Monatsarchive: Oktober 2014

Der schönste Grund

Eigentlich… hätte ich so unendlich viele Pläne gehabt. Schöne Pläne, gute Pläne, Pläne, die an der Zukunft bauen und nicht nur tatenlos wehmütig wünschen.
Zum Beispiel hatte ich Herbstsocken geplant für alle, so wie damals im letzten Jahr, wo ich gestrickt hatte wie verrückt (und dafür viel zu wenig geschlafen). Herbstsocken für klamme Kinderfüsse oder Mamas eigene, die gerne auch ein wenig Extra-Wärme gebrauchen könnten.
Ich hatte vor gehabt, endlich auch die zweite Hälfte des Dachbodens auszumisten, dort weiter zu machen, wo ich im Sommer nach einer ziemlich ergiebigen Partie Aufräum-Laune aufgehört hatte (warum eigentlich?). Und dann wollte ich, schön langsam aber beständig, weiter gehen, zur Gerümpelkammer vielleicht, in die Kinderzimmer, zum Jacken- und Schuhschrank oder sogar -wow!- runter in den Keller. Ich hatte von Ordnung geträumt und davon, in leerer gewordenen, luftigen Räumen (mit sauberen Fenstern und Böden) wieder mehr zu basteln und zu werken, gemeinsam mit den Kinder vor allem, denn diese gemeinsame, kreative Zeit ist uns immer mehr abhanden gekommen innerhalb der letzten Monate, der letzten Jahre vielmehr, seit meine Kleine geboren wurde und unser Leben mit Babyzeit, Kleinkindphasen fast vollends in Beschlag genommen hat wahrscheinlich. Kreativ zu sein, als Familie oder auch einfach mal nur mit einem Kind für ein individuelles, ganz eigenes Mama-Kind-Projekt, das bedeutet mir viel. Dafür möchte ich mich stark machen, dafür wollte ich mich stark machen. Eigentlich.

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Und auch für meinen Garten. Ja, doch. Die Kräuter, die das Jahr über so wundersam und für mich fast ein bisschen unfassbar üppig gewachsen waren, wollte ich ernten, trocknen, zu Tee und Salbe verarbeiten, die Beeren in Sirup und Gelee für uns konservieren, ein Stückchen Sommer, ein bisschen Hausgemachtes für den Alltag. Ich hatte vor gehabt, mich ans Sträucherschneiden zu wagen, und Blumenzwiebeln wollte ich setzen, sackweise Tulpen, Narzissen, Schneeglöckchen, um vorzusorgen für den Frühling, wenn wieder alle Gärten rundherum blühen und strahlen, nur unsr’er nicht, nicht mehr, seit die Zwiebeln meiner Schwieger-Oma ihre Kraft verpufft haben, alt an Jahren, müde von all dem.
Überhaupt hätte ich angefangen, mehr vorzusorgen, besser zu planen, nicht länger zuzulassen, dass mir mein selbstgemachtes Waschpulver ausgeht –für Monate– oder dass kein Brot im Haus ist -vier Tage in Folge- obwohl ich für solche Notfälle sogar eine Brotmaschine im Küchenschrank stehen hätte (geschweige denn einen Dorfladen, eineinhalb Minuten entfernt). Brot selber backen, so wie ich es vor Jahren getan und dann wieder aufgegeben hatte, wieder sorgfältiger, mit mehr Freude und Genuss kochen, Neues ausprobieren, die Kinder wieder intensiver miteinbeziehen ins Rüsten und Schaffen und Planen, für Kind2 die Schwedentorte aus Leilas Backbuch wagen, so wie er es sich zu seinem Geburtstag gewünscht hatte, gewünscht hätte. Eigentlich.

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Für den Bio-Landbau-Freitagskurs hätte ich mich angemeldet, vielleicht für diesen Herbst schon, sehr wahrscheinlich aber für den nächsten. Freitag für Freitag ein bisschen Landwirtschaft schnuppern, ein bisschen kibitzen, wie man das so macht, das dem Garten, den Tieren, dem Traktor, nur häppchenweise natürlich, aber immerhin, Einblick ist Einblick. Und mit dem Bio-Bauern im Dorf hatte ich reden wollen. Weil er vielleicht ein bisschen Arbeit übrig gehabt hätte, so für mich zum Mithelfen und Weiterschnuppern, auch bloss häppchenweise, aber das wäre schon richtig gewesen so. Häppchen sind eine feine Sache, finde ich.
Ich hatte vorgehabt, mein Leben neu in Angriff zu nehmen, mit mehr Mut, mehr Tatkraft. In den Griff bekommen, was mir so oft entgleitet, meinen Träumen vom Landleben in kleinen Schrittchen ein bisschen entgegengehen.

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Doch… es ist anders gekommen.
Anders, ja. Statt Herbstsocken-Maschen anzuschlagen, legte ich die Nadeln zur Seite. Meine Hände blieben (meistens) ruhig, das Strickkörbchen (fast) leer. Weil mir übel wurde, vom Stricken, vom Lesen, vom Schreiben, sogar vom Radiohören, von allem, das Konzentration verlangte und meine Sinne beanspruchte. Von Ordnung wagte ich nicht einmal mehr zu träumen, obwohl ich es tat, unsinnigerweise, denn während ich die Berge an Wäsche, Geschirr, Schmutz und Arbeit wachsen und wachsen sah, wurde mein Körper immer schwächer und müder, gelähmt von einer unglaublich mächtigen Übelkeit und Erschöpfung, die mich vollkommen einnahm, belagerte wie eine Stadt, die keinen Wiederstand mehr leistet.
Die Kinder blieben oft, viel zu oft, sich selbst überlassen. Das Basteln fiel aus. Die Kräuter verblühten. Blumenzwiebeln sind bis heute noch keine gesetzt. Ich wusch -wenn überhaupt- mit dem Waschmittel, das Herr Kirschkernzeit aus dem Laden mit nach Hause brachte (meistens ein Sonderangebot) und war froh, auch nur irgendetwas im Haus zu haben, das man essen konnte, ob Brot oder Müsli oder trockener Zwieback, obwohl ich selber sowieso kaum mehr essen konnte.
Dass es nicht zu meinem Freitagskurs gekommen war, in den nächsten zwei bis drei Jahren auch nicht kommen würde, fand ich gar nicht schlimm. Gedanken wie dieser überstiegen sowieso meine Fähigkeiten, klar zu denken, an eine Zeit glauben, die ausserhalb dieser grässlichen Phase aus Übelkeit und Krankheitsgefühlen lag, wenn es sich eingependelt haben würde, wenn mein Körper akzeptiert haben würde, dass es anders ist jetzt. Schön anders. Eigentlich. Schön, ja, wunderbar, sobald es aufhört, sich krank und schwer anzufühlen, mit Spucken am Morgen, mit Magenschmerzen und Beben im Bauch tagein, tagaus, mit diesem schrecklichen Gefühl, fremd zu sein im eigenen Leib, nicht mehr sich selber… sondern jemand… in Metamorphose.

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Dann ist es schön. Wunderschön. Schön… genau so wie es sich jetzt so langsam anfühlt. Jetzt, wo es besser wird. Nach 15 Wochen Kampf und Erschöpfung, (plus der aktuellen eineinhalb Wochen Familien-Lazarett gerade), die wirklich hart waren für uns alle. Obwohl … obwohl ich ganz tief innen immer diese leise, feine Freude verspürt hatte; Die Freude über das neue Leben, das in mir heranwächst. Ein kleines, zerbrechliches, herbeigewünschtes und freudig be-jates Leben. Ja. Noch ein Kind. Unser fünftes Baby. Der allerschönste Grund, alle Pläne und Träume noch ein klein wenig nach aussen zu schieben. Und Platz zu machen für das, was jetzt wirklich wichtig ist…

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Bett-Zeit

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Die Grippewelle hat uns -einmal mehr in viel zu kurzer Zeit- überrollt und seit drei Tagen fest im Griff. Mein Mädchen fiebert wie verrückt, Kind2 genauso, wir haben Kinder mit Bauchweh und Kopfschmerzen, Ohrenweh und allen anderen möglichen unschönen Begleitern in ihren kleinen Körpern, und wenn ich jetzt schreiben würde, dass ich selber davon ganz verschont bleibe, dann wäre das eine glatte Lüge…
Wir schlürfen also derweil heissen, honiggesüssten Kräutertee, belegen Betten und Sofas und hören Hörspiele bis zum Umfallen (bzw. Wegdämmern). Ich glaube, das wird helfen. Schlafen und Ruhen, Tee und Sanddorn-Saft aus einem gestern bei mir eingetrudelten Stärkungs-Päckli von meiner Blogger-Freundin Rita (die es mal wieder einfach „im Gefühl“ hatte, dass wir sowas gut gebrauchen könnten, so ein Schatz!) und für den Notfall stehen Schmerzzäpfli griffbereit, damit wir alle wieder zu etwas mehr von diesem guten, tiefen, heilsamen Nachtschlaf kommen…
Manchmal braucht der Körper gar nicht viel mehr. (Manchmal allerdings schon, ich weiss… Ich hoffe, dass es diesmal nicht der Fall sein wird.)
Bis wir alle wieder heil und gesund aus unseren Betten steigen dürfen, werde ich hier Pause machen. Bleibt gesund und „hebed eu Sorg!“

herzlich
Bora

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Honiglicht und Schattengrau.

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Waldmomente.
Selten wie sie sind, sie sind schön und unnachahmlich mystisch und magisch für mich. Gerade jetzt im Herbst. Ganz besonders jetzt im Herbst. Mit einem Licht… wie Honig. Manchmal. Warm und satt und golden. Und dann, im nächsten Augenblick wieder, wenn wir tiefer in den Wald hineinkommen, wo die Baumkronen dichter sind und das Licht durch einen blaugrünen Blatt-Filter auf den Boden fällt, stehen wir im Märchenland der Mythen und Fantasien, wo ich mir nach wie vor nie ganz sicher bin, ob es nicht doch… vielleicht… kleine, versteckte Höhlen gibt zwischen den Wurzeln, in denen rotbemützte Wichtelchen wohnen…
Das Licht wird verwaschen, trübe, kühler. Unsichtbarer Nebel macht die Luft feucht, leicht schummrig und frisch. An den Schuhen klebt dasselbe Laub, das vor wenigen Minuten an der Sonne noch herrlich raschelte unter den Sohlen oder golden schimmernd an seinem Zweig hin und her wiegte.
Jeder Tag ist anders im Herbst. Jeder Moment bisweilen. Alles im Wandel, im Wechsel, von warm, hell und freundlich zu diesig-grau, still und verschlafen.
Und genau das liebe ich so sehr an dieser Zeit. Wie alles nebeneinander zu stehen kommt. Moos und Raschellaub. Sonne und Nebelschwaden. Leuchtende Quitten, rotgoldene Wälder, knallorange Kürbisse neben kahlen Ästen, ausgewaschenen Regentagen und matschigbraunem Erdboden. Honiglicht und Schattengrau, der Nebel verwunschener, verschwindender Momente. Kontraste, die einem niemals unberührt lassen.

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Wochen-Ende: Wenn.

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Es sind die kleinen Dinge, wirklich. Gerade die letzten zwei Tage über fühlte ich es ganz deutlich; wie wohl sie mir tun, diese „kleinen Dinge“…
Wenn zwei Streithähnchen sich plötzlich zusammentun und über Stunden draussen vor dem Haus an ihren Kreidebildern arbeiten, Einhörner malen (das Lieblingssujet meines Mädchens zur Zeit), Regenbogen, Musiknoten „für die Vögel, weisst du“.
Wenn ein ganz normaler Waldspaziergang mich so voll macht und zufrieden, so entspannt und mit Geborgenheit und Neugierde erfüllt.
Wenn ein Sonntagmorgen im Bett, nur ich und mein (über Nacht krank gewordenes) Mädchen, sich zur gemütlichsten Mama-Tochter-Insel entspinnt, die ich mir nur wünschen könnte, mit viel Geplauder, ein bisschen Stricken, süssem Tee und Nutellabrötchen auf der Picknickbettdecke.
Wenn ein krankes Kind (nach 39 Grad Fieber nachts) wie durch Zauberhand (die Nutellabrötchen waren’s, keine Frage) wieder quietschfidel im Haus herumgeistert und mich mit einer Privatvorstellung ihres ureigenst erfundenen Kasplerstücks „Kasperli und das Einhorn ohne Horn“ beschenkt.
Wenn ich Zeit finde für ein bisschen Strickglück. Und noch ein bisschen. Und noch ein wenig mehr.
Wenn die Herbstblumen aus ihren Knospen platzen und das Gartenbeet meines Mädchens säumen, in weiss, blau und violett…

Dann weiss ich, warum ich sie so wahnsinnig gerne mag, diese ruhigen, gemächlichen, freien Tage am Ende einer Woche, die nur uns allein gehören.

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