das blaue Zimmer: meine Lieblings-Ecke

Als das Baby noch in meinem Bauch war, sagten die Leute: “ Lass das Putzen und Räumen und Hantieren. Lass alles liegen. Nutze die Zeit, um Kräfte zu sammeln. Ruh dich aus. Schone dich.  Du wirst deine Energien noch brauchen, wenn das Baby erst da ist. „

Sie hatten Recht.
Und auch wieder nicht.
Denn: Ja, jetzt, da mein Baby da ist und mein Leben verändert, brauche ich meine Energien. Voll und ganz sogar. Der Tag wird kommen, an dem ich selbst den letzten Rest eiserne Reserve noch werde anzapfen müssen, und ich frage mich schon heute, wie und wann ich den Tank wieder füllen soll… Aber: Das mit dem Ausruhen und die Dinge liegen lassen, das stimmt nicht so ganz. Nicht für mich jedenfalls. Weil, hätte ich damals, in meiner Nest-Bau-Phase (Wie schön sie war! Hach, ich werde ganz wehmütig, wenn ich heute daran denke …) meinen kreativen Gelüsten nicht nachgegeben, dann wäre ich heute wohl um einiges nervöser. Angefangene Arbeiten um mich herum zu haben, macht mich nämlich unruhig. Schrecklich unruhig.

Dasselbe gilt für Ideen, die mir im Kopf herumgeistern und es nie weiter schaffen als bis zum drängenden, immer wieder auf morgen vertagten Vorhaben. Eine ständig wachsende „Wanna do Liste“ und buchstäblich permanent mit einem kleinen, süssen Fratz besetzte Hände sind eine heikle Kombination, die wahrscheinlich selbst den Dalai Lama nervös machen würden (nur wüsste der wahrscheinlich besser, was in diesem Fall zu tun ist, als ich).

Wie dem auch sei; ich bin jedenfalls unheimlich froh um und sehr dankbar für jedes einzelne Projekt, an das ich mich noch gewagt habe, vor der Geburt meines Babys. Sie haben vielleicht Zeit gekostet und ein bisschen an meinen Energien geknabbert, diese Dinge, das Stricken meines wollweissen Babyjäckchens, das Nähen der Quick Change Trousers, das Streichen und Einrichten des blauen Jungen-Zimmers, das Räumen und Sortieren in unseren Kleiderschränken und dieses unglaublich intensive Bedürfnis Ordnung zu schaffen, überall, auch in meinen Stoff-Regalen und in den Schubladen meiner weissen Kommode, wo ich begonnene Näharbeiten und das Material für geplante Projekte lagere.

Ja, vielleicht hat mich das alles Energie gekostet. Aber mir scheint, ich habe noch viel mehr Energie daraus gewonnen. Etwas zu einem Ende zu bringen, eine Jacke, eine Kinderhose, Ordnung und Schönheit in unsere Räume oder auch nur schon meine ganz persönlichen Eckchen zu bringen, das macht mich irgendwie … zufrieden. Still.

Ja, zufrieden. Nachhaltig zufrieden. Wenn ich jetzt -mein Baby im Arm und ein sich etwas vernachlässigt fühlendes, kleines Mädchen samt Bilderbuch im Schlepptau- in unser blaues Zimmer komme, dann komme ich ein Stück weit zur Ruhe. Diese innere Nervosität, die Spannung, weil ich möchte, so vieles möchte, und  nicht kann… wird einfacher zu ertragen. Es ist einfach schön und besänftigend, mich in diesem Raum zu verkriechen, auch mal Dinge anzusehen, die fertig geworden sind; die türkisfarbenen Wände, die Bilder an den Wänden, die aufgehängten Mobiles und mit liebgewonnenen Kleinigkeiten meiner Jungens vollgestellten Regale. Das alles wirkt so herrlich eingerichtet. So fertig. So klar. Wie ein grosses, dickes Häkchen am Listen-Rand.

Als ich die beiden alten, zerkratzen Holzschemel damals aus dem Keller holte und gemeinsam mit Kind 2 jeweils ein grosses Stück stabilen Stoff (von Ikea) darauf festtackerte, hätte ich mir niemals träumen lassen, dass ich mir damit so nachhaltig etwas Gutes tun würde. Genauso wenig wie beim Malen jenes kleinen Fisch-Bildes, wo ich einfach drauflos pinselte und das Resultat dabei eigentlich völlig unwichtig wurde… Doch heute vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht im blauen Zimmer stehe und mein Blick an einer gewissen kleinen Ecke hängenbleibt, wo es immer so schön aufgeräumt wirkt und alles so durchdacht aussieht dank der weiss gestrichenen Hakenleiste und den starken Farbkontrasten. (Das mit dem Aufgeräumt-Wirken ist wichtig, denn der Rest des Hause ist ein Saustall!)

Die Ecke mit den hurtig neu bezogenen alten Küchen-Schemeln und meinem gerahmten Fisch-Bild : Meine Lieblings-Ecke im blauen Zimmer.

Ich bin froh, habe ich nicht ganz alles liegengelassen damals in der Schwangerschaft.
Besonders, weil ich heute so vieles liegenlassen muss und kleine Ecken und Dinge brauche, die mich nach vorne schauen lassen in eine Zeit, in der das alles auch für mich wieder möglich wird. Bis dahin geniesse ich mein Baby. Und den Blick in meine Lieblings-Ecke.

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13 Kommentare zu das blaue Zimmer: meine Lieblings-Ecke

  1. Biba sagt:

    Am liebsten möchte man dich besuchen kommen. Einfach mal klingeln und mit dir im blauen Zimmer sitzen. Geht nicht. Ist zu weit. – Aber heute Nacht in meinen Träumen besuche ich dich. Achte mal drauf! Ich bin’s!
    Liebe Grüße von Biba.

  2. Rita sagt:

    Liebe Bora
    Ich weiss schon, was Du meinst…;) Ich hatte das damals auch. Der Nestbau führte dazu, dass ich das gesamte Haus von oben bis unten durchputzte. Seither ist das nicht mehr passiert….*schäm*. Aber es wird wieder besser, plötzlich findest Du wieder Zeit!! Dein blaues Zimmer ist wundervoll und der SChemel ganz besonders. So ein Tacker wäre hier oft auch ganz nützlich;)
    Lass Dir Zeit, schau zu Dir und hole überall Kraft, die Du brauchst…
    Ich denk an Dich, herzlich, Rita

  3. christina sagt:

    libe bora

    ich kann dich seeeeeeehr gut verstehen 🙂

    auch ich lebe in einem haus mit so vielen unerlededigten dingen, mit gefühlten hunderten von ideen , die ich in mir trage und doch noch nicht zum umsetzen derer kam, es ist manchmal arg schwer dies auszuhalten für mich.
    und dann finde auch ich ruhe in den winkeln wo es sich für mich geordnet oder eben geputzt anschaut für mich. ruhe, stille und ich kann kraft daraus tanken und das ist enorm wichtig, denn der rest des hauses ist so ganz anderss und dieses wissen fordert mich und macht mich wohl allzuoft unruhig.

    ich mag dies blaue ecke mit der weissen leiste sehr gerne!

    herzlich

    christina

  4. kristl sagt:

    liebe bora,
    es geht mir gerade genauso. jede sache die ich noch fertig bringe schenkt mir energie…auch wenn es jeden moment soweit sein kann 🙂 heute gerade haben wir einige projekte in angriff genommen…und es scheint, als werden die meisten gelingen…
    Ich glaube ich brauche dringend irgendwann ein so blau-türkises zimmer…die farbe wirkt unglaublich schön!!! alles alles liebe für euch rasselbande

  5. enim sou sagt:

    Es hat bestimmt seinen Sinn, dass frau am Ende der Schwangerschaft noch mal so richtig alles organisieren, aufräumen, ja überhaupt Dinge anpacken will, denn DANACH geht erstmal gar nichts mehr so richtig. Gut, dass du diese Motivationsschübe ausgenutzt hast!
    Euer, dein blaues (wieso schreibe ich immer balu, wenn ich blau sagen will?), strahlt wirklich Ruhe aus, genau so war es auch, als ich im vergangenen Herbst 30 Kisten Kleidung und anderen Krams wie den alten Schlafzimmerschrank aus dem Kinderzimmer aussortiert hatte, das Zimmer dann endlich frisch gestrichen und neu organisiert war – ich habe mich jeden Morgen in den Korbstuhl gestezt und es auf mich wirken lassen. Das tat so gut. (Heute sieht es da schon wieder ganz anders aus, ich wundere mich, wie täglich solche Unmengen an Wäsche und Papierschnipsel in den Ecken landen können??)

    Liebe Grüße.

  6. Steffi sagt:

    Liebe Bora,
    alles Tipps der Welt machen nicht für alle Sinn. Ausruhen, rumliegen und grübeln können nervöser machen und anstrengender sein als zu arbeiten. Wenn man eine Aufgabe hat, in der man richtig aufgeht, dann ist das Glück pur und schafft neue Energie statt vorhandene zu verbrauchen.
    Ich kann Dich sehr gut verstehen, bin immer am überlegen, was man noch machen könnte bei uns in der Wohnung und was mal neu gemacht werden sollte. Heute nacht habe ich sogar von einem Haus geträumt, das ich eingerichtet habe…..ich brauche echt dringend wieder ein Projekt…Und was die Nestbauphase anbelangt, so habe ich diese auch sehr genossen. Und das Zimmer ist echt schön geworden!
    Liebste Grüße von Steffi

  7. Raniso sagt:

    Also ich finde auch, du hast alles richtig gemacht mit dem Nesttrieb! Eine geordnete Wohnung und abgeschlossene Freudemacher-Projekte geben ja sowas von Energie! Hmmm, sie fehlen auch hier noch manchmal ein wenig. Und leider habe ich nicht so eine tolle ordentliche Ecke wie du. Meine Wohnung erscheint mir im Moment eher viel zu winzig. Wobei, es ist besser, seit die drei gemeinsam ein Zimmer behausen… Aber tagsüber renne ich immernoch fast den ganzen Tag mit Baby auf dem Bauch oder Rücken in der Gegend herum 😛 Aber besser ist’s auf alle Fälle geworden. Ganz liebi grüäss, anja

  8. steffi sagt:

    ach, bora du hast einfach eine gabe, die dinge mit deinen worten auf den punkt zu bringen. das spricht mir so aus dem herzen und den absatz mit den plänen, die es nie weiter schaffen … so dass es selbst den dalai lama nervös machen würde… das möchte ich fett unterstreichen 🙂
    immer sind dinge da, die man nicht schafft und so gerne würde. mich macht das auch unruhig und ich muss mir immer wieder sagen, was eigentlich wichtig ist (kinder und so, ne? und eine ungestresste mama :-)).
    liebe grüße!

    • kirschkernzeit sagt:

      Du, ich bin froh, dass du meine Textenicht zu überladen findest! Ich schreibe und schreibe und verliere mcih total schnell in Details… Und dann lösche ich wieder einen teil und hoffe nur, dass ihr noch versteht, was ich eigentlich sagen wollte… Danke fürs Feedback!

  9. Elvira sagt:

    Für das, was Du so treffend beschreibst, gibt es ein Wort und das heißt „Leben“. Lese ich in den Posts die Kommentare, so lese ich ganz oft – und würde in den Chor mit einstimmen – das kenne ich auch, ganz genau so ging es mir. Was wir bei Dir (wieder-)finden, ist eine scheinbar verlorengegangene Zeit. Es gibt gerade eine Renaissance der Naturverbundenheit, der Sehnsucht nach dem „einfachen“ Leben. Das manifestiert sich in Zeitschriften wie Landlust u.a. Was Dein Blog so liebenswert macht ist, dass Du ein Leben, nach dem sich viele (wieder) sehnen, wahrhaft lebst. Du bist lebendig in Deinem Denken und Deinem Tun und Deiner Kreativität. Und Du hast die Gabe Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden. Es gibt Menschen, die trauern allem Vergangenen nach, dann gibt es die Menschen, die nur im Hier und Jetzt leben und die, die stets der Zukunft zugewandt sind. Aber jedes für sich ist nicht lebbar.
    Eine Vorkommentatorin hat geschrieben, sie würde Dich gerne besuchen. Aber sie würde nicht finden, was Du beschreibst. Natürlich würdet ihr im blauen Zimmer sitzen können, aber niemand könnte das fühlen, was Du fühlst. Wir können es erahnen und es uns in ähnlicher Intensität wünschen. Aber nur Du kannst es so leben. Du hast etwas, wonach sich ganz offensichtlich viele Menschen sehnen: Herzensbildung.
    Liebe Grüße schickt Dir Elvira

    • kirschkernzeit sagt:

      Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll… Vielleicht: „Danke!“ ? Wie schön du das geschrieben hast! So überlegt und tieggründig- und schlichtweg zum Rotwerden nett!

    • Gerti sagt:

      Das klingt danach als wäre das „einfache Leben“ irgendwann mal out gewesen. Diese Zeit muss ich verpasst haben.

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