Monatsarchive: Juni 2011

aus meinem Tagebuch: auf der Flucht

Stimmengewirr. Besteckgeklapper. Luftig dahinplätscherndes Leben um mich herum. Ein bisschen anonym. Ein bisschen vertraut: Ein Moment für mich allein und eine Tasse Tee im Restaurant eines ganz ordinären Kaufhauses. Ich atme auf. Genau richtig.
Ich habe mich hierhin verkrochen, um einen Augenblick Frieden zu finden, um mich kurz zu verstecken vor dem Ansturm der Unsicherheiten, die mich einkreisen und zermürben wollen. Zuhause finden sie mich immer viel zu leicht. Und reden dann ununterbrochen auf mich ein.

Sie wühlen in meinem Verstand, attackieren meine Mitte, zerren am Boden unter meinen Füsse:

Sollte ich mehr Eltern-Ratgeber lesen? Vielleicht fehlt mir eine klare Linie, eine Ideologie, die mir den Weg weist und auf die ich mich berufen kann, wann immer ich an Grenzen stosse oder glaube, mich und meine Art des Mutterseins verteidigen zu  müssen gegen aussen? Oder ist mein Erziehen durch Beziehung (oder wie auch immer), einfach aus dem Bauch heraus (unter Aufsicht meines bisschen hoffentlich gesunden Menschenverstandes) gar nicht so dermassen falsch, wie ich es im Moment empfinde? Vielleicht bin ich gar nicht Schuld an den Ecken und Kanten meiner Kinder? Vielleicht mache ich aber auch alles falsch und zunichte, indem ich einfach… Ich bin, und auch als Mama weit, weit entfernt von einer pädagogisch wertvollen Super-Nanny… Sind buddhistische Frauen womöglich die besseren Mütter, gelassen, in sich ruhend, achtsam…?
Und -meine quälenste Frage im Moment- kann das Kind einer exzentrischen, gefühlsbetonten bis launischen, emotional schwachen Mutter, sagen wir, mein Kind, überhaupt gesund und innerlich unversehrt aufwachsen?
Losgelöst vom Umfeld, in dem ich tagein, tagaus gleichzeitig lebe und “arbeite”, kommt mir alles … so einfach vor. Keine Trotzattacken, kein Glasscherben- Mosaik verteilt über das gesammte, frisch geputzte Badezimmer, wo Kind2 beim Versuch, seine Überschwemmung aufzuwischen, eine Flasche Massage-Öl in 2 Meter Höhe zu Fall zu bringt.
Keine schlimmen Berichte vom Pausenhof, keine überforderten Besucher am Küchentisch, die sich bedrängt fühlen durch meine laute, ungestüme und hellauf begeisterte Bande. Keine Magenschmerzen. Kein zerstückelter Schlaf. Keine unerklärliche Kinder-Dermatose, die juckt und plagt und einfach nicht verschwinden will.
Kein verzweifelter Spagat zwischen gemeinsamer Familien-Zeit und Machen-Lassen. Keine unangebrachten Tränen beim Eltern-Lehrer-Gespräch in der Schule (oh, Gott, wie peinlich das war!). Keine Blösse, keine Zweifel, keine Explosionen in meinem Herzen, wo sich manchmal eine Bombe zusammenbraut aus angelagerter Angst,  Frust, Erschöpfung und dem Druck, meine Sache gut zu machen.
Hier in diesem Café, herausgerissen aus allem, ausgeschält aus meiner Mutter-Rolle plötzlich wieder nett, sanftmütig, ausgeruht und offen… Bin das überhaupt noch ich?
Und wenn ja, wer ist dann die Frau, die zuhause auf mich wartet?
Veröffentlicht unter aus meinem tagebuch | 23 Kommentare

#1: Birdie

Als ich ein Kind war, war ich leidenschaftliche Tiernärrin. Ich verkaufte handgemachte Sachen am Herbstmarkt des Dorfes, um Spenden zu sammeln für die letzten Regenwälder oder schrieb böse Briefe an den Schweine-Mastbetrieb im Dorf, von wo man die armen Tiere oft weithin erbärmlich quieken hörte. In der 5. Klasse gründete ich mit meiner besten Freundin eine Art zweimädchenstarker Verein zur Rettung akut bedrohter Tiere. Tatsächlich schafften wir zwei Naseweiss es, beim Bauern nebenan einen unwillkommenen Wurf Kätzchen vor dem Hackklotz zu bewahren.  Danach war unser Repertoir bereits erschöpft und wir konzentrierten uns wieder mehr auf das, was uns am meisten Spass machte: Auf die Tiere, die wir selber hatten. In meinem Fall waren das: mehrere Mehrschweinchen, ein schwarzweisser, alter Collie, Zwergkaninchen, zwei schwarze Katzen und- von Anfang an meine Lieblinge, die wirklich nur mir gehörten- zwei Wellensittiche.
Sie waren so zahm, dass sie mir aus der Hand pickten und Vogel-Küsschen verteilten. Nie werde ich das Gefühl ihrer kleinen, harten und trotzdem vorsichtigen Schnäbel auf meinen Lippen vergessen. Eine intensive Erfahrung von der Freundschaft, die zwischen Mensch und Tier wachsen kann, die irgendwie… über den  eher engen Grenzen steht, die wir Menschen sonst rasch ziehen, sobald das Tier zum Nutz-Objekt wird.
Vögel zu halten ist für mich noch immer so etwas wie… ein Einblick ins tropische Paradies, von dem wir doch alle irgendwie träumen (zumindest jene, die wie ich als Teenies heimlich “die blaue Lagune” guckten und sich sehnlichst einen Teil 3 gewünscht hätten *grins*). Nur die Sache mit der Freiheit… mit der Vogel-Freiheit machte mir zu schaffen: Selbst der sehr grosse Käfig, den ich für meine Vögel gekauft hatte, erschien mir zu klein. Denn Vögel sollen fliegen, findet ihr nicht auch? Wozu sonst hat Gott ihnen Flügel geschenkt?
Schlussendlich liess ich sie tagsüber meistens frei in meinem Kinderzimmer herumflattern- und verlor sie dadurch; Als meine jüngeren Geschwister versehentlich die Tür öffneten, entwischten meine gefiederten, kleinen Freunde und verschwanden durchs offene Badezimmer-Fenster in die Freiheit, wo ihnen spätestens gegen Herbst, in den ersten kalten Nächten der Tod auflauern würde…
Seither habe ich keine Vögel mehr. Sie einzusperren würde ich nicht übers Herz bringen. Sie wieder zu verlieren, genauso wenig. (Jaja, das Thema “Loslassen” … )
Aber ich mag sie. Nach wie vor. Ein Vogel verkörpert für mich… Zartheit, Geschicklichkeit und diese beneidenswerte Fähigkeit, sich bei Problemen einfach aus dem Staub zu machen und die Welt mitsamt ihren Raubtieren zurück zu lassen (okay, geflügelte Raubtiere mal ausgeschlossen). Ausserdem haben Vögel für mich diesen gewissen “Jööö-Faktor”… (Immer wenn wir Schweizer Frauen “Jööö!” ausrufen, meinen wir  damit kleine, süsse Wesen oder Dinge wie Babys, Tierkinder oder Miniaturkameras in Bonbonfarben)
Genau dieser Effekt war wahrscheinlich auch schuld daran, dass ich mich vom Fleck weg in Jessicas süssen Sweetie Bird zu verlieben: Ihr kleiner Filz-Vogel ist so zart, handschmeichlerisch und irgendwie putzig, dass er einfach passt. Immer. Um einem das Gemüt ein bisschen zu erheitern. Um verschenkt zu werden als herzliches Dankeschön fürs Babysitten oder als frischen Frühlings-Gruss. Um den Jahreszeiten-Tisch zu beleben (Vögel haben immer Saison, nicht?) oder als fröhliche Überraschung im Kinderzimmer (bei grösseren Kindern wegen den Perl-Augen und den Drahtbeinchen – ausser man lässt beides weg und stickt die Augen vielleicht auf).
Die Beinchen sind zwar ziemlich krumm geraten (ja, lacht ruhig, es schaut ja auch wirklich doof aus, in Jessicas Original sind sie viel schöner), aber das Machen war einfach nur… Spass.
Und genau das ist es auch, was ich mich so warm durchflutet, wenn ich little Birdie so ansehe: Dieses Gefühl von Freude an etwas, das nicht kunstvoll, nicht ausgefeilt, nicht minutiös bearbeitet wurde, sondern schlichtweg ein Experiment war. Aus Neugierde, Begeisterung (Danke, Jessica! Dein Sweetie Bird ist wirklich Zucker!!!) und ja, vor allem aus Spass.
Veröffentlicht unter Nähen | 13 Kommentare

diese Woche…

 … verbrachten wir etwas Zeit mit der Feuerwehr. Nur zu Übungs- und Werbungszwecken (gottseidank), doch der gestellte Feuerwehr-Einsatz mit brennendem Auto und Stichflammen aus einer zu heissen Bratpfanne voller Öl , liessen meinen Adrenalinpegel bereits in schwindelerregende Höhe sausen. Ausserdem finde ich Männer in Uniform einfach unglaublich attraktiv (kein Wunder; mein Mann ist selber in der Atemschutz-Truppe *grins*) und so viele Helden auf einmal waren doch fast zu viel des Guten *zwinker*.
Höhepunkt des Tages: Ich mit Sauerstoffflasche und Gasmaske im finsteren und total verrauchten Kellergewölbe, wo man die eigene Hand kaum vor Augen sah, auf der Suche nach einem (gefakten) Brandherd … Gruselfaktor: ziemlich hoch! Suchtpotential: nicht minder.
… wäre ich beim Familien-Gelände-Spiel der Schule eines Abends doch recht froh um meine Gummistiefel gewesen. Doch die waren von zwei alten Kartoffeln besetzt, die bereits kräftig ausgeschlagen hatten. (Hmm… wie die wohl da rein gekommen sind? Und vor allem: wann?)
… kuschelten wir uns an Huddelwettertagen -oder auch dazwischen- stundenlang mit einem Donald Duck Comic ins Bett oder aufs Sofa  und vertrödelten die Zeit als gäbe es kein Morgen.
By the way: Comics gehören ganz klar zu meinen Favoriten in Sachen “vorlesen”. Sie machen so ungeheuer viel Spass! Aber das “weiss” ich erst, seit ich Kinder habe, vorher fand ich sie einfach  nur… doof . Wie viele vorher/nachhers es doch gibt, wenn man Mutter wird (oder Hundehalterin, oder Vegetarierin, oder Autofahrerin oder eine Konvertierte)…
… kam ich dank einem strengen Vor-Lese-Plan, den die Schulkinder hier bis zu den Sommerferien erfüllen sollten, täglich zu 20 Minuten Vorlese-Märchen-Stunde, in der ich den Geheimnissen der Unterwasserwelt oder Pingus Abenteuern lauschen durfte. Ein sonst eher seltenes Vergnügen. (Obwohl Kind1 leidenschaftlich und ausdauernd liest. Allerdings bevorzugt stumm und abends vor dem Einschlagen im Bett, nicht unbedingt bei mir in der Küche, während ich Zwiebeln schnipple.)
… wurde ich immer wieder Zeuge dieser aussergewöhnlichen Verbindung, die sich -nebst all der Rivalität und den Selbstbehauptungs-Übungen, die es jeden Tag auszutragen gilt- zwischen Geschwisterkindern entspinnt, und die mir irgendwie so wahnsinnig wichtig und kostbar erscheint. Momente wie dieser  hier geben mir so viel Hoffnung und Zuversicht. Genau die Art Zuversicht, die ich so dringend brauche im Moment und wahrscheinlich immer, solange ich Kinder haben werde. Es ist eine Zuversicht, die sagt: Doch, du machst nicht alles falsch. Es kommt auch Gutes bei all dem heraus, ganz egal, wie fehlerhaft du bist.
… tauschten Kind1 und ich kurz die Rollen: Ich übernahm sein Ämtli (Geschirrspühler ausräumen), er machte den Pizzateig fürs Abend-Essen. Diese Stunde Zusammensein in einer viel zu heissen und unzumutbar chaotischen Küche war ein kleines Alltags-Wunder für mich, ein Augenblick, der sich anfühlte wie … Ankommen. Sein Pizzateig wurde fabelhaft. Die Szene zwischen ihm und seiner kleinen Schwester, wie sie gemeinsam auf alle erdenklichen (und u.a. besser unerwähnt bleibenden) Arten ihren Teig kneteten, er in der  Rolle des fürsorglichen Vorbildes, sie mit viel, viel Eifer  und Spass und einer unverhohlenen Bewunderung, die sie an seinen Händen förmlich kleben liess… Diese Szene berührt mein Mutterherz bis ins Mark.
… hingen meine Gedanken ab und zu zwischen diesen Seiten fest. Wo sie ein wenig vor sich hinträumten. (Ein sehr inspirierendes und irgendwie innovatives Buch für mich. Bunt, klar, verspielt, sorglos. Perfekt für den Sommer also.)
 … kam mit der Post ein Paket voller kleiner Freuden ins Haus geschlittert: Pflanzengefärbte Woll-Filz-Platten  aus einer sozialen Werstätte und (yeah, yeah!!!) meine eigenen Filznadeln für den Start ins Abenteuer Nadelfilzen (das mir doch ein bisschen Bauchweh macht, ehrlich gesagt… Diese Dinger sind so was von spitzig!)
… hatten Kind2 und ich und eine ganze Menge neuer Freunde ein Rendez-Vous der besonderen Art. *tiefdurchatem* Schön war es. Durch und durch schön. Und meine Zweifel verflogen nach der ersten Viertelstunde, in der ich meinen Jungen in dieser Kinderschar beobachten konnte: Er ist wohl wirklich reif für diesen grossen Schritt. Reif und sehnsüchtig nach … mehr. Nach einem Freund vor allem. Ich glaube, ich freue mich tatsächlich für ihn, für meinen kleinen, grossen Teddybären! Wenngleich das Loslassen ein bisschen weh tun wird…
 … gab es wieder die lautstarke Geräusch-Kulisse auf unsren vier Wänden, für die wir hier mittlerweile bekannt sein dürften im Dorf. Die ehemalige, alte Waschküche, die nun schon eine ganze Weile leer stand und sich immer mehr mit Gerümpel füllte, wird jetzt renoviert und gleichzeitig zum WC mit umfunktioniert. Eine gute Sache, finde ich. Eine sehr gute. Wenn sie nur nicht so aufwändig und langwierig wäre. (Hab’ ich schon mal erwähnt, was für eine grässliche Meckerliese ich bin?)

… habe ich den Kühlschrank geputzt *schulterklopf*. Von oben bis unten. Zum ersten Mal seit …ähm… eineinviertel Jahren.

… läuteten wir den Sommer ein! Ausgerechnet an einem der kühlsten und regnerischsten Tage der Woche zwar, aber immerhin. Unser Sommerbegrüssungs-Ritual verlangt nach dem ersten Eis des Jahres, das bringt sommersonnenlaune bis in den Bauch, dorthin wo die Liebe eben hingehört.
Was die neue Woche uns bringen wird? Manches weiss oder ahne ich bereits, vieles aber bleibt verborgen bis es an der Reihe ist … Euch wünsche ich auf alle Fälle eine schöne, gute, erfüllende Woche voller mildem Sonnenschein und viel Zeit für all jene Dinge und Menschen, die euch wirklich am Herzen liegen!
Veröffentlicht unter Familienalltag | 9 Kommentare

under construction

Im Augenblick habe ich den Eindruck, quasi fortgeschwemmt zu werden von Ereignissen und Projekten. Egal wohin ich schaue: überall wimmelt es von Dingen, die auf  mich warten. Ob in der Agenda oder auf sämtlichen (nein, ich übertreibe nicht!) Regalen und Tischen unseres Hauses, ich lagere Termine und Hand-Arbeiten wie andere Erdbeermarmelade-Gläser (Die hingegen, die fehlen leider in diesem Jahr leider völlig. Ich war kein einziges Mal auf einem Erdbeerfeld… ).
Schultermine und dergleichen lassen sich abhaken… Projekte in Arbeit hingegen schleife ich hinter mir her wie eine Schleppe…

Das mit der Schleppe sage ich jetzt durchaus mit einem gewissen hochzeitmässig nervösen Unterton, denn die meisten meiner Projekte habe eine Deadline.

Eine ziemlich näherrückende sogar.
  • Mein Junge hat baldbald Geburtstag. Und Geburtstage bringen Mutterherzen ja jedes Jahr aufs neue in Wallung und ihren kreativen Eifer zum Funkenschlagen. Adler und schwarz-weiss-melierte Wolle sind meine ständigen Begleiter abends, wenn ich versuche, Abwasch und Co. zu ignorieren und mich um Wichtigeres zu kümmern …
  • Der Geburtstag meiner Mama liegt sogar noch näher, was auch der Grund ist, warum im Wohnzimmer Papierbögen und Fingerfarben jederzeit griffbereit sein müssen im Moment: damit -sollte die Muse sie küssen- nichts, wirklich gar rein nichts zwischen meinen Kindern und der blau angemalten Kiste liegt, aus der ihr Geburtstags-Geschenk werden soll…
  • Meine Schwester (zivil verheiratet seit damals) heiratet im August noch kirchlich und feiert das im ganz grossen Stil. Ein Format, das ich wahnsinnig gerne auch für mein Hochzeits-Geschenk übernehmen würde… allerdings muss ich lernen, dass meine Energie, meine Zeit und auch mein Durchhaltevermögen ihre Grenzen haben… und das Format -nicht aber die Liebe, die hinein fliesst- ein bisschen schmälern. Romantisch und handmade wird es aber trotzdem…
  • Ohne Zeitdruck, dafür schon viel zu lange, warten auch kleinere Dinge auf ihre Fertigstellung. Und weil ich gerade so richtig in Aufräum- und Abschliess-Stimmung gerate, bin ich momentan ein bisschen allergisch auf jede Form der Aufschieberei (das Resultat einer Überdosis wahrscheinlich ). Her mir der blonden senfgelben Wolle (die für einmal nicht fürs Stricken gedacht ist *geheimniskräm*), her mit dem kleinen, grünen Wicht, dem nur noch ein paar Beinchen fehlen…
  • … her auch mit dem Vorschlaghammer! Den aber für meinen Mann, den die halbfertigen Ecken uns’res Hauses auch plötzlich wieder zwicken und zwacken …
Mein Leben, wie immer, glaube ich langsam: eine einzige Baustelle!
Aber… es wächst.
Und das ist gut so.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
Veröffentlicht unter Nähen, Stricken, Zuhause | 6 Kommentare