Monatsarchive: Juli 2012

eine Dekade

Ich sitze hier, das Babykind auf meinem Arm und tippe mehr schlecht als recht diesen  Blogpost hier. Durch die Schiebetür im Hintergrund dringt das leise, regelmässige Atmen meines Mädchens, das endlich, endlich nach langem Hin und Her doch noch eingeschlafen ist, meine Finger in ihrem Haar, das Gesicht ganz nah an meinem.

Sie liebt ihr neues Geschwisterchen, das sehe und spüre ich jeden Tag. Aber neben der Freude ist da auch viel Unsicherheit und vielleicht auch ein wenig Verlustangst dabei, und ich glaube, Abende wie dieser, wo ich erst weit nach zehn und nach einem scheinbar endlos in die Länge gezogenen Einschlafritual aus ihrer Umarmung in den Feierabend entlassen werde, sind nicht wirklich ungewöhnlich in einer Situation wie dieser. Wahrscheinlich werden die nächsten Wochen mir noch ein paar dieser Sorte bescheren, und im Grunde kann ich das auch verstehen: Es ist nicht nur mein Leben, das sich verändert hat.

Das Baby brachte für uns alle viel Neues, viel Schönes, aber auch vieles, das … einfach unsicher macht. Es ist nicht mehr alles so, wie es war, vieles ist ins Wanken geraten und muss sich erst wieder neu einpendeln, und im Leben eines kleinen, fast 3-jährigen Mädchens müssen diese Erschütterungen des Gewohnten ganz besonders gross und beängstigend erscheinen…

Gerade für sie, meine grosse Kleine, bin ich jetzt froh um jedes Bisschen Ablenkung. Ablenkungen wie …  die Ferien der grossen Brüder, wie Badeausflüge zu Oma und ihrem Swimmingpool oder schöne, sommerliche Fest-Tage, die wir gemeinsam vorbereiten und gemeinsam feierlich begehen.

Es trifft sich ganz gut, dass der Löwenanteil an Familien-Geburtstagen auf den Monat Juli fällt; das Basteln, Kuchen-Backen und Pläne-Schmieden scheint uns allen Halt zu geben, während wir uns so langsam, langsam aus der rosa Wolke herausschälen und uns unsere neuen Plätze suchen im Familiengefüge.

Es wird wieder einen Alltag geben. Doch es ist schön, zuerst einfach noch ein bisschen in den Tag hinein zu leben, noch ein wenig dichter zusammen zu rücken und das Leben einfach… zu geniessen, das Ausser-Gewöhnliche dieser Tage noch eine Weile weiter zu zelebrieren.

Und es ist gut, dass sich dabei nicht immer alles um das Baby dreht. So ein Kinder-Geburtstag kann Balsam sein für eine verunsicherte Kinderseele, denke ich, jetzt ganz besonders, wo so viel Zeit, Energie und Aufmerksamkeit zu diesem winzigen, knuffigen Wesen hinfliesst.
Für einen Tag lang wieder ganz deutlich zu spüren zu bekommen, wie unglaublich wichtig und wertvoll uns jedes einzelne unserer Kinder ist, jedes, nicht nur das Baby, das ist jetzt in dieser Zeit wahrscheinlich ganz besonders wichtig.

Heute wurde Kind1 10. 10 Jahre alt. Eine ganze, erste Dekade, ein erstes Jubiläum in unserer Familie und in meiner Zeit als Mutter. Ein Meilenstein.

Mit 22 Jahren wurde ich Mama, noch bevor ich mich überhaupt definitiv für eine Ausbildung entschieden hatte. Und obwohl viele skeptisch waren, als ich alle Berufsgedanken an den Nagel hängte und mich entschied, von nun an kompromisslos „nur noch“ Mutter zu sein, habe ich diesen Schritt niemals bereut. Wirklich niemals.

Ich bin gerne Mama, heute genauso wie damals vor 10 Jahren. Das Muttersein ist für mich Beruf und Berufung und ein riesengrosses, unfassbares Geschenk, trotz all seinen Ecken und Kanten, denn die gibt es auch in meinem Leben, ziemlich zahlreich sogar, so wie überall wohl, in jedem Leben, rund um den Globus.

Gerade heute musste ich wieder daran denken, wie beschenkt ich im Grunde bin: Als ich das obligate Geburtstags-T-Shirt für meinen Jungen druckte –etappenweise, denn wie gesagt, es herrscht noch immer Ausnahemzustand im Hause Kirschkernzeit, und zwischen fast stündlichen Stillpausen, Windelwechsel und Einschlafliedern komme ich kaum noch dazu, einen Handgriff fertig zu machen- da fühlte ich mich beschenkt.

Wie er -hibbelig wie ein Flummi- seinem kleinen Bruder dabei half, sein eigenes Geburtstagsgeschenk möglichst unmöglich einzupacken (es wurden 2 Rollen Klebeband dafür verbraucht!), fühlte ich mich beschenkt.
Während ich die Torte mit einer extra dicken, klebrigen Schokoladenglasur überzog oder den Kindern dabei zusah, wie sie sie über und über mit M&Ms, Zuckerstreuseln und Nonpareilles verzierten, fühlte ich mich beschenkt.

Als Kind1 mein Geschenk auspackte – eine Schachtel Künstler-Bleistifte mit einem neuen Block dickem, weissem Zeichenpapier aus der Papeterie – und vollkommen seelig gleich eine erste Skizze anfertigte, auch da fühlte ich mich beschenkt.

Beschenkt durch seine Vor-Freude und unbändige Begeisterung.
Kindliche Freude ist  das reinste Wundermittel. Sie steckt an. Sofort. Unwillkürlich.
Wie reich wir doch sind! Wie reich…

Nicht jeder meiner Tage fühlt sich reich an. Viele kommen mir auch ganz banal vor, manche sogar schrecklich langweilig und nervenaufreibend eintönig, und es gibt Zeiten, da frage ich mich insgeheim, ob mein Leben nicht auch ganz anders, glamouröser, aufregender, erfüllender hätte werden können…

Aber dann kommen Tage wie dieser; Vollkommen, rein und, ja, auf ihre Art reich, und waschen selbst den hinterletzten dieser fiesen Zweifel ganz einfach ratzebutz weg.
Dann weiss ich es wieder: Ja, ich bin reich, beschenkt und gesegnet. In dem Leben, das ich führe, an dem Platz, an dem ich stehe, mit den Menschen, die mich darin begleiten und die ich dabei begleiten darf.
Vielleicht sollte mich jemand daran erinnern, wenn ich es mal wieder vergesse…?

„Wie reich ist diese Erde
an kleinen, guten, vollkommenen Dingen,
an Wohlgeratenem!“
Friedrich Nietzsche

PS. Nur für alle Fälle: Die orange-farbene Wand auf Bild2 ist keine von unseren (so viel Mut zur Farbe hätte ich nämlich nicht)! So herrlich exotisch schaut es aus im Wohnzimmer meiner Mama, die ja auch eine Art Paradiesvogel ist…
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ausserhalb von Zeit und Raum

Meine Lieben, kann mir jemand sagen, welchen Tag wie heute haben? Ist Obama immer noch Präsident in Amerika? Und da wir gerade dabei sind; was macht eigentlich das Wetter?
Es könnte Taucherbrillen hageln, ich würde es wahrscheinlich nicht merken…
Denn ich bin eigentlich gar nicht da. Nicht wirklich. Ich schwebe irgendwo zwischen Raum und Zeit in einer watteweichen rosa Wolke aus Babyduft, seidig zartem Kinderhaar und Wogen der Zärtlichkeit, die jedes Mal, wenn ich mein Baby ansehe von neuem über mir zusammenschlagen.
Kuschelrock statt Babyblues. Es ist wie ein Wunder, das alles…

Es gibt Augenblicke, da wünschte ich, ich könnte die Zeit anhalten.
Manche Momente, sollten einfach nie vergehen…

PS. Meine Fotos schauen irgendwie ein bisschen verpixelt aus auf meinem Display… Ich weiss noch nicht, woran es liegt, aber das finden wir bestimmt noch raus (hoffe ich!). Und noch was: Viiiiiiiiiiielen lieben Dank für die überwäligende Flut an Glückwünschen und mitgeweinten Freudentränchen!!!!!!! Ich konnte es kaum fassen, wie viele von euch mit mir gewartet und euch mit mir gefreut habt. Bitte habt ein bisschen Geduld mit mir jetzt; mein Leben hat sich tatsächlich auf den Kopf gestellt mit diesem Baby, und ich schätze, ich muss mir erst wieder eine Nische finden zum Schreiben und Lesen und Mails-beantworten…

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this moment: Es ist ein Mädchen!

 

Nach einer guten, sehr bewusst erlebten Geburt mit einer ganz tollen Hebamme,
darf ich endlich mein Baby in die Arme schliessen:
Ein Mädchen!!!
Ich fühle mich so gesegnet, erleichtert und beschenkt
und möchte am liebsten die ganze Welt umarmen!
(Euch ganz besonders; es war wunderbar wie ihr mich emotional unterstützt habt!)
Das Leben ist schön, so schön!
Genau wie dieses kleine, schrumplige, zuckersüsse Mädchen hier an meiner Brust,
das duftet wie das Glück allein
und in seiner winzigkleinen Hand
bereits ein ganzes Mutterherz zu halten vermag.

Willkommen, du kleines Menschenkind!

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Warte-Raum

Ihr Lieben! Jetzt hab ich euch alle ganz umsonst nervös gemacht. Und mich gleich mit dazu… Ihr dürft mir glauben, Sonntag habe ich praktisch von morgens bis abends mit den ersten Geburts-Wehen gerechnet. Ich war mir so sicher… bin nochmals mit allen das Geburts-Ernstfall-Programm durchgegangen und hab meine Mama, die ja die Kinder zu sich holen wird, sobald es los geht mit dem Kind-Kriegen, extra nochmals angerufen, um sie auf alles vorzubereiten. „Kein Problem“, meinte sie, „Ich bleibe jetzt sowieso zuhause bis dein Baby kommt.“

Und dann?
Nichts.
Rein gar nichts.
Und ich dachte, ich würde die Sprache meines hochschwangeren Körpers mittlerweile verstehen *zumHimmelguck*.

Ja, ich bin vielleicht ein bisschen überreizt.
Nein, reden wir Klartext: Ich bin total überreizt! Und zudem bin ich schrecklich nervös, ich bin ungeduldig, ich bin explosiv wie ein Pulverfass und gerate wegen jeder Kleinigkeit vollkommen aus der Fassung. Ich heule sofort los, sogar wenn gar nichts ist, und bin ehrlich heillos überfordert damit, diesen letzten Tagen noch so etwas wie Normalität abzugewinnen. Wie sollte ich auch?

Wobei… Äusserlich ist alles wie immer. Die Kinder gehen zur Schule, mittags steht ein Essen auf dem Tisch und eine ein bisschen aus der Puste gekommene Mama setzt sich mit ihnen hin und lässt sich aus ihrem Kinder-Leben berichten. Die Tage vergehen irgendwie zwischen Kartenspielen, Bastelarbeiten, aufgewaschenen Küchenböden, Donald Duck Comics, aufgeschnittenen Melonen und Bergen von Wäsche, die noch eben rasch abgetragen werden möchten, “ bevor …“

Es scheint wirklich alles normal sein bei uns. Bis auf die Tatsache vielleicht, dass ich schon länger keine grossen Sprünge mehr mache und mir alle grösseren Ausflüge für „irgendwann später“ aufhebe, wirkt mein Leben eigentlich, ja, unverändert. Zumindest gegen aussen. Innerlich gärt da viel mehr, als ich es selber wahrhaben will: Die Angst ist wieder da. Und diesmal ist es ganz arg, fürchte ich. Wenn ich nachts aufwache, weil ich Kontraktionen spüre, dann kann ich mich nicht freuen. Dann kann ich irgendwie nur … weinen.

Ich tue mich sehr schwer damit, Veränderungen anzunehmen. Und jetzt in dieser Zeit um den Geburts-Termin herum werde ich richtiggehend erdrückt von sich anbahnenden Veränderungen, die ihre Schatten vorauswerfen. Natürlich, das Leben ist eine einzige Kette von Unvorhersehbarkeiten, Unsicherheit und stetigem Wandel. Nur selten weiss man wirklich, was auf einem zukommt und selbst dann kann alles noch ganz anders werden als erwartet. Damit leben wir Tag für Tag.

Wenn man aber haargenau weiss, sogar darauf wartet, dass sich in den nächsten Tagen alles auf den Kopf stellen wird, dann kann das Thema “ Veränderung“ auf einmal lebens-füllend gross und erdrückend werden. Ich fühle mich fürchterlich beengt und rastlos: da ist einfach kein Platz mehr, mich niederzulassen. Alles wird anders, umgestellt, und ich komme mir fremd vor in meinem eigenen Leben.

Ein Schwangerschaft dauert zwar ihre Zeit, über 9 Monate (Wow!), lange genug, möchte man meinen, um sich langsam an das Neue gewöhne zu können, das sie mit sich bringen wird. An das Kind, an die neuen Wendungen und Windungen, die unser Leben nehmen wird, an die Unvorhersehbarkeiten und dieses vollkommene Angebunden- und Verbundensein wieder an ein kleines, hilfloses, süsses Wesen. Man sollte denken, wenn die Wehen einsetzten, wäre nicht nur das Baby reif für die Geburt…

Aber manchmal reichen selbst 9 Monate nicht aus, um zu reifen. Ich fühle mich alles andere als reif und bereit. Ich habe vielmehr das Gefühl, vollkommen überrannt zu werden von Gefühlen, Befürchtungen, Unsicherheiten und dieser riesengrossen Angst vor dem Gebären, die sich allesamt urplötzlich wieder aufbäumen wie ein wildes Pferd, das zum ersten Mal zugeritten werden soll.

Und gleichzeitig befinde ich mich im luftleeren Raum. Im Warte-Raum. Ich kann nicht mehr zurück, es geht aber auch nicht vorwärts. The point of no return, eingefroren auf unbestimmte Zeit. Denn da gibt es zwar einen Geburts-Termin, aber der bleibt theoretisch und hypothetisch und lässt sich auf ganze 4 Wochen vor-und-zurückdehnen, was zu einer halbe Ewigkeit werden kann, wenn man sich vor Unsicherheiten fürchtet.
Aber da lässt sich nichts machen, oder? Es ist wie es ist, und auch wenn nicht alles sich gut anfühlt, so hat es vielleicht doch seinen ganz eigenen Sinn.

Vor einer Weile schrieb mir Amberlight:
“Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist,
dann ist es auch noch nicht das Ende.”

Daran halte ich mich jetzt fest. Solange bis… alles vorbei ist.
Oder vielmehr: Solange bis es angefangen hat, dieses neue, kleine, grosse Leben.

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