Monatsarchive: August 2015

Stricken mit Miss Marple

Ich weiss ja auch nicht genau, warum ich ihre Bücher so wahnsinnig gerne mag… aber mögen tue ich sie. Agatha Christie schrieb einfach famos. (Kein Wunder ist sie so „famous“, hihi.)
Dabei mag ich Krimis eigentlich gar nicht sonderlich. Noch schlimmer finde ich Thriller und diesen ganzen fragwürdigen, düsteren Kram, mit dem sie heutzutage die Bestseller-Listen füllen, damit kann man mich echt jagen, aber auch ganz normale Krimis können mich schon ziemlich verstören. Ich habe etwas gegen das Töten. Ich habe überhaupt etwas gegen das Sterben. Gegen das Leiden.
Doch Agatha Christie-Krimis sind irgendwie anders. So harmlos. Idyllisch. Das viele englische Landleben mit all den schönen Tassen Tee, den Frühstücks-Toasts, den Tweed-Röcken und dem flackernden Feuer im Kamin, verbreitet so viel Gemütlichkeit und Heile-Welt-Stimmung, dass man glatt vergessen könnte, was da Unsägliches vorgeht hinter der Fassade. Ich mag es, wie sie die Menschen, die Menschlichkeit liebt, das einfache Dorfleben und die Kraft des Guten, das sich immer wieder herausgräbt, selbst in schwärzeren Szenen, die eigentlich gar nie so richtig schwarz werden. Höchstens mittelgrau.

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Besonders mag ich diese liebenswerten, immer etwas schrulligen Figuren, diejenigen, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen, keinen ihrer Schritte bereuen, sich aber immer höflich entschuldigen, wenn sie anderen dabei auf die Füsse treten. Nehmen wir Miss Marple. Was für ein Charme! Seit Tagen schon höre ich mir Abend für Abend ihre Geschichten als Hörbücher an und verliere mich nach den ersten paar Sätzen in einer Welt, die sehr besänftigend wirkt auf mich. Zuerst 6 Stunden „Das Geheimnis der Goldmine“, dann „Die Schattenhand“, und niemals fand ich es gruselig oder grausam (wenn, dann nur sekundenweise), sondern eigentlich immer mehr gemütlich und tröstlich. Weil im Grunde niemals das Sterben und Leiden oder menschliche Abgründe im Vordergrund stehen, sondern mehr das Wieder-Gut-Werden von etwas, das sich nicht mehr ändern lässt.
Sobald Miss Marple auftritt, verliert sogar das Schreckliche seinen Schrecken.

Ich glaube, wenn ich alt bin, möchte ich auch so werden wie sie. Warmherzig, geduldig, aber nicht schwach, sondern bloss vorsichtig und nachsichtig. Sie kann ganz schön störrisch sein, diese alte Dame. Aber sie meint es gut.
Und sie strickt. Wenn ich mich recht erinnere, hat sie praktisch immer ein angefangenes Strickprojekt in ihrer Handtasche. „Irgendwas Flauschiges“ in „Die Schattenhand“ zum Beispiel. Und in „Betrams Hotel“ waren es Socken?
Dass Miss Marple strickt macht sie mir nur noch sympathischer. Ihre klappernden Nadeln vermitteln -auch wenn sie immer bloss am Rande vorkommen- so eine Art entspannende Normalität. Wie ein weicher Lesesessel, in den man sich fallen lässt, um den Ärger und das Chaos dieser Welt für eine Weile zu vergessen.

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Und genau das tue ich. Wenn ich stricke. Mit Miss Marple zur Zeit. Knopf im Ohr und flinke Nadeln in den Händen, der Geist verliert sich irgendwo.
Zum Schluss sind es Babyfinkchen. Aus einem 30-Gramm-Rest „Malabrigo Rios“ in der Farbe „Playa“. Mit Nadeln in der Grösse 4.5. Wärme für klitzekleine Füsschen. Wohlige Vorahnungen eines nahenden Herbstes. Ein klein wenig Geborgenheit. Für mein Baby. Für mich.
Mehr heile Welt wage ich gar nicht zu verlangen.

Veröffentlicht unter Augenblicke, aus meinem tagebuch, berührt, Stricken, what makes me happy | 13 Kommentare

in Gedanken

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Heute bin ich nicht ganz bei mir. Meine Gedanken kreisen und rollen immer wieder davon, raus aus meinem Alltag. Und bleiben dann. Bei einem ganz besonderen, kleinen Jungen. Der viel zu früh gehen musste. Ein tapferer, unsagbar mutiger und irgendwie edler kleiner Ritter muss das gewesen sein. Mit drei Jahren so einen Kampf zu fechten, Junge, Junge, ich bin sicher, keiner hätte das besser gekonnt als du, kleiner Nils.
Für mich bist du Sieger.
Aber unfair ist es. Grausam. Masslos grausam. Keine Mutter sollte ihr Kind beerdigen müssen. Keine.
Er starb an dem Tag, an dem meine Kleine drei wurde.
Weggehen. Weitergehen. Tränen, ein Meer von Tränen, ein Schmerz, der nicht enden will, ein Hand, die loslässt. Und hier Freude, Hoffnung, Selbstverständlichkeit, eine Feier, die das Leben hochleben lässt, ein lachendes Kind in meinen Armen.
Wie kann das sein?
Zwei Geschichten. Ein Tag. Es kommt mir irgendwie so schrecklich falsch vor. So furchtbar unfair. So herzlos.
Und ich ärgere mich, weil es Pudding gibt, statt Torte…

Melanie, ich bin jetzt bei dir, in Gedanken.

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