Monatsarchive: Juni 2019

Für mein Baby: „Beyond Puerperium“ und ein Zwergenmützchen ganz in Natur

Diese Woche war im Handumdrehen vorbei. Ein Augenzwinkern lang bloss. Die freien Tage fühlten sich an wie Ewigkeiten, so als würden sie für immer bleiben… und nun, wieder hineinkatapultiert in den Kindergarten-Schul-Alltag, strample ich verzweifelt vor mich hin und hoffe, dass mir nicht die Puste ausgeht.
Gerade heute verspüre ich das unbändige Verlangen danach, einfach nur… allein zu sein. Für mich und in aller Stille. Ich sehne mich danach, mich kopfüber in irgendwelche kreativen Pfützen zu werfen und mich treiben zu lassen im Flow des Machens und Spielens. Strickend. Nähend. Gärtnernd. Sirup-Kochend. Egal wie. Einfach schöpferisch.
Ich brauche das so dringend.
Nun, es soll wohl nicht sein. Also nicht so ausschliesslich und versunken, wie ich es gerne hätte. Es sind zwei Kundinnen angemeldet, drei oder vier der jungen Meerschweinchen ziehen heute in ein neues Zuhause. Der Garten ist pitschnass vom Pfingst-Regen der letzten Tage und der Holunder sowieso bereits halb verblüht (Gottseidank hat mein Liebster ein paar Flaschen Sirup davon eingemacht! Ein Jahr ohne Holunderblüten-Sirup ist ein trauriges Jahr, finde ich.) Unten liegt nasse Wäsche am Boden unter einem übervollen Trockengestell, und jeder einzelne Raum dieses Hauses schreit geradezu nach Wischwasser und Staubsauger…
Kein kreatives Insel-Dasein also heute für mich. Aber vielleicht ja ein, zwei, drei, vier oder vierzehn Reihen Pullover-Stricken? A girl can dream, can’t she?

Ein bisschen Trost und Hoffnung auf andere Zeiten schenkt mir ja dieser Anblick hier: ein winzigkleines Jäckchen, ein minikleines Mützchen, beides wunderbar naturbelassen und so klein, dass mein Baby nicht allzu lange wird warten müssen, bevor es hineinpassen wird.
Ich stricke gerade wahnsinnig gerne. Und wahnsinnig gerne klein. Es wird wohl das letzte Mal sein, dass ich so etwas Winziges in meinen Armen halten werde, irgendwann dann im September, und ich wünsche mir, noch so viele Babypulloverchen, Mützchen und Strampelhöschen für dieses Kind zu stricken, wie ich nur kann. Es kommt mir vor, als müsste ich ganz bewusst durch diese Zeiten gehen, all diese letzten Male mit allen Sinnen ver-innerlichen und ausschöpfen, und obwohl ich im Augenblick wirklich kaum ein Fünkchen Wehmut verspüre, vielmehr… eine Art dankbare Erleichterung, eine erleichterte Dankbarkeit, ahne ich heute schon, dass diese Gefühle sich nach der Geburt noch ändern werden.
Abschiednehmen ist niemals leicht.
Also stricke ich.
Und freue mich.
An dem was kommt, aber auch an dem, was vorbeigehen wird. Es kommt die Zeit für anderes. Und obwohl ich mich auf dieses Baby jeden Tag ein klein wenig mehr freue, spüre ich auch, dass ich bereit bin, mit diesem Lebensabschnitt abzuschliessen. Bereit für das andere. Das Muttersein mir davon-wachsender Kinder.

Dieses Jäckchen -eine „Beyond Puerperium“ von Kelly Van Niekerk- verkörpert ein paar meiner Strick-Leidenschaften: biologische Wolle seltener Schafrassen (60 gr. „Rosy Green Manx Merino Fine“), sanfte Naturtöne (hier das softe „Norfolk Holz“, das ich wirklich gerne mag), Handwerkskunst in den Details (Jim Knopf Kokos-Knöpfe!) und schlichtes, aber durchdachtes, raffiniertes Strickdesign.
Ich habe die zweitkleinste Grösse gewählt und mit Nadelstärke 3 gearbeitet. So fiel das Maschengeflecht recht fein aus, was ein Plus an Elastizität bietet und mir umso schöner erscheint für so ein kleines Persönchen, das das An- und Ausziehen wahrscheinlich nicht unbedingt schätzen wird…

Das Zwergenmützchen wiederum ist aus der anderen, aber ähnlichen Garnreihe von Rosy Green gestrickt: Aus der „Heb Merino Fine“ ebenfalls im Farbton „Norfolk Holz“. Hier habe ich auch eine Nadelstärke 3 gewählt und 98 Maschen angeschlagen. Weil ich das Bindeband in meiner Anleitung definitiv zu kurz finde, ist es nun an die 45 cm lang, was hoffentlich ausreicht für so eine Babygrösse.
Dieses Garn ist leicht kratziger als sein Fast-Zwillings-Bruder „Manx Merino Fine“, irgendwie starrer in seiner Struktur und auch die Farben kommen mir kühler vor und weniger satt. Ich glaube, ich würde nicht unbedingt wieder damit stricken. Mir hat es einfach zu wenig… Lieblichkeit an sich.
Die „Manx Merino Fine“ hingegen kann ich nicht genug loben! Weich, aber natürlich, schön elastisch mit angenehmem Fall, ein Garn, dem man die raue, windgepeitschte englische Landschaft mit all seiner ursprünglichen, kargen Schönheit bei jedem Handgriff anmerkt.
Wunderbar!
Ich mag es, wenn die Dinge ihre Seele durchscheinen lassen. Und diese zwei kleinen Wollsachen, die allerersten Stücke, die für das kleine Strampelwesen in meinem Bauch entstanden sind, haben eine Aura von… Hoffnung und Bodenständigkeit, finde ich. Unaufgeregt. Nichts wirklich Neues.
Aber genau darum willkommen und schön in meinen Augen.

Veröffentlicht unter Augenblicke, aus meinem tagebuch, berührt, Familienalltag, Stricken | Hinterlasse einen Kommentar

mein Eden

Der frühe Morgen ist längst vorbei, es geht gegen Vormittag und die Sonne lacht mir vom Himmel entgegen. Es ist so warm, dass man an Mittsommer denkt und die heissen, trockenen Tage wecken Erinnerungen an vergangenen Sommer, einen Sommer, der die Wüste in die Schweiz brachte, ein beinahe landesweites Feuerverbot und Wasserknappheit rundherum, aber auch herrliche Zeiten der Freiheit unter blauem Himmel, plantschend und lümmelnd faul und einfach nur herrlich, herrlich, herrlich
Genau so habe ich mich auch gestern gefühlt.
Und vorgestern.
Befreit.
Wieder mit weiter Lunge atmend.
Belebt, erfrischt durch eine ungefilterte, kräftig-optimistische Natur, die nichts weiter will als wachsen, gedeihen, grösser, weiter, unbändiger werden, neue Wurzeln setzen und alle Äste strecken. Was ich tief in mir drin nachfühlen kann und irgendwie, ganz ohne es zu wollen, sofort imitiere. Der Sommer macht mich kräftiger. Es ist die ganz unmittelbare Sinnlichkeit, diese geballte Ladung an Licht, Wärme, der eindringliche Wechsel an Empfindungen, die an einem einzigen warmen Sommertag im Freien (in Freiheit!) auf mich einströmen und gefühlt werden wollen: Sonnenglut, Hitze auf meiner Haut, der erste Schock an Kälte, wenn ich ins kühle Wasser steige (ein Kinderplantschbecken reicht mir ja schon aus im Moment), das Kribbeln, während alle Feuchtigkeit von der Sonne aufgesogen wird, Kontraste, süsse, kalte Eiscreme, geeister Kräutertee aus Minze und Zitronenverbene, das Platschen meiner Füsse auf den brennenden Steinplatten der Gartenwege, kitzelndes Gras auf meinen Fusssohlen, das Lachen der Menschen, der Frieden äsender Tiere, die Stille eines frühen Morgens, wo die Wiesen feucht sind und frisch, die Luft aber von Minute zu Minute mehr von der kommenden Mittagshitze spricht. Die Hitze lässt keinen Platz für grosse Gedanken, Sorgen verpuffen sofort. Alles was möglich ist, ist zu fühlen, das Aufnehmen dessen, was der Moment an mich heranträgt, ganz unmittelbar, mit hellwachen Sinnen.
Ich öffne mich wie eine Blüte.
Und alles ist gut.
Vollkommen für den Moment.

Augenblicke wie dieser, ich in der Hängematte unter einem blühenden Holunder, der dann und wann seinen süssen, betörend heimeligen Duft zu mir hinüberweht, leise schaukelnd, die Hände auf dem prallen Bauch, in dem es strampelt und lebt und rundherum das blanke Glück der Menschen- und Tierwesen, summende Bienen auf Thymian, pelzige Gesellen vor dem Stall, Kinder, die mit Gejauchze und Geplatsche ins Wasserbädli springen… Zeit die stillstehen sollte. In meinem Kopf bilden sich Visionen. Zukunftsträume werden wieder wach, Träume vom Hof, von Färbe- und Heilpflanzen in einem üppigen Garten, von Ziegen und Schafen und handgesponnener Wolle und wie ich mit meinen Töchtern und meiner Mutter an einem sonnigen Nachmittag Garne färbe oder Kursgästen selbstgemachten Eistee und Beerenmuffins serviere. Ein bisschen glaube ich fast, dass sie wahr werden können, diese Träume, aber nur ein bisschen. Und das ist mir genug. Was ich bin und habe, scheint gross genug zu sein in diesem Moment. Gross genug, um mich auszufüllen mit Freude, Dankbarkeit, Zuversicht.
Wunschlos.
Oder so gut wie.
Sonderbar wie viel die Magie des Sommers auszurichten vermag. Sie wischt alle Dunkelheit fort. Alles Hadern und Klammern. Löst Starrheit und Sturheit und lässt die Dinge neu fliessen.

Bei Instagram habe ich geschrieben:
„Hundstage Anfang Juni. Und ich liebe sie! Ich finde kaum Worte, um zu beschreiben, wie glücklich mich die Sonne, die Pflanzen, dieser wunderbare, kleine, unvollkommene Garten, die Insekten- und Tierwelt gerade machen… Das alles ist meine Medizin. Nach all den harten Monaten voller Übelkeit und Hadern mit mir, den Umständen und meinem überforderten Körper, nährt mich nun der Frühling, der erste Hauch von Sommer, und dieses Heilmittel ist hochpotent, ich spüre es mit jeder Faser meines Seins.
Vielleicht werde ich heute doch noch einen kleinen Blogpost schreiben… Die Worte kommen immer. Irgendwie. Ich muss bloss den ersten Buchstaben setzen…“

Und genauso ist es auch. Die Worte kommen. Ich muss sie nicht rufen, sie rufen mich und ich gebe ihnen Raum, weil ich sonst berste vor überfliessender Liebe, der Liebe zu meinen Pflanzen, den Bäumen und Büschen und Blumen in meinem Garten, die ich jeden Morgen aufs Neue mit hüpfendem Herzen begrüsse, so als wären es Freunde, die mich in ihrem?… meinem?… unserem Reich willkommen heissen. Mein Garten bildet die Oase, in der ich Zuflucht finde. Vor allem Übel dieser Welt. Wo ich heil werde und satt. Mein kleiner Garten Eden.
Eden.
Ein wunderschöner Name…

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Veröffentlicht unter Augenblicke, aus meinem tagebuch, berührt, besondere Tage, Dankbarkeit, grüner Leben, Jahreszeiten, Natur, this moment, what makes me happy, Zuhause | 10 Kommentare