Monatsarchive: Oktober 2012

Wochen-Ende: Überraschungs-Flocken

Hm. Oktober.
Da denke ich an tanzende Blätter und Herbst-Stürme, an Kürbiskuchen, heisse Schokolade auf Vanille-Eis,an Traktoren mit Ladewagen voller Rüben, an eine schwächer werdende Sonne und das Herauskramen der ersten Wollmützen. Ich denke an der eine knisterndes Feuerchen im Ofen, weil die Sonnenwärme das Haus nicht mehr wärmt, gemütliche Stunden drinnen, an heisse Suppe, nasse Farbe auch weissem Papier und an Berge von Büchern… Doch an Schnee? Öhm… An Schnee habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht.
Naja, das war wohl ein Fehler *zwinker*…

Mein Wochen-Ende war voller bis zum Platzen Energie-gefüllter Momente. (Wobei die Energie meiner Kinder meine bei weitem übertraf *SchweissvonderStirnwisch*). Wie wildgewordene Grashüpfer auf Brautschau stoben sie in alle Richtungen davon, und ich mittendrin und ein wenig ratlos ob so viel jungendlichem Elan… Gottlob; ein Besuch in meinem allerliebsten Dorf-Brocki schenkte mir wieder neue Kräfte, Wunder-Kräfte möchte man fast meinen, denn irgendwie (wie auch immer) brachte ich es tatsächlich fertig, mit meinen hibbeligen Spätzen Schritt zu halten und immer wieder auch Oasen der Ruhe zu schaffen, in denen wir alle zu Atmen kommen konnten. Ein süsses Dessert de luxe, Malen zu leiser Musik, ein bisschen Vorlesen, neue Abenteuer-Romane vom Brockenhaus für meine grosse Leseratte und frisch geputzte Spiel-Ecken, die nur darauf warten, von neuem erobert zu werden… Alles Pausen vom Alltag. Die gut tun und das Wochen-Ende reich machen.
Und dann die grosse, weisse Überraschung sonntag-morgens: Schnee!!! Der allererste, ziemlich verfrühte Schnee dieses Jahres! Und Kinder im Pijama draussen im winterweissen Garten…

Eine gute Woche voller Überraschungen wünsche ich euch (und mir)!

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this moment: Schutz

Nach einer Idee von Soulemama: eine Erinnerung, ein Bild, vielleicht nur wenige Worte.
Um Luft zu holen und die Erinnerung zu bewahren, wenn die Woche zu Ende geht.

behütet
this moment

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Die Geschichte der Madonna

Vom Trödel habe ich schon geschrieben. Eben erst, und eigentlich schon oft. Davon, wie inspirierend ich alte Dinge finde und auch davon, wie gut es mir tut, danach zu stöbern. Aber etwas habe ich noch nicht erzählt. Etwas habe ich mir aufgespart; Die Geschichte der Madonna…

Denn eines Tages begegnete ich ihr nämlich. An einem heiteren, sonnigen Nachmittag, so unvermittelt, dass es mir fast den Atem raubte: Ihr, der Madonna.

Der Madonna, die meine Oma seelig damals in ihrem alten Bauernhaus in den Toggenburger Bergen in ihrem Wohnzimmer stehen hatte, der Madonna, die ich mir als Kind immer und immer wieder angesehen habe, ehrfürchtig und mit einem warmen, heimeligen Gefühl im Bauch.
Diese Madonna gehörte für mich zum Hof meiner Oma wie der Kabis zum Weihnachts-Essen, wie das lau-warme Citro zur Heu-Ernte auf dem Feld und der flimmernde, wacklige Fernseher zu jenen herrlich trägen Nachmittagen, wenn draussen Schnee lag und der Wind an den Fensterläden rüttelte.
Eine Madonna mit Pastell-farbenem Kleid und einem feingeschnittenen Mädchen-Gesicht, in dem das Lächeln nur angedeutet bleibt und so gar nicht zur Schlange passt, die sich unter ihren Füssen windet.
Ich mochte sie immer. Ich fand sie hübsch und eigenartig elfenhaft und hatte das komische Gefühl, dass sie irgendwie sonderbar herausstach in diesem ein bisschen düsteren, urchigen, alten Baunerhaus mit den vertäfelten, dunklen Wänden und dem unheimlichen Estrich voller Spinnweben, toter Fliegen und Falter.

Als kleines Mädchen habe ich mir oft gewünscht, ich könnte sie mir nach Hause nehmen, doch ich traute mich nie, danach zu fragen. Es erschien mir einfach nicht richtig. Ich meine, diese Madonna war immer da. Seit ich mich erinnern kann. Sie stand da in ihrer Vitrine, unverändert, untrennbar verbunden mit diesem alten Haus und seinen Bewohnern. Eine Zeit-Zeugin.

Als meine Oma starb, wurden ihre Sachen in alle Winde verstreut, aber nichts davon fand den Weg zu mir.
Bis an jenem heiteren, sonnigen Nachmittag, an dem ich ihr in einem düsteren, vollgepackten Brockenhaus direkt in die Arme lief… Was für ein Wiedersehen! Ich hätte weinen mögen vor Freude. Es war, als hätte mich ein längst abgeschickter Gruss endlich, endlich erreicht. Erinnerungen, die plötzlich erwachen, Bilder, die wieder auftauchen, Gesichter, die ich wieder ganz frisch vor mir sehe. Meine Oma mit ihren runden, straffen Backen, mit dem strahlenden Lächeln, das sich übers ganze Gesicht hinzog, ein Gesicht, das alterte wie ein Apfel und in runden, festen Einkerbungen so langsam kleiner wurde…

Jetzt steht die Madonna vom Trödler bei mir im lila Zimmer, meinem liebsten Zimmer im ganzen Haus. Hinter ihr hängt der ersteigerte, handgenähte Wandbehang, den ich so sehr liebe (und den ich dringendst einmal bügeln sollte *ahem*). und sie sieht genau so sanft und mädchenhaft aus wie ich sie in Erinnerung habe. Nur das Umfeld hat sich vollkommen geändert.
Ob sie eines Tages wieder in einem alten Hof auf dem Lande stehen wird? So wie damals?

Neben ihr auf dem alten Rattan-Sessel meiner Mama, liegt das Kissen, das ich mir damals aus einer alten, muffig riechenden Tapisserie genäht habe. Mit einem meiner liebsten Stoffe, seidig-feinem Voile von Anna Maria Horner für die Kissen-Rückseite mit Hotel-Verschluss.
Wollig-grob versus seidig-klar. Neu und alt. So unterschiedlich, nur schon in der Struktur, aber trotzdem fast so, als wären sie füreinander geschaffen. Allein das Blau und Geld, das sich in beiden Stoffen in fast identischen Tönen wiederholt… Wunderbar, nicht?

Es ist keine Vitrine und nicht mehr das heimelige, alte Bauernhaus mit der tiefen Decke und dem warmen Kachelofen im Wohnzimmer. Ich bin mir auch gar sicher, ob die Madonna aus dem Trödelauch wirklich diejenige aus meiner Kindheit ist (naja, eher unwahrscheinlich, oder?). Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht einmal ganz sicher, dass meine Oma tatsächlich genau so eine Madonna besass.
Aber das spielt auch alles gar keine Rolle. Wichtig ist nur die Erinnerung, die sie mit sich gebracht hat, meine Madonna, und die mich jetzt jedes Mal, wenn ich den Raum betrete, willkommen heisst. Sie schlägt eine Brücke. Zwischen damals und heute.
Ich mag diese Ecke. Sehr sogar.

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Trödel.

Trödel. Das klingt verstaubt, gammelig und nicht gerade präsentabel, so nach Weggeworfenem, nach Dingen, die keiner mehr haben will und für die es keine Zunkuft mehr gibt… Der Duden stellt das ganz unmissverständlich klar: “Trödel (oft abwertend) = alte, als wertlos, unnütz angesehene Gegenstände; alter unnützer Kram)”.
Aber ich sehe das anders. Wenn ich das Wort “Trödel” höre, dann spitzen sich meine Ohren, mein Herz tut einen Freudensprung und ich spüre, wie mein Puls zu traben beginnt wie ein übermütiges Pferd, das Hafer riecht.

“Trödel”, nur schon dieses Wort. Trööööödel. Wie das rollt auf der Zunge und sich dehnt, warm und hölzern wie ein Weidestrauch im Frühling. Und das -L im Angang schmeckt nach samtweichem Boderaux, schwer und rauchig, alt, ja, aber nicht verstaubt und schon gar nicht ohne Zunkuft. Ich finde, es klingt eher edel, edel in einem französischen Sinne, so nach einem alten, romantischen Bistro in einer Pariser Nebengasse, wo der Wein abends bei Kerzenlicht dunkel in den Kelchen glitzert und morgens der Café au Lait Dampfwölkchen gegen die dunkle Holz-Täferung schickt. Zeitungs-Geraschel, abgewetzte Chintz-Sessel, klapprige Stühle aus geschwungenem Holz, chic und athmosphären-reich. Das ist Trödel für mich. Etwas, das bereits seine besten Tage hinter sich hat, ohne aber die Hoffung aufgegeben zu haben. Vielleicht warten neue beste Tage, man kann nie wissen…

Auf alle Fälle liebe ich Trödel. Trödel aller Art, solange er eine Seele besitzt. Charme. Dieses gewisse Etwas, das einem nicht mehr loslässt, bis man sich geschlagen gibt und seufzend -sei es vor Wonne oder Ergebenheit- das Portmonnaie zückt.
Charmanten Trödel mit Seele und dem gewissen Etwas muss man einfach mit nach Hause nehmen, sonst hat man keine ruhige Minute mehr. Ich habe noch kaum je einen Flohmarkt-Kauf bereut, aber schon so manches Stückchen, das ich nicht gekauft habe, und mehr als einmal bin ich Hals über Kopf wieder in ein Brocki zurückgekehrt, atmenlos und überhitzt, weil mir urplötzlich klar wurde, dass ich diese Uhr, dieses Bild, diesen Krug ganz einfach doch brauche, jetzt, sofort, koste es wass es wolle (was ja meinstens eh nicht viel ist). Bevor ein anderer vielleicht schneller ist.

Trödel ist meistens einzigartig. Ein Stück mit Spuren, mit Vergangenheit, dem man das auch ansieht, mit seiner ganz eigenen Geschichte und vielen verlorenen Schwestern und Brüdern, ein Greis, dem die Familie nach und nach abhanden kommt und der genau darum so wertvoll und unheimlich faszinierend ist, weil er als einer von nur noch wenigen ein Zeit-Zeuge ist; Ein Zeuge vergangener Zeiten, die unwiderbringelich hineinfliessen in den langsamen, aber stetigen Strom der Geschichte.

Trödel macht mich glücklich. Trödel macht mich neugierig und bringt mir das Staunen zurück. Und Trödel macht mich manchmal sprachlos. Wenn ich Dinge sehe, die so fein und sorgfältig gemacht, dass ich es mir kaum vorstellen kann, dass hier wirklich Menschen-Hände am Werk waren, oftmals über Jahre hinweg, mit Herzblut und einer Engels-Geduld. Spitzendeckchen, hauchzart gehäkelte Kragen, ganze Tischtücher voller Stickereien… Kleine Wunder. Einfach so.

Wenn ich etwas in den Händen halte aus Zeiten, in denen man sich die Dinge noch fürs Leben kaufte und Mensch und Mechanik irgendwie Hand in Hand gingen, mit Kurbeln, die man drehen musste, anstelle von Batterien, die einem alles abnehmen, und Uhrwerken, die, wenn man sie nicht Morgen für Morgen von neuem aufzig, einfach stehen blieben. Sprach-los macht mich das. Nachdenklich. Und irgendwie bleibe ich berührt zurück.
Eines Tages werden auch die Dinge, die mich jetzt umgeben, die ich benutze, besitze und manchmal sogar ziemlich gerne mag, zu Trödel werden. Alt, unnütz, ohne Zukunft.  Zeugen meines Lebens, Zeugen einer vergangenen Zeit. Eine sonderbare Vorstellung.

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