Monatsarchive: Oktober 2017

Meine Annabel

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Ein wunderbar verschlafener Sonntag. Ein Vicoria Clayton-Herbsttag, wobei ich doch auch zugeben muss, dass mich “Fortunas Garten” mit seinem Rosamunde Pilcher-Ende ein bisschen enttäuscht hat. Die letzten 100 Seiten wurden ziemlich wirr und wild, die Figuren, die ich im Laufe des Buches so sehr ins Herz geschlossen hatte, trafen unglaubwürdige Entscheidungen und brachten sehr sonderbare Irrungen und Wirrungen des Lebens ans Licht… Und dann diese harzige Liebensgeschichte zum Schluss. Wie aufgedrückt. Ein Jammer. Aber ich bin ein treuer Mensch und lasse Liebgewonnenes nicht so schnell wieder los: Der nächste Clayton-Roman ist bereits auf der Post und unterwegs zu mir, und ich freue mich unverdrossen darauf.
Überhaupt… der Herbst und ich, das ist eine ganz grosse Liebe. In diesem Jahr war sie sonderbarerweise sehr viel weniger feurig und ergreifend als in anderen Jahren, es fiel mir schwer -zu schwer-  den Sommer loszulassen, was ganz ungewöhnlich ist für mich und mich selber ziemlich verwirrt hat, aber irgendwie verstehe ich es auch: Dieses Jahr war ein Jahr der Extreme für mich, gesundheitlich, innerlich, emotional, und auch für mich als Mutter, denn ich musste damit zurechtkommen, das Kuscheligste und Anhänglichste meiner Kinder plötzlich Morgen für Morgen zum Kindergarten ziehen zu lassen und mein jüngstes Mädchen -mein Baby!- mit zweieinhalb Jahren abzustillen.
Erste Male und letzte Male.
Solche Sachen machen mir immer zu schaffen.
Mit bald 40 scheint plötzlich so vieles in Frage gestellt. War das schon alles? Sind 5 genug? Was ist noch möglich, wie viel dürfen mich Träume noch kosten und wer ist bereit dafür zu zahlen?… Die Endlichkeit allen Lebens wird mir immer bewusster und dieses zeitweise fast schon körperlich spürbare Wissen dämpft viel zu oft meine Begeisterung und meinen Elan. Gleichzeitig merke ich, dass ich ruhiger geworden bin. Zufriedener. Weniger getrieben und jedem Trend hinterherhechelnd. Aber auch rauer und selbstbestimmter. Ich stehe, wo ich bin, schwanke vielleicht, aber da sind Wurzeln gewachsen, ganz ohne dass ich es gewollt hätte.
In gewisser Weise sind auch das so etwas wie… Herbstgefühle. All das Windige, Bewegte und trotzem Knorrig-Verwachsene.

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Irgendwie scheint es ganz passend, dass ich im Moment immer wieder zu meiner “Annabel Cardigan” greife, meiner dicken, ein bisschen kauzigen Wolljacke aus lokal handgesponnener Wolle, um mich mollig warm einzumummeln und mir braun und bodenständig einen extradicken Pelz zuzulegen…
Fertig geworden ist sie schon lange. Bald ein Jahr schon müsste das wohl her sein, denke ich. Aber da waren die etwas zu kurzen Ärmel und der ein Mü zu knappe Schnitt, der daher rührt, dass mir schlichtweg die Wolle ausging und mir die alte Spinnerin zu meinem Schrecken erklärte, sie könne keinen Nachschub mehr herstellen. Ich haderte mit der jetzigen Form. Dicke Wolle und kurze Ärmel? Das passt nicht so recht. Schon gar nicht zu meiner Wunsch-Vorstellung von meiner “Annabel”, die ich damals voller Zuversicht begonnen und mich allen Zweifeln und Hindernissen tapfer in den Weg gestellt hatte. “Muss die so kurz sein?” fragte auch meine Mutter.
Doch jetzt, knapp ein Jahr später ist es mir einerlei, wie diese Wolljacke hätte sein sollen. Sie wärmt und schmeichelt meinem Tastsinn mit einer wunderbar natürlichen und runden Griffigkeit. Ob zu kurz oder nicht; Jede handgemachte Strickjacke, jede “Annabel” ist einzigartig. Auch meine. Wolle und ein Bauplan- was schlussendlich daraus wird, ist immer wieder eine kleine Offenbarung und ein Grund, stolz, dankbar und demütig zu sein, denn es hätte auch ganz anders kommen können.
Dieser Gedanke ist tröstlich und gross. Und er spricht zu mir. Denn auch das Leben ist einzigartig, jedes Leben, und jeder Mensch, der im Laufe seiner Jahre zu dem geformt wird, was er ist. Mit Ecken und Kanten und ganz bestimmt auch mit einigen besonders schön geschliffenen Rundungen, in seiner ganzen Endlichkeit und Beschränkung.

Meine Annabel ist so wie sie ist, vielleicht nicht ganz “richtig”… aber auch nicht wirklich falsch. Es kommt immer darauf an, in welchen Zusammenhang ich sie stelle, wie sie kombiniert, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet wird. Ich habe mich für einen nachsichtigen Blick aus der extra wohlwollenden Warte entschieden…

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7 Dinge, die ich grade mag

DSC007891. Himmel, dieser Himmel! Ihr solltet ihn sehen heute morgen; hellgrau ist er, wolkenvermischt mit ganz kunstvollen, wollig-bauschigen Gebilden, und da ist ein Hauch von Lachsrosa. Und dazu ein Wind… also ich sage euch, so fein und warm und duftig wie er ist, könnte er glatt aus Spanien stammen. Oder vom Frühling. Genau so fühlt sich der Wind an, den ich über alles liebe.

2. Croissants. (Und für die braucht es wohl kein Foto) Diese erste Schulwoche hat mich mit ihrem Frühaufstehertum ein wenig erschreckt. Ich gehe jeden Abend um Elf ins Bett, um nur ja genug Schlaf zu erwischen, und doch bin ich jeden einzelnen Morgen um knapp Viertel vor Sieben zerknittert und halb abwesend aus den Federn gekrabbelt und konnte erst nach einem zweiten Blick auf den Wecker glauben, dass es tatsächlich schon Morgen war. Die zwei Croissants, die ich jedes Mal im Dorfladen für mich und meine Kleinste gekauft habe, kaum waren wir vom Kindergarten losgekommen und hatten meinem Kindergartenmädchen zum letzten Mal zugewinkt, waren so eine Art Trost und Belohnung gleichzeitig. Man muss sich ja auch mal verwöhnen dürfen.

DSC008393. Dieses fantastische, alte Kinderpult, das aus irgendeinem früheren Schulzimmer stammen muss, war die Entdeckung der Woche für mich. Ich hatte an sich nur vor, beim Trödler ganz kurz anzuhalten und mich einen Moment lang nach einem kleinen Schreibtisch für mich und mein lila Zimmer umzusehen, denn das wünsche ich mir ganz schrecklich, einen Tisch für mich, eine Ecke zum Schreiben und Briefeaufheben- da sah ich dieses Schulpult. Komplett mit zwei alten Holzstühlen. Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf, denn haargenau so eines war schon immer mein heimlicher (und aufgrund der horrenden Antiquitätenpreise eher unterdrückter) Traum. Diesmal stimmte der Preis, und die Gelegenheit war günstig, und überhaupt; Ich musste es einfach nehmen…

DSC008274. Eine kleine, süsse Kaffeedose vom Trödler, alt wahrscheinlich, aber gut in Schuss. Ich mag das Grau des Metalls und ich mag die feine Inschrift und auch das Wort “Kaffee” per se, denn ein Morgen ohne eine langsam und in Gedanken versunken getrunkene Tasse Kaffee ist ein verlorener Morgen für mich.

DSC008235. Dann… noch eine Blechbüchse. Im Kräuterdesign, was mich sehr an meinen Garten erinnert und daran, wie vernachlässigt er sein Gartenjahr auch diesmal wieder beenden muss.
Es gibt da eine zu einem einstöckigen Wohnhäuschen umgebaute, kleine Scheune auf dem Weg zum Kindergarten, eine mit leuchtend roten Riegeln, einer umwerfend schönen Architektur und einem winzigen aber wunderschön gestalteten Gärtchen abseits der Strasse. Ich bin jeden Morgen aufs Neue hingerissen von der sorgfältig gepflegten Wildheit und dem offenkundigen gärtnerischen Talent der Hausbewohner. Ich versuche manchmal, mir einzureden, sie hätten für dieses Kleinod sicher ein Heer von Gärtnern engagiert, doch gestern abend sah ich beim Vorbeilaufen durch ihr Fenster auf der Kücheninsel das perfekte herbstliche Ernte-Stilbild -frisch geerntete Cherrytomaten von vor dem Haus, ein Trichter, ein Topf und zwei, drei Glasflaschen randvoll gefüllt mit hausgemachtem Sugo. Wer so sorgfältig umgeht mit seiner Gartenproduktion, wird sich wahrscheinlich auch selber um seine Beete kümmern…

DSC008266. Und hier… naja… noch eine Trödler-Entdeckung. Ich habe doch ein bisschen Geld im Brockenhaus liegen lassen diese Woche, aber an sich war dieser bezaubernde Gobelin-Kindersessel ja fast schon ein Schnäppchen. Meine Mutter zumindest war diesbezüglich mit mir einer Meinung und hätte ihn wohl gleich selbst gekauft, wenn ich ihn nicht in einem Zustand hellster Entzückung und ohne zu zögern in meinen Einkaufswagen gehievt hätte. Am schönsten finde ich die gestickten Waldtiere, das kleine Häschen und den braunen Vogel, die haben mich vom Fleck weg überzeugt. Und an mein Pausbacken-Kindergartenkind erinnert, das Tiere so gerne mag und alles, was niedlich ist und klein.

DSC00830 7. Zu guter Letzt: Dieses Buch hier. “Der Garten der Fortuna”. Ich lese so schrecklich gerne darin. Victoria Clayton ist meiner allerallerliebste Autorin und ihr erstes Buch, “Das Haus der Freundin” steht schon seit einer Ewigkeit bei mir im Regal, wo es nicht nur all meine Konmari-inspirierten Entrümpelungsanfälle überlebt hat, sondern auch immer wieder hervorgezogen wird, um noch einmal gelesen zu werden, obwohl ich das Ende schon kenne und mich in seinen Zeilen so daheim fühle wie in meinen Lieblingspantoffeln. Victoria Clayton hat ein feines Gespür dafür, Humor, Charme, Intellekt und Klasse zu einem gleichzeitig erfrischenden wie erdenden Ganzen zu verbinden, zu einer Geschichte, die einem mitträgt, aber nicht schmerzlich verschlingt, sondern beim Aufschlagen des Buches dort abholt, wo man steht, und auch wieder dort ablädt, wenn man die Buchdeckel zuschlägt, um sich wieder dem echten und ureigenen Alltagsleben zuzuwenden. Es sind Bücher voll alt-englischer Eleganz und wachen, hellen Geistesblitzen und ich bin immer wieder überrascht, wie klug und poetisch sie Dinge formulieren kann, die ich selber auch schon so gedacht oder beobachtet habe, aber wohl niemals in derart präzise Worte fassen könnte.
Mittlerweile bin ich fast durch mit meinem zweiten Clayton-Roman und ich ertappe mich dabei, wie ich plötzlich sehr langsam lese, und das Ende gleichzeitig herbeisehne wie bedaure. Doch da ist Nachschub unterwegs, was ich sehr tröstlich finde. “Das Landhaus” wird wohl nächste Woche bei mir eintreffen und irgendwann wohl auch ein Roman aus der “Miss Read”-Buchreihe, ein Geheimtipp, den mir eine sehr liebe Leserin in einer Buchempfehlungsmail ans Herz gelegt hat und auf den ich schon ungeheuer gespannt bin. Ich meine, was gibt es Schöneres als Herbstluft, Nebelschwaden, Wind und Wetter, ein Tässchen süssen, heissen Tee, ein dickes Kissen im Rücken und ein Buch, das zwischen seinen Deckeln ein heimliches Paradies für einem bereithält…

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goldener Herbst

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Heute ist es nass und unfreundlich kalt, ein krasser Gegensatz zur milden Herbst-Sommerlichkeit der letzten beiden Wochen. Die Schule hat uns wieder, ein Leben nach der Uhr und schön rythmisch im Takt, was auch seine guten Seiten hat, denn die Wellen des Familienlebens schlagen jetzt vielleicht wieder höher, aber sie sind berechenbarer als in freien Zeiten und ich selber vielleicht auch gewappneter dem gegenüber, was mich erwartet, als in Ferientagen, wo ich immer irgendwie mitschlittere und mich durchwurstle mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
In diesen Ferien war es einfach. Anfangs. Das mit dem Erfolgs-Gefühl. Die erste Woche empfand ich wirklich als sehr, sehr gelassen und harmonisch, mit versunken spielenden Kindern und vielen aufregenden Miniatur-Ausflugs-Abenteuern für einen Teil von ihnen, denn wir haben hier ganz tolle Kultur-Angebote für Schulkinder und packten die ersten 7 Tage gleich proppevoll mit Schnupperstunden, Kochen in der Restaurant-Küche und einem KinderKino-Besuch. Wir waren oft unterwegs, brachten das eine Kind hierhin, holten das andere dort wieder ab, aber immer blieb uns Zeit, auch selber etwas zu erleben oder einfach mal nur die Seele baumeln zu lassen. Ich war selten so oft in der Bibliothek, selten habe ich derart viele kleine Ich-Inselchen für mich entdeckt  (va. wenn der Papa Kindertaxi spielte und gleich die ganze Horder mitnahm) und ich fand es schlichtweg wunderbar, mal wieder mit nur einem meiner Kinder ganz allein durch die Stadt zu laufen, die Läden zu durchstöbern, uns unterwegs selber einzuladen zu Kuchen und Kaffee. Ich habe das alles wirklich genossen. Und die Kinder auch. Vielleicht sogar mein Mann, der kräftig mitanpacken musste, weil rein schon die Organisation dieser Kultur-Tage uns beide brauchte, aber immerhin hatte er eine zufriedene Frau an seiner Seite, und wie heisst es doch so schön: Happy Wife, happy Life.
Stimmt so.
Sonnentage aussen wie innen, fürs Auge, den Körper, die Seele.

Die zweite Woche allerdings… die war alles andere als entspannt und sonnig. Tatsächlich wagten wir das Unsinnige: Wir erprobten uns auf unsere Familienferien-Tauglichkeit und packten drei Stunden lang den halben Haushalt zusammen für 6 Tage Urlaub in einem Chalet in den Bergen.
Ein totaler Reinfall.
Es fing damit an, dass ich die ersten zwei Ferienstunden nach unserer Ankunft damit verbringen durfte, ein für meinen Geschmack alles andere als sauberes Ferienhäuschen zu putzen (Die eine Wand im Untergschoss (=Keller) war klatschnass und Kind1 entdeckte im Flurteppich sogar Silberfischchen- der Staubsauber war erst noch defekt). Und endete damit, dass ich -mit Einverständins der ganzen Familie- am dritten Tag mit den beiden Kleinsten wieder nach Hause zurückreiste, während der Rest der Familie noch ein paar Tage lang blieb, um die Bergwelt zu entdecken und jene Dinge auszuprobieren, die mit uns einfach nicht möglich gewesen wären.
Projekt Familienferien abgebrochen.
Dazwischen lagen ganz, ganz viele stressreiche Momente in einem viel zu kleinen, nicht auf jüngere Kinder eingestellten Häuschen und erschöpfende Ausflüge in einer hanglagigen, verwinkelten und vollgestopften Umgebung, die mir wieder klar machten, wie schwierig es ist, die Bedürfnisse und Fähigkeiten von fünf in Alter und Charakter derart unterschiedlichen Kindern inklusive einer ohnehin bereits schon dünnhäutigen und rasch erschöpften Mutter unter einen Hut zu bringen. Ferientage sind so rasch chaotisch und sobald man etwas wagt und sich aufmacht, neue Dinge zu entdecken, gibt es vieles, das schief gehen kann. Für meinen Mann und unsere drei Grossen im Alter zwischen 8 und 15 mag genau das verlockend sein und spannend, für mich aber und meine beiden kleinen Mädchen bedeutet das schnell einmal… eine Katastrophe. Im Moment geht es für uns einfach nicht, ohne klare Strukturen, ein vertrautes Umfeld und soviel Vorhersehbarkeit bei allem, was wir tun, wie nur irgend möglich.
Nun, wir haben einen Versuch gewagt. Und einiges gelernt. Vor allem wie schön es ist, wieder daheim zu sein…
Es ist ja nicht für immer so.
Doch bei allen Turbulenzen muss ich sagen; es war ja nicht alles schlecht. Es gab auch viele schöne, buchstäblich goldene Augenblicke- und irgendwie lacht man ja im Nachhinein gerade über die allerblödesten Momente am allermeisten und am allerliebsten und am allergemeinschaftlichsten…

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berührt: Fussball

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Heute bin ich sehr nachdenklich. Mich beschäftigt ein Vorfall der letzten Tage; Ein Fussballspiel im Zürcher Hallenstadion und direkt vor dem Stadion wird ein 14jähriger Junge von einer Schlägergruppe mit Faustschlägen und Fusstritten(!) dermassen attackiert, dass er notfallmässig und schwer verletzt ins Spital gefahren werden muss.
Ich bin irgendwie fassungslos. Ich meine; 14?!?
Fast noch ein Kind.
Vielleicht muss man 38 Jahre alt sein, um einen Vierzehnjährigen noch als so richtig jung zu empfinden und die Verletzlichkeit hinter der manchmal vielleicht schon ganz schön grossspurigen Fassade zu erahnen, aber für mich ist das einfach unvorstellbar, so oder so: Wie kann man so etwas tun? Sich zusammenrotten, um einem wehrlosen Menschen, der sich auf ein kleines, wohl vom Sackgeld zusammengespartes oder zum Geburtstag geschenkt bekommenes Sportabenteuer freut, so quasi das Lachen aus dem Gesicht zu treten. Wie tief können Menschen denn noch fallen?…
Noch sehr viel tiefer, ich weiss, dazu muss man bloss ab und zu das Radio einschalten und von den Nachrichten überrascht werden. Trotzdem. Die Betroffenheit bleibt. Auch nach Hunderten von Schreckensmeldungen aus aller Welt, nach Berichten von Terror und Missbrauch und der offenen, scheusslichen Bosheit und Grausamkeit, mit der einem die Menschheit durch die Schlagzeilen entgegenblickt, fühle ich noch Betroffenheit und Trauer, vor allem wenn ein Einzelschicksal für mich konkret und greifbar wird.
Das Foto der kleinen Wasserfontäne oben hat Kind1 gemacht und mir voller Stolz gezeigt. 15 ist er mittlerweile. 14 war er vor noch gar nicht so langer Zeit, und erst vor kurzem war er mit seinem Vater und dem 4 Jahre jüngeren Bruder auch an einem Fussballspiel. Zum allerersten Mal. Und an haargenau demselben Ort. Ich erinnere mich an seine Vorfreude und die stille Aufgeregtheit, mit der er diesem Erlebnis entgegenfieberte, ein bisschen erwachsen schon und daher natürlich eine Portion cooler als früher, aber immer noch recht jungenhaft auf seine Weise.
Wahrscheinlich sind es die vertrauten Details in einer Schlagzeile, die uns eine Geschichte ganz besonders nahe gehen lassen. Ein Opfer, das im selben Alter ist wie unser Kind. Ein Tatort, an dem wir selber schon waren. Ein Anlass, der Erinnerungen weckt. Je älter ich werde, desto zahlreicher werden die Verbindungsmöglichkeiten zwischen mir und den anderen, zwischen mir und dir. Ich sehe immer klarer, wie viel uns Menschen verbindet und gleichstellt, was uns trotz aller Unterschiede und der teilweise bis zum Exzess ausgelebten Individualität eben menschlich und verbündet macht, und immer stärker fühle  ich schmerzlich mit, was andere bewegt.
Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob das wirklich etwas Gutes ist.
Ein Stück weit wünschte ich bisweilen, ich könnte zurückfinden zur Naivität und Gleichgültigkeit der/meiner Jugend…

Ich frage mich gerade auch, ob und inwiefern sich das Problem der Gewalt und Feindlichkeit zwischen den einzelnen Fan-Gruppen positiv verändern lässt. Ein Alkoholverbot vor und im Stadion fände ich persönlich eine gute Sache. Eine Meute im Rausch war schon immer ein Risiko. Und vielleicht wäre es auch hilfreich, wenn Fussballer selber ein bisschen mehr… nun ja… mit Mass und Respekt dem Gegenspieler gegeübertreten würden? Neben, vor allem aber auf dem Spielfeld. Natürlich fliesst hier Geld in unsinnigen Mengen und es geht vielleicht sogar um Sein oder Nichtsein, aber auf der anderen Seite sollte man das Kind doch beim Namen nennen: Fussball ist ein Spiel. Sport. Und das sollte es auch bleiben. Kein Grund, sich auf dem Feld ins Ohr zu beissen oder dem Gegenspieler noch rasch hinterrücks den Ellbogen ins Gesicht zu rammen (alles schon gesehen). Dann finden vielleicht auch Leute ausserhalb des Spielfeldes ein paar Gründe weniger, sich wie Bestien im Krieg aufzuführen. Mehr miteinander als gegeneinander. Würde und Respekt vor einem Sieg um jeden Preis. Das sollte doch eigentlich selbst beim Fussball möglich sein…

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