Loslassen

Der Titel ist falsch. Eigentlich sollte irgendwas mit „Samt“ und „Pfötchen“ da oben stehen, und ich wollte über Babysöckchen schreiben. Aber dann habe ich in meinen Fotos geblättert. Und das war wohl ein Fehler, wenn auch ein verzeihlicher, denn ein Post braucht einfach seine Fotos und ich muss ab und zu ein wenig blättern in meinen Archiven, sonst würde die Hälfte meiner Bilder in Vergessenheit geraten, noch bevor ich sie benutzen konnte, so viele, wie ich tagtäglich knipse. Das Dumme ist nur: Jedes Mal, wenn ich zurückscrolle durch die letzten unfassbar kurzen zwei Wochen, die ersten zwei Wochen mit meinem Baby, dann werde ich … traurig.

Wobei, „traurig“ ist vielleicht das falsche Wort. Es ist eher so ein melancholisches, sentimentales Gefühl, so ein bisschen wie in diesen Dokumentarfilmen, wo sie kleine, verwaiste Tiere finden, vor dem sicheren Tod retten und dann, wenn sie gross und stark geworden sind, wieder in die Wildnis  entlassen. Wie in diesem grossen Augenblick, wenn sie das Türchen zur Freiheit öffnen: Man möchte weinen und lachen gleichzeitig. Sich freuen über das geschenkte Leben und die Kraft, die darin liegt. Und weinen, weil einem nichts anderes übrig bleibt, als es ziehen zu lassen. Loslassen aus Liebe. Obwohl es wehtut. Selbst in Happy Enden kommt so was vor.

Mit dem Kinderkriegen ist das so eine Sache: Man muss, darf, will und kann gar nicht anders als sie zu lieben. Mit einer Liebe, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte, einer andauernden, unzerbrechlichen, alles ertragenden, wärmenden, einhüllenden, nährenden Art von Liebe, von der einem das Herz überfliesst.

Man liebt es auf unfassbar innige Art und Weise und vom allerersten Atemzug an, dieses rothäutige, runzelige, duftende Wesen mit den winzigkleinen Fingerchen und Zehen, das plötzlich auf unserem Bauch lag, kaum waren die Wehen überstanden.

Man empfängt es. Und liebt. Und genau so soll es  sein. Von Anfang an.

Doch … in diesem Anfang liegt, klein wie ein Samenkorn, schon ein erstes bisschen Schatten. Und dieser Schatten ist es, der mir zu schaffen macht. Ich weiss, was er bedeutet: Abschied. Ein Abschied in Raten, in winzigkleinen Schrittchen, von denen manche für viele Menschen vielleicht ganz unbemerkt verlaufen, aber nicht für mich. Denn ich sehe und spüre sie scheinbar schon bei jedem Schluck, den mein Baby trinkt, während es grösser wird und kräftiger, wie jene verwaisten Tierkinder, für die sich irgendwann das Türchen öffnet…

Loslassen.
Ich muss lernen, lozulassen.
Den samtigen Babyduft einatmen, ohne traurig zu werden, während er langsam, langsam verblasst wie eine welkende Blume, die ihre Zeit hatte.
Den abgefallenen Nabelschur-Rest wegwerfen und nicht weinen dabei, auch wenn es mich zerreissen möchte, zu sehen, wie das letzte Sinnbild unserer körperlichen Verbundenheit verschwindet. Für immer.
Die ersten zu klein gewordenen Kleidchen wegpacken.Sie einmotten. Für -wer weiss?- vielleicht ein nächstes kleines Kirschkernchen. Meinem Baby hier werden sie jedenfalls nicht mehr passen. Nie mehr.
Das Rumpeln in meinem Bauch ignorieren. Nein, da ist kein Strampeln, kein Boxen, kein Lebenszeichen mehr: Er ist leer. Das Herz, das darin schlägt, ist nur mein eigenes.

„So, jetzt gehörst du wieder ganz dir“, sagte eine meiner Hebammen einmal bei einem ihrer letzten Wochenbett-Besuche zu mir. Ganz mir… Ich wusste irgendwie nicht wirklich, wie ich mich darüber freuen sollte. Wenn ich jetzt die lose gewordenen Schwangerschaftshosen in eine Kiste packe, dann kommt mir das nicht wie ein Befreiungs-Schlag vor, sondern eher wie… Abschiednehmen.
Loslassen. Ich muss das alles … gehen lassen.

Ich glaube, die ersten paar Wochen sind immer ganz besonders schlimm. Es geschehen so viele Dinge, unglaubliche Dinge, und alles verändert sich so rasen schnell. Das Baby, dieses warme Bündelchen Unschuld, diese winzigkleine Menschenseele, die sich an mir festkrallt, sobald ich ihr Fäustchen auch nur berühre, spinnt sich nach und nach aus seinem Neugeborenen-Kokon: Es wird wacher, das anfangs zusammengezogene, kleine Körperchen streckt sich, die Sinne erforschen ständig immer weitere Kreise der Umgebung. Mein Baby, eben noch in meinem Bauch geborgen, eins mit mir, wächst.
Es wächst mir davon.

Dann, eines Tages; der erste Blick. Beim Stillen heben sich die Augenlider und ein Paar klare, schwarze Kirschenaugen sehen mich an. Sie fixieren mich. Mein Baby kann zwar nicht sprechen, aber seine Augen haben plötzlich eine Sprache: „Hallo Mama. Ich bin es. Und du bist es. Wir beide. In diesem Augenblick.“ Mein Herz lacht.

Es bedeutet nicht nur Verlust, das Kind wachsen zu sehen, auch wenn es wahrscheinlich stimmt, dass es uns wegwächst, dass jeder Schritt, den es tut und den wir mit Freude und Stolz beobachten, schlussendlich ein Schritt in seine eigene Zukunft ist, wo wir nicht mehr gebraucht werden oder vielleicht einfach vollkommen anders als bisher.

Ich glaube, wir bekommen auch etwas, wir bekommen sogar sehr viel: Erinnerungen, die wir gemeinsam mit unserem Kind sammeln, ein Gegenüber, dem wir dabei zusehen dürfen, wie es sich entfaltet, wie es wird und sich selber findet, eine Beziehung, einmalig, wie es keine zweite gibt, nirgendwo und niemals wieder.

Es gibt den Zauber dieser ersten Zeit.
Den Zauber des Neuen, Zerbrechlichen, des absolut Reinen.
Und es gibt den Zauber des Sich-Antastens, des Vertraut-Werdens.

Möchte ich die Zeit zurückdrehen?
Ich weiss es nicht.
Ich weisses wirklich nicht.
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht…

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26 Kommentare zu Loslassen

  1. selina sagt:

    ach liebe bora, jetzt habe ich gerade einen kloß im hals und tränen in den augen. das, was du so wundervoll berührend geschrieben hast, bekomme ich gerade auch bei meiner schwägerin mit. sie sagte mir, dass sie, jedesmal wenn sie mich mit meinem kugelbauch sieht, ganz wehmütig wird, dass ihr der kleine junge in ihrem bauch abgeht, dass sie ihn jetzt nicht mehr nur für sich hat, ihn teilen muss … auch wenn es gleichzeitig wundervoll ist, das kleine menschlein um sich zu haben, kennen zu lernen und in die welt begleiten zu dürfen.

    seitdem genieße ich die schwangerschaft und die zweisamkeit, so kommt mir vor, noch mehr, noch bewusster. gerade jetzt, wo mein kleiner süßer neffe da ist, meinen viele leute, dass ich´s wohl gar nicht mehr erwarten kann, bis unser kind das licht der welt erblickt. aber ich entgegene dann immer, dass es schon sehr gut ist, dass die schwangerschaft so lange dauert, wie sie dauert und dass die vorfreude zwar groß ist, aber dass ich die zeit jetz sehr sehr genieße und nicht hergeben möchte! und ich hoffe, dass es mir gelingt, das kleine wunder dann, wenn es rauskommen möchte, auch loszulassen. und es dann, jeden tag, ein stückchen weiter loszulassen.

    euer mädchen ist jedenfalls wundervoll. dieser mund! diese dunklen augen! und es hat sooo viel ähnlichkeit zu euren größeren kindern, oder täusche ich mich da? und deine fotos sind so rührend, danke dass ich daran teilhaben darf! ich umarme dich, selina

  2. Pünktchen sagt:

    Bora, ich sitze vor dem Rechner, lese Deine ach so wahren Zeilen, und heule wie ein Schloßhund. Du schreibst mir aus der Seele. Ja, loslassen tut unendlich weh. Aber glücklicherweise geht es so vonstatten, daß wir durch die Schrittchenweise erfolgenden Entwicklungen Zeit haben, uns auf den großen Abschied vorzubereiten. Ohne ein wehes Herz ist das kaum möglich. Letztendlich freue ich mich für unsere Kinder, die irgendwann ganz eigenständig ihr Leben meistern werden.

  3. JenMuna sagt:

    Es ist berührend zu lesen wie du diese Zeit empfindest ..oder gar Zeiten. Ein ganz kleines bisschen empfinde ich das auch so, aber ansonsten sind wir in dieser Sache glaube ich grundverschieden, merkwürdig nicht? Vielleicht hat es etwas mit unserer eigenen Kindheit zu tun, aber loslassen fühlt sich bei mir unheimlich gut an..weiterschwimmen, das NEUE empfangen, eintauchen in das JETZT! und ein feines rotes Band wird immer da sein, ganz bestimmt und ganz besonders wenn man loslässt um den NEUEN platz zu machen!

    „Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
    Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
    Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.

    Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
    Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
    Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
    Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
    Das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
    Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
    Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.

    Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
    Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
    und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit Seine Pfeile schnell und weit fliegen.
    Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
    Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt Er auch den Bogen, der fest ist.“

    ~ Khalil Gibran ~

  4. Raniso sagt:

    Ach Bora! Musst du mich jedesmal zum weinen bringen? ;-P ich habe gestern Abend auch Fotos gesichtet… Du weisst, so ein Post schwirrt schon lange in meinem Kopf herum, doch Worte dafür zu finden, fällt mir schwer. Jetzt hast du sie für mich gefunden, danke! Wenn ich darf, werde ich dich heute Abend oder Morgen bei mir verlinken, okay?
    Ganz liebi grüäss, anja – die mal eben kurz ihr schlafendes Riesenbaby anschauen geht…
    P.S. Die Bilder! Hach die Bilder….

    • Raniso sagt:

      P.P.S. Ich bin unendlich froh, in dir in dieser Hinsicht eine Seelenverwandte zu haben. So viele verstehen mich im Moment nicht… Danke!

      • kirschkernzeit sagt:

        Ach du… ich kann dich wirklich verstehen! Aus allertiefstem Herzen! und weisst du was? Wenn ich die Comments hier so lese (bzw. AUFSAUGE!), dann ist es wie Ankommen: da gibt es noch viel mehr von unserer Sorte, Raniso, und das tut einfach gut, zu wissen… Ich komme mir auch oft doof vor. Und undankbar. Weil; warum heule ich, wenn ich doch so was Kleines, Süsses, Weiches in meinen Armen haben darf? Komisch eigentlich. Aber vielleicht einfach auch natürlich. Und ich muss mich irgendwie auch festhalten an der Möglichkeit eines nächsten Babys, selbst wenn es ganz gut sein kann, dass dieses hier mein letztes ist… Ich drück dich auch ganz, ganz fest!

  5. Du hast so unglaublich gut beschrieben, was mich nach jeder Geburt bewegt, aber auch immer wieder, wenn ich über meine Kinder nachdenke! Die unglaubliche Liebe, die Freude tief im Herzen, die aber auch so einen tiefen Schmerz mit sich bringt, und immer wieder Abschied. Und trotzdem möchte man das Gesamtbild nicht missen …

    Herzliche Grüße,
    Doro

  6. Ike sagt:

    Ich hab grad nen richtigen Schreck bekommen beim Lesen und dachte, dem kleinen Baby wär was passiert und ich hätte was verpasst.

  7. Rita sagt:

    Liebe Bora
    Wie schön und zugleich bedrückend Dein Post doch ist…Es gibt Tage, da merke ich gar nicht, wie die Zeit verrinnt und dann wieder, beobachtend die Kinder, grüble ich nach, was war, was kommen wird…
    Das was uns immer mit unseren Kindern verbindet und verbinden wird, ist unsere bedingungslose Liebe. Dieses unsichtbare Band wird ewig bestehen und darüber bin ich froh;)
    Lass Dich lieb umarmen und schau gut zu Dir!!!
    Herzlich, Rita

  8. enim sou sagt:

    Loslassen. Aber schön langsam. Schritt für Schritt. Einerseits konnte ich die Geburt meiner Kinder kaum erwarten, andererseits war ich innerlich leer, als sie geboren waren. Dazu kommt, dass die intensive Betreuung durch die Hebamme sich dem Ende nähert. Abschied ist schwer. Aber es gehört dazu.
    Bei mir war es so, dass ich mir anfangs nach der Geburt gewünscht habe, das Kind bliebe immer so klein und diese besondere Zeit bliebe noch für ganz lange. Aber dann wachsen die Kinder und man ist damit glücklich und erfüllt.
    Es ist schön, die Kinder zu begleiten, sie zu lenken, sich in den Alltagsproblemen zu bewähren, daran zu wachsen.
    Ich bin mir sicher, dass du das Schöne in jeder Zeit finden wirst, dann, wenn die Zeit gekommen ist. Heute ist das Leben.

    Liebe Grüße. enim sou.

  9. Marianne sagt:

    Liebe Bora, Du sprichst mir aus dem Herzen…. es ist sehr berührend, etwas zu lesen, das man selber genau so empfindet. Die ersten Kleidchen wegräumen, wenn sie zu klein werden…. das war für mich jedes Mal so schwer…. und immer tröstete ich mich damit, dass ich sie ja vielleicht noch einmal hervornehmen kann, für das nächste…. ich hätte so gern 4 Kinder gehabt, so wie Du jetzt, aber es hat nicht sein sollen….. Danke fürs Teilen — Marianne

  10. Ob nun Sohn oder Tochter…. Allerliebste Grüße sende ich Dir mit diesem Zitat von Astrid Lindgren und danke Dir für Deine berührenden Worte und Bilder, die mir ebenfalls aus der Seele sprechen. Und gleichzeitig nochmal so schön diese zwei Seiten verdeutlichen, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Trauer des Abschieds, des Weitergehens, und den Stolz über jede neue Entwicklung.

    ASTRID LINDGREN
    Mein Sohn liegt in meinem Arm. Er ist eine so zarte kleine Last, man spürt sie fast gar nicht. Und doch wiegt sie schwerer als Erde und Himmel und Sterne und das ganze Sonnensystem. Wenn ich heute sterben müsste, so könnte ich die Erinnerung an diese holde kleine Last mit mir ins Paradies nehmen. Ich habe nicht vergebens gelebt.

    Mein Sohn liegt in meinem Arm. Er hat so kleine, kleine Hände. Die eine hat sich um meinen Zeigefinger geschlossen, und ich wage nicht, mich zu rühren. Er könnte dann vielleicht loslassen, und das wäre unerträglich. So ein Himmelswunder, diese kleine Hand mit fünf kleinen Fingern und fünf
    kleinen Nägeln. Ich wusste ja, dass Kinder Hände haben, aber ich habe wohl nicht recht begriffen, dass mein Kind auch solche haben würde. Denn ich liege hier und blicke auf das kleine Rosenblatt, das die Hand meines Sohnes ist, und kann nicht aufhören zu staunen.

    Er liegt mit geschlossenen Augen da und bohrt seine Nase in meine Brust, er hat schwarzes, flaumiges Haar, und ich kann ihn atmen hören. Er ist ein Wunderwerk.
    Sein Vater war hier und fand auch, dass er ein Wunderwerk sei. Er muss also ein Wunderwerk sein, da wir beide es finden. Meine Liebe zu ihm tut fast weh.

    Vorhin hat mein Sohn ein bisschen geweint. Wie ein kläglich blökendes Zicklein gebärdet er sich, wenn er weint, und ich ertrage es fast nicht. Wie schutzlos du bist, kleines Zicklein. Mein kleines Vögelchen, wie soll ich dich schützen? Meine Arme schließen sich fester um dich. Sie haben auf dich gewartet, meine Arme, sie waren von Anfang an dafür bestimmt, ein Nest für dich zu sein, du mein Vögelchen. Du bist mein, du gehörst mir jetzt. In diesem Augenblick bist du ganz mein. Aber bald wirst du anfangen zu wachsen. Jeder Tag, der vergeht, wird dich ein kleines Stück weiter von mir wegführen. Nie mehr wirst du mir so nahe sein wie jetzt …

    Aber jetzt, in diesem Augenblick habe ich dich. Du bist mein, mein, mein – mit deinem flaumigen Kopf und deinen zarten, kleinen Fingern und deinem kläglichen Weinen und deinem Munde, der nach mir sucht. Du brauchst mich, denn du bist nur ein armes, kleines Kind, das auf die Erde gekommen ist und gar nicht ohne Mutter sein kann. Du weißt nicht einmal,
    was das für ein Ort ist, an den du gekommen bist, und vielleicht klingt dein Weinen deshalb so verirrt. Hast du Angst, das Leben zu beginnen? Du weißt nicht, was dich erwartet? Soll ich es dir erzählen?

    Hier gibt es so viel Merkwürdiges. Warte nur, dann wirst du es sehen. Es gibt blühende Apfelbäume und kleine, stille Seen und große, weite Meere und Sterne in der Nacht und blaue Frühlingsabende und Wälder – ist es nicht schön, dass es Wälder gibt? Manchmal liegt Rauhreif auf den Bäumen, manchmal scheint der Mond, und im Sommer liegt Tau im Grase, wenn man erwacht. Dann kannst du auf deinen kleinen, nackten Füßen dort gehen. Du kannst auf schmalen, einsamen Skispuren in den Wald hineingleiten – wenn es Winter ist natürlich. Die Sonne wirst du lieben, sie
    wärmt und leuchtet, und das Wasser im Meer ist kühl und lieblich, wenn du badest. Es gibt Märchen in der Welt und Lieder. Es gibt Bücher und Menschen, und einige von ihnen werden deine Freunde. Es gibt Blumen, sie sind gar nicht nützlich, sondern nur, nur schön. Ist das nicht wunderbar
    und herrlich? Und auf der ganzen Erde gibt es Wälder und Seen und Berge und Flüsse und Städte, die du nie gesehen hast, aber vielleicht eines Tages sehen wirst. Deshalb sage ich dir, mein Sohn, dass die Erde ein guter Ort ist, um dort zu leben, und dass das Leben ein Geschenk ist. Glaub nie
    denen, die etwas anderes zu sagen versuchen.

    Gewiss, das Leben kann auch schwer sein, das will ich dir nicht verhehlen. Du wirst Kummer haben, du wirst weinen. Es kommen vielleicht Stunden, da du den Wunsch hast, nicht mehr zu leben. Oh, du kannst nie verstehen, was für ein Gefühl es für mich ist, dies zu wissen. Ich könnte mein Herzblut für dich geben, aber ich kann nicht eine einzige von den Sorgen wegnehmen, die dich erwartet. Und doch sage ich dir, mein liebes Kind: Die Erde ist die Heimat
    der Menschen, und sie ist eine wunderbare Heimat. Möge das Leben nie so hart gegen dich sein, dass du es nicht verstehst.

    • kirschkernzeit sagt:

      Oh, sooooooooooo ein atemberaubend schöner Text!!!!!!!!!! Ich kann es kaum fassen; genau so und nicht anders fühlt es sich an für mich! Vielen, vielen dank fürs Herzeigen (und Abtippen; das muss ja ewiglange gedauert haben, du Gute!!!).

  11. kristl sagt:

    uiuiui. da hast du was angeklungen in mir…ich bin dir sehr dankbar für deine worte denn ich habe gerade eher etwas „angst“ vor der ersten babyzeit weil ich es ja nur mit einem wesen kenne auf dass ich mich voll konzentrieren kann…aber nach deinen zeilen nun weiß ich, dass es auch mir viel zu schnell gehen wird dass es sich einspielt und alltag wird dass ein neues wesen unser leben bereichert…
    die fotos sind mal wieder ein traum. wunderschön. danke.

  12. Martina sagt:

    Liebe Bora, wunderschön hast Du geschrieben über diese so besondere, bewegende Zeit! Ich wünsche Dir, dass Du viele Erinnerungen in Deinem Herzen sammelst und Du Dir die Zeit gibst und nimmst, die zum „Loslassen“ nötig ist. Das Leben ist im ständigen Fluss, und ich finde, das ist auch, wenns manchmal schwer ist, gut so.
    Ich hab damal bei meiner Kleinen die Nabelschnur-Klemme aufgehoben, als sie abgefallen ist. Seither liegt sie in der Lade in meinem Nachtkästchen und erinnert mich immer wieder daran, dass ich meine Kleine nicht festhalten kann und will und dass uns trotzdem immer etwas Besonderes verbinden wird.
    Alles Liebe und habt es gut, Martina 🙂

  13. Tati sagt:

    Ein wunderschöner Post Bora!
    Ich habe totale Gänsehaut und Tränchen in den Augen, denn bei mir ist das ganze ja auch noch nicht so lange her. Fast 7 Monate… Viel länger als bei dir, aber dennoch kommt es mir manchmal vor, als war es erst gestern, dass ich Martha geboren habe. Dass sie so klein war.
    Heute sortierte ich wieder so viel in Größe 68 aus! 74 trägt sie nun. Das ist doch wahnsinn!
    Nun bekam sie vorgestern das erste mal etwas anderes als Muttermilch…! Sie wird groß.
    Irgendwie freut es mich. Ich habe nämlich Momentan das totale Bedürfnis, auf Kino, Essen gehen und Konzerte mit meinem Verlobten.
    Eigentlich hatten wir gesagt, dass wir keine weiteren Kinder mehr möchten. 2, dann ist schluss!
    Doch ich fühle mich irgendwie nicht komplett. Da fehlt noch was. Ein Junge am liebsten!
    Komisch oder?!
    Nun werde ich aber ab Herbst 2013 wieder arbeiten gehen und dann sieht man weiter, was die nächsten Jahre so bringen.
    Wenn es noch ein Kind gibt, dann einen Nachzügler! Ich bin ja erst 24 Jahre und hab noch ne Menge Zeit, denk ich 🙂

    Jetzt hab ich soviel von mir gequatscht… Mensch >.< Hiihii.
    Jedenfalls wünsche ich dir weiterhin bzw euch, noch eine schöne Wochenbett- und Kennenlern Zeit 🙂
    Ich denk super viel an euch!
    Lg, Tati

  14. Elvira sagt:

    Loslassen, ja. Wir lassen die Zeit los, sie darf vergehen. Wir lassen im Laufe eines Lebens sehr viel los, manches aus freien Stücken, manches gezwungenermaßen. Manches Loslassen registrieren wir nicht. Unsere Kinder lassen wir nie los, wie sollte das auch gehen? Wir bleiben ihnen verbunden, selbst dann, wenn sie meinen, alle Bänder, die uns miteinander verbinden, gelöst zu haben. Ich habe das große Glück, dass sich meine schon längst erwachsenen Söhne, ihre Verbindung zu mir erhalten haben. Wenn ich heute meine Enkelkinder großwerden sehe und mich so sehr auf das dritte freue, dann denke ich schon manches Mal wehmütig an die vergangene Zeit. würde gerne noch einmal diese unbedarften Kinder mit ihrem grenzenlosen Vertrauen und ihrer Neugier auf diese Welt erleben. Und dann erfüllt mich eine große Dankbarkeit darüber, dass ich diese Zeit überhaupt erleben durfte.
    Alles Liebe für euch!
    Elvira

  15. Melanie sagt:

    Ich liebe deinen Blog!
    So schön geschrieben…und so bewegend.
    Meine Schwester wird im Oktober schon 4 und jeden Tag an dem ich sie nicht sehe, vermisse ich sie! Diese Zeit, wo sie so klein sind vergeht einfach viel zu schnell.
    Es kommt mir vor als ob es gestern war, wo ich mit Fahrrad wie ein Blitz zu meiner Mami ins Krankenhaus gefahren bin und meine Schwester in den Armen hielt! Dieses Glücksgefühl ist unbeschreiblich und ich freue mich schon auf mein erstes Kind (was aber noch einige Jahre warten kann:D )

    Liebe Grüße

    Melli

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  18. Miriam sagt:

    Bora, genau SO fühle ich momentan auch. Danke, dass du das in Worte fassen kannst… :-/
    Ich will auch jede Sekunde festhalten.

  19. Sanne sagt:

    liebe Bora, und nun , im April 2015 warten wir äh, ihr natürlich auf ein neues kleines Kirschkernchen……….alles Gute wünsche ich euch. Seid gesegnet und behütet.
    Sanne

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