Monatsarchive: November 2019

Lebenszeichen

Nach 12 Tagen Stille kam mir kein anderer Titel in den Sinn als der :“Lebenszeichen“.
Ja, ich lebe noch. Sehr gut sogar, recht glücklich, erstaunlich kräftig und ausgeglichen im Moment, was allerdings ein fliessender Zustand ist, der sich innerhalb von Minuten verändern und ins genaue Gegenteil verwandeln kann. Mein Schlaf bleibt perforiert, grauenhaft zugerichtet von gleich mehreren kleinen Menschen, die keine Nacht ohne ihre Mama sein können und jedes Mal nach meiner Hand greifen (also sinnbildlich gesprochen, aber eigentlich auch ganz buchstäblich), um wieder und wieder in den Schlaf zurück zu finden. Trotzdem fühle ich mich verankert. Wahrscheinlich weil der Haussegen gerade so schön ausbalanciert ist. Geradegerückt nach viel zu vielen Wochen des Sich-Verschiebens und Sich-neu-Einfindens. Mit einem Baby müssen Opfer gebracht werden. Nicht nur von mir, auch von den Kindern, meinem Mann, von allen. Es gibt nicht mehr so viel Zeit zum Vorlesen oder Erzählen und Zuhören. Und gekuschelt wird leider auch vor allem mit dem bedürftigen kleinen Wesen in unserer Mitte. Weil alle nervös werden, wenn er weint. Weil niemand es übers Herz bringt, ihm nicht zu geben, was er braucht. Tag oder Nacht, Essenszeit oder nicht. Ich bin erstaunt, wie nahtlos sich der Reigen um dieses Kind geschlossen hat: Jeder scheint ihn zu lieben. Vom Grössten bis zur Kleinsten. So oft wurde bisher keines meiner Babies von seinen Geschwistern auf den Arm genommen, geknuddelt, gehütet, wenn ich rasch unter die Dusche möchte, sogar gewickelt von A bis Z (und das ausgerechnet von meiner Jüngsten, die das ganz fabelhaft macht, mit grossem Ernst und leisem Stolz). Einen verwöhnten kleinen Jungen haben wir hier. Aber verwöhnt auf eine gute, gesunde, stark machende Art und Weise.
Spannend finde ich, dass mir genau diese Geschwisterliebe sehr viel Kraft und Luft schenkt. Ich habe nicht das Gefühl ganz alleine dazustehen. Da sind andere, die mittragen. Ein kleines bisschen zumindest. So werden die hektischen Spitzen entschärft, beim Mittagessen zum Beispiel, wo es wirklich wahnsinnig turbulent, laut und intensiv wird, weil alle reinplatzen wie Wasserbomben, randvoll mit den Emotionen und Geschichten ihres Schulmorgens und der eigene Hunger mich fahrig werden lässt und nervös. Dann bin ich dankbar, wenn mein Ältester mir das Baby abnimmt und es auf seinem Schoss schaukelt, bis ich allen ihre Teller gefüllt und den Jüngeren ihr Essen klein geschnitten habe. Ich bin dankbar, wenn alle ein wenig auf einander achtgeben. Dankbar auch, weil genau das für mich nicht selbstverständlich ist, obwohl viele glaube, in Grossfamilien würden die Kinder aus eigenem Antrieb mithelfen und freudig in die Bresche springen, wo immer sie gebraucht werden. Ich wünschte, es wäre so. Es würde mich stolz machen und wirklich glücklich, aber die Realität sieht anders aus, leider. Auch hier müssen Ämtlilisten wieder und wieder diskutiert, Arbeiten kontrolliert, Aufforderungen und Bitten wiederholt werden, wenn ich möchte, dass es einigermassen funktioniert in diesem ohnehin schon eher chaotischen, lebhaften Haushalt voller grosser und kleiner Menschen. Wir reden unglaublich viel. Die ganze Zeit über. Den lieben, langen Tag. Über unsere Träume und Wünsche, wie blöd das Fussballspiel in der grossen Pause war, und wieso die Meerschweinchen plötzlich nicht mehr pfeifen, wenn wir in den Garten kommen (ja, wieso eigentlich?). Auch das Thema „Miteinander“ und „Familie-Sein“ kommt immer wieder zur Sprache. Das Leben wird einfach unsagbar viel schöner, wärmer, leichter, wenn wir uns gegenseitig die Hände reichen, mithelfen, unterstützen, weiter denken, als nur bis zu unserer eigenen Nasenspitze. Wie viel von meinen Worten hängenbleibt in den Gedanken und Herzen meiner Kinder, weiss ich nicht. Zeitweise habe ich das Gefühl, es ist nicht sonderlich viel. Doch dann wieder überraschen sie mich. Mit einer schön aufgeräumten Eingangs-Nische. Mit spontaner Hausaufgaben-Hilfe bei der jüngeren Schwester. Ein Bruder legt dem anderen den Arm um die Schulter, jemand bringt vom Geburtstags-Znüni in der Schule ein extra aufgehobenes Stück Kuchen mit nach Hause um es mit den anderen zu teilen.
Es sind nur kleine Dinge. Gesten, die rasch übersehen werden können.
Ich versuche, sie zu sehen, bevor sie verpuffen.
Und dankbar zu sein. Es nicht nur zu fühlen, es auch zu zeigen.

Dankbar bin ich auch für anderes. Für Dinge und Momente, die das Leben mir zuspült. Besonders schöne Muscheln zu meinen Füssen.


Für das improvisierte Angelspiel aus meinen Kühlschrankmagneten mit den aufgeklebten Fischstickern, die mein Pausbackenkind irgendwo im Plunder ausgegraben und zu angelbaren „Fischen“ umfunktioniert hat, indem sie an einen Stecken vom Garten ein anderes Magnet angebunden hat. Ich mag es, wenn Leute eigene Ideen haben. Ich mag es, wenn sie den Aufwand nicht scheuen, ihre Gedanken greifbar und real werden zu lassen.


Für dieses Foto, das meine Grosse geknipst hat. Eine Art Selbstportrait soll es wohl sein: Sie und ihre Meerschweinchen. Bei einer Kuschelrund draussen im Männchen-Gehege. Wenn genügend Leckerli in ihren Taschen stecken, sind alle nur zu gern mit von der Partie und jeder möchte der Erste sein, der auf ihren Schoss klettern darf.

Mit diesen drei fantastischen Strangen handgefärbter Wolle hat mit Angelika aus Österreich auch eine ganz, ganz grosse Freude gemacht! Mein Herz schlägt für Garne. Ob Seide, Merino, Yak oder Kaschmir- ich liebe sie alle. Und Handgemachtes mag ich besonders gerne. Handgesponnen, Handgefärbt, wie auch immer. Diese drei Schätzchen hier wirken gerade ganz besonders verlockend…

Und auch dieses Garn hier möchte ich nur zu gerne anstricken: Alpaca aus der Schweiz. Hier gewachsen, hier versponne, hier gefärbt, hier entdeckt und gekauft. Auch wenn diese grünen Knäuelchen eher zu den kostspieligeren Stücken in meinem Wollregal gehören; ich gönne sie mir gerne. Einer grossen Leidenschaft ein Stück weit nachzugeben, sie zu geniessen, ohne Gewissensbisse und einfach nur so: das tut wahnsinnig gut!

Und dann er.
In seinem wunderwunderschönen Gwändli, das ihm Ritamithandundherz so kunst- und liebevoll gestrickt hat! Ich kann mich kaum sattsehen. Nicht genug halten und knuddeln und spüren und schnuppern. Babyspeck. Babyduft. So ein kleines, weiches, angenehm schweres Etwas, das stampelt und lacht und weint und mit grossen Augen alles in sich aufsaugt. Ich sehe ihn so gerne rundum in Wolle gehüllt. Das wirkt warm und kuschelig und gut und ein bisschen wie eine schützende Umarmung.

Veröffentlicht unter besondere Tage, what makes me happy | 7 Kommentare

warmhalten

Der Herbst verwandelt sich so langsam, langsam in Winter; immer mehr Bäume strecken mir ihre kahlen Äste entgegen, immer weniger Salate stehen in meinen Beeten. Obwohl es noch ein paar davon gibt- mir fehlt mit Baby schlichtweg ein Arm, um zu ernten, zu waschen und zu rüsten. Immer mehr Tage hüllen sich gänzlich in Nebelgrau und machen es mir schwer, einen Fuss vor die Tür zu setzen…
Mittlerweile läuft hier die Heizung. Meine Füsse fühlen sich trotzdem klamm an ohne Pantoffeln, ich rolle Strickdecken über mein Bett und träume von robusten Filzfinken (Glerups! In Waldgrün bittedanke!).
Wollsocken und diese ollen IKEA-Latschen, die wir aus irgendeinem Grund seit Jahren hier rumliegen haben, tun es auch bis dahin.
Warm zu bleiben, gehört im Moment gerade zu meinen dringlichsten Aufgaben. Selber warm zu bleiben. Einigermassen gut genährt (wie schwierig mir das scheint an Tagen wie diesen, wo das Baby nur in meinen Armen zufrieden bleibt!)  Ansatzweise Ausgeruht (phu, diese Nächte…). Aber auch dafür zu sorgen, dass meine Kinder nebst dem ganzen Halloween-Süsskram vergangener Tage das eine oder andere Stückchen Obst essen, trotz Dauerdämmerung beizeiten ins Bett gehen und genügend wollige Sachen in ihren Schränken vorfinden, damit sie es immer und jederzeit mollig warm haben. Egal ob es stürmt oder gar bereits schneit.
November. Der erste Schnee-Monat hier. Ab und zu zumindest.
Heute hatten die Jüngeren zum ersten Mal Handschuhe an auf dem Weg zur Schule. Mützen, Schals, dicke Winterjacken, gefüttertes Schuhwerk bis über die Knöchel. Mein Kindergartenkind die roten Stiefelsocken. Und mein Babyjunge trägt Wollsocken über seinen Strumpfhosen. Dann Strickpantöffelchen über den Wollsocken. Wollstulpen über den Strickpantöffelchen.
So verpackt ist er zwar dick wie ein Paket, aber wunderbar herbstsicher eingemummelt, wenn wir uns raus ins Novemberwetter wagen. Zuhause bleibt natürlich die eine oder andere Schicht weg. Warm hat er es trotzdem. Kuschelig gemütlich.
Das ist die Seite des Herbstes, die ich ganz besonders gerne mag; die wollig-warme-Schokoladenseite aus Strick. Nach diesen schlichten, schmalen Babystulpen aus „Rosy Green Manx Merino Fine“ (Farbe 211), die ich mit ganz dünnen Nadeln (2.5) und einem einfachen Perlmuster gestrickt habe, liegen zwei ganz ähnliche Projekte auf meinen Nadeln. Beide ebenso einfach, ebenso schlicht- und genauso herbstlich: Das Set aus etwas dickeren, und vor allem auch grösseren Stulpen und einem Paar Fausthandschuhe mit abknöpfbarer Kordel (genial!), sollte bald fertig sein. Passend für noch mehr Wind und Wetter und noch kühlere Tage. Mein kleiner Junge wächst unglaublich schnell. Viele seiner Wollsachen sehe ich förmlich schrumpfen an seinem süssen Knuddelkörperchen. Und so laufe ich quasi gegen den Wind, die Nadeln in den Händen, die Zeit im Nacken… Wie ich schon sagte: Warm halten. Mich und meine Liebsten. Darum geht es.

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