Mein Geburts-Begleiter

Irgendwann im Frühling sassen mein Mädchen und ich draussen im Garten und malten. Ich hatte Stoffmalfarben dabei und eine ganz konkrete Idee im Kopf: Ich wollte Hand-Wale machen aus den Abdrücken ihrer kleinen Patsche-Händchen, Hand-Wale für die sie dann die Unterwasser-Meeres-Welt malen sollte, eine Ozean-Kulisse, so mit Wellen und Schwärmen kleiner Fischchen und so. Dachte ich.

Das mit den Handabdrücken klappte ganz gut, aber schon hier hatte ich bald das Gefühl, sie irgendwie bremsen zu müssen, denn natürlich fing mein Mädchen sofort Feuer, als ich Farbe auf ihre Handflächen strich. Kinderhände voller Farbe, das wird intuitiv und expressiv. So ein Handabdruck aber verlangt doch eher nach einem eingermassen ruhigen Händchen…

Kaum waren ihre Hände wieder fei von Farbe und die Wale ein wenig angetrocknet, griff sie nach dem Pinsel. Hoch konzentriert begann sie, den bedruckten Stoff zu gestalten. Die Ozean-Kulisse.
Ihre
Ozean-Kulisse.

Ich hatte eigentlich im Sinn gehabt, die Farbpalette streng limitiert zu halten. Nur helle und dunklere Blautöne für die Wellen. Alles schön harmonisch, monochrom, leicht und frisch. Für die Fische dann vielleicht etwas Lila oder so, man würde sehen. Doch bald schon mischte mein Mädchen Rot ins Wasser-Blau hinein (Rot!?) und irgendwie dann auch Grün und aus den Wellen wurden Tupfen und wilde Striche quer durchs ganze Bild, Fingerschlieren sogar…
In mir wurde es unruhig: Das ging hier ganz und gar nicht nach Plan.
Ganz im Gegenteil. Und obwohl ich eigentlich wusste, dass dieses Wal-Bild nicht mein Projekt sein sollte, sondern das meines Kindes, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich mit meinen Ratschlägen und Anweisungen permanent dabei war, es zu meinem Projekt zu machen.

Ich glaube, der allergrösste Stolperstein beim kreativen Werken mit Kinder ist im Grunde weniger die Angst vor Unordnung und Flecken oder fehlendes Know-How. Ich glaube, viel hinderlicher sind -zumindest bei mir- oftmals die falschen Erwartungen an diese gemeinsame Zeit. Wenn ich uns kreative Zeit einräume, die Malsachene hervorhole und mir hübsche Dinge für uns vornehme, weil ich kreativ sein will und meine kreative Seele nähren möchte, dann kann ich wahrscheinlich nur schwer damit umgehen, wenn eines der Kinder zB. keine Lust hat, mitzumachen. Oder wenn es -wie mein Mädchen bei unserem Wal-Fisch-Szenario- sogar viel zu viel Lust hat, mitzumachen und sich so sehr einbringt, dass all meine eigenen Pläne und Vorstellungen über Bord gehen.

Manchmal sind kreative Seelen einfach unheimlich hungrig. Sie brauchen Futter. Grosse wie Kleine. Und nun war eine kleine Seele an der Reihe, eine kleine Mädchen-Seele, die sichtbar sprühte vor Begeisteung und Freude, die Hände voller Blau und Rot, der Stoff längst wirr vor lauter Linien. Meine schöne Ozean-Kulisse…

Ich atmete einmal tief durch und… liess los. Auch als mein Mädchen mit dem Stoffmalstift den Wal durchkreuzte, versuchte ich, loszulassen. Sie machen zu lassen. Frei. Unbeschwert. Glücklich mit ihren Striche und Schlieren und Klecksen. Es sollte ihr Bild sein, und ich ihr Gehilfe, der ihr neue Farbe anmischte, Wassergläser wechselte und zuhörte, wenn sie erzählen wollte. Das sollte war ihre Zeit sein, ihr Projekt, Nahrung und Spielfeld für ihre kleine, hungrige Kinderseele.

Als sie fertig war, sich den Malkittel über den Kopf streifte und davon sauste zum Spielen, sah ich, dass sie glücklich war, zufrieden mit sich und der Welt und dem, was sie gemacht hatte.
Und ich war es genauso. Ich blickte ihr nach und sah dann auf das Bild, das feucht auf der Tischplatte klebte. Ich konnte nur staunen: Es war wunderschön geworden! Wirr und kindlich und … einfach fabel-haft ihres.

Aus dem Ozean meines Mädchens nähte ich dann eine einfache Tasche. Ich fütterte sie mit blauem, starkem Stoff, machte stabile, gefütterte Henkel dazu und suchte mir ein paar der süssen, alten Pinguin-Borten aus meiner Bänder-Dose. Zum Zu-Binden.
Aus einer alten, verschlissenen Kinder-Hose, die schon mein 6 Jahre jüngerer Bruder getragen hatte, schneiderte ich eine kleine Innen-Tasche zurecht, fürs Portemonnaie und Schlüssel und all die Kleingkeiten, die nur allzu rasch im reichen Innenleben einer beschäftigten Mama-Taschen verloren gehen.

Beim Nähen dieser Tasche war ich unheimlich glücklich und voller Vor-Freude. Ich wusste, wohin sie mich begleiten würde. Ich wusste es vom allerersten Augeblick an und füllte sie mit weichen, kleinen Dingen bis sie so kugelrund war wie ich selbst zu diesem Zeitpunkt.

Und dann… ja, dann kam der Tag. Der 5. Juli (Bittebitte sagt mir, dass das nicht bereits schon bald wieder 3 Monate zurückliegt!). Ihr Tag. Der Tag, an dem mein Baby-Kind zur Welt kommen wollte. Ich schulterte meine Wal-Tasche und fuhr los. Vollkommen guter Hoffnung …

So kam es,  dass ein kleines Stückchen Kinder-Kunst und die Erinnerung an eine ganz besondere Stunde mit meinem kleinen Mädchen mit dabei war, als das Babykind geboren wurde. Mein ganz persönlicher, kleiner Geburts-Begleiter, der nicht nur Wärmendes für mein neugeborenes Kind bereit hielt, nicht nur Babydecke und Strampler, sondern auch warme Erinnerungen und tröstliche Gedanken. Wärme und Trost von innen. Dann als ich es am allermeisten brauchte.


Es gibt Dinge, Menschen und Momente, an die verliert man sofort sein Herz.
Und manchmal, manchmal da finden gleich alle drei zusammen…

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16 Kommentare zu Mein Geburts-Begleiter

  1. Roswitha sagt:

    Liebe Bora,

    so wunderschön ist die Tasche. Der Weg mit ihr und dorthin ein ganz besonderer.
    Deine Worte ein Seelenbild.

    Herzliche Grüße, Roswitha

  2. Pünktchen sagt:

    Liebe Bora, wie gut kennen wir doch alle diese Situationen, wenn die eigene klare Vorstellung von etwas so ganz und garnicht deckungsgleich ist mit den Phantasiegebilden unserer Kinder. Auch ich war in solchen Fälle sehr „ambitioniert“ und mußte lernen, sie machen zu lassen. Und je mehr sie sich ganz alleine austoben konnten, umso schöner war das, was am Ende entstand. So ehrlich und so schön hast Du das Prozedere um die Entstehung dieser Tasche beschrieben. Und etwas Phantastisches ist am Ende daraus geworden. Ich finde es wunderbar, Kindern Dinge beizubringen. Noch wunderbarer finde ich aber, von Kindern zu lernen.

  3. amselgesang sagt:

    Das ist ein Thema, das mich lange beschäftigt hat – die gemischten Gefühle, wenn die Kinder Gebasteltes aus dem Kindergarten mitbrachten, dem man deutlich ansah, dass da Schablonen und vorgegebene Details etc. zugrundelagen. Natürlich habe ich mich gefreut und sie für ihre Geschicklichkeit gelobt, aber die Sachen, die zuhause aus eigenem Antrieb entstanden, waren meist viel schöner, unperfekter und origineller.
    Die Tasche ist eine Wucht!!
    Brigitte

  4. Formgefuehl sagt:

    Wieder mal so wunderschön und ehrlich geschrieben. Ich habe Gänshaut. Deine kleinen Geschichten holen mich immer wieder aus dem Dauerlauf des Alltags raus. Und lassen mich gerade jetzt noch mehr auf mein Baby freuen.

    Hab einen wundervollen Sonntag!

  5. Raniso sagt:

    Ach wie toll! Ich habe einige Male an eure Handwale gedacht und bin jetzt umso verzauberter von der Geschichte dazu! Ja, dieses Loslassen von eigenen Vorstellungen beim Kreativsein mit Kindern kenne ich gut. Besonders wenn ich mir ein super Projekt für meine Schüler ausdenke und es dann ganz anders kommt – im ersten Moment frustrierend, bis ich merke, dass es ganz bezaubernd ist, so wie’s wird… Ich werde immer besser darin, ohne Erwartungen an die Projekte heran zu gehen und halte mich immer mehr mit Ratschlägen zurück.
    Die Tasche ist aber auch wirklich eine Wucht! Und die Bilder dazu… <3 Vor allem das letzte!
    Ganz liebi grüäss, anja, die sich soooo gefreut hat, dich heute zu sehen!

  6. ramona sagt:

    Oh, wie scharfsinnig du das beobachtet hast. Ich liebe deine Gedanken dazu. Und walfische! Wo, damit kann ich meinen kleinen Farbkleckser sicher auch begeistern. Danke für die Idee (und auch die Gedanken, wie das so ist mit MEINEN und IHREN Projekten 🙂 Wie wahr, wie wahr.

  7. Biba sagt:

    Danke für’s Mitnehmen in deine Welt! 🙂

  8. Katharina sagt:

    Was für eine wunderschöne, wahre, berührende Geschichte. Danke!
    Ich wünsche dir, dass du noch oft mit einem Lächeln an alles zurückdenken kannst, wann immer dein Blick auf diese Tasche fällt.
    Alles Liebe, Katharina

    • kirschkernzeit sagt:

      Momentan trägt sie ja eher Einkaufszeugs, hihi… Aber es ist wirklich so, dass sie mir jetzt total am Herzen liegt, weisst du. Sie war eben von Anfang an was Besonderes, diese Tasche…Und eine wunderbare Geburts-Begleiterin, oh ja…

  9. Rita sagt:

    Wie schön sich doch am SChluss immer alles vereint….Meine kreativen Ideen und die meiner Kinder…das Thema musste ich auch schon angehen. Aber wie viele hier schon beschrieben haben, machen lassen, das Resultat ist oft überraschend;)!!
    Deine Tasche ist wunderbar und der „Zweck“ der Tasche ganz zauberhaft;)
    Wünsch Dir einen guten Wochenstart!
    Herzlich, Rita

  10. amberlight sagt:

    Hach, jetzt bin ich wieder ganz gerührt …. und habe ein bisschen das Gefühl, dabei gewesen zu sein, obwohl es doch so ein inniger Familienmoment ist Danke für’s durch den Türspalt-Kucken-dürfen. 🙂

  11. Iren sagt:

    Liebe Bora
    Im ersten Teil des Lesens habe ich mich total wieder gefunden! Es geht mir genau so und ich mag mich dann überhaupt: Ich will mit meinen Kindern nach meinen Vorstellungen kreativ sein, super… Bis ich mir dann sagte, dass ich halt selbst wieder mehr für mich was machen und malen muss, damit nicht meine Kinder für mein eigenes Defizit herhalten müssen. – Ich habe viel dazulernen müssen und heute kann ich mich an ihren eigenen Ideen freuen. Oft ist es für die Kinder den Prozess des Malens selbst, und viel weniger das Resultat, was ihnen wichtig ist. Das Gefühl, das man in diesem Moment hat. So habe ich angefangen, während die Kinder kreativ sind, auch „kreativ“ zu werden und hole jeweils die Kamera hervor. Ich fotografiere sie dann mit viel Freude, wenn sie in ihrem Flow sind, ungehindert, weil ich ja auch in meinen Flow komme… 😉

    Beim zweiten Teil des Lesens kriegte ich auch Gänsehaut und war sehr gerührt, wie Du danach noch deine Kreativität rein gebracht hast und diese wunderbare Energie von Deiner Tochter und von Dir vereint und gebündelt hast. Für einen ganz speziellen Moment… Wunder-, wunderbar!

    Herzlichst,
    iren

  12. mia lause sagt:

    Liebe Bora,da habt ihr aber ein schönes gemeinsames Kunstwerk erschaffen.So eins gibt es nirgends wieder.Es ist einzigartig.So wie du es bist.Und jedes deiner wunderbaren Kinder.

    Schön,dass ihr euch habt.

    Mia

  13. steffi sagt:

    liebe bora!
    du sprichst mir aus der seele mit deinen kinderbastelaktion-gedanken. dasselbe bei mir… habe ich schon oft registriert bei mir, aber du hast es echt mal in die richtigen worte gebracht.
    und wie wunderschön deine tasche geworden ist!!!
    liebe grüße!
    steffi

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