Monatsarchive: November 2018

Ein nicht ganz idealer Quilt

Fertig. Also so gut wie. Ein paar rote Fadenknoten im Quilting fehlen noch, aber das sind so wenige (vielleicht 5 oder so?), dass ich mir guten Gewissens vorgaukeln kann, mein Quilt sei hiermit fertig.
Es ist ein komischer Quilt. Keiner, mit dem ich ganz zufrieden bin. Aber ich habe auch nicht wirklich etwas gegen ihn einzuwenden.
Was ich nicht so toll finde: Die Stoffkombination in genau diesem Patchwork-Muster. Die einzelnen Stoffe -alles Baumwoll-Stoffe, die hier ewig lang rumlagen und einfach irgendwie verwendet werden wollten, die mich regelrecht anflehten, sie endlich zu vernähen- waren für sich selbst genommen jeweils wunderschön. Lieblingsstöffchen sogar, bis auf den rein braunen Stoff vielleicht. Ich mochte die schwarzen, dezent gemusterten Prints, bewunderte die grossblumigen Anna Maria Horner und Kaffee Fassett-Designs und liebte jedes einzelne Blümchenmuster. Hätte ich sie nicht gemocht, dann wären sie längst in der Brocki-Tasche gelandet. So aber war ich schon sehr optimistisch, als ich anfing, meine ganzen Stapelstoffe in unterschiedliche Rechtecke zu schneiden und zu langen Streifen zu vernähen -einigermassen wahllos, wie ich zugeben muss. Mir war sehr nach spontan und nach intuitivem Nähen. Auch die einzelnen Streifen fand ich nicht übel. Erst zusammengesetzt als Ganzes kam mir der Verdacht, dass hier einfach zu viel Dunkel zusammengekommen war. Obwohl es auch recht bunte, fröhliche Stoffe darunter hat, wirkt dieses Patchwork insgesamt recht trostlos und bedrückend auf mich, viel zu braun, viel zu schwarz. Kombiniert mit den weissen Streifen, so wie Soulemama es in der Anleitung für ihren „First Quilt“ im Buch „Hand in Hand“ gemacht hat, ist eine Art Zebra-Effekt entstanden, und das war nun wirklich nicht meine Absicht. Ich hätte niemals mit diesem Kontrast gerechnet. Und ihn niemals so gewollt. Aber einmal mehr ist mir vor Augen geführt worden, wie schwierig es ist, sich das fertige Resultat aus Stoffen oder auch Wolle vorzustellen, und wie stark die Art der Verarbeitung die Optik des Grundmaterials beeinflusst. Es ist vielleicht auch ein kleines bisschen Glückssache. Bestimmt sehr viel Erfahrungswert. Und wohl auch eine Frage des Talents und des Vorstellungsvermögens, und genau das fehlt mir wohl ein wenig. Ich kann mir viele Dinge schlichtweg nicht vorstellen. Und werde dann immer irgendwie überrascht. Mal positiv, mal weniger. Diesmal also eher weniger. *hüstel*


Aber fairerweise muss ich jetzt auch mal notieren, was ich an diesem Quilt trotz allem mag: Der Rückseitenstoff zum Beispiel ist klasse. Ein zerschnittener vintage Bettbezug, der sich einfach himmlisch auf der Haut anfühlt und sehr robust wirkt. (Im Notfall erkläre ich einfach ihn zur neuen Oberseite und lasse das Patchwork-Deck unten dann gammelig werden). Ich mag ausserdem die sorglose Art, in der dieser Quilt zusammengesetzt wurde: Drei Lagen, zusammen genäht und auf rechts gewendet, an den Kanten dann nochmals schmal abgesteppt und dann mit Stickgarn mit kleinen Knötchen gequiltet. Kein Schrägband an den Kanten, kein nerviges Heften aller Schichten, keine langwierigen Quiltingstunden an der Maschine. Alles war  simpel und schwungvoll und ich glaube, das sieht man diesem Quilt auch an und macht ihn für mich speziell sympathisch, denn trotz allem ist er sehr exakt ausgefallen und hat niemals Falten geworfen oder so. Natürlich könnte man ihn jetzt nach einem Waschgang und einer Runde im Tumbler nochmals bügeln, was ihn wieder so glatt und sauber aussehen liesse wie vor den Fotos (zu sehen im letzten Post!), aber ich fand ihn ganz charmant so zerknittert und habe mir den Weg zum Bügelbrett einfach gespart. Die Kinder spielen ohnehin ständig mit und auf ihm, da macht Glattbügeln eigentlich sowieso nicht viel Sinn.


Gut finde ich auch das Baumwollvlies im Inneren. Es ist das erste Mal, dass ich sowas verwendet habe und ich finde die Haptik tatsächlich sehr viel einnehmender als mit synthetischem Vlies. Irgendwie… griffiger und kompakter und dennoch sehr leicht. Eine gute Wahl. Genauso wie das Knallrot des Quiltingfadens. Diese Farbe würde ich sonst niemals wählen. Genausowenig wie Braun oder Schwarz, denn obwohl ich mich am liebsten in Brauntöne kleide und auch gegen schwarze Hosen oder Schuhe nichts einzuwenden habe, arbeite ich nicht besonders gerne mit dunklen Materialien. Oder eben mit Knallrot, was das betrifft. Und trotzdem fand ich es sehr anregend, hier Rot an der Nadel zu haben. Ich finde, das nimmt dem Ganzen ein bisschen diese Zebra-Strenge und bringt die Optik in Balance. Die Dosis macht das Gift, klar, und manchmal macht es eben auch einfach Spass… Spass zu haben. So ein bisschen an den Grenzen zu schaben und Neues auszuprobieren. Ich glaube, ich habe ehrlich selten derart gerne an einem Nähprojekt gearbeitet wie hier bei diesem Quilt. Gerade weil er mich nicht vollends überzeugen konnte, war der Spass umso grösser; es gab nicht viel zu verlieren, was eine enorme Befreiung darstellte und den Prozess tatsächlich umso lustvoller machte.
Der Weg war das Ziel. Insofern ist wohl sowas wie ein „Zen“-Quilt daraus geworden. Ein guter Quilt also nichtsdestotrotz. Und weil er mir nicht so wirklich kostbar ist und alles andere als perfekt, habe ich keinerlei Hemmungen, ihn meinen Kindern zu überlassen, die wer-weiss-was damit anstellen werden. Grasfleckenquilt im Sommer. Malspurenquilt im Winter zuhause auf dem Stubenboden. Schmusequilt frühmorgens auf dem Sofa, wenn meine Kleine mal wieder etwas länger braucht, um wach zu werden und vor dem Kindergarten warm eingemummelt noch rasch eine warme Ovi schlürft.
Ich weiss nicht… Sind die Dinge, die uns aktiv und ohne Zögern durch den Alltag begleiten, selbst wenn sie unvollkommen sind und kein eigentliches Meisterwerk, nicht doch auch auf ihre Weise ganz besonders schön?

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Einen Fuss vor den anderen setzen

Fünfzehn Minuten. So viel Zeit habe ich mir für diesen Post hier frei genommen. Dann muss ich wieder los, weiterhetzen, denn die Aufgaben sind viele und mein Tag so klein wie jeder andere auch. Das Bad müsste geputzt werden, bzw. besser gleich 3 davon (ja, wir haben ein ziemlich grosses Haus) und die Küche sieht immer noch nach Mittagspause aus, voller Essen, Pfannen, dreckigen Tellern und wahrscheinlich liegen auch noch überall Glacé-Papierchen herum vom raschen Nachtisch…
Ich hatte nie etwas gegen Arbeit. Eigentlich, denke ich, bin ich ein fleissiger Mensch und es tut mir ganz gut, wenn etwas läuft und die Räder sich drehen. Es ist gut, eine Aufgabe zu haben. Vor allem, wenn man zur Schwermut neigt und den Herbst kaum verkraftet mit all seinem Grau und seiner bedrückenden Stille.
Im Augenblick aber ist es weniger die äusserliche Arbeit, die mir am Herzen liegt. Natürlich, ein sauberes Haus macht meine Seele leicht, die Harmonie eines liebevoll gepflegten Zuhauses fliesst sofort in mich ein und nimmt viel von der Düsternis, die mich immer wieder heimsucht, aber im Augenblick gibt es Wichtigeres zu tun für mich, als zu putzen oder Dinge von einem Ort an den nächsten zu verschieben; Ich lerne. Lerne, mich selber immer besser kennen, wer ich noch bin zwischen all den Schichten an Rollen und Verhaltensmustern. Meine Wünsche und Bedürfnisse bahnen sich gerade einen Weg nach oben und sprechen urplötzlich eine klarere Sprache als noch vor einem Jahr oder früher. Mit bald 40 ist das wohl so. Und es ist gut so, wie es ist.
„Gerade bin ich stark daran, mir selber mehr Freiheiten zu erkämpfen. Zb. möchte ich wieder mehr ausgehen, an Konzerte oder auch einfach mal irgendwohin auf ein Feierabendbier mit einer Freundin (Ich baue mir diesen Kreis gerade erst wieder auf). Ich BRAUCHE das jetzt einfach ganz schrecklich!“ Das habe ich gerade vor ein paar Minuten in einer Mail an eine Bloggerfreundin geschrieben. Und ja, es ist wahr; Ich brauche das. Menschen um mich herum. Frauen, die mir ähnlich sind oder auch ganz anders. Kleine Freiheiten. Lebensenergie. Kunst. Musik. Wieder mehr von dem leben, was mir früher so lieb war.
Demnächst werde ich tatsächlich an ein kleines Konzert gehen, ganz in der Nähe, und eine alte Freundin, mit der ich fast 3 Jahre lang zeit- und energiebedingt keinen Kontakt mehr hatte, organisiert es gleich selber.
Ich mag tatkräftige, starke Frauen.
Dass bei all dem meine Handarbeiten ein wenig brachliegen, erstaunt mich kaum. Ich glaube, mit Stricken und Nähen und dem kreativen Leben zuhause, fülle ich vor allem auch Lücken, die sich vorübergehend einfach nicht anders schliessen lassen. Strickmützen statt Tanzkurs, Quilts anstelle von verlässlichen, alltagsgelebten Freundschaften.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Ventile gefunden habe; zu stricken tut mir gut, sehr sogar, und ich glaube, Wolle und Stoffe haben mir ein Stück weit wirklich den Verstand gerettet, als es nichts weiter in meinem Leben zu geben schien als Hektik, Babyweinen, durchlöcherte Nächte und Kriesengespräche an der Schule. Sie waren ein Rettungsanker in der Not.
Und sie sind es immer noch. Auch treue Freunde. In allen Lebenslagen. Es ist immer noch schön, abends meine Babywolldecke in Progress heraus zu kramen und weiter ein paar Reihen in einer neuen Farbe anzustricken. Langsam, langsam, einen Fuss vor den anderen setzend. Aber ich habe immer weniger das drängende Gefühl, vorwärts hetzen zu müssen. Fertig sein zu wollen. Mehr und noch mehr und bessere Resultate erzielen zu wollen.
Dass diese kraus rechte kleine Decke im Schneckentempo fertig wird?
Was macht das schon?
Dass mein grüner Wollpullover noch keine 10 Reihen weit gekommen ist?
Völlig in Ordnung.
Dass es wohl Jahre dauern wird bis mein schwarz-rot-brauner Quilt -diese Woche tatsächlich fertig geworden!- all seine knallroten Quiltingknoten bekommen hat?
Keine grosse Sache.
Nur das kleine, silbergraue Zwergenmützchen für meinen süssen Babyneffen, das sollte wohl schon so langsam fertig werden. Der Herbst kennt keine Gnade; er wird demnächst zum Winter. Und der Kleine wächst und wächst und wächst. Vielleicht also doch noch einmal Wollmützchenstricken statt mich im Dorflokal zu verplaudern, hihi. Oder nein, ich nehm das Ding einfach mit; Strickcafé-Treffen gibt’s hier ja bisher noch keine…

PS. Damit ich hier keine Gerüchte streue: Nein, natürlich bin ich nicht jeden Abend unterwegs. Bei weitem nicht. Also wirklich bei. weitem. nicht. Aber ich wäre es gerne ein wenig öfters. *zwinker* Ein, zweimal pro Monat wäre immerhin ein netter Anfang.

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