Monatsarchive: Juni 2018

Hasenmädchen

Die letzten zwei Tage standen ganz im Zeichen von „Last Minute Handmade Gifts“: Ich und meine drei Mädchen wollten der Oma zum Geburtstag unbedingt etwas Selbstgemachtes schenken- und wir waren sowas von im Verzug! Um ganz ehrlich zu sein, spielte ich sogar schon mit dem Gedanken, ihr -zusätzlich zu den Unmengen an Zeichnungen und Briefchen, die die Kleinen seit einer ganzen Weile schon als „ihr Geschenk“ für sie zusammengetragen hatten- einfach einen Gutschein zu schenken. Und den Rest dann später. Wobei „der Rest“ dann das hier gewesen wäre bzw. war: ein schneeweisser Filzhase mit pinkfarbenen Ohren, blauem Kleid und Blüten im Haar, also ums Ohr vielmehr.
Beim Zuschneiden und Planen waren wir früh dran gewesen. Schön pünktlich und überaus organisiert. Aber dann kam eins ums andere dazwischen, und meine Grosse war plötzlich mit allem möglichen beschäftigt, mit Freunden, die sie unbedingt noch treffen musste oder mit ihrer neuen Lieblingsbuch-Reihe „Blitz“, aus der sie ein Band nach dem anderen von ihrem Schulfreund ausleiht und gierig verschlingt (wunderschöne, alte Ausgaben sind das immer!).
Irgendwie sind die Tage aber auch extrem voll gerade. So viele Geburtstagsfeiern, die noch gefeiert werden wollen (woher kommen bloss all diese Sommerkinder?), Abschlussfeste in Schule und Kindergarten und Jugendgruppe… Kein Wunder, blieb unser Schneehase liegen. Auch mir war irgendwie nie so recht drum, dieses Projekt ernsthaft in Angriff zu nehmen. Ich war einfach zu müde dazu, keine Ahnung wieso. Oder ich hatte das Gefühl, Altes, Angefangenes zuerst sauber abschliessen zu müssen. (Im nächsten Post wird es um die klitzekleine Puerperium-Cardigan für das Baby meiner Schwester gehen, die nur noch ihre Knöpfchen braucht). Überhaupt kommt es mir gerade wieder so vor, als würde mich alles rund um mich herum beinahe erdrücken… räumlich wie thematisch. Manchmal scheint mir die Luft zu fehlen, zum Atmen und Mich-Ausdehnen. Dann empfinde ich es als unsagbar wohltuend und unterstützend, mich bewusst um die Dinge zu kümmern, die mir gerade besonders im Nacken sitzen: kreative Projekte, die knapp vor ihrer Vollendung stehen, alte Briefschulden, die beglichen werden wollen, Arzttermine, die ich schon ewig vor mir herschiebe (und dann doch wieder absagen)..
Dass dieses kleine Hasenmädchen gestern Nachmittag -punktgenau auf den Geburtstag meiner Mama- doch noch fertig wurde, verdanke ich dem Termindruck und einem ungeahnten Schwung neuer Energie, der uns alle gestern plötzlich erfasste und einträchtig aber geschäftig zusammen am Stubentisch vor uns hinwerkeln liess. Für die Puppe selbst und auch für das blaue Kleid sind ich und meine Grosse verantwortlich, die Blüten und der Herzanhänger haben meine beiden Kleinen gemacht, was ich ganz besonders süss finde.
Wie beim letzten Mal gab Kata Goldas Buch „Handstitched Felt“ uns wunderbare Anregungen und die Motivation, uns nochmals so richtig ins Nähvergnügen mit Filz zu stürzen. Was wirklich eine Freude war.  Kinderleicht und ohne nerviges Versäubern oder schweisstreibende Bügelsessions. Und vor allem war es ein Erfolg, zu guter Letzt: Meine Mutter war ganz aus dem Häuschen wegen ihrem neuen Kuscheltier und ich weiss heute schon, dass sie ihr Hasenmädchen auf ewig aufbewahren und mit besonders viel Liebe und Sorgfalt behandeln wird. Unser Hasenkind hat es gut getroffen, denke ich, so herzlich, wie es willkommen geheissen wurde…

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Canvas Cardigan

Ich war lange weg hier. Ein bisschen weggeschwebt. Entrückt. In einer Art Wolke.
Da waren viele neue Eindrücke und kleine, emotionale Momente an meinem Kräuter-Kurs-Tag im Emmental, die es zu verarbeiten galt, Migräne und die Magengrippe meiner Kinder, die mir dazwischenrasselten, und ein Abtaucher in die Welt des Ballett und all die Erinnerungen an längst vergessen geglaubte, unerfüllte Träume und vergangene Zeiten, die mich innerlich aufwühlten. Da war einfach… vieles, vieles was mich umtrieb und Stimmen in mir reagieren liess, die sonst meistens schweigen. Und immer noch schwingt und bebt es in mir. Es ist schwierig, Worte dafür zu finden.

Mein Tag mit Mamaniflora und ihren Kräutern war ein sehr besonderer Tag für mich. Allein die Reise fast quer durch die Schweiz fühlte sich wahnsinnig bedeutungsvoll an für mich, denn ich reise nie, und schon gar nicht alleine und nur für mich selbst. Ich war fürchterlich nervös und bangte um allerlei Unnötigkeiten; Werde ich mich auch bestimmt nicht unterwegs verirren? Oder irgendwo stranden wegen Streiks oder Unfall oder sonstwelchen Eventualitäten? Werden die Leute mich wohl mögen? Oder einfach nur doof finden? Und wie kann ich meinen christlichen Glauben und das Neuland-Thema „intuitive Pflanzenmedizin“ miteinander in Einklang bringen? Für die Reise hatte ich mir noch in der Nacht zuvor den Kopf darüber zerbrochen, um das perfekte Strickprojekt für unterwegs zu finden (die braune, handgesponnenen Alpaca-Wolle blieb dann auch zuhause, abgelöst durch leuchtend blaues Garn für ein „Zilver“-Tuch für meine grosse Tochter), aber schlussendlich sass ich doch fast die ganze Zeit über nur bibbernd, nachdenklich und gleichzeitig überaus beschwingt in meinem Abteil und betrachtete, wie die Landschaft an mir vorbeiflog.
Ich-Momente.
Geballt.
Ich habe sie genossen. Auch all die Gefühle, die in mir hochstiegen und einfach sein durften, ungebremst durch Kinderstimmen und meine Aufgabe, jederzeit für andere dasein zu müssen. Und Mamaniflora…? Ist absolut umwerfend! Eine wunderschöne, wahnsinnig herzliche Frau, die man einfach gern haben muss. Und die einen wahnsinnig tollen Job gemacht hat an ihrem allerersten Kräuterkurs. (Chapeau, Nicole!)
Ich werde anders Tee trinken in Zukunft. Bewusster und mit mehr Sinnlichkeit. Jedenfalls dann, wenn ich mich innerlich kurz abkoppeln kann vom Hamsterrad Zuhause.

Ich glaube, das Thema Sinnlichkeit und Sinn-Haftigkeit ist momentan überhaupt sehr bedeutend für mich. Dinge tun, die man liebt, für die man brennt, die einem leidenschaftlich interessieren und bewegen. Träumen nachgehen und nachgeben. Sie für wichtig erklären. Sich selbst sein, ohne in Reihen von Kompromissen alle Rechte an sich selbst zu verschenken.

In den letzten zwei Tagen habe ich so viele Ballett-Sequenzen gesehen wie schon ewig nicht mehr. Allein das „Adagio“ zwischen Spartakus und Phrygia aus „Spartakus“ sicher zehn Mal, in vier verschiedenen Tänzer-Konstellationen und mit zunehmend feuchteren Augen und schwererem Herzen: In meiner Jugend war das Tanzen meine Welt. Ich tanzte drei Mal die Woche, spielte leidenschaftlich Theater und nahm klassischen Gesangsunterricht an meiner Schule. Die Bretter, die die Welt bedeuteten, waren eine Oase für mich, ein Ort, wo ich wirklich und zutiefst ich selbst sein konnte, wo meine starken Emotionen und meine Tendenz mich darin zu verlieren endlich Sinn machten und alles, was mich ausmachte irgendwie passte.
Doch die Realität holte mich ein und entriss mich den Spitzenschuhen und bald darauf auch der Theatergruppe: Mein Talent war zu gering, mein Selbstvertrauen zu kläglich,  und weil ich ein wehmütiger Mensch bin, entschied ich mich sofort für ein Ende mit Schrecken statt umgekehrt und schloss das Thema gnadenlos ab, möglichst ohne zurück zu sehen. Hobbytanzen war einfach zu schmerzhaft. Ballett habe ich keines mehr gesehen, seit ich 17 war, um Musicals einen grossen Bogen gemacht und Theater-Plakete aus meinem Blickfeld verbannt.
Spartakus und Phrygia haben abgelegte Gefühle wieder neu aufgewühlt und mich emotional ein bisschen aus der Bahn geworfen…

Zeit für mich, wieder Boden unter die Füsse zu bekommen.
Ich merke, dass ich Nervennahrung brauche und den Anker werfen muss, um wieder im Hier und Jetzt zu landen. Tagträume und Erinnerungen mögen schön sein und zu uns gehören, aber sie brauchen einen Punkt, damit unser Lebenslied weiterspielt und die Nadel nicht permanent in der Rille hängt wie bei einem kaputten Plattenspieler.
Wie genau ich jetzt auf meine blaue „Canvas“-Wolljacke gekommen bin, weiss ich eigentlich auch nicht recht. Vielleicht weil es sich sehr erdend anfühlt, ein Projekt zu Ende zu bringen? Oder weil Wolle (in diesem Fall 5 Strangen „Tosh DK Stargazing“) mir überhaupt angenehm realitätsbezogen und wahrhaftig vorkommt, so ehrlich und trotzig urchig wie ein Urner Stier. Sie erinnert mich ans Landleben und daran, dass es gut tut, die Wurzeln im einfachen Leben zu vergraben, unaufgeregt zwar, aber wohltuend menschlich.

Ich habe sie schon oft getragen, diese Jacke. Seit sie im letzten Winter von den Nadeln gerutscht ist, hat sie sich zu einem wolligen Favoriten gemausert, in dem ich mich wohl fühle und irgendwie… angezogen (was nicht bei allen Dingen, die ich selber stricke oder nähe wirklich der Fall ist). Es ist ihre Wärme und der klare, stimmige Schnitt, die mir so wohltun. Keine Fehler, nur das schöne, leicht grünlich gesprenkelte Blau, schlanke Ärmel, gerade Linien. Nichts, in dem ich mich schämen muss.
Mir ist aufgefallen, dass ich besonders häufig nach meiner „Canvas“-Cardigan greife, wenn mir ein wichtiger Termin bevorsteht. Oder ein Anlass, dem ich mit Nervosität und grossen Gefühlen, wie Freude oder Angst entgegenblicke.
Arzttermine sind so ein Fall. Elterngespräche in der Schule. Grosse Familientreffen. Ein Meeting in der Stadt.
Wisst ihr, was ich wirklich und ehrlich vermisst habe, an meinem Kräuter-Kurs-Abenteuer-Tag letzten Sonntag?
Diese Jacke.
Genau diese Jacke.
Sie ist ein Zuversichts-Werk. Klar und einfach und mit Bodenhaftung. Genau, was ich brauche im Moment. Ich glaube, ich weiss, was ich gleich aus meinem Schrank ziehen werde…

Ein paar Strickdetails zum Schluss:

Anleitung: „Canvas Cardigan“ von Carrie Bostick Hoge, veröffentlicht im Magazin „Making“, nun auch erhältlich via Ravelry
Garn: 5 Strangen „Madelinetosh DK“ der Farbe „Stargazing“
Nadeln: 3.5 für die Bündchen 4 für den Rest
MP mit Nadeln Nr 4: 21M =10 cm (nach dem Waschen)
gewählte Grösse (habe sonst Grösse 38): 99cm Brustumfang
Änderung: lange Ärmel und längerer Körperteil als in der Anleitung

 

 

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Wolliges

Die letzten Tage waren nicht unbedingt das, was man produktiv nennen könnte. Kopf, Körper und Seele wollten nicht mehr so recht und mir war mehr nach ein paar ausgiebigen Nickerchen (zu denen es nicht kam) oder ein ganz klein wenig dieser ollen, deutschen Fernsehserie auf YouTube -„Hotel Paradies“ aus den frühen 90ern- die ich dermassen kitschig und klischeehaft finde, dass sie mir bereits wieder sympathisch ist. Manchmal braucht der Mensch eben einfach ein bisschen „Heile Welt“ und einen Abstecher in frühere Tage, wo alles noch so anders, so altbacken, so simpel und reduziert war. Bloss die Mode… ja also die Mode der 90er, die war wirklich schlimm. Zumindest in ihren frühen Jahren. Fast so schlimm wie die der 80er, aber die lässt sich schlichtweg nicht mehr toppen in Sachen Grausligkeit.

Na, jedenfalls scheint meine fitte, hochmotivierte Phase vorbei zu sein. Heute brummt mir wieder öfters der Kopf, ich habe zu nichts Lust (deutschen Filmschmus oder ein Schläfchen mal abgesehen) und plötzlich scheint mir auch der Haushalt wieder völlig zu entgleiten, obwohl ich letzte Woche noch das Gefühl hatte, jetzt mit meinem Wochenplan und eisernem Willen den ultimativen Weg zum gemütlich-aufgeräumten Zuhause gefunden zu haben. Der Plan steht zwar noch immer, bzw. er liegt irgendwo zerknittert zwischen meinen anderen, losen Notizblättern auf der Ablage neben dem Kühlschrank in der Küche, aber das mit dem eisernen Willen, das ist gerade irgendwie schwierig. Ich weiss noch nicht mal, was ich heute kochen soll. Salat und Zuchetti gäbe es noch. Draussen im Garten. Da wo die vor bald 2 Wochen gekauften Lauch-Setzlinge vor sich hin dämmern und darauf hoffen, eingepflanzt zu werden, bevor die Sonne sie versengt oder Raupen und Schnecken sich an ihnen gütlich tun…
Aber ich wollte ja eigentlich von Wolle sprechen.
Wolle.
Als ich meine Nähmaschine nach langer, langer, langer Zeit in der Fremde wieder bei mir zuhause hatte, glaubte ich ja, niemals mehr nach Wolle zu verlangen. Mir wurde die Aufregung und Freude, die aufgeregte Freude sozusagen, die in einer intensiven Näh-Session liegt, wieder ganz neu bewusst, und ich staunte, wie schnell und akkurat gemacht ein kleines Näh-Projekt plötzlich vor einem liegt, verglichen mit den langen, monotonen Stunden Strickarbeit, die so gemächlich sind und besänftigend und erdend wirken auf den ganzen Menschen hinter den geschäftigen Menschen.
Meine Stoff-Vorräte sind gut aufgestockt und locken mich auch heute noch mit wunderbaren Prints… doch mittlerweile tun das auch wieder die vielen blauen und braunen und violett-getönten Strangen Wolle, die mir aus Regalen, Kisten und Körben entgegen blinzeln. Es gibt nicht Nähen oder Stricken für mich. Beides ist schön und gut und vermag dösige Lebensgeister zu wecken.

Der goldgelbe Strang „Mad Tosh Liquid Gold“ zum Beispiel, den ich mir mit einer Ladung blauer „Jim Knopf“-Knöpfe bestellt habe, lässt mich nicht mehr los, seit ich ihn vorgestern aus dem Paket vom Strickcafé gezogen habe. An sich habe ich mir ja vorgenommen, mich nicht mehr so oft von Madelinetosh verführen zu lassen, sondern ganz bewusst Bio-Qualitäten und kleinere Labels zu wählen, aber dieser eine Strang, der musste einfach sein. Das Gold hat mich verführt. Ich meine, schaut nur, wie es glänzt und schimmert, da musste ich doch schwach werden, oder…?
Im Grunde ist war es wohl genau dieses glänzende, intensive Sonnengoldgelb, das mir dafür bei meinem aktuellen Strickprojekt -eine Puerperium Cardigan für das Baby meiner Schwester- irgendwie fehlt: das Garn, das mir anfangs als Wollstrang so golden und warm vorkam, entpuppt sich nun beim Stricken als eher gedecktes und gleichzeitig fast ein bisschen wässriges gelbliches Beige, das mich an die Farbe des kalten Minze-Himbeerblätter-Tees erinnert, den ich die letzten Tage über oft getrunken habe. Nicht, dass ich die Farbe nicht schön fände so, wie sie ist… aber ich hatte sie anders in Erinnerung, anders erwartet… Aber vielleicht ist es auch einfach nur der kleine, innere Kampf, den ich kämpfe, wenn ich Masche für Masche von einer Nadel auf die andere gleiten lasse: Es ist das erste Mal, glaube ich, dass ich etwas so Kleines und Süsses stricke, ohne selbst ein Baby auf dem Schoss oder in meinem Bauch zu tragen. Damit hadere ich ein wenig. Mit der Bittersüsse dieses Momentes. Vorfreude auf ein kleines Menschlein in der Sippe. Gepaart mit dem Gefühl der Leere und des Verlustes, weil in meinem eigenen Leben Babyduft und kleine, knubbelige Füsschen und Hände einfach ein bisschen fehlen…
Aber zurück zur Wolle. Das Blau. Jawohl, das Blau stammt von der „Sunday Sweater“-Wolljacke, die ich meinem Kindergartenkind so lange schon versprochen habe. Ursprünglich hatte ich sie ja in Goldgelb geplant (aha) und die Wolle dafür auch schon gekauft, doch als ich dann endlich Nägel mit Köpfen machte, war das Kind natürlich gewachsen und das Garn zu knapp für ihre Grösse. Das leuchtende Blau der „Madelinetosh DK Cobald“, das mein Mädchen sich ausgesucht hatte, kam mir lange Zeit zu knallig vor und dämpfte meine Stricklust erheblich, aber jetzt, wo ich fertig bin (ja, fertig!), finde ich die Farbe eigentlich sehr hübsch, schön dunkel und satt und ziemlich passend für mein Tochterkind, das sowieso hauptsächlich Blau trägt und viel öfter dunkel als hell oder pastell. Fehlen nur noch die Knöpfe. Und der Geburtstag kann kommen.

Diesen Sonntag erwartet mich ein kleines Abenteuer: Zum ersten Mal nach bald 15 Jahren werde ich mutterseelenalleine hier davonrauschen und mir einen Tag lang die Freiheit nehmen, Neues zu entdecken. Neue Menschen. Neue Dinge. Neuen Mut, denn ich habe schon Ewigkeiten nicht mehr die Courage aufgebracht, einen Kurs zu besuchen -Neuland in so vielen Dingen für ein Heimchen am Herd wie ich es bin-, doch genau das werde ich nun tun; ein wenig Kursluft schnuppern zum Thema Kraut und Kräutchen und wie das so zusammenspielt mit dem Menschen.
Ich muss gestehen: ich bin furchtbar aufgeregt. Wirklich. Für die lange Bahnfahrt habe ich mir darum heute schon Wolle ausgesucht, ein warmes, weiches, griffiges Alpaca-Garn direkt vom Spinnrad einer alten Frau aus der Region. Es ist naturbelassen braun. Und wahnsinnig schön. Wolle, aus der man Seelenschmeichler machen möchte. Vielleicht tue ich das auch, wer weiss. Auf jeden Fall soll sie mich begleiten. Auf meinem Weg ins Abenteuerland. Mir Mut machen und Wärme schenken. Woll-Zauber pur.

 

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Wochen-Ende: Melissentee

Sommer! Wie gern ich dich hab‘, war mir bisher gar nicht bewusst. (Wahrscheinlich hatte ich immer nur Augen für meinen geliebten Herbst, mit dem mich eine Art Seelenverwandtschaft verbindet.) Aber jetzt, im Juni, bist du einfach wunderschön. So sanft. Mild. Und warm. Gar nicht brütend oder brennend, nein, kuschelig wie ein Kätzchen.
Ich mag auch Kätzchen.
Du hast so viel zu geben. Und du gibst es auch, grosszüzig und ohne zu zögern; saftiges Grün, üppigen Schatten, den Duft sonnenwarmer Kräuter, das Knacken und Spritzen baumfrischer Kirschen zwischen den Zähnen meiner Kinder.
Auch meine Tiere mögen dich. Sie suchen sich die besten hell-schattigen Plätzchen im Gras, wo sie ihre Babies stillen und gleichzeitig das eine oder andere Grashälmchen mümmeln können. Wie dankbar sie sind für die Freiheit und Leichtigkeit, die du ihnen schenkst, zeigen dir ihre lustigen Hüpfer oder die irrsinnig wilden Renn-Jagden, die sie unter deinem blau-weiss gesprenkelten Himmel veranstalten.
Die rote Hängematte wippt langsam von einer Seite zur anderen. Die Laube schaukelt sachte mit- irgendwer liegt immer darin, liest ein Donald-Duck-Comic oder döst faul vor sich hin und träumt wahrscheinlich von Sommerferien, und wenn das ausgerechnet auf meinem Hängematten-Foto mit dem Kirschen-Schabernack am Aprikosenbäumchen nicht der Fall ist, dann darf man das getrost eine Ausnahme nennen. Mit Seltenheitswert. Kirschen habe ich heute übrigens überall gefunden, hihi. An der Aprikose. Im leergeräumten Gemüsebeet, wo eigentlich schon längst der Lauch rein sollte. („Schau mal, hier wächst ein kleines Bäumchen!“). Über Ohren gehängt. Versteckt in kugelrunden Backen. Verlassen auf dem Stubenboden. Sogar in einem unserer Kirschbäumchen konnte ich welche entdecken. Wo doch dort gar keine wachsen. Bis auf fünf oder zehn oder so. Meine Schwiegermama hat bei ihrem Nachbarn jede Menge Kirschen geerntet und uns auf der Durchreise zu ihrer Schwester gleich eine Kiste voll mitgebracht, was ein grosses Hallo auslöste. Denn Kirschen sind ein Highlight hier im Haus. Kirschen mag sogar ich. Sehr sogar. Und ich bin eher eine Art Gemüsetiger. Weniger das süsse Früchtchen.
Aber Kirschen? Unwiderstehlich!
Es war ein barmherziger Tag heute. Kein Wirbel. Kein Gerenne und Gehetze. Langsam gelebt, voller Begegnungen auf Augenhöhe. Ich koche mir jeden Tag meine zwei Liter Tee, Tee aus den Kräutchen, die mir gerade ganz intuitiv richtig erscheinen, gewählt von meinem Bauchgefühl und nur von ihm alleine. Heute waren es Zitronenmelisse und ein ganz klein wenig Salbei. Harmonisch und besänftigend. Wie ein Wiegenlied für die Seele. Zum Loslassen und Durchatmen.
Heute Abend trinke ich das letzte Glas davon, eisgekühlt und ungesüsst, und ich spüre, wie wohl mir das alles getan hat heute, die Ruhe, die Langsamkeit, das Baumeln-lassen-und-die Mitte-finden. Vielleicht kann ich ein wenig davon mitnehmen. In die neue Woche. Die morgen sofort wieder loshetzen wird und mich immer vergessen lässt, in den Bauch zu atmen. Aber da ist Zitronenmelisse in meinem Garten. Und Salbei. Kamille. Tymian, Oregano und Pfefferminze. Kinder, die in Büchern versinken. Ein Stall voller Meerschweinchen. Zuchetti in voller Blüte. Grüne Aprikosen neben ein paar falschen Kirschen.
Das macht doch irgendwie Mut.

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