Postcard # 6

Unser letzter Tag hier. Meine letzte Postcard an euch also *snif*. Dann heisst es Abschiednehmen: Arrividerci Le Prese! Arrividerci Puschlav! Machts gut, liebe Berge, lieber See und ihr wunderbaren, emsigen weissen Wolken am Himmel, die ihr immer so eifrig über uns hinweg gezogen seid, und mal Regen, mal Wind aber immer wieder auch strahlen blauen Himmel brachtet.


Ich hab das sehr genossen, das alles. Das Wegsein von Zuhause, wo mich hundertausendmillionen grosse und kleine Aufgaben immerzu anzuschauen scheinen zum Beispiel. Das wohl am allermeisten sogar.
Obwohl wir ja hier in einem Wohnwagen hausen, was im Grunde auch nichts anderes ist, als ein Haushalt auf Rädern, bzw. ein Haushalt auf Stelzen oder so, denn dieser hier ist festgekarrt und aufgebockt an seinem Plätzchen, so wie eine ganze Reihe anderer Wohnwagen auch: Der Wagen, in dem wir unseren Urlaub verbracht haben, gehört meiner Mama, einer echten, leidenschaftlichen Zeltplatz-Zigeunerin. Sie reist zwar auch nicht herum mit ihrem Camper, sondern hat einen festen Stehplatz hier, aber das ist ihr Plätzchen, ihre Berg-Oase würde ich mal sagen, und jetzt, nach einer Woche Camping-Leben, kann ich ihr sogar ein bisschen nachfühlen.

Ein kleines bisschen zumindest…

Nach zwei Tagen stiess meine Mama auch zu uns, mitsamt meinen beiden jüngsten Brüdern, und ich konnte sehen, wie entspannt und zufrieden sie diese Art von Leben macht… (Obwohl der Wohnwagen, den sie sich extra wegen uns dazu gemietet hatte, nun wirklich ein winzig kleines Dingelchen war, in dem ich selber es nie im Leben auch nur einen Abend lang ausgehalten hätte!)

Fürs ganz grosse Camping-Feuer hat es zwar nicht gereicht bei mir, aber wenn man bedenkt, was ich vorher war, eine überzeugte Wohnwagen-Verschmäherin nämlich, die sich weder durch die Schwärmereien meiner Mama, noch das Bitten und Betteln meiner Kinder erweichen liess, das mit dem Campieren auch mal zu versuchen, dann ist das doch eine Art kleiner Erfolg, würde ich sagen, dass ich dem Ganzen… nun ja, nicht mehr ganz so sehr abgeneigt bin.

Und die Kinder, die Kinder waren seelig! Sie fühlten sich in diesen paar Quadratmetern Haus-Provisorium unglaublich schnell unglaulich sehr zuhause…

Wir hatten eine gute Zeit zusammen. Eine schöne, gemeinsame Zeit, in der wir so viel Ferien aus unseren Tagen herausholten, wie das eben möglich ist mit mittlerweile 4 Kindern, alle in ganz verschiedenen Entwicklungsphasen mit ziemlich unterschiedlichen Geschmäckern und Bedürfnissen und Temperamenten, die nicht immer so leicht unter einen Hut zu bringen sind, wie wir Eltern es uns vielleicht wünschen würden…

Aber irgendwie klappte es meistens. Wir wurden zu Meistern des Kompromisse-Schliessens und mit der Zeit auch recht bescheiden, was unsere eigenen Vorstellungen von Urlaubs-Erlebnissen angeht; lange Wanderrouten wurden einfach abgekürzt oder auch mal ganz spontan unterwegs abgebrochen, wenn die Energien nicht mehr reichten, ausgedehnte Spiel-Zeiten auf dem Campingplatz ersetzten irgendwelchen Stadtbesichtigungen, weil die Kinder mit Pingpong, Sandkasten und dem ständig wechselnden Camping-Platz-Kinder-Clan einfach viel glücklicher waren, als mit alten Kirchen oder Handarbeits- Märkten (*doppelsnif*).

Irgendwie war  klar, was wir uns wirklich wünschten: Keine kulturellen Horizont-Erweiterungen, keine abgehakten Wander-Routen, keine Taschen voller Souvenirs oder endlich ausgelesene Bücher, sondern Zeit. Zeit mit einander, Zeit mit unseren Kindern, Zeit mit unserer Familie, meiner Mama, meinen Brüdern. Ungeteilt. Intensiv. Bewusst.
Und ich glaube, die hatten wir auch.

Und wenn wir, mein Mann und ich, uns abends auch völlig groggy auf die mit Klamotten und Kinderbüchern vollgepackten Sitzbänke plumpsen liessen und zu nichts anderem mehr fähig waren, als uns mit „Miss Marple“ von der Mattscheibe berieseln zu lassen- egal! Wir waren zusammen. Alle. Und das machte jede Anstrengung, jede hitzige Diskussion um Ausflugs-Ziele oder Arbeits-Teilung („Waaaaaaaaas?! Wir müssen von Hand abwaschen???“), jede schlaflose Nacht mit Mücken und zu engen Liegen, jede peinliche Minute, die ich zähneputzend und mit starr in eine Ecke gerichtetem Blick neben irgendwelchen total unbekannten Typen im all-in-one-Waschraum des Camping-Platzes verbringen musste (Warum fühlt sich Zähneputzen nur so… intim an?) wieder wett. Mehr als wett sogar.

Ich würde sagen; Diese Woche hier war etwas vom Besten, was wir als Familie je zusammen unternommen haben, unser allerbester Familien-Urlaub sowieso, denn es war unser erster und einziger bisher, wenn wir ehrlich sind. Manches wird mir sicher fehlen, wenn wir morgen wieder abreisen. Heimwärts. Dorthin, wo mir fast die Decke auf den Kopf fiel, bevor wir uns hierher verkrümelte… Manches werde ich aber wohl auch wieder ganz neu zu schätzen wissen. (Klos, auf denen man so richtig alleine kann, zum Beispiel…)

PS. Ihr seid natürlich schlau und findet es bestimmt auch ein wenig verdächtig, dass ich 2 Wochen lang dafür brauche, über nicht einmal ganz 7 Tage Urlaub zu berichten… Tatsächlich bin ich seit einer Woche schon wieder zuhause, und ein Teil meiner Postcards hab ich von daheim aus geschrieben. Das ist so zwar ein wenig gemogelt, aber ich wollte diese besonderen 6 Tage einfach zu gerne festhalten, für euch und auch für mich selbst, aber die Zeit hat schlichtweg nie gereicht abends im Wohnwagen… Also habe ich meine Fotos und Erinnerungen mit nach Hause genommen und sie etappenweise in meinen Posts „verankert“, bevor der Alltag wieder alles wegschwemmt.
Und manche Texte habe ich noch vor Ort, zum Beispiel damals direkt am Fluss, auf irgendein Fresszettelchen gekritzelt und dann zuhause abgetippt. Wort für Wort. So hat die ganze Sache doch auch wieder ihre Richtigkeit, oder?

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10 Kommentare zu Postcard # 6

  1. Susanne sagt:

    Hi Bora:),
    ich musste so lachen, bei deiner Beschreibung des Zähneputzens, genauso hab ich es auch immer empfunden..als würden mir alle in den Mund schauen..und ich schäume;). Meine Kindheitsurlaube habe ich fast alle auf dem Campingplatz verbracht, mein Vater liebte es unser Zelt aufzubauen, einen Graben drumherum zu ziehen..Regenschauer mit Überschwemmung gab es immer wieder und meine Mama liebte ihre Freiluftküche. Später, als ich dann alleine mit Freund und Freunden unterwegs war, war wildes Campen angesagt. Ich glaub geschlafen hab ich da nicht so viel..ich hielt die meiste Zeit nachts Wache…für mich…die anderen haben selig geschlafen. Ich fand es gruslig und schön!
    Eine Härteprobe ist es auf jeden Fall, so auf engstem Raum nur mit dem Nötigsten ausgestattet, aber das ist auch das Schöne, wenn man merkt, das passt:).
    Wünsch dir, dass du viel von deinen schönen Urlaubsgefühlen mit nach Hause nehmen kannst und schicke dir liebste Grüße
    Susanne

  2. tüftelchen sagt:

    Liebe Bora,
    oh, da hast du aber das Gefühl von Urlaub super gut konservieren können, deine letzten Posts kamen wie in Echtzeit geschrieben rüber 😉
    Ach, da hoffe ich, ihr seid gut wieder in eurem Zuhause „angekommen“, habt euch eingelebt und es ist wieder etwas Ruhe eingekehrt, soweit das mit 6 kleinen und großen Menschen unter einem Dach möglich ist, immerhin gibt es nun wieder mehrere Räume, auf die sich das Leben verteilen lässt.
    Viel Kraft und auch mal etwas Aus(ruh)zeit für dich wünscht dir
    tüftelchen

  3. Rita sagt:

    Liebe Bora
    Vielen, lieben Dank für Deine Ferieneinblicke, egal, wann sie nun genau waren. Wir waren alle dabei;) So ein Wohnwagen-Zeltferienaufenthalt würde ich so gerne machen, doch mein Göga ist da etwas zart beseitet und mit 2 linken Händen (ja er hat mal einen Hering so in den Boden gehauen, dass er wie ein U wieder raus kam..er hatte nicht gemerkt, dass er auf einem Stein drauf haute…) Ich glaube, ich werde einfach mich mal in diesen „festen“ Wohnwagenplätzen schlau machen und dann mit vielen Argumenten kommen;) Wird sicher mal gelingen…
    Ich wünsch Dir Daheim viele schöne kleine Oasen, die Dich doch etwas „sein“ lassen dürfen!
    Alles Liebe und morgen einen guten Wochenstart!
    Herzlich, Rita

  4. Isla sagt:

    Du darfst ruhig mogeln, Bora! 🙂
    Es ist wunderbar zu lesen, dass ihr eine schöne Zeit hattet.
    Danke für’s teilen, und ich hoffe, ihr habt euch wieder gut eingelebt.

    Liebe Grüße,
    Isla

  5. Brigitte sagt:

    So viele Postkarten habe ich noch nie erhalten und jede von dir habe ich mit Freuden gelesen und die Bilder der Gegend genossen. Für mich eine fast unbekannte, schöne Ecke der Schweiz. Wie das mit dem gemeinsamen Bad so ist, habe ich früher beim Zelten selbst erfahren und kann dich voll verstehen. Nur – einfach kann es bei mir heute noch sein, aber dafür schon eher abgeschieden in einer Alphütte – du verstehst?

    Liebe Sonntagsgrüsse
    Brigitte

  6. Micha sagt:

    Das sieht ja wirklich nach einem versteckten kleinen Paradies aus. Ich habe im Urlaub auch sehr, das „einfach-mal-weg-sein“ genossen. Hoffentlich konntest du das Urlaubsgefühl noch etwas nach der Rückkehr nach Hause genießen.
    LG, Micha

  7. Raniso sagt:

    Mir ging es in unseren Ferien so ähnlich wie euch! Dieser Post tut mir daher irgendwie doppelt gut 🙂 Und du machst mir Mut, Mut zum vielleicht eventuell wer weiss auch einmal Campieren, so wie mein Liebster sich das sehnlichst wünscht – irgendwo am Meer… Ich habe mich da bis anhin widersetzt, campieren gehört irgendwie in meine Jugend, mit abenteuerlichen und wilden Zelt-Fahrrad-Erfahrungen (du weisst schon, unsere Lager… ;-)), aber hmmm. Einmal ausprobieren schadet sohl nicht?! Nächstes Jahr dann, oder so 🙂
    Ganz ganz liebi grüäss und vielen Dank für diese tollen Postkarten (ich finde so bschisse völlig legal!) anja

  8. Steffi sagt:

    Liebste Bora,
    ich habe Deine Postcards sehr genossen. Das mit dem Mogeln finde ich gar nicht schlimm. Ich hatte mich eh schon gefragt, wie Du es nach einem langen Urlaubstag auch noch schaffst, Post(card)s zu schreiben…ich dachte, wahnsinn, jetzt hat sie da vier Kinder, eines davon keine vier Wochen alt und sie hat auch noch Zeit für uns fleißige Blogleserinnen…

    Vielen Dank für die schönen Bilder, sie taten soo gut!

  9. Roswitha sagt:

    Besten Dank auch von mir für die schönen und vielen Urlaubskarten aus EINEM heimlich verlängerten Urlaub;-) Sie taten mir gut. Für euch freut es mich, dass ihr eine gute Zeit hattet. Diese Auszeit vom Alltag ist so viel wert!
    Liebe Grüße von Roswitha

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