Monatsarchive: Mai 2012

Aus meinem Tagebuch: Stadt-Bummel ohne alles


Ein Morgen in der Stadt. Es ist noch früh, meine Mama hütet die Kinder, und ich schlendere ziellos im Enten-Watschel-Gang einer Frau im bald 9. Monat durch die Gassen. Leer sind sie noch, was mich eigentlich verblüfft, denn die Sonne strahlt schon mit all ihrer Kraft und lockt und schmeichelt wie eine Frau auf Männerfang.

Die Wände leuchten. Selbst die allergrauesten von ihnen schimmern jetzt irgendwie orientalisch weiss, und ich finde, meine Stadt sieht schön aus. Jetzt besonders.


Hier bin ich 6 Jahre lang zur Schule gegangen, da war ich 13. Hierher bin ich gezogen, in meine WG, damals, als ich auf eigenen Füssen stehen wollte. Hier habe ich manchmal morgens gesessen und im Früh-Morgen-Nebel kitschige Herbst-Gedichte geschrieben. Hier in dieser Stadt (in einer Kabine des Warenhaus-Klos, um genau zu sein, hihi…) habe ich erfahren, dass ich schwanger bin mit meinem 4.Kind (nein, ich konnte nicht warten mit dem Test, bis ich zuhause war *grins*).

Über 30 Wochen ist das nun her, aber ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Überhaupt kommen mir viele Dinge wieder in den Sinn, jetzt in diesem Moment, wo ich diese, meine Stadt, so ganz für mich alleine habe. Erlebtes, fast Vergessenes, Lebens-Fragmente, Erträumtes, Gefühltes.


Auch meinen Mann habe ich hier kennengelernt, mich hier mit ihm heimlich noch ein Stündchen länger herumgetrieben, als meine Mama es mir eigentlich erlaubt hatte… Wie jung ich war und wie verliebt! Die erste Liebe meines Lebens- und sie hat gehalten, so viele Jahre schon…

Ein bisschen nostalgisch macht es mich, dieses Licht: Es sieht aus, als denke es schon wieder ein wenig an den Herbst, jedenfalls anflugsweise.


Aber vielleicht liegt das auch nur an den warmen, langen Schatten, die die Bäume der Allee noch werfen. Wahrscheinlich sogar. Schliesslich ist es Mai und warm und das Jahr hat doch erst angefangen!
Eine dieser Zwischen-Zeiten, wo man nicht recht weiss, ob es jetzt noch Spät-Frühling oder schon Früh-Sommer ist. Angenehm, sehr, sehr angenehm im Grunde. Mild, prächtig, belebend. Ich mag sie wirklich gerne, diese Sommer light Version.

Ich setzte mich hin und horche. In mich hinein.

Gerade jetzt, in diesem Augenblick.
Ich…

fühle: mich gelöst. Ganz bei mir, so allein, wie ich es gerade bin. Erfüllt.

höre: das Plätschern der Stadt-Brunnen. Das Klacken von Stöckelschuhen auf dem Asphalt. Leben, das die Gassen so langsam erfüllt, mit plaudernden, alten Damen in Zweier-Grüppchen, die sich auf einen Kaffee in die Stadt begeben und mit Männern in Arbeits-Overalls, die laut mit den Türen ihrer Kastenwagen knallen. Geräusche einer kleinen Stadt, in der es niemals ganz still sein wird, aber auch selten so richtig hektisch und laut.

sehe: das Licht. Dieses Licht! Auf den Wänden, in den Schaufenstern, im Haar der vorbeigehenden Passanten… Es spiegelt sich auf meinen roten Schuhspitzen und kriecht mir in die Handtasche. Man kann ihm nicht entrinnen, diesem Spät-Frühlings-Früh-Sommer-Licht. Aber wer will das schon?

spüre: einen feinen Wind-Hauch: meinen liebsten Begleiter. Wind liebe ich über alles. Nur mit ihm werde ich für eine Weile zur Sonnen-Anbeterin. Und Hunger habe ich. Frühstücks-Zeit. Hoffentlich haben sie noch Croissants im Café!

wünsche mir: die Zeit möge stehen bleiben. Bloss ausnahmsweise und ganz kurz. Für mich. Denn Aus-Zeiten wie diese sind ein Lebens-Elixir, von dem ich noch lange zehre.

freue mich: auf den Stoffladen und seine Überraschungen in den Regalen. Stoffe… wie Bonbons für die Seele; bunt, verführerisch, unwiderstehlich

weiss: dass ich heute mit nicht mehr ganz so vollem Portemonnaie nach Hause gehen werde *zwinker*. Dass der Kaffee im Migros-Restaurant einfach am allerbesten schmeckt. Dass der Mai den Leuten tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht zaubert (den Beweis liefert mir gerade diese Strasse). Dass ich jetzt Lust hätte auf ein Glas eisig kalten, mittelsüssen Eistee mit Zitrone.

Auf dem Heimweg bin ich müde aber guter Dinge. Kaffee habe ich keinen mehr getrunken, weder Tagebuch geschrieben, so wie ich es mir vorgenommen hätte, noch ein paar Runden gestrickt. Dafür liegt in meiner Tasche ein grosses Stück himbeerfarbenes Leinen für eine Klein-Mädchen-Sommerhose, etwas lila Punkte-Stoff für eine gewisse junge Dame, die Stoffe (und Lila!) genauso gerne mag wie ihre Mama, ein neues MC-Abenteuer der „Fünf Freunde“ für meine Jungens (und mich!) und jede Menge kleine Leckereien, die es im Dorfladen (noch) nicht gibt, sondern nur in der Stadt, und die uns deshalb so aufregend luxuriös vorkommen (Gemüse-Chips zum Beispiel. Oder Wassermelonen. Schwarze Bio-Schokolade mit Cranberries).

Schön, so ein Morgen in der Stadt. Schön, so ganz alleine, ganz ohne Haushalts-Fragen, ohne kreative Lock-Stoffe im Strick-Körbchen, ohne schmeichelnde Kinderstimmen, die mich zum Vorlesen oder Mit-Spielen verführen wollen, ohne die Grenzen meiner eigenen vier Wände.

Wie zufrieden man sein kann, für eine gute Weile so ganz „ohne alles“…

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Für mein Baby: „quick change trousers“ von Anna Maria Horner

Der letzte Post liegt schon wieder drei Tage zurück und ich bin zur Zeit nicht nur eine schlechte Beantworterin von Comments und e-mails, sondern eine ganz und gar und geradezu triefend miserable. Der Grund? Ich weiss nicht… Ich glaube, meine Tage sind im Augenblick einfach zum Bersten voll mit anderem, mit Dingen, die so weit entfernt vom Bildschirm spielen.

Irgendetwas findet sich immer, das  es fertig bringt, mich abzuhalten, wenn ich den Laptop aufzuklappen möchte, um mich einmal in Ruhe hinzusetzen. Lesen bei anderen oder ein paar nette Worte an jemanden schreiben, ein Dankeschön, eine Antwort … irgendwie will das gerade kaum klappen.
„Wie das Leben so spielt“, sagt eine der Frauenfiguren in Henning Mankells Roman „Daisy Sisters“ einmal.

„Wie das Leben so spielt.“ Dieser Satz geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er passt so oft. Und er hilft mir, es leichter zu nehmen, wenn ich es gerade schwierig finde. Denn auch wenn ich mich meistens grossartig fühle in diesen letzten Wochen: Ab und zu finde ich es schon schwierig, das alles. Ab und zu kommt mir der Babybauch, den ich eigentlich ganz gerne mag, auch in die Quere und ich fühle mich nicht mehr weiblich rund, sondern wie ein Vollmond, so prall und geschwollen.

Und dann gibt es diese Momente, in denen es mich wie ein Blitz durchzuckt: „Schaffe ich das? Schaffe ich das wirklich? Noch ein Kind? Wieder eine Geburt? Was, wenn es den ganzen Tag lang nur schreit? Was, wenn es mich Nächte lang wach hält? (Es ist ein sehr aktives Kind, müsst ihr wissen. Allerdings kickt und boxt es nur, wenn ich mich ins Bett gelegt, um zu schlafen…)“
Sicher bin ich mir nicht immer. Selten eigentlich.

Ich weiss, dass das ganz normal ist. Wahrscheinlich macht sich jede werdende Mutter solche Gedanken, oder? Die Angst gehört mit dazu, die Vorsicht, die Wachsamkeit, das In-Sich-Hineinhorchen. Schwestern sind das, Schwestergefühle der Vorfreude, dieser unbändigen, ungeduldigen, total sentimentalen Vorfreude. Ich erwarte ein Baby. Ein Baby! Ein Baby…

In dieser ganzen Mischung aus vorgeburtlichen emotionalen Berg-und Talfahrten, werde ich rasch reizbar und ungeduldig. Obowohl ich gerade auch viel, viel öfters lache als ich es sonst schon tue. Alles scheint gerade ganz besonders intensiv zu wirken bei mir.

Am allerallerwohlsten fühle ich mich, wenn ich einfach nur in Ruhe dasitzen darf, auf einem bequemen Sessel, eine Handarbeit im Schoss. Etwas für mein Baby.

„Hast du schon etwas für dein Baby gestrickt?“ fragte mich 19nullsieben vor nicht allzu langer Zeit. Nein, hatte ich nicht, damals. Aber das war, bevor es über mich kam, das Nest-Bau-Fieber

Etwas für das kleine Wesen zu machen, das da in meinem Bauch liegt und schläft oder tritt, wirkt wohltuend. Es entspannt und besänftigt meinen ruhelosen Geist, zu nähen, zu stricken, nach Projekten zu blättern, die ich „unbedingt noch fertig bringen“ möchte, in dieser Zeit davor. Schwanger zu sein, fühlt sich für mich lange, lange Zeit ziemlich abstrakt an, muss ich zugeben. Sogar wenn ich das Kind schon fühlen kann, glaube ich es eigentlich nicht so recht, dass das ein regelrechtes Menschlein sein soll, das ich da spüre. Und ist es dann endlich soweit, dass ich es einigermassen glauben kann, das Leben in meinem Schoss, kommt schon die Zeit, in der ich mich auf das Wiederloslassen einstellen sollte, auf die Geburt und die Zeit danach. Phu.

Das alles verlangt manchmal ein bisschen viel von mir. Aber so ist es nunmal. Wie das Leben eben so spielt…

Diesen süssen Elefanten-Stoff aus Baumwolle wollte ich ja schon haben, seit ich mich erinnern kann. Und dann, irgendwann im Frühling dieses Jahres, lief er mir dann wieder über den Weg, in der Reste-Kiste unseres Stoff-Ladens, als letztes Stück. Ich musste einfach zugreifen. Mit einem Stück weissem Bio-Leinen und einem grösseren Stück grauem, weiss-getupften Leinen wurde daraus mein allerallererstes, mamagemachtes Nesting-Projekt: die Quick change trousers aus Anna Maria Horners Buch „Handmade Beginnings“.

So ganz zum ersten Mal habe ich sie ja nicht genäht, diese raffinierten, bequemen Schlupf-Hosen mit dem doppelten Gesicht: Mein Mädchen trug ihre Versionen lange Zeit und äusserst gerne. Beide, die in orange-blau und die in altrosa-braun. Weil diese Hose ja zwei Seiten hat, die man nach aussen wenden kann, ganz nach Lust und Laune, lässt sich so herrlich mit den Lieblings-Stoffen spielen. Und dann erst das kleine, kontrastierende Stoff-Rechteck hinten über dem Po! Wunderbar verspielt!
Für ein Kind zu nähen, das man schon kennt, ist vielleicht ein bisschen einfacher, denke ich manchmal, denn man kann sich in den Farben austoben, die es mag oder die man mag, ohne Gefahr zu laufen, dabei ins Fettnäpfchen zu treten.

Nähen oder Stricken für ein Ungeborenes, von dem man noch nicht einmal das Geschlecht weiss, weder Haarfarbe noch Temperament, ist anders. Ungewisser, spannender. Wie Rätselraten…

Ich tippe ja eher auf einen kleinen Jungen bei diesem Baby. Obwohl ich beim Namensuchen immer bei den Mädchen-Namen stecken bleibe. Aber für die Quick Change Trousers wollte ich vor allem Stoffe, die zu beidem passen, zu Mädchen und zu Jungen, und ich glaube, da fährt man gar nicht mal schlecht, wenn man sich eher an männliche Töne hält, ans Erdige oder Blaue oder an Grün…

Wobei; Würde Orange oder helles Beige nicht auch ganz zauberhaft aussehen? Oder maritime Streifen für das Sommerkind? Strahlendes Weiss mit einem Hauch von Spitze, so ganz nostalgisch? Handgesponnenes Garn und Wildseide mit ihren kleinen Knubbeln im Gewebe? Hmmm….

Es wird nicht mein letztes Paar gewesen sein;
Quick Change Trousers machen ganz schön süchtig

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Wochen-Ende: den Sommer anpirschen

Bruch-Stücke eines Wochen-Endes…

: …Omas Pool einweihen, überschwänglich und mit einer kleinen Portion Hühnerhaut, wie es sich gehört fürs Baden im Freien Mitte Mai. Aber meine Kinder wären keine Kinder, wäre ihnen das bisschen Frösteln nicht ganz und gar egal. Hauptsache Wasser! :

: …meinen Blick über das Land schweifen lassen, über den Ort meiner Kindheit, genau so wie ich es auch Jahre zuvor getan habe. Die Felder, der Hügel mit seinen Baumreihen, der Schweinestall vor dem Wäldchen, in dem ich mich als Kind immer ein wenig fürchtete; alles ist noch da, als wäre ich erst gestern von Zuhause weggezogen und nicht schon vor bald 15 Jahren. Heimat. :

: … Zuchini ins Beet setzten. Und Melonen, den Kürbis, den Kind1 für sich vorgezogen hat, ein paar gelb-rote Tagetes, weil mir ein Farbtupfer ganz hübsch erschien in den noch recht grossen, erdigen Abständen zwischen den einzelnen Jung-Pflanzen. Gartenzeit. Spannend! :

: … staunend beobachten, wie Kind1 seinem vier Jahre jüngeren Bruder das Schach-Spielen beibringt. Brüderbande, die so viel mehr bewegen als ich es mitbekomme. Kind2 lernt von seinem Bruder Jassen und Schach, Rechnen, das Witze-Erzählen (Ohgottohgott!) und Schwimmen. Alles irgendwann irgendwie ganz nebenbei- und ich stehe dann plötzlich vor einem Kind, das Dinge weiss, von denen ich mal wieder keine Ahnung hatte… :

: … meine Zeit geniessen. Wenn die Kinder im Bett sind und es draussen langsam dämmrig wird, rolle ich mich auf dem Sofa zusammen, stelle den CD-Player ein, bei einem Glas Milch und Keksen, und lasse die Strick-Nadeln tanzen für mein Sommerbaby, während Axel Milbergs sagenhafte Stimme mir die „Daisy Sisters“ vorliest, die Lebensgeschichte zweier ungleich gleicher Frauen, Mutter und Tochter, Geschichten, die mir weit, weit entfernt erscheinen, obwohl sie nur im Schweden der Nach-Kriegs-Jahre spielen, und eigentlich Themen ansprechen, die wohl vielen Frauen ein wenig bekannt vorkommen. Ein Hörbuch zum Drin-Versinken, ganz, ganz toll und sensibel geschrieben und genauso fantastisch erzählt. Feier-Abend-Stricken nach meinem Geschmack!  :

Ein Wochen-Ende vorbei mal wieder. Eine Woche verabschiedet, eine neue in Angriff genommen. Habe ich Pläne? Vielleicht ein paar, aber nur ganz vage, die der Rede kaum wert wären… Doch muss man immer grosse Pläne schmieden? Manchmal ist es auch ganz gut, wenn man eine Woche einfach auf sich zurollen lässt, ganz unvorbereitet, ganz unbefangen. Auch Spontanität hat ihre Qualitäten, oder?

In diesem Sinne wünsche ich euch eine entspannte, sorglose Woche mit Tagen, die ein wenig der Wärme und Gelassenheit eines kommenden Sommers erahnen lassen.
So wie an diesem Wochen-Ende, wo mich mehr als einmal ein Anflug von Sommer-Ferien-Relax-Gefühl überkam …

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this moment: Liebe

Nach einer Idee von Soulemama: eine Erinnerung, ein Bild, vielleicht nur wenige Worte.
Um Luft zu holen und die Erinnerung zu bewahren, wenn die Woche zu Ende geht.

Liebe
in der Tüte

PS. Ihr wisst natürlich mittlerweile, was mir Kind2 da Schönes so liebevoll eingepackt hat, nicht wahr? Selbstgemachte Lippenpflege zum Muttertag, die ich seither jeden Tag sparsam und mit einem warmen Gefühl in der Magengegend aus dem Döschen tupfe… Aber dieses Foto hier musste einfach noch in meine „this-moment“-Galerie; es erzählt so viel von dem, was ich gerade ganz, ganz besonders liebe und wertschätze in meinem Leben: Vom Wachsen und Zusammenwachsen irgendwie, vom Loslassen und trotzdem Nahe-behalten, vom Verändern und Neu-Aufnehmen… Ich weiss auch nicht genau. Aber dieses Foto hier trifft mich einfach mitten ins Herz. In einem guten, hoffnungsvollen Sinne.

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