Monatsarchive: April 2020

Woche 6 in 10

: Der Frühling. Bunt und warm und trocken, wie er leibt und lebt. Ich geniesse ihn. Tag für Tag. Den Tulpenreigen im wunderbar ergrünten Garten, das Ranken der Kletterrose, die Vögel, die Morgen für Morgen um die Wette singen. Ich schöpfe so viel Schwung aus dieser Leichtigkeit.
Hab Dank, Mutter Erde. Für dieses grosse Geschenk zur rechten Zeit. Dafür, dass -deinetwegen- „zuhause bleiben“ nicht wirklich Gefangensein in den eigenen vier Wänden bedeutet. Obwohl mir ein paar Tage Regenwetter auch ganz recht wären… :

: Frühling. Selbst in der Küche. Seit ich des Babys wegen Milch in allen Variationen aus meinem Speiseplan gestrichen habe, wird das Kochen schwieriger, Chicken Nuggets und Co. müssen verschwinden, dabei waren es gerade diese Halbfertig-Sachen, die mir in dieser schwierigen Zeit jetzt, mit Baby und Homeschooling und allem drum und dran, ein Stück weit die Contenance bewahrt hätten. Nun denn. Wie dem auch sei. Und sowieso. Jetzt gibt es für mich einfach noch mehr Gemüse, keinen Käse mehr über den Nudeln und auf der Pizza, dafür im Notfall doppelt und dreifach Salat. :

: Mein Blumen- und Kräuterbeetchen ist fertig gejätet. Was harte Arbeit war, sehr tricky mit dem kleinen Krabbelkindlein neben mir, das sich begeistert auf jedes Steinchen stürzen würde. Hahnenfuss und Giersch sind trotzdem verschwunden. Oder verdrängt. Bis sie wieder kommen. Ich weiss. Von Seiten der Hortensien sieht es ja schon bedrohlich aus. Jetzt warte ich auf das Keimen der mutig vor den Eisheiligen ausgesähten Kamille, Dill- und Kümmelsamen und darauf, dass Malve und Zitronenmelisse wacker wachsen und die ersten Glockenblumen-Blüten und Akeleien ihre bunten Köpfchen schwellen lassen. :

: Regenbogen. Ich liebe Regenbogen. In allen Formen und Farben und Versionen unter dem Himmelszelt. In real, aus Holz, Pappe, Stoff, auf Papier oder Gartenplatten: Regenbogen sind Hoffnungsträger und Rutschbahnen für die allerschönsten Träumereien. Und am anderen Ende ist erst noch ein Schatz vergraben. So sagt man. :

: Auch so ein Schätzchen. Klein und flauschig und einfach unwiderstehlich knuffig. Unser schwarzes Meerschweinchen Pepsi ist noch einmal Mama geworden. Von Drillingen, eins schöner als das andere. Wir freuen uns. Neues Leben im Stall. Frühling in Reinform. :

: Meine Neuentdeckung. Oder sollte ich besser schreiben, die reinste Offenbarung? Seit kurzem habe ich einen „Ergobaby“ im Haus, ausgeliehen von meiner Schwester J., die alles, wirklich alles zuhause hat, was Baby sich so wünschen könnte- und die immer völlig selbstlos mit mir teilt. (Danke J., du bist ein Goldstück!)
17 Jahre lang habe ich mein Tragtuch gewickelt. Um Baby um Baby um Baby. Und mich immer ein bisschen schwer getan, kaum wurden die Kleinen grösser und schwerer. Jetzt mit der neuen Trage, kommt neuer Wind in meinen Mama-Alltag. Der Kleine lacht und schmiegt sein Köpfchen an meine Schulter, kaum klippe ich die Träger um uns zusammen. Er schläft, döst oder schaut mir beim Arbeiten zu, geniesst das Geschaukel und die Nähe. Ein neues Zeitalter scheint angebrochen zu sein für uns beide: Tragen ganz ohne Stress und Unsicherheit. Alles sitzt, alles hält. Mein Babykind fühlt sich so wohl wie ich. :

: Granola. Hausgemacht. Aus meinem allerneuesten, vegetarische bis veganen Kochbuch, dem Schweizer „Greentopf“, den ich durch Rita kennen- und lieben gelernt habe und wirklich allen ans Herz legen kann. Egal ob Vegetarier oder nicht; ein wunderbares Buch! Basics und Spezielles, gekonnt vereint zwischen zwei Buchdeckeln. Granola, Porrige, Kartoffelgratin, Bananen-Curry-Suppe. Mehr hab ich noch nicht ausprobiert, aber alles sieht fantastisch aus, ich freu‘ mich auf mehr. Und die Granola ess ich mit Hafermilch. :

: Gar nicht toll geworden ist hingegen dieser Kuchen hier, eine Schokoladentorte mit dem irrefürenden Namen „Schlaraffenland Torte“. Sie enthält keinen Zucker, nur Honig, was spannend klang in meinen Ohren, auf der Zunge aber schlussendlich schmeckt wie ein krümeliges Hustenbonbon. Ich hatte mir alles sehr schön gedacht; Margarine statt Butter, Zartbitter- anstelle von Milchschokolade, keinen raffinierten zusätzlichen Zucker… Es hätte eine wunderbare Torte sein können. Wenn ich Akazienhonig genommen hätte. Und nicht den rassigen Schweizer Berghonig. Keines meiner Kinder hat mehr als ein Gäbelchen davon gegessen. Nur ich, ich schon. Den ganzen Kuchen praktisch. Alleine. Ich meine; ein schlechter Kuchen ist immer noch besser als gar keiner. Und wenn man an Hustenbonbons denkt dabei, schmeckt er gar nicht mal so schlimm. :

: Neueste Fundstücke. Geschenkt. Also so gut wie. Von meiner allerliebsten Brocki-Frau, die nun ihre Tore definitiv schliesst und vorher noch mit warmen Händen weggibt, was Freude machen könnte. Teddy, Kuchenplatte, Töpfertässchen, gehäkelte und genähte Puppenlätzchen. Dazu ein fast neuer Weidenkorb mit geblümtem Futterstoff. Mir macht das wirklich Freude. Auch wenn es im Grunde ein Abschiedsgeschenk ist… :

: Ach ja, das haben wir ja auch noch. Homeschooling. Ich tu‘ mich schwer damit. Hauptsächlich weil die Kinder sich schwer tun. Gestern ergab meine Umfrage, dass alle meine schulpflichtigen Kinder, könnten sie wählen, Schule lieber in der Schule machen würden, anstatt zuhause zu lernen. Selbst mein Erstklasskind, das lang Zeit Mühe gehabt hatte mit dem fixen Stundenplan und gar nicht gut mit Druck umgehen kann, ist sich diesbezüglich verblüffend sicher. Meine Kleinste wiederum findet es grandios, nicht mehr in den Kindergarten zu müssen, und würde das Ganze am liebsten so lassen, wie es gerade ist.
Ich für meinen Teil habe Folgendes gelernt: Es ist nicht so, dass ich Homeschooling nicht mag. Im Gegenteil; Wir hatten durchaus unsere goldenen Momente, gerade auch dank dem gemeinsamen Lernen. Wir hatten Spass. Wir fühlten uns inspiriert. Motiviert, manchmal auch stolz und zufrieden und taten Dinge, die uns schlussendlich -trotz allem Aufwand- richtig gut taten.
Aber Homeschooling unter den aktuellen Konditionen, das ist nichts für mich. Fremdbestimmte Ziele erreichen nach einem von aussen aufgestellten Plan, der so rein gar nicht in unser momentanes Lebenskonzept passt, damit hadere ich selbst nicht weniger als meine Kinder. Auch wenn es ganz witzige Schullektionen gibt, wie diejenige auf dem Foto, wo meine Kleinste sich eine Folge „Pippi Langstrumpf“ ansehen sollte *grins*
Sanne hat Recht mit ihrem Kommentar zu meinem letzten Post hin: Ich sollte nicht zulassen, dass diese Aufgabe mich belastet und alle Lebensfreude im Familienkern erdrückt. Das ist es nicht wert. Wir tun alle unser Bestes, das muss einfach reichen. Womöglich wäre es tatsächlich schlauer, ich würde meine Erstklässlerin statt Additionen einfach den nächste Kuchenteig zusammenmischen lassen. Eier plus Zucker plus Mehl plus Margarine =?
Schlimmer als meine Schlaraffenland-Torte kann’s nicht werden.

PS. Ich möchte mich ganz herzlich für eure lieben Kommentare bedanken! Gerade hat dieser Post hier all meine Kapazitäten gesprengt, darum kann ich nicht jedem sofort antworten, aber ich habe mich wirklich sehr gefreut. Über jedes einzelne Wort. Ihr seid die Besten!

 

 

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Woche 5: gefordert

So heisst er also, mein Titel für die 5. Woche Leben mit Corona. „Gefordert“ Und so sieht es auch aus; Ich fühle mich gefordert. Durch alles. Gefordert- und mehr als das. Ich habe hin- und herüberlegt, ob nicht doch „überfordert“ das richtige Wort wäre, doch dann fand ich, dass ich doch noch ein paar gesunde Schritte vom Limit entfernt bin.
Obwohl es gerade diese Woche Momente gab, in denen ich das ganz anders sah.
Einer dieser Augenblicke -und das war schon ganz am Anfang der Woche- trieb mich praktisch fluchtartig aus dem Haus. Ganz allein. Für ein Not-Päuschen an der frischen Luft. Am herrgottsfrühen Morgen bereits, denn das Baby hatte eine seiner schlimmeren Nächte, die ich und mein Kleiner phasenweise unten auf dem Sofa verbracht hatten, halbdösend in unbequemer Position eingeklemmt zwischen dicken Kissen.
Er schläft so schlecht. Grottenschlecht. Und das nicht, weil er nicht müde wäre. Irgendetwas quält ihn nachts. Er wimmert, weint, krümmt und windet sich- und ist dabei wahnsinnig müde, so müde, dass er selbst im Flurlicht, das bei uns bei Bewegung automatisch angeht, die Äuglein nicht öffnet. Auch tagsüber ist er irgendwie… nicht er selbst. Oft unausgeglichen, weinerlich, einfach nicht wohl.
Mein Gefühl sagt mir… gar nichts. Das heisst, ich tippe irgendwie instinktiv auf Bauchschmerzen. Die Art, wie er sich bewegt während diesen „Anfällen“, was ihm wohltut (Lagewechsel, Herumgetragenwerden), was er kategorisch ablehnt (Stillen, es würgt ihn dann rasch oder Bauchlage, die er augenblicklich wieder wechselt). Aber es könnte vieles sein. Zahnen, Wachstumsschmerzen, innere Unruhe, alles mögliche.
Dass ich bei ihm im Gesicht, auf den Unterarmen und in den Kniekehlen ekzemartige Partien bemerkt habe, macht mich noch unsicherer. Die Haut wird besser, wenn ich sie mit Sheabutter eincreme und schlechter, wenn ich gar nichts mache oder nach direktem Kontakt mit Wolle. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck.

Ich muss an die Neurodermitis meines grossen Mädchens denken, die uns vor vielen Jahren, als sie noch ein kleines Kind war, ebenfalls qualvoll schlaflose Nächte bereitet hatte und irgendwann so schlimm wurde, dass nur noch eine kurze, aber effektvolle Kortison-Behandlung wirklich helfen konnte. Noch immer hat sie ihre empfindlichen Stellen. Ihre Armbeugen sind selten gesund. Doch sie weiss jetzt, was zu tun ist, wenn die Flecken allzu rot leuchten, schuppen oder wieder zu jucken beginnen und salbt sich mittlerweile selbstständig ein, was wirklich den Unterschied macht.
In den Sinn gekommen ist mir bei all der Sinniererei während den schlaflosen Nächten mit meinem Baby vieles. Hilfreich waren allerdings nur wenige Gedanken. Ich tendiere dazu, mich in Schwarzmalerei zu verlieren und finde es unglaublich schwer, in harten Zeiten an meinem Optimismus zu basteln. Irgendwie wird das Ganze einfach nicht besser und hält schon so lange an… das macht es noch schwieriger, weil ein müder Geist, sich nur schwer selber motivieren kann.

Seit vorgestern versuche ich radikal auf Milchprodukte und blähende Lebensmittel zu verzichten. Ganz egal wie unwahrscheinlich eine Laktose- und Milcheiweissunverträglichkeit bei einem voll gestillten Säugling auch sein mag, ich will das jetzt einfach ausschliessen. Vor allem auch, weil man -bis auf die empfindliche Haut- ansonsten nichts sieht bei meinem Kind. Nur spürt. Ich spüre, dass etwas nicht stimmt. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger.


Gerade schläft er wieder neben mir, während ich auf dem Bett hocke und schreibe. Diesen unfokussierten, verzettelten Post hier tippe. Ich bin dankbar für jedes Schläfchen. Es bringt mir Freiraum. Atempausen für Körper, Geist und Seele. Irgendwie kommt alles zu kurz, was mir Freude macht, erdrückt von der Schwere, die jedes Babyweinen naturgegeben mit sich bringt. Ein unglückliches Kind, macht einem das Herz schwer.
Das Homeschooling dieser Woche, war heavy, ich kann es nicht anders sagen. Speziell mit diesen schwierigen Nächten im Hintergrund. Mehr als einmal hätte ich aus der Haut fahren können, und ganz bestimmt war ich öfter auch alles andere als fair und geduldig mit meinen Kindern. Im Gegenteil. Ich glaube, ich war sogar mitunter richtig fies in gewissen Momenten. Als es darum ging, eine Schularbeit zu beurteilen zum Beispiel. Da war ich mit meiner Meinung nicht eben zimperlich, riskierte Tränen und verletzte Gefühle, was mir jetzt im Nachhinein natürlich wahnsinnig leid tut. Aber I-Pads mit verwirrenden Apps, Video-Chats, die nicht funktionieren, Schulkinder, die sich mit Händen und Füssen dagegen sträuben, ihre Jobs zu erledigen, Zeitdruck in der Küche, überquellende Wäschezainen- und dazu Aufgabenblätter voller abzuhakender Punkte… und all das, während mein kleiner Babyjunge in meinen Armen wimmert, nicht auf den Boden will, nicht ins Kinderstühlchen und auch nicht ins Tragetuch.
Das ist zu viel.
Ehrlich.
Ich bin froh, haben wir Wochenende. Ein Wochenende, das ich mit leichtem Herzen begehen möchte. Loslassen. Dem Impuls, aufzuräumen oder sauber zu machen hartnäckig widerstehen. Die Seele baumeln und die Kinder einfach spielen, lesen, Kind sein lassen.
Ja, ich denke, das ist es, was ich jetzt brauche.
Und meine Baby braucht mich. Nähe, Geduld, Dasein, Zeit.
Zeit. Alles braucht seine Zeit. Mit Corona oder ohne.

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Woche 4: geschenkt

Es klingt wie ein Klischée, wenn ich mir meine letzten paar Einträge so ansehe. Die ersten 4 Wochen Leben im Ausnahmezustand. Leben mit Corona. Woche eins hätte den Titel „Überwältigung“ tragen können. Woche 2 „Schritt für Schritt“. Woche 3 erhielt die Überschrift „Akzeptieren, was ist“, und müsste ich nun für diese 4.Woche ein Wort auswählen, dann glaube ich, ich würde „Geschenkt“ nehmen.
Weil mir so vieles irgendwie plötzlich wunderbar erschien, und ich jeden dieser schulfreien, überhaupt durch und durch befreiten Tage als Segen zu empfand- obwohl ich niemals ganz ausblenden konnte, dass es viel Leid gibt um mich herum und dass Corona über den Daumen gepeilt wahrscheinlich doch mehr Schaden anrichtet, als es Gutes zu bewirken vermag. Nachhaltigen Schaden. Die Leute werden all die eingesparten Co2-Ausstösse oder die ausnahmsweise im Wald verbrachten, idyllischen Stunden als Familie wahrscheinlich sehr viel rascher wieder erfliegen, erreisen, erkonsumieren bzw. ihre Erlebnisse in der Natur wieder vergessen und gegen Bildschirm-Aktivitäten eintausche, als die Arbeitslosenquote sinken, die Trauer über verlorene Angehörige überwunden sein wird. Vielleicht bin ich zu sehr Pessimistin, doch ich bezweifle, dass diese Zeit jetzt so quasi die „grüne Wende“ bringt. Ich hoffe darauf, das auf jeden Fall. Aber insgeheim traue ich der Vorstellung nicht, so schön, so wunderbar sie auch sein mag.
Und ich bin mir bewusst: Ich lebe in einer Art Seifenblase. Mein Mann kann von zuhause aus arbeiten. Mein Sohn hat -dem Himmel sein Dank!- seine Informatiker-Lehrstelle gerade noch rechtzeitig ergattern können. Vor Corona. Wir haben Platz unter unserem Dach und ein bisschen Gärtchen-Grün direkt vor der Nase. Für mich persönlich ändert sich kaum etwas: Ich bin eine Stay-at-Home-Mom aus Leidenschaft, die ihre Kinder sowieso am liebsten um sich herum hat. Sehr Gluckenhaft. Ziemlich altmodisch. Absolut klischéehaft, aber ich mag Klischées.
Diese Woche war allerdings nicht ganz alltäglich, der Osterferien wegen. In Urlaubszeiten lässt sich vieles, was einem sonst belasten würde, einfach besser ertragen, anderes bleibt einem gleich ganz erspart. Die Kinder mussten nicht geweckt werden, die Homeschool-Ecke blieb unberührt, und ausserdem war das Wetter derart herrlich und hochfrühlingshaft positiv, dass man gar nicht anders konnte, als mit einem Lächeln durch den Tag zu schaukeln. Knallgelbe Osterglocken, weidende Meerschweinchen (zwei davon dick und rund), ein Baby, das mit nackten Beinchen auf der Krabbeldecke liegt und Illustrierten zerfleddert, bare Füsse und ein erstes Bad im Plantschbädli: Herz, was willst du mehr?
Es gab Tage, da hatte ich das Gefühl, es wäre Sommer. Klarblauer Himmel und Eiskaffe im Gartenhäuschen, während die Sonne meine Nase kitzelt und der leichte Wind mir das Haar zerzaust. Glück kann so einfach sein. So unmittelbar.
Und unglaublich rasch wieder verpuffen.
Heute nämlich fühle ich mich vollkommen anders. Erschöpft. Überfordert. Hungrig nach mehr, und nichts macht mich satt.
Das Baby krabbelt und rollt permanent kreuz und quer durch die Gegend, möchte alles und jedes sofort erkunden und in die Hände kriegen- und schläft nachts wieder katastrophal. Ich komme kaum nach, alles in die Höhe zu räumen, kann nicht essen mit ihm auf dem Schoss, geschweige denn mit ihm im Kinderstühlchen, wo er nie lange bleiben mag, und der verlorene Schlaf nagt schwer an meinen Kräften. Mir fehlen die Pausen. Und wie. Gleichzeitig sehe ich ab Dienstag eine neue Welle „Schule zuhause“ auf mich zurollen, diesmal nicht in der wunderbar abgespeckten Wohlfühl-Version der ersten Phase, sondern sehr viel dichter und fordernder. Bis zu 4 Lektionen straffes Lernprogramm pro Tag, Video-Gespräche, musischer und turnerischer Unterricht- all sowas steht an, und ich habe schlichtweg keinen blassen Schimmer, wie ich all das in meinen Alltag einbauen soll. Mit Kindern in vier verschiedenen Lernstufen, übernächtigt und mit quengelndem Baby auf dem Arm. Ich bin doch schon so nicht mehr wirklich Herrin der Lage.
Die Schönheit der letzten Tage ist vergessen, ich möchte nur noch schlafen, die Augen verschliessen, meinen Frieden.
Wie schnell sich doch alles ändert.
Wie rasch die Brillengläser ihre Farbe wechseln. Von rosa auf schwarz.
Jetzt, da ich dies schreibe, habe ich einen Becher duftenden Kaffee neben mir und nage an einem Schokohasen-Ohr. Wir waren draussen im Wald (herrlich!) und meine Mama überraschte uns gemeinsam mit meiner Schwester J. mit einem liebevoll hergerichteten, kurz bei uns abgeladenen Oster-Nasch-Gärtchen (wie lieb!). Die Sonne scheint und mein Mann hat ab sofort eine Woche frei. Eigentlich ist alles wunderbar. Und dennoch bleibt ein dunkler Schatten.
Meine Kleine, die gestern Geburtstag hatte, hätte glücklich sein können. Ich fand, ihr grosser Tag verlief ganz zauberhaft und harmonisch, mit viel Zeit fürs Vorlesen und Spielen, fürs Kuchenessen ihrer Lieblingstorte (Erdbeer!), zum Auspacken ihrer Geschenke. Doch irgendwann im Laufe des späteren Nachmittages, als ihr klar wurde, dass es wirklich keine Gäste um ihren Geburtstagstisch geben würde, weinte sie. Und blieb untröstlich.
Ich glaube, das ist es, was mich am meisten bedrückt: dass ich meiner Familie die anderen nicht ersetzen kann. Dass meine Kinder ihre Oma, ihre Tanten, ihren Neffen vermissen, egal wie schön und voll und lebhaft ihr Zuhause auch sein mag. Es fehlt trotzem zu vieles, als dass ich es wett machen könnte, weder mit meiner Gluckenliebe, noch mit gutem Essen oder gespielten Brettspielen. Sie sehnen sich nach den Menschen, die sie lieben, nach der Freiheit, sich in ihren immer weiter werdenden Radien in der Gesellschaft zu bewegen, nach dem Austausch mit der Welt da draussen.
Manchmal liebe ich diese Zeit. Weil sie in einer kleinen, für mich noch recht heilen Welt spielt. In meiner ganz persönlichen Seifenblase, herrlich reduziert auf das, was meinem Herzen am nächsten steht.
Manchmal allerdings kommt mir alles schwer vor. Schwer und schwierig, und ich halte den Atem an, weil ich so viel Unbekanntes auf uns zukommen sehe. Dann fühle ich mich bedroht trotz der Geborgenheit meiner Insel.

Hm… Welchen Titel wohl Woche 5 tragen wird?

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Woche 3: Akzeptieren, was ist

Diese Woche war vorbei, kaum hatte der Montag begonnen.
So jedenfalls fühlte es sich an.
Sonntags bleibt dank dem Gottesdienst, den wir via Zoom ganz gemütlich noch halb im Pijama vom Sofa aus miterleben dürfen, immerhin ein Hauch von Wochenstruktur erhalten. Sonntag ist anders. Speziell. Da gibt es, im Gegensatz zu allen anderen Tagen der Woche, nach wie vor einen Termin, ein „Date“ sozusagen: Wir „treffen“ uns mit Menschen ausserhalb unseres Clans, und sei es auch nur virtuell. Ein Blick auf die kleinen Bildschirm-Fensterchen, in denen bekannte Gesichter vor fremden Hintergründen erscheinen, singen vor dem aufgeklappten Laptop, Herrenmahl aus altem Sonntagszopf und einem Schluck Kochwein (gruusig!), die Predigt hören, während ich das Baby ausser Sichtweite stille und die Kinder zeichnen- und nach der „Versammlung“ das eine oder andere „Hallo, wie geht’s euch?“ per Mikrophon quer durch die Schweiz schicken. So sieht der Gottesdient aus für uns. Zu Coronazeiten.
Ich liebe ihn so. Genau so. Verbindlich, aber entspannt. Losgelöst von der Hektik und dem immensen Druck, den ich normalerweise mit unserem sonntäglichen Freikirch-Besuch in Verbindung bringe.
Die anderen Tage sind uniform. Einer gleicht dem anderen. Fast bist aufs Haar. Und nun, da offiziell Ferien sind, fällt auch unsere Unterrichts-Einheit am Vormittag weg, was mir einerseits sehr gelegen kommt, weil ein Zeit-Korsett sich nur schwer schliessen lässt mit quengeligem Zappelbaby auf dem Arm, was mich andererseits aber auch verunsichert. All die Muttis, die ich beim Spazierengehen so antreffe -ganz zufällig, ich schwör’s- berichteten jeweils von ausgiebigen Extra-Schullektionen, die sie ihren Sprösslingen nun angedeihen lassen. Denn „das was die Schule so verlangt, das ist doch viel zu wenig!“.
Ist es das? Tatsächlich? Ich weiss nicht recht… Mir scheint es genug zu sein. Und so hurtig und lerngierig wie all die anderen Kinder -laut ihren Mamas- ihre Schularbeiten erledigen,  sind meine auch nicht. Hier wird schon gearbeitet. Häkchen reiht sich an Häkchen. Aber langsam. In gemächlichem Tempo und ohne grossen Druck von meiner Seite her. Zusatzaufgaben? Damit Hänschen endlich besser wird im Einmaleins? Das Französisch noch einen weiteren Schliff erhält? Die Schönschrift geübt wird?
Hab ich aufgegeben.
Nicht, weil ich es nicht gut finde, wenn alles sitzt. Doch ich möchte den Haussegen nicht opfern. Nicht als Preis für meinen mütterlichen Ehrgeiz.
Gut ist gut genug für mich. Pflichtbewusst darf gerne sein, das schätze ich sehr, aber ich möchte nicht mit der Peitsche daneben stehen und meine Lieben antreiben müssen, sich im Kampf um das beste, klügste, am tollsten geförderte Schulkind möglichst auf Spitzenplätzen zu beweisen.
So lassen wir es entspannt angehen. Und belassen es dabei.
Herausgekommen sind diese Woche trotzdem ein paar sehr schöne Dinge. Zum Beispiel hat meine Grosse (10 Jahre) angefangen, ein wenig zu stricken in ihrer vielen Freizeit. Einen winzigen, gelben Schal für ihren Plüschpinguin. Sie macht das nicht schlecht. Ganz so einfach ist es ja nicht, wenn man zum ersten Mal Nadeln und Faden in den Händen hat und Maschen dabei herauskommen sollen. Vor allem aber sieht es so aus, als würde sie es ganz gerne machen. Und das ist mir das Wichtigste. Handarbeiten hat seinen Stachel verloren, finde ich. Niemand muss mehr stricken oder häkeln oder nähen. Aber jeder darf. Solange es Freude macht.
Ziemlich glücklich bin ich auch mit der Entwicklung, die momentan gerade in meiner Küche vor sich geht: Hier wird nämlich gekocht. Und das nicht immer von mir. Nachdem ich mehr als einmal vollkommen erschöpft und entnervt vom Hantieren zwischen Herd und Babykind zum Essen auf meinen Stuhl gesunken bin und kaum essen konnte mit meinem Zappelkind auf dem Schoss, kam mir die Idee, das Kochen vermehrt auf andere, weitaus weniger eingespannte Familienmitglieder zu verteilen. Delegieren, nennt man das, richtig? Eine feine Sache, dieses Delegieren, wirklich.
Jetzt ist Kind2 zweimal die Woche für unser Mittagessen verantwortlich. Kind1, der ja wochentags am PC für seine Informatik-Bude im Home-Office arbeiten muss, kocht plangemäss einmal am Wochenende, mein grosses Mädchen einmal unter der Woche. Und wenn ich Glück hab‘, zaubert der Herr Kirschkernzeit auch noch das eine oder andere für uns auf den Tisch.
Herrlich!
Ich helfe, wo ich gebraucht werde, plane mit, zeige meine Hausfrauentricks und -Kniffe und überschütte meine jungen Chefs de Cuisine überschwänglich mit Lob. Ach ja; und ich schneide bereitwillig Zwiebeln. Den zarten Äuglein der frischen Jugend scheinen Zwiebeln schlecht zu bekommen, hihi.
Das Wochen-Mittags-Menu dieser Woche war übrigens Folgendes: Ebly-Pfanne mit gebratenem Gemüse, Pilzen und Mozarella. Hackfleischbällchen mit Kartoffelstock, Bratensauce, Möhren und grünem Wirz. Pizza diversico. Hawai-Krapfen mit gemischtem Salat. Pommes mit Chicken Nuggets und Röstgemüse. Chili con Carne mit Fladenbrot. Fehlt noch die Sonntags-Küche. Was es geben wird? Keine Ahnung. Das überlasse ich meinem Liebsten.
Ansonsten… geschieht hier nichts. Und doch so viel. Mein Baby lernt robben. Er kullert und robbt quer durchs Zimmer, wo nichts mehr sicher ist vor ihm.
Mein Kindergartenkind übt derweil ein bisschen schreiben und lesen. Aber nur rudimentärst. Sie möchte auch dazu gehören, das spüre ich momentan ganz stark. Ihren Platz ein bisschen neu definieren und verankern in der Familie. Vom Kleinkind zum grossen Mädchen, schätze ich, denn gerade nimmt sie den Spagat von 4 zu 5, und ich finde diesen Altersschritt doch recht gewichtig, vor allem mit der ganzen Kindergartengeschichte im Hintergrund. Jetzt, wo der Stubentisch so oft zum Klassenzimmer wird, bedeutet dazugehören für sie wohl auch; mitlernen, mitschreiben, mitrechnen, mitzeichnen.
Aber ich pushe sie nicht. Ich lasse ihr ihr Tempo und versuche, dem Ganzen eine lockere, spielerische Note zu verleihen. Und wenn sie keine Lust auf Buchstaben hat, kommt das Zeichenheft an die Reihe. Keines ist besser als das andere.
Am 11. April wird sie 5, meine Kleine. Immer wieder fragt sie nach ihrem Geburtstag und lässt ihre grosse Schwester ihre heissesten Geburtstags-Wünsche in ein frisch gebundenes Notizbuch notieren. Sie freut sich. Freut sich wie wild. Ob ihr wirklich klar ist, dass dieses Jahr keine Oma oder Tanten, auch keine kleinen Gäste an ihrem Festtags-Tisch sitzen werden, ist mir noch nicht ganz klar, aber ich bin entschlossen, ihr diesen grossen Tag trotz allem so schön und freudvoll zu gestalten, wie ich nur kann.
Im Vorfeld bedeutet das für mich vor allem; stricken. Ihre allerliebste Waldorfpuppe Lilly soll ein paar neue, mama-gemachte Wollsachen zum Anziehen bekommen. Bonnet, Zwergenmütze, Jäckchen und Rock. Vielleicht noch eine Hose oder Unterwäsche?
Leider ist das Bonnet, das ich aus einer wunderschönen, pflaumefarbenen Reste-Wolle gestrickt habe, viel zu winzig ausgefallen. Lilly wird Mühe haben, ihr Köpfchen überhaupt damit zu bedecken, doch vielleicht passt es ja Lieblingspuppe Nr.2, der kleinen, süssen Lotta? Hm…
Das zweite Mützchen, eine ebenfalls sehr kleine, sehr rote Zwergenhaube, kommt von der Grösse her schon besser hin. Aber auch nicht wirklich perfekt. Unten am Hals schlottert es ein wenig, was ich doch gern anders hätte, aber nundenn: nennen wir es eben ein Zwergen-Bonnet. Der richtige Name rettet so manches Malheur, oder? Und Bonnets dürfen schlottern soviel sie wollen.
Beim Puppenjäckchen stecke ich noch in der Tüftel-Phase. Ich möchte es vorne knöpfen können, ansonsten aber ganz schlicht halten. In DK-Stärke oder so. Dank ein paar Babyjäckchen-Strickanleitungen kommt es mir allerdings gar nicht mal so schwierig vor, mir meine eigene Anleitung zusammenzureimen, und ich tarne meine leisen Zweifel mit Zwangsoptimismus, denn schliesslich drängt die Zeit, für zögerliches Hin-und Her ist der Moment schlicht ungünstig.
Ob es noch zu Röckchen, Wäsche oder Hose kommt, bleibt vorerst ein noch zu lüftendes Geheimnis. Sagen wir, ich hoffe es. Doch wenn nicht, ist es auch in Ordnung. Nehmen wir die Dinge, wie sie kommen. Ich denke, das ist der Leitspruch der Stunde.

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