Monatsarchive: Februar 2011

Bei mir Zuhause: eine (lange!) Einleitung

Das Wort “Zuhause” löst ein Gefühl tiefster Zufriedenheit in mir aus. Und weckt gleichzeitig ungeheure Neugierde. Zuhause…Haus…was alles mitschwingt in diesen Worten! Geschichten, Emotionen, Erinnerungen… So eine Haus ist ja eine Art Mikrokosmos, eine kleine Welt für sich, wo gelebt wird, geliebt, gelitten, gewachsen und gestorben. Neue Generationen werden hier geprägt und formen so das Morgen.

 

Früher, vor diesem Haus hier, als wir noch in der Stadt Zürich lebten, pilgerte ich einmal die Woche in die nächste, gutbestückte Bibliothek zum Bücherausleihen, und kehrte jeweils mit so schweren Taschen wieder heim, dass die Nähte ächzten und stöhnten. Die dicksten und meist geliebten Stapel bestanden immer aus Wohnbüchern: “Nordlicht”, “Sommerleben” (nebenbei mein Hilferuf: Ich suche schon lange, lange, lange danach! Aber leider ist es längst vergriffen und wird bei amazon nur noch zu wahren Wucherpreisen verscheuert… Falls also jemand eines zu verkaufen hätte…), “Wohnen zu jeder Jahreszeit” und “Relax” und noch ganz anders hiessen die Wunder-Welten, in denen ich mich stundenlangversenken konnte. Der Stoff aus dem die Träume sind. Schönheit ohne Ende.

Dann kauften wir ein Haus, ein altes, und Wohnbücher verloren ganz unerwartet ihre Anziehungskraft, sonderbarerweise proportional zum Aufwand, den wir hier veranstalteten, um dieses Flickwerk aus verwinkelten Gängen, kreuz und quer gezogenen Leitungen und Röhren, stillgelegten Kaminen und mehrschichtigen Böden zu so etwas wie einer Einheit zu machen. Zu unserem Haus (ob man so etwas auch “domestizieren” nennen darf?).

 

Noch immer gerate ich beim Anblick schön gestalteter Räume in Verzückung. Aber anders.
Ich habe gelernt, dass zwischen den Paradiesen in “living an more” und meinem eigenen Zuhause Welten liegen, die sich nur schwer finden. Besonders der sphärische, helle, irgendwie perfekte skandinavische Landhaus-Stil, der mich jedes Mal aufs Neue in seinen Bann schlägt, birgt die Gefahr in sich, ein Heim in eine Art “Museum des guten Geschmacks” zu verwandeln. Zumindest wenn ich darin lebe. Das viele Weiss, die schönen Dinge, die zarten, geblümten Stoffe und die sensiblen Holzböden… Ich könnte einen ganzen Tag lang meine Augen daran weiden ohne jemals satt zu werden, aber in dieser Schönheit einen Platz für Kinder zu finden, verlangt einiges an… Gelassenheit. Und Optimismus.
Wasserfarben und  Kekskrümel an den Socken. Grellbunte Legosteine. Kissenschlachten. Donald Duck Comics. Stickers. Socken oder hastig abgestreifte Pullover. Wohin mit all dem in “Wohnen in weiss”?

Unser Wohnzimmer ist so ein bisschen das, was ich mir immer erträumt hatte: weiss, mit hellem Holz, selbstgezimmert und harmonisch ( äusserst “Nordlicht”- inspiriert also). Es ist für mich eine Oase im Chaos. Mein Ort, mit meiner Ecke, seit ich mein früheres Zimmerchen weitergegeben habe.

Vor allem abends nach halb zehn, wenn ich mich hierhin zurückziehe fürs Nähen, Stricken, Bloggen… für all das, was tagsüber kaum Platz findet in meinem Leben und mich trotzdem irgendwie ausmacht.
Vielleicht ist unser Wohnzimmer das, was man früher “die gute Stube” nannte. Ein Kinderspielplatz ist es jedesnfalls nicht. Das heisst, ein Kinder-Platz ist es schon. Zum Lesen, Vorlesen, Familienspiele-Spielen, Zeichnen oder Holzklötze-Turm-Bauen. Ein guter Platz auch für ein Puppenmütterchen und seine Puppen… aber Legokisten fehlen hier (zu schnell in alle Himmelsrichtungen verstreut), genauso wie Bälle (zu viel Zerbrechliches), Wasserfarben (zu viel Weiss), Briobahnen und Kappla (der empfindliche Holzboden).
Und Kissenschlachten oder wilde Wettrennen sind hier ein No-Go.

 

Für mich ist das in Ordnung so. Unser Haus ist so gross, dass es ein mimosenhaftes Zimmer ertragen kann.
Aber überall diese zerbrechliche Schönheit? Ich muss zugeben, dass mir meine Verehrung für den romantischen, sorgfältig inszenierten skandinavischen Wohnstil irgendwann in die Quere kam. Ich träume derart von perfekten Räumen, dass ich mich nicht mehr traue, irgendwo einen Nagel einzuschlagen oder ein buntes Kissen zu nähen, aus Angst, es könnte “falsch” oder “zu viel” sein.Das Kinderzimmer, das vor gar nicht so langer Zeit noch unser altes Wohnzimmer war, überforderte mich zum Beispiel masslos, denn zum einen fühlte ich mich blockiert, weil einiges noch provisorisch war (elektrische Leitungen und so), zum anderen spürte ich nur zu deutlich, dass gerade das Kinderzimmer mit seinem grellbunten Durcheinander und den vielfältigen Bedürfnissen, die es zu erfüllen hat, sich regelrecht sträubte gegen meinen Geschmack.

Ich räumte ständig auf und ständig um.
Doch es half nur wenig. Das Gefühl, in einem Provisorium zu leben (ja, ich lebe tatsächlich den grössten Teil des Tages im Kinderzimmer…) blieb haften wie ein alter Kaugummi.

 

Bis vor ein paar Tagen, als mein Mann mir eröffnete, er müsse jetzt unbedingt die Sache mit den Stromkabeln in Ordnung bringen und dazu eine Wand auffräsen, neu verputzen, streichen. Mittelgrosse Veränderungen also… Ich witterte meine Chance. Denn was mir fehlte, war mir mittlerweile klar geworden: Mut zur Farbe, eine unkomplizierte, lebensfreundliche Einrichtung, die Spielraum lässt fürs Kind-Sein und bunte Bausteine aller Art.
Mal sehen, was daraus wird…
Auf alle Fälle hat es mich gerade ziemlich gepackt, das Einricht-Fieber, und dem möchte ich diese Woche auch hier ein bisschen Raum geben. Wer sich so gar nicht fürs Wohnen begeistern kann, darf sich also für diese Woche “Kirschkernzeit-frei” nehmen… Alle anderen, die gerne wissen möchten, was es mit der gelben Farbe von vorgestern auf sich hat, klicken sich einfach Mittwoch wieder ein.
 Bis dann!
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gelb

Normalerweise mag ich Gelb nicht so sehr.
Meine Lieblingsfarben sind Grün bis Blau in allen Schattierungen und Verbindungen, Violett-Lila-Töne und Bordeaux-Rot. Ganz, ganz hinten in der Skala stehen Lachsrosa (iiiiik!), reines Mint, Orange und, ja, Gelb. Gelb ist mir einfach… fremd irgendwie. Mir scheint, keine meiner Persönlichkeits-Facetten liesse sich in irgendeiner Weise mit Gelb in Verbindung bringen. Gelb ist sonnig und heiter und sorglos.
Und das bin ich nicht.
Andererseits verfalle ich in verzücktes Schweigen beim Anblick eines leuchtend gelben Osterglocken-Beetes im Frühjahr, das warme Gelb eines Vanille-Puddings hat so was wunderbar Tröstliches und wenn ein gelb-schwarzer Schwalbenschwanz im Sommer an mir vorbeiflattert, ist es ohnehin um mich geschehen…
Ich weiss schon, was ihr denkt: Jede Farbe ist schön.
Jede auf ihre Art und in ihrem Umfeld.
Und, wisst ihr was?
Ihr habt mal wieder vollkommen recht!
Machen wir uns also auf die Suche nach Gelb, so wie es mich heute begleitet hat…
 
 … Sonnengelb im Pullover, meinem allerersten selbstgestrickten Kinderpullover,
aus dicker, wirklich dicker Wolle, gestrickt damals vor zweieinhalb Jahren,
als Kind2 noch genauso klein und anschmiegsam war wie mein Mädchen heute…
 
…an meiner Wohnzimmer-Wand: Narzissengelb in einem Blütenmeer,
gemalt an einem wunderbaren Ausdrucksmal-Kurs-Tag im Jahr 2004,
einem jener kostbaren Tage, in denen nichts zählt ausser dem,
was sich auftut in einem selbst…
… zartes Vanillegelb in Form der getrockneten Rosen und Ranunkeln,
die ich aus meinem letzten Überraschungs-Blumenstrauss herausgepickt
und für mich getrocknet habe…
…Mattgelb, wie geschälte Kartoffeln für eine echt schweizerische Rösti
mit Zwiebeln und Käse zum Zmittag (= Mittagessen)…
…krakeliges Maisgelb von der Uri-Flagge meines grossen Jungen.
Schon so wild und rege benutzt (in brüderlichen Ritterturnieren)
dass die Gebrauchs-Spuren nicht mehr zu übersehen sind.
Geliebt wird sie trotzdem…
… das verlässliche Quietsche-Entchen-Gelb unserer Kaffee-Dose
aus dem schier unerschöpflichen Fundus meiner Mama,
die früher einmal begeisterte Tupperware-Partyianerin war.
Ich habe mich von vielen ihrer Dosen wieder getrennt, aber die gelbe
Kaffeedose blieb bisher verschont. Aus Nostalgie?
Aus Bequemlichkeit? Aus Mangel an Alternativen? Wer weiss…
…Funkelsterne-Gelb, auf einer gemeinschaftlichen Spielerei von mir und Kind2.
Ich bin hingerissen vom tintenblauen Nachthimmel, den er gemalt hat!
Geheimnisvoll, bewegt, schwarzblau und überall
unsere leuchtenden Collage-Sterne darauf verstreut…
… das Gelb des jungen Huflattichs diese Woche in meinem
 …das satte Goldgelb eines alten Saris aus der Zeit als ich zum ersten Mal
Mutter wurde, und meinem Baby im Claro-Laden zwei gelbe Saris kaufte,
als Vorhänge, weil mir das goldene Licht so gefiel das sie ins Zimmer warfen.
Heute -nach Jahren in der Mottenkiste- wurden sie wiederentdeckt
und mit einem kleinen Freudenschrei von meinem stoff-verliebten,
kleinen Mädchen adoptiert…
…und dann das wahrscheinlich allerwichtigste Gelb für mich zur Zeit: Das Vanillesonnenmaisnarzissengelb, das diese Tage an unseren Mal-Pinseln klebt und mich so, so, so unerwartet froh macht!
Mehr davon baldigst…
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this moment

Nach einer Idee von Soulemama: Freitags Fotos, eine Erinnerung.  
Nur wenige Worte. Kommentar-los (darum die ausgeschaltete Comment-Funktion).
   Ein immergleiches Ritual zum Wochen-Ende, wenn der Blick zurückfällt und es Zeit wird für eine Pause.
…die zwei…
this moment
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Huck Finn Pants

Ihr Lieben! Es freut mich ungeheuerlich, dass euch mein Patchwork-Röckchen so gefallen hat! Vielen, vielen Dank für eure herzlichen Kommentare!
Einige von euch haben mir ein bisshen enttäuscht vom Winter geschrieben, der es bei ihnen wieder (oder immer noch) klirren lässt vor Kälte- und wisst ihr, kaum hatte ich meinen Post freigegeben, mit vielversprechenden Fotos von grünen Spitzen über brauner, weicher Erde, da nieselte es auch vor meinem Fenster weisse Flöckchen vom Himmel…  
Noch ist Winter, ja, das lässt sich nicht leugnen. Februar, der kälteste Monat der Jahres, so ganz traditionell gesehen. Aber ganz egal, wie weiss es noch werden mag da draussen- diese paar warmen, hellen Tage haben den Winterschleier in mir gelüftet und einen unbrechbaren Optimismus darunter gesäht. Wie Tulpentriebe stösst er nach oben, ans Licht, erwartunsgfroh und voller Pläne.
Alles wartet.
Es liegt Hoffnung in der Luft.
Ich meine, schaut euch diesen Himmel an! (Die Schneematsch-Pfützen darunter ignorieren wir jetzt einfach…)
Dieser Himmel spricht Wasserfälle! Von kommenden Tagen mit Osterglocken-Sträussen auf dem Tisch, Vogelkonzerten morgens um 5 Uhr (nicht, dass ich das hören würde, aber es liest sich so idyllisch), von offenen Fenstern und flatternder Wäsche an langen Leinen, von Kartenspielen auf der Wiese, Osterkuchen und baren, kleinen Kinderfüsschen im Sand…
Oh ja, so hatte ich mir das in etwa vorgestellt, mhm…
Beim Blättern in meinen Nähbüchern, blieb ich natürlich wieder hängen. An den “Huck Finn Pants” aus “Weekend Sewing”, den einfachen Kinderhosen mit verstellbarem Gummizug, die nur bis knapp zu den Knöcheln gehen, und vielleicht gerade deshalb so süss aussehen, weil man… oder frau… also genauer gesagt ich  freie Sicht habe auf diese niedlichen, kleinen Zehen…
Einmal Huck Finn Pants, die Dame? Für ein kleines Mädchen?- Was, für drei kleine Mädchen???
Bitte sehr…
Weil mich diese schlichten Schönwetter-Hosen vom Fleck weg so begeisterten, und weil dieses Vibrieren in der Luft, das nur von all dem weggepackten Leben kommen kann, das so langsam aber sicher  ungeduldig wird  unter seiner kalten Decke, mich in Nählaune versetzt, habe ich gleich drei Paar “Huck Finn Pants” gemacht. Ein Paar für mein kleines Mädchen.  Und zwei für zwei noch kleinere Zwillingsmädchen hoch oben in den schneebedeckten Bergen “ennet dä Gränzä” (= jenseits der Grenze). Osterglocken und Barfusslaufen haben einen schweren Stand so weit oben. Aber auch dort wird es irgendwann tauen… Bestimmt.
Stoff: ein alter, weichgeschlafener Bettbezug mit romantischem Blümchenmuster in Blau-Weiss.
Borten: antike Schmetterlinge und florale Muster von meinem allerliebsten, marktfahrenden Spitzen-und Stickereihändler Herrn Alge (netter Name, nicht?)
Kind: selbstgemacht
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