Monatsarchive: Juni 2013

Wochen-Ende: im Fluss

Manchmal komme ich mir vor, als würde ich mitten in einem reissenden Fluss stehen, barfuss, und die Strömung zerrt an mir, greift um meine Füsse und Beine und versucht mit aller Kraft, mich mit sich zu reissen.
Ja, das bin ich, wie ich hier stehe, mit beiden Beinen in meinem Leben, ich, einfach ich, hier und jetzt. Wo Kinder eigentlich permanent, an meinem Rockzipfel zupfen oder mir Dinge zurufen, Fragen stellen, Bedürfnisse anmelden, Geschichten erzählen, mir ein neues Lieblingsbuch entgegenstrecken oder ihr blitzendes Milchzahn-Lächeln zeigen, das ich um nichts in der Welt unerwidert lassen möchte. Wo Wäschezainen sich füllen und füllen und füllen und der Kühlschrank sich leert und leert und leert und Dinge niemals länger als 5 Minuten (so scheint es) an ihrem Ort bleiben. Wo aus einem entspannten Miteinander in einem einzigen Augenschlag der allergrösste Kinderkrieg entbrennen kann, mir Gekreische, Wutgeschrei, Fluchtiraden und bitteren Tränen- und dann genauso urplötzlich wieder friedliche Stille herrscht (Manchmal. Immerhin), als wäre rein gar nichts geschehen. Wo alles in Bewegung und fast gar nichts so richtig vorhersehbar ist. Für mich. Weil hier Menschen wohnen, grosse und kleine, und weil auch ich, die Radnabe in diesem grossen, dynamischen Ganzen, die alles zusammenhält, durch und durch menschlich bin.
Ja, manchmal komme ich mir vor, wie inmitten eines reissenden Stromes. Ich spüre es zerren und ziehen, diese ganze Ur-Gewalt menschlichen Daseins, konzentriert in einer Familie, und ich habe das Gefühl; sobald ich aufhöre, präsent zu sein, präsent und selber Bewegung, verliere ich das Gleichgewicht und werde mitgerissen. Die Kinder fallen über mich her wie Raubtiere zur Fütterungszeit, die Wäscheberge explodieren, wir leben von Dosenravioli, Milch, Käse und sonst nichts, die Schnecken wüten in unseren Gemüsebeeten, die Zimmer sehen aus wie nach einer Kneipenschlägerei, die Kinder genauso, während es brüllt und lärmt und die Welt untergeht im Hause Kirschkernzeit.
Ein einziger Alptraum.

Doch manchmal, da wage ich es. Ein klitzekleines bisschen. Ich schliesse kurz einmal die Augen … und lasse mich fallen, treiben, von der Strömung mit sich tragen …
Ich schlage jeden aufkeimenden Hausfrauen-Perfektionismus, jeglichen Erziehungs-Ehrgeiz in den Wind und … stürze mich ins Leben. In ein intensives, mitreissendes und trotzdem irgendwie entspanntes Wochen-Ende…

Mein Wochen-Ende

: das Licht betrachten, das durch die Jalousien fällt, eine volle Minute lang, dem trommelnden Regen zuhören und da sein, dankbar sein, für das Wasser vom Himmel, für das Licht, die Geborgenheit eines Daheims :

: die Kinder Kinder sein lassen, ein bisschen Streit ertragen (es versuchen, zumindest, obwohl das schwer fällt), und den Frieden feiern und geniessen :

: selbstgemachte Geschenke einpacken für Omas Geburtstag, ein paar letzte Schliffe, Papier und eine Schleife drumherum. Ganz besondere Momente mit meiner kleinen Schar, die ganz furchtbar stolz und aufgeregt ist vor lauter Freude und Ungeduld. “Ich han so gärn wänn Burtstag isch!” erklärt mir mein Mädchen eins ums andere Mal mit hochroten Backen (“Ich hab so gern, wenn Geburtstag ist”). Ich auch, mein Kind, oh ja, ich auch :

: Perlen zu etwas ganz Wunderbarem werden lassen. Mit Kinderfingerspitzengefühl, viel, viel Geduld, Fantasie und etwas Hitze aus der Steckdose. Auch das ist Kinderkunst. Und ich liebe sie. Keine Frage:

: reisen, gemeinsam, einmal zum Gottesdienst und zurück, mit Abstecher zu einem ganz, ganz besonderen Fleckchen Erde. Zum Luftschlösschenbauen. Tief durchatmen. Nichts erwarten. Aber alles erhoffen :

: den Tag im Garten verbringen. Die Sonne geniessen. Die Wolken willkommen heissen. Wissen, dass es wieder regnen wird, wahrscheinlich, und dass dieser Sommer ein Sommer ist, ein kalter, nasser, unbeständiger zwar, aber ein Sommer, nichtsdestotrotz :

: von Kinderhand gepflückte Wiesenblumen einstellen und beim Kaffeetrinken davon träumen, eines Tages einen richtigen Bauerngarten zu haben (und bittedanke den grünen Daumen gleich dazu!), mit üppigen Blumenrabatten, duftenden Rosensträuchern und Ringelblumen, Mohn, Sonnenblumen und Margarithen überall zwischen den Gemüsebeeten :

: in einem neuen Schatz stöbern und blättern und die Zeit dabei vergessen: “Sommerleben” hat tatsächlich noch den Weg zu mir gefunden (ganz zauberhaft verpackt, wie ihr auf Bild 3 sehen könnt), obwohl es schon lange Zeit vergriffen ist. Eine aufmerksame Leserin hat meinen Hilferuf in einem meiner Posts (in diesem hier, nehme ich an) vernommen und mir ihr Exemplar “Sommerleben” angeboten. Ein Wunder! Und eine riesengrosse Freude für mich. “Sommerleben”, ein Traum von Shabby Chic, nordischer Kühle, Rosenbüschen, Flohmarktbummeleien und einem grünen, überwucherten Flecken Erde nur für mich ganz alleine… :

Es ist schon so, besonders produktiv war ich ja nicht in diesen Tagen (andere stricken halbe Pullover an einem Wochen-Ende). Der Kühlschrank wurde leerer, die Wäschetonne voller, das Haus auf den Kopf gestellt, und es gab, ganz wie vorhergesehen, Zank und Zoff und Geschwister-Rivalitäten. Aber nicht nur. Wo Schatten ist, da ist auch Licht, Frieden nach dem Donnerwetter, Gemeinsamkeiten neben den Differenzen, Nähe und Freiheit und wilde Schönheit. Es ist immer da. Irgendwo. Und, ja, die Welt steht trotzdem noch, trotz meinem Bad im reissenden Strom des Familien-Lebens…

Veröffentlicht unter Dankbarkeit, Familienalltag, Themen-Reihen, Wochen-Ende | 9 Kommentare

this moment: Nestwärme im Klassenzimmer

 Nach einer Idee von Soulemama: eine Erinnerung, ein Bild, vielleicht nur wenige Worte.
Um Luft zu holen und die Erinnerung zu bewahren.

Sweety

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Metamorphose

Wenn Nachtschatten und Morgenlicht
ihr neues Gleichgewicht einpendeln
-über Stunden-
dann bin ich ganz genauso
zweigeteilt
in helle und dunkle Streifen.
Ein Teil matt, gedämpft, schlaftrunken, noch ganz warm vom Federbett und
grollend gegen jeden Sonnenstrahl,
murrt gegen die Aufgaben, die Rollen und Strukturen,
die sich vordrängeln,
-jeden Tag aufs Neue-
und sich so schrecklich wichtig nehmen.
Dieser Teil gähnt und reibt sich die schwarzen Flecken aus den Augen.
Die helle Seite in mir aber, die das Licht liebt und das Leben
spürt ein feines Kribbeln im Bauch.
Weil es Dinge gibt, die
Freude wecken wie Lebensgeister
und kleine Gesichter, die ich vermissen würde,
-oh ja-
wären die Streifen nicht bald klarer und heller,
ein Sonnenstrahlentuch, das alles umspannt,
so wie es das immer tut.
Wenn Nachtschatten und Morgenlicht
ihr neues Gleichgewicht einpendeln,
dann wird eins zum andern
von Schwarz zu Weiss
in fliessenden Streifen
aussen wie innen
bis hinein in einen neuen Tag.

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Im Kindergarten

Nur noch wenige Tage.
Dann endet für Kind2 die Kindergarten-Zeit. Von diesem Augenblick an wird er kein Kindergarten-Kind mehr sein, sondern ein Schüler, mit Schulthek, Hausaufgaben und einem fixen Stundenplan, an den wir uns wohl alle noch gewöhnen müssen.
Kindergarten-Jahre sind so … anders, anders als alles, was kommt, freier, reicher… Sie leben von Magie und Staunen
Unsere Kindergärterin ist jung, eine kleine, zierliche Frau, die absolut und mit Herz und Seele da ist für “ihre” Kinder, und die Morgen und wenigen Nachmittags-Stunden im Kindergarten mit einem ganz besonderen, warmen Zauber erfüllt, wo Geschichten noch lebendig werden und in jedem Kind -selbst im nüchternsten- ein Funken überspringt, der wärmt und Wachstum bringt, während sie gemeinsam Märchenwelten entdecken -oder auch ganz reale Wesen und Orte dieser Erde- und dabei lernen, wie schön, wie vielfältig und spannend die Welt doch ist. Die Welt da draussen vor unserer Haustüre, aber auch die Welt ganz tief in uns drin.
Es gibt noch so viel zu erfahren, so viel zu lernen… Für uns alle eigentlich…
Nur noch wenige Tage. Leben im Countdown.

Ich und das Babykind durften gerade einen ganzen Morgen im Kindergarten verbringen. Als wären wir selber noch (oder schon) richtige Kindergarten-Kinder. Geschichten hören, Kinderkunst bewundern, im “Schneckenparadies” Schnecken füttern, uns anstecken lassen von der Lebenslust und Entdecker-Freude der wuselnden Kinderschar rund um uns herum… Und wie jedes Mal, wenn ich eintauche in diese noch … ein Stück weit “heile” Welt, bin ich voller Staunen und Dankbarkeit, dass es so etwas immer noch gibt, trotz Fernseher, Handys, Gamekonsole.
Nur noch ein paar Tage…
Oh ja, ich bin dankbar dafür, für jeden einzelnen dieser Tage, für dieses Engagement, für das ganze Herzblut, das in die letzten beiden Jahre geflossen ist und unseren Kindern, auch Kind2, so viel Neues und Bewegendes gebracht hat. Fertigkeiten, die geübt wurden, Geschichten, die gehört, Zusammenhänge, die offenbar wurden. Neue Freundschaften, neuer Mut, kleine Streitereien und Wege, sie zu lösen, Schwierigkeiten und Möglichkeiten, sie zu überwinden, Herausforderungen und Erfolge, Entdeckungen- und immer und immer wieder Oasen des Spiels, Oasen der Fantasie, eine neue, eigene Welt fernab von zuhause, ausserhalb des Altbekannten, erste beherzte Schritte hinaus ins eigene Leben…
Nur noch wenige Tage. Eine Handvoll Kindergarten-Tage. Mehr nicht. Dann schliesst sich dieses Fenster für Kind2. Eine Tür fällt zu. Und eine neue wird aufgehen.

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