Dir lesen.
    Diesen Eintrag heute finde ich ganz besonders schön und berührend, nicht nur weil ich diese Momente auch kenne, in denen mir diese Gefühle durch den Kopf und durchs Herz gehen, sondern weil du es so treffend in Worte umgesetzt hast und diese von so intensiven Fotos begleitet sind.
    Ich wünsche dir einen schönen Wochenendausklang …

  18. Traumkraut sagt:

    hach…. wie schön.

  19. Biba sagt:

    Seit Tagen denke ich über VIER UHR MORGENS nach (aus verschiedenen Gründen) und nun schreibst du das!
    Es hat mich gerade sehr gerührt…

    Biba grüßt Bora.

  20. ramona sagt:

    Wie herzerwärmend. Wie wahr! Das hast du schön geschrieben. genau so fühlt es sich an!

  21. Elvira sagt:

    Nein, zum Weinen bringen mich Deine Zeilen nicht. Warum auch? Das, was Du beschreibst, sollte Normalität sein. Diese Mütterlichkeit, die Verbundenheit mit Mann und Kindern (und Enkeln), diese Einzigartigkeit jeder Familie, das Gefühl, ein Teil von etwas Großem zu sein. Und doch ist da eine Gefahr, die Frauen wie Du – und ich – unbewusst eingehen. Mein jüngerer Sohn hat einmal zu mir gesagt, dass ich versäumt hätte, ihm beizubringen, wie er Konflikte lösen könne. Denn die gab es in unserer Familie nie. Nur Liebe! Nie Missmut, geschweige denn Streit. Seine erste Liebe zerbrach daran. Seine Freundin warf ihm nach vier Jahren vor, nicht konfliktfähig zu sein, er wolle immer nur Harmonie, aber die könne es nicht ausschließlich geben. Er bot ihr keine Reibungsfläche. In einem Blog las ich diesen Satz: “…was passiert mit einer Familie, die gemeinsam ums Lagerfeuer der Liebe sitzt und die ganze Zeit nur die Höhe der Flammen misst, was für eine Qual wird von einer Generation zur nächsten weitergegeben…” Dieser Satz bewog mich das Buch zu kaufen, aus dem er zitiert wurde.
    Wenn ich Deine Zeilen lese, denke ich an mich als junge Mutter. Ich vermisse diese Zeit, würde sie so gerne noch einmal erleben. Auch wenn ich aus heutiger Sicht sicher Kleinigkeiten anders handhaben würde, wäre ich immer noch bemüht, Unstimmigkeiten zu umschiffen. Warum? Weil meine Kinder mich heute immer noch heiß und innig lieben – wie ich sie! Und weil eines der Kinder, obwohl genau wie die anderen erzogen, durchaus konfliktfähig geworden ist.
    Ich grüße Dich recht herzlich!
    Elvira

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich glaube, ich weiss, was du meinst; diese Angst davor, die Harmonie zu stören, oder? Ich glaube, ich bin schon ziemlich harmoniebedürftig… aber seit ich Kinder habe, habe ich gelern, wie zerbrechlich sie ist, die Hamonie, bzw. das, was ich dafür hielt. Wahrscheinlich ist es ein bisschen unvorstellbar nach einem Post wie diesem, den ich in so aufgeräumter, glücklicher Stimmung geschrieben habe und wo ich selber gerade so ruhig war, wie er sich wohl liest; aber bei uns fliegen genauso oft die Fetzen wie andersowo 😉 Ich bin in Tat und Wahrheit eine ziemlich… naja… „authentische“ Mama (so nenne ich das selber ja am liebsten. Andere würden es vielleicht eher launisch nennen 😉 ) Und genauso sind wir als Familie. Wir lachen, wir streiten, wir knuddeln uns und lassen auch mal die Türe scheppern *grins* Ich glaube, selbst die Nachbarn , die uns noch nie gesehen haben, kennen uns vom Hören her… Es gibt bestimmte Regeln, denn mir ist zB. der Respekt vor Erwachsenen und das Vermeiden von Gewalt jeder Art ein grosses Anliegen, aber Streit soll (und wird) seinen PLatz haben. Solange er auch wieder besprochen und gelöst wird. Ich kann verstehen, dass du manchmal gerne noch einmal zurück würdest in die Vergangenheit, manche Dinge anders machen. Auch mir geht es manchmal so, ehrlich. Aber ob ich es besser machen könnte? Ich weiss nicht… Vielleicht ist es ganz gut, dass ich das Rad der Zeit nicht drehen kann…

  22. Valrike sagt:

    Ach, wie wunderschön… wie warm, wie herrlich…sprachlos… 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.