Monatsarchive: Oktober 2015

William

Als Enkelin meiner “Glückspost”-lesenden Grossmutter bin ich natürlich seit jeher eine treue Sympathisantin der Royals. Britischer Hochadel, Tea Time, edle Reitpferde, stilvolle Kostüme und grosskrempige Damenhüte- wer kann bei so viel dezent gelebter Klasse schon wiederstehen?
Harry und William sind darum auch die allereinzigen Königs-Prinzenkinder überhaupt, die ich von klein an mit Namen kenne (ausser vielleicht noch Victoria von Schweden, von der meine Oma immer behauptete, sie würde mir ähneln, bzw. umgekehrt, was mir natürlich einen Extra-Bonus bei ihr verschaffte).

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Doch in diesem ganz speziellen Fall kann selbst meine Liebe zur Royal Family nicht viel ausrichten; dieser kleine, schokobraune “William” hier hat mir das Leben definitiv schwer gemacht.
Zu Anfang ging ja noch alles gut. Der Bauchteil kroch rasch und behende Richtung Achselnähe, doch sobald ich die Armpartie erreichte, geriet plötzlich alles aus dem Fluss. Diese Raglannähte…! Und dabei habe ich weiss Gott schon einige Raglan Pullover hinter mir…
Ich glaube, Raglan-Anleitungen von oben nach unten gefallen mir einfach besser, nur schon, weil man sie mit doppelt gestrickten Maschen vor und nach der Markierung arbeiten kann und sich keinen Kopf zu machen braucht, ob sich eine Zunahme nun nach links oder rechts neigt. Ausserdem nehme ich lieber zu als ab (stricktechnisch), und die Raglanpartien von “William” sehen irgendwie… schauderhaft lottrig aus bei mir, so schludrig, dass sogar das Hemdchen, das meine Kleine heute beim Fotoshooting trug, erdbeerrot drunter hervor schimmerte…
Richtig schlimm war es aber beim Halsauschnitt. Ich weiss nicht recht, ob es nur an mir liegt. Das bestimmt auch, mein Talent ist wirklich recht bescheiden geblieben, selbst nach Jahre der Strickeuphorie, doch mir scheint, “William” kommt nicht so ganz verständlich daher, wie er daherkommen sollte. Keiner sagt einem zum Beispiel, wie die zweite Hals-Hälfte zwischen den stillgelegten Ausschnitt-Maschen und der Knopfleisten-Lücke gearbeitet werden soll…

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Überhaupt: “William” ist schrecklich kompliziert. Und empfindlich. Vergessene Abnahmen? Sah schauderhaft aus. Zu locker geratene Maschen unter dem Arm? Fürchterlich. Die Ärmel werden schnell zu lang, der Kragen rasch zu hoch, die Knopflöcher müssen ordentlich ausgemessen werden (und spannen trotzdem noch bei mir im Rippchenteil)
Manchmal hatte ich das Gefühl, dieser Willi will mich richtig ärgern.
Ich erinnere mich nur zu gut an jenen Abend, wo ich fluchend im Bett sass und volle vierzig (!) Minuten lang verkorkste Reihen aufribbelte… “Wieso bisch bös?”, fragte meine Kleine, die keinen Schlaf finden konnte bei all dem Geschimpfe und nun interessiert auf die steile Zornesfalte zwischen meinen Brauen starrte. Tja, s’ist bloss der William, meine Süsse, bloss der William…
Und nun, nun ist er fertig. “Bodiget”, wie wir Schweizer sagen, wenn wir unseren Gegner im Zweikampf im Sand liegen sehen.
Aber ich sehe meinen “William” lieber als gezähmt an. Domestiziert. So fertig ausgestrickt am kleinen, runden Körperchen meines Tochterkindes hat er schon was regelrecht Nettes, an sich, was “Gmögiges”. Und sehr viel Gewöhnlichkeit. Keine Spur mehr von nobler Querulanz.

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Meine Kleine trug ihn heute den ganzen Tag lang. Vom Fotoshooting an, was mir ja  immer so ein bisschen wie eine Feuertaufe vorkommt. In diesem Fall schlüpfte sie in ihren neuen, braunen Pulli, liess sich widerstandslos die (viel zu langen!) Ärmel drei, vier Mal umkrempeln und schien sich augenblicklich zuhause zu fühlen darin, was ich zum allergrössten Teil dem sagenhaft weichen, enorm angenehm zu tragenden Garn zuschreibe. Drops “Cotton Merino” ist tatsächlich ein Traum. Unsagbar soft, schön formbeständig (auch nach dem Waschen) und sehr, sehr leicht, beinahe sommerlich. Selbst ohne Shirt darunter fand mein kleines Mädchen ihren Pulli rein gar nicht kratzig oder so, und ihr wisst ja, wie kleine Mädchen so sind diesbezüglich. Ich sag nur “Prinzessin auf der Erbse”.
So kommt es, dass “William”, obwohl er sich anfangs wirklich wenig umgänglich zeigte, schlussendlich doch noch genehmigt wurde, liebgewonnen sogar und sofort adoptiert. Nun gehört er also quasi zur Familie. Dieser Royal. Aber schliesslich sind wir ja alle manchmal irgendwie Könige, oder?

Details:
Strickmuster: “William” von Drops in Grösse 3-4 Jahre (meine Kleine ist gerade 3)
Garn: “Cotton Merino” von Drops, ganz genau 200gr.
Garn für die kontrastierende Bündchenlinie: Muskat von Drops
Nadeln: 3.5 fürs Bündchen und 4.5
Knöpfe: Diverse aus meinem Fundus
Abweichungen: Ich habe den Pulli von unten nach oben ca. 2 cm länger gestrickt, was ich ganz klar wieder so machen würde. Die Ärmel sahen auf dem Muster-Foto ungekrempelt aus, darum habe ich noch 1 cm hinzugefügt, was ein Fehler war. Sie sind auch ohne Extra-cm weit mehr als lang genug und müssen wohl wieder gekürzt werden *grummel*

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like Instagram 30

Manchmal möchte ich Dinge mit-teilen, ohne allzu viel Lebenszeit vor dem Bildschirm verstreichen zu lassen…
Kurz und bündig und spontan. Ohne Umweg direkt aus dem wahren Leben.
Fast wie bei Instagram

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Was Freude macht:
Im Wollberg zwei Strang
kuschelweiche, schokoladenbraune Bio-Wolle finden,
von der man gar nicht wusste,
dass man sie hat.
Und sofort Pläne machen…

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Manchmal möchte ich Dinge mit-teilen, ohne allzu viel Lebenszeit vor dem Bildschirm verstreichen zu lassen…
Kurz und bündig und spontan. Ohne Umweg direkt aus dem wahren Leben.
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DSC_2479Warum bloss mag ich dieses
kleine Bild (vom Trödler)
bloss so schampar gerne?

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Hände

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9 Bilder. Fotos, die es mir vor Augen führen; wie viele, emsige Hände hier in diesem Haus ganz viele emsige Dinge tun.
Nicht alle diese Dinge sind wichtig oder grossartig, nicht alles davon bleibt bestehen oder auch nur in Erinnerung… und doch wäre dieses Haus, diese Familie, dieses Leben nicht mehr dasselbe, wenn auch nur eine dieser Hände nicht wäre…
Die Bilder, die ihr hier seht, sind Bilder eines Tages, eines einzelnen, einfachen Sonntages. Erzählende Bilder.
Wenn ich sie mir ansehen, kommt mir sofort vieles, das ich bereits schon vergessen hatte, wieder in den Sinn, innerhalb von Sekunden heraufbeschworen von dem, was ich darauf entdecke, von der Hand, die ich erkenne, und dem, was sie tut, vom Hand-Werk, das ich sehe, festgehalten in einem einfachen Schnappschuss.
Was wir nicht sehen: Den Sonntagszopf, den Herr Kirschkernzeit für uns knetet, flicht und in den Ofen schiebt. Meine Hände, wie sie eine Ladung Wäsche in die Maschine stopfen, herausnehmen, aufhängen. Hände im Kreis, vereint für ein paar knappe, bewusste Sekunden, kurz bevor sich alle auf das Essen auf ihrem Teller stürzen und der Lärmpegel schlagartig wieder anschwillt. Die kleinen Hände, die hinter der Holzklötzchen-Kutsche stecken (toll, nicht? Ich hab’ noch nie eine Pferdekutsche aus Bauklötzen gesehen bisher… Schon gar nicht mit Pegasus im Gespann…). Meine Finger, wie sie alle möglichen Knöpfe aus einer unordentlichen Knöpfebox mit viel zu engen Fächern klauben (Erfolgreich allerdings; “William”ist trag-klar!)
Und überhaupt; Hände am Ordnen, Wiederaufräumen, Zusammelesen und Einsortieren. Diese Art von Hand-Arbeit ist mir schon so vertraut geworden, dass ich sie manchmal kaum noch bemerke, sondern (seufzend) wie von alleine auf dem Tisch verstreute Farbstifte zurück in ihre Gläser stecke und in der Stube die Socken vom Boden auflese, die immer wieder auf eigentümliche Art und Weise von den Füssen ihrer Besitzer zu fallen scheinen…
Aber ich will jetzt hier nicht meckern. Vieles, von dem, was ich gesehen habe, letzten Sonntag, von hinter der Linse hervor, hat sich nämlich ganz gut angefühlt. Nach Lebendigkeit und Normalität und Zusammenleben.
Manchmal bin ich sehr froh darüber, wenn alles einfach nur … normal sein darf. Lebendig und normal, vertraut und bodennah. Handfest.

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