Archiv der Kategorie: besondere Tage

Wimpel-Girlande

Diese Fotos sind alt. Juli-alt. Aus einem Sommer, der sich nun definitiv zu verabschieden scheint. Mit dem September kommen Herbstlichttage, ja, das vielleicht, aber die üppige, schwelgerische Wärme und Fülle des Sommers, die verblasst. Mit jedem neuen Morgen ein bisschen mehr.
Ich weiss nicht genau, wieso ich so wehmütig bin. So nostalgisch. Von „guten alten Tagen“ spreche, zu mir selbst zumeist, aber ihr, die ihr hier mitlest, bekommt gerade auch eine ordentliche Portion dieser schwermütigen Sommer-Sehnsucht ab, ich weiss. Es ist nicht so, dass ich den Herbst nicht mag. Ich vermisse nur irgendetwas. Irgendwas zutiefst… Sommerliches. Leider weiss ich nicht recht, was es ist.

Heute blieb mein Kindergartenmädchen zuhause. Genau wie gestern. Sie quält sich mit Bauchschmerzen, die attackenweise kommen, ihr die Tränen über die Backen kullern lassen- und dann wieder gehen. Manchmal schläft sie. Manchmal spielt und lacht sie, als wäre alles in bester Ordnung. Sie isst und trinkt. Oder liegt matt und traurig auf dem Sofa und rührt keinen Bissen an. „Ich wünsche mir, ich hätte nie mehr Bauchweh.“
Um ehrlich zu sein; ich bin ein wenig ratlos. Es wirkt nicht dramatisch schlimm, das Ganze, aber auch nicht wie etwas, was man in den Kindergarten mitnehmen sollte. Ruhe, ganz viel freie Zeit, Tee, wenn sie mag und so viele Knuddels und Vorlese-Zeiten, wie sie mir möglich sind- ich glaube, mit dieser Medizin kommen wir momentan am weitesten. Und wenn es Montag nicht besser sein sollte, möchte ich, dass der Arzt sich das Kind mal genauer ansieht.
Ich selber bin gerade sehr müde. Diese Woche konnte ich bisher keinen einzigen Abend die Augen länger offen halten als bis zum Ausschalten der Kinderzimmerlampe. Und all meine schönen Pläne von nachmittäglichem Kuchenbacken, Gartenbeete-Aufräumen, Herbst-Socken- oder Babysachen-Stricken verloren sich zwischen weissen Bettlaken oder Sofadecken, weil ich meine Nachmittage mehr verschlief, verdöste oder ziellos vertrödelte als mich um die Dinge zu kümmern, die ich mir eigentlich als Aktiv-Wohlfühl-Programm vorgenommen hatte. Einmal musste sogar Netflix als Babysitter herhalten. Ich brauchte so wahnsinnig dringend eine Runde Schlaf. Mitten am hellichten Nachmittag.

Heute fühle ich mich allerdings nicht schlecht. So gut wie ausgeruht, würde ich sogar sagen. Wäre mein dicker Bauch nicht immer im Weg und mein linker Fuss, der die 15 zusätzlichen Kilo scheinbar nicht mehr recht zu tragen vermag, würde beim Gehen und Bücken nicht so fies zwicken und zwacken, dann wäre ich wohl jetzt der Putz-Derwisch des Hauses und könnte mich in ein paar Stunden über ein paar hübsche Örtchen im Haus freuen. So aber werde ich mich wohl hinsetzen, die Kinder und mich bereits zum 2. Mal in dieser Woche mit Peppa Wutz berieseln lassen und dabei dann doch noch -endlich- zu meinem Strickzeug greifen.
Natürlich, ich könnte auch Bilderbücher erzählen, ein, zwei Runden Memory spielen, den Nachmittag irgendwie pädagogisch sinn- und wertvoll mit ihnen verbringen… aber ganz ehrlich; mir ist einfach nicht danach. Heute ist ein Filme-guck-Tag. Ein wir-machen-jetzt-einfach-mal-gar-nix-Tag. Das muss jetzt einfach sein.
Und diese herrlich aktiven Sommer-Tage, an denen ich scheinbar endlos Energie und Zeit aufbrachte, um meine Näh-Kommode zu entrümplen und gleichzeitig diese süsse, bunte, kleine Wimpel-Girlande als Last-Minute-Einweihungs-Geschenk für meine Schwester A. zu zaubern, so quasi aus dem Stehgreif und an einem einzigen, wonnig-sonnigen Sommerferienmorgen… Diese Tage kommen zwar auch nicht wieder. Aber ähnliche. Solche, die mindestens so elanreich und schwungvoll sein werden. Wo ich elanreich und schwungvoll sein, Kraft verspüren und ganz viel Lust auf alles haben werde.
Alles hat seine Zeit.
Gestern.
Heute.
Morgen.
Auch übermorgen.
Oder so.

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right now in 9

1. Septemberlicht wechselt sich ab mit trüben, klammen Morgen, die mich nur schwer aus dem Bett kommen lassen. Und nicht nur mich, was das betrifft; gerade Nebeltage bringen es an den Tag, wie unsagbar schulmüde ein paar meiner Kinder bereits jetzt schon wieder sind, nach nur wenigen Wochen im neuen Schul-Rythmus. Mein frischbebackenes Kindergartenmädchen wenigstens, findet sich langsam ein in ihrer neuen Realität. Ihr Herz wird ruhiger, die Mittage und Nachmittage wieder entspannter, die Morgen für sie und mit ihr gelassener. Dafür bin ich dankbar. Es nimmt einen Teil des Druckes von uns, der uns die erste Zeit im Schulalltag ein bisschen vergiftet hat. Und ja, dankbar bin ich auch für die Sonne. September-Sonnen sind etwas ganz Besonderes. Warm aber mild. Sanft und besänftigend. Und jeden Tag aufs neue hochwillkommen.

2. Den Gegenpol dieser goldenen Phasen bilden die Schatten. Nebelschwanden und Silberblick. Der Garten ist feucht und vieles schimmelt noch vor der Reife; die Aprikosen sind noch an ihren Ästen verfault, der Holunder bildet Beeren, die bereits gären bevor sie richtig schwarz sind, die Äpfel scheinen über Nacht zu verschwinden. Nur die weissen Himbeeren werden süss und saftig und dick, die Quitten prall, mit kräftig-grüner Schale. Ein Grossteil der Meerschweinchen-Wiese ist hoffnungslos vermoost. Je mehr Bäume und Büsche desto weniger Gras bleibt für unsere Tiere übrig, so dass wir grösstenteils mit Heu und Rüst-Abfällen von Möhren, Peperoni oder Apfelbutzen vom Kinder-Znüni nachfüttern müssen. So war das nicht geplant ursprünglich. Aber es ist wie es ist. Ein Punkt mehr, der mich von mehr Land träumen lässt…

3. Was mein Kräuter-Gartenjahr angeht: Es war bisher recht trostlos. All meine Vorsätze und Pläne von eingemachtem Sirup, Salbeihonig oder Gläsern voller getrockneten Kräutertees verpufften irgendwie im Laufe der Monate. Die Kräuterspirale wurde von zwei, drei dicken, fetten, schwarzen Spinnen annektiert, die mir derart ungeheuer sind, dass ich den Sicherheitsabstand von eineinhalb Metern nicht überschreite, sprich das Zitronenkraut oder den Thymian nicht anrühre aus lauter Angst, es könnte genau dann, wenn ich zupfe und schnipple so ein garstiges Krabbelvieh aus seinem dicken Röhrennetz hervorspähen *schauder*. Allerdings ist sowieso keine meiner Kräuterpflanzen so richtig schön gediehen. Der Salbei vertrocknet, der Thymian ausgeblüht und mager, das Zitronenkraut schmächtig. Nur der Schnittlauch ganz unten im feuchteren Teil der Spirale gab ab und zu genug her, um einen Dipp damit anzurühren oder den Salat, von dem es auch eher wenig zu ernten gab, mit ein paar Röhrchen aufzupeppen.
Gestern habe ich versucht, ein bisschen aufzuräumen. Nach nur einem Beet musste ich allerdings aufgeben, weil mein Becken vom Bücken einfach zu arg schmerzte. Den Grossteil der Pfefferminze habe ich dem Kompost gespendet, aber eine Schüssel voll ist gesäubert und zerpflückt und wartet nun darauf, im Dörrex für den Winter getrocknet zu werden. Meine einzige Ausbeute in diesem Jahr. Aber wir wollen dankbar sein. Die Natur ist nicht nur für uns Menschen da: sie teilt mit allen, und Bienen, Falter und Krabbelgetier fahren ihren Teil der Gartenernte gerne ein, wenn wir sie nur lassen. Dass mein Lavendel von mir völlig ungenutzt verblüht ist, macht mich darum überhaupt nicht traurig: das fröhliche Gesumme und emsige Geschwirr während seiner Blütezeit war eine grosse Freude und mir Ernte genug…

4. Wir hatten Ratten. Im Keller. Was wir zuerst als süsse, kleine Maus zu identifizieren glaubten und uns anfangs, als wir die ersten angeknabberten Lebensmittel im Vorratsraum entdeckten, überhaupt nicht gross erschreckte, entpuppte sich nach einer Weile als ganze Wander-Ratten-Familie. Spätestens als wir die ebenso gewaltige wie angriffslustige Mama-Ratte in der selbstgebauten Lebend-Falle hatten, fanden wir das Ganze dann auch nicht mehr wirklich süss und harmlos. Jedes Tier, das wir fangen konnten, kam raus in den Wald. Die löchrigen Gitter vor den Keller-Lüftungsschächten wurden erneuert. Die Abdeckung zu einer Wasserröhre subito wieder aufgesetzt und mit schweren Steinen beschwert. Manchmal höre ich es nachts daran knabbern. Ich denke an pelzige Meere im Mittelalter und sehe die Geschichte des „Rattenfängers von Hameln“ in einem völlig neuen Licht.

5. Zurück zu erquicklicheren Themen. Meine Socken-Strickerei kommt langsam voran. Im Moment hat sie ein wenig stagniert, weil ich abends gerade zu müde bin zum Aufbleiben und meine Vormittage sich irgendwie mit anderen Dringlichkeiten füllen, aber mein zweiter roter Kinder-Stiefelstrumpf und meine erste Herbst-Socke wachsen langsam ihrer Vollendung entgegen. Besonders schön finde ich das goldene Merino-Yak-Socks-Sockengarn der Spinnwebstube. Es gleitet warm aber leicht seidig durch meine Finger und gefällt mir verstrickt genauso gut wie zum Ball gewunden oder naturbelassen in seinem Strang. Und die wunderschönen Projekt-Bags aus „Mimis Laden“ sind mir zu treuen Begleiterinnen geworden, die ich nicht mehr hergeben würde…

6. Ein bisschen genäht habe ich auch. Allerdings völlig stümperhaft und mehr auf Nutzen als auf Optik ausgerichtet: Aus einem wirklich uralten, nicht mehr ganz lupenreinen Baby-Duvet, das ich zwar hässlich aber schlicht zu praktisch fand zum Wegwerfen, wurde ein spontaner Krabbelquilt, den ich einfach entlang seines Musters und mittels einer abgesteppten Saumnaht rudimentär zusammengequiltet habe. Kein besonders gelungenes Projekt, das sehe ich ganz realistisch. Aber ein Brauchbares. Nicht zu schade für dreckige Böden und Babyspucke. Und das andere da links oben im Bild, das sollen Stilleinlagen sein. Nach einer Anleitung aus dem Netz, mit Vlies-Mittelteil, Baumwollestoff nach aussen und alten Jersey-Resten für auf der Haut. Wie sie aussehen: blöd. Wie sie sich bewähren wird sich wohl bald zeigen…

7. Dafür bin ich rundum zufrieden mit meinem Flickwerk hier: die beiden Lieblingskleidchen meiner zwei jüngsten Mädels bekamen -inspiriert von diesem Buch hier– handgestichelte Flicken aus den alten, zerschlissenen Jersey-Sachen, die ich in meinem Näh-Schrank genau für solche Zwecke horte. Und sehen damit irgendwie gleich nochmals so liebenswert aus, finde ich. Je mehr ich mit einem Kleidungsstück in Berührung komme, es sehe, anfasse, pflege, repariere, desto mehr wächst es mir ans Herz. Desto mehr wird es Teil meines Lebens, ein Gegenstand, zu dem ich eine Beziehung entwickle, anstatt ihn einfach nur zu benutzen. Und ich merke; ich bin ein Beziehungsmensch. Was für mich zählt, ist die Art und Weise, wie ich empfinde gegenüber der Dinge, Menschen, Orte oder Momente.

8. Und wo wir gerade von Empfindungen sprechen: im Augenblick fühle ich mich hin- und hergerissen zwischen haltlosem Aktivismus und fauler Trägheit. Das Chaos um mich herum nimmt permanent zu. Die fleissige Biene in mir summt darum umso hektischer. Aber mein runder werdender, nicht mehr wirklich leistungsfähiger Körper bremst mich aus. Ich versuche, gelassen zu bleiben und die Balance zu finden zwischen gemütlichen Ruhephasen mit meinen Stricksocken auf dem Sofa und geschäftigem Hantieren mit Mülltüten, Brocki-Boxen und Staubsauger. Aber eigentlich ist das nichts neues. Dieser Spagat gehört zu meinem Leben, soviel habe ich immerhin gelernt. Mit Baby dann umso mehr.

9. Ja, das Baby… Ich habe alle meine 5 Kinder bisher normal und spontan zur Welt bringen dürfen, absolut komplikationslos und relativ rasch bis rasend schnell. Trotzdem bin ich ungeheuer nervös, wenn ich an die bevorstehende Geburts dieses 6. Kindes denke. Alles ist irgendwie anders diesmal. Diese Schwangerschaft war noch happiger als die letzte, die Vor- und Senkwehen für mich ungewöhnlich stark und anhaltend und für mich überhaupt eine neue Erfahrung, und dank der Schwangerschafts-Diabetes, in der ich mir zweimal täglich Insulin spritzen muss, um meinen Blutzuckerspiegel so einigermassen im grünen Bereich zu halten, gibt es nun auch eine Deadline, was meine Kugelzeit betrifft. Die Geburt wird am errechneten Geburts-Termin eingeleitet. An meinem Kühlschrank hängt bereits ein Zettelchen mit Zeit und Datum und ich kann kaum sagen, wie sonderbar sich das Ganze anfühlt. Aber nun denn. So sei es. Hauptsache, es kommt alles gut. Ein bisschen Zeit bleibt ja noch…

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Milo

Gerade befinde ich mich praktisch nonstop auf emotionaler Achterbahnfahrt. Rauf und runter, rauf und runter, wieder rauf und nochmals runter. Unausgeglichener geht nicht, glaubt mir.
Ich weiss nicht genau, woran es liegt. Am noch immer recht neuen Schul-Alltag mit seinen extrem kräfteraubenden Morgenstunden? Daran, dass sich gerade meine bravsten Schul- und Kindergartenkinder, kaum sind sie zuhause, in wahre Nervenbündel verwandeln, die praktisch noch auf der Türschwelle all die sorgsam in ihrem Innersten verwahrten Emotionen und Launen aus sich heraus brechen lassen und keine Gelegenheit verpassen, ihre neu entdeckte Autonomie kämpferisch unter Beweis zu stellen? Sind es meine eigenen Sorgen? Die Angst vor der Geburt? Meine Nervosität, wenn ich nur schon daran denke, dass es ja eigentlich praktisch jeden Moment so weit sein könnte? (Ja, ich weiss, ich habe bereits 5 Kinder komplikationslos geboren, ich dürfte mir eigentlich keine Gedanken machen, das scheint ein gesellschaftliches No-go zu sein.) Oder bin ich einmal mehr ein Spielball meiner Hormone? Vielleicht haben die den Schalter gekippt und veranstalten nun ausgiebigst Psycho-Marionetten-Theater mit mir…
Woran auch immer es liegt; Es ist kein schöner Zustand. Und ich gebe mein Bestes, dass er nicht lange anhält. Ich kämpfe mit allen Waffen, die mir zur Verfügung stehen: „Father Brown“ am einen Abend, eine Volldosis Schlaf am nächsten. Füsse hoch und Nichtstun auf dem Sofa, sobald die Kinder alle aus dem Haus sind. Bewusstes Essen, kein Junk-Food, Süsses nur in Miniatur-Portiönchen, viel Trinken. „Nein danke“ zu allen Verpflichtungen, die nicht unbedingt sein müssen. Socken stricken ab und zu, aber nur, wenn ich auch wirklich Lust dazu habe und niemals, wirklich niemals, weil ich mich dazu verpflichtet fühle (Obwohl ich schon gerne den 2. roten Stiefelstrumpf für meine Kleinste fertig hätte, bevor die Matsch-Saison richtig in die Gänge kommt.)
Vor allem aber versuche ich, gut zu mir zu sein. Mir selber immer wieder zu vergeben. Verständnis mit mir zu haben. Wir Schwangeren tragen manchmal ganz schön schwer. In allen Belangen. Und nicht jeder zeigt dafür das Verständnis, das wir bräuchten. Umso wichtiger, dass wir selber nicht auch noch auf uns herumhacken, unsere wabbeligen Oberschenkel kritisieren, die Tränen belächeln, die der Trotzanfall unseres Kindes auslöst, uns faul und nachlässig schimpfen, weil wir dem ausufernden Haushalts-Chaos nicht mehr Herr werden…

Nachdem ich vor einer Woche das hellblaue Zimmer meiner Grossen herausgeputzt und hübsch hergerichtet hatte, war mir, als wäre meine Seele leicht wie eine Feder, befreit von einem dicken, fetten Stein. Ich liebe Sauberkeit. Ich liebe Schönheit. Ich liebe Reduktion und bewusst gewählte Gegenstände. In einem aufgeräumten, liebevoll wohnlich gestalteten Raum blühe ich förmlich auf.
Das Fotografieren dieser kleine, blauen Kinderweste war darum auch ein ganz besonderes Vergnügen für mich. Weil ich lauter schöne Dinge um mich herum vorfand, ein gemachtes Bett mit glatt gestrichener, blütenweisser Decke und ein akkurat bestücktes Wandregal voller Tochterkind-Schätze. Blitzschnell hatte ich die Bilder im Kasten.
Das Stricken meiner „Milo“ -wie das Strickmuster von Georgie Nicolson heisst- gestaltete sich an sich genauso: Es ging rasch von der Hand, völlig problemlos, eine einzige Freude. Und die Wolle -ein Rest der blauen Strangen „Tosh DK Cobalt“, mit denen ich meinem Pausbackenkind ihren heissgeliebten „Sunday Sweater“ gestrickt hatte- verlor auch bei ihrem 2. Einsatz nichts von ihrem Charme.
Ich hätte mich an Zöpfen versuchen können, die Anleitung hat nämlich gleich mehrere Zopf-Varianten zu bieten, doch ich wollte es schlicht und einfach und kein grosses Tamtam. Die starke Farbe braucht selber Raum zum Leuchten, finde ich. Und ausserdem bin ich mir bis heute nicht sicher, ob ich Zopfmuster überhaupt mag…
Haargenau diese Gefühle hege ich nun allerdings auch gegenüber meiner fertigen Milo: So gerne ich daran gearbeitet habe, so ambivalent sehe ich jetzt das End-Produkt. Ich weiss nicht… Das Ganze kommt mir einfach… mädchenhaft vor irgendwie. Die Brustpartie, die erinnert mich mehr an ein Unterhemdchen als an eine richtige Weste, was mich doch ein bisschen stört, vor allem auch, weil der kleine Junge, für den sie gedacht war, ein rechter Wildfang ist, ein Lausbub wie er im Buche steht. Eine rustikale „Pebbles Vest“ wäre vielleicht doch die bessere Wahl gewesen…

Aber nun denn. Ich habe mir ein Herz gefasst und meine „Milo“ hübsch verpackt einfach mal so verschenkt, wie sie eben ist. Manchmal muss man es einfach wagen, manchmal passt es nämlich genau so und nicht anders trotzdem ganz prima. Und wenn nicht… Dann nehme ich diese kleine, blaue Weste eben einfach wieder zurück, lasse sie auf und fange von vorn an. In einem neuen Muster. Auch sowas darf sein, oder?

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Ausschnitte

Wir haben ein wunderbares Wochenende damit verbracht, Pizzeria-Pizza zu essen, Mascarpone-Cheescake zu backen, Dinge zu verschieben und ein paar kleine Ecken in diesem Haus für uns neu und gemütlich herzurichten. Im hellblauen Zimmer meiner Grossen, in dem sie weder schläft noch Hausaufgaben macht, sich aber ab und zu zurückzieht, wenn sie ganz alleine sein möchte und ein wenig Ruhe braucht, wurde der Staub von den Kanten geblasen, ein stabileres Bett einquartiert und die Lese-Nische unterm Dach kuschelig aufgepolstert. Schön. So still. Friedlich. Hier könnte es mir auch gefallen.

Das antike Schwarzweissbild, das ich ihr zum 10.Geburtstag Ende Juli geschenkt habe, durfte endlich auch an die Wand. Irgendwann im Frühling muss es gewesen sein, als ich es beim Trödler zwischen lauter halb zerfallenen Rahmen entdeckt, und für n’Apfel und n‘ Ei mit nach Hause gebrachte habe. Dass es ihr genauso gut gefällt wie mir, macht mich richtig froh. Aber ich habe nicht wirklich daran gezweifelt. Ich kenn‘ doch mein Mädchen…

Als ich neulich schrieb, ich würde mir etwas Neues, etwas Besonderes wünschen für mein nächstes Strickprojekt, hätte ich wohl kaum mit dem gerechnet, was ich momentan ganz frisch auf meinen Nadeln habe: Nochmals Socken. In Grösse 39. Für mich also. Und hey; sie sind braun. Von Aufregung und Innovation kann also nicht die Rede sein. Aber das muss es auch nicht. Das Garn macht die Musik: herrlisch flauschiges, wunderschön gefärbtes Sockengarn von der Spinnwebstube, mit Merino und Yak und nur einem Bruchteil Nylon, weil ich Naturfasern zwar über alles liebe, mich aber ganz bestimmt nicht in ein paar selbstgemachte Socken vergucke, die dann ratzfatz im Alltagsgefecht durchgescheuert und zerlöchert werden. Ich habe lange überlegt, wie genau ich meine Socken stricken möchte. Ich habe sogar richtig geplant, skizziert, Maschen ausgerechnet und eine erste Socke im Perlmuster begonnen- schliesslich aber alles wieder aufgelassen und beschlossen, diesmal -zum ersten Mal- mehrfarbig zu arbeiten. Braun mit andersfarbeneer Ferse und Spitze und einem kleinen Zierrand gleich nach dem Bündchen. Heute sind weitere Sockenwoll-Strangen hier eingetrudelt. In Goldgelb, Baumgrün, Holz und Asche. Schönheit über Schönheit.

Es gab Brownies heute. Gebacken nach original amerikanischem Rezept. Fudgy und süss und klebrig. Auch wenn ich beim nächsten Mal wahrscheinlich die Zuckermenge um 50-100 gr. reduzieren werde: genau so müssen Brownies sein. Und meine Kleinste und ich hatten unheimlich viel Spass beim Kochsendung-Gucken und Rezepte-Vergleichen auf Youtube… (Dasselbe Rezept findet ihr übrigens auch hier, einfach im Schnelldurchlauf und musikalisch ganz nett untermalt. Und falls jemand sich über eine Übersetzung ins Deutsche freuen würde, hier auf Kirschkernzeit, dann meldet euch ungeniert! So was lässt sich nämlich gut machen, wisst ihr…) Eine süsse Kostprobe unseres nachmittäglichen Backvergnügens wanderte übrigens direkt zu meiner alten Nachbarin. Zum Kaffee. Damit sie auch ein wenig amerikanische Küchenluft schnuppern kann. Die Mädchen freuen sich immer wahnsinnig darauf, bei ihr mit einem Teller homemade Goodies klingeln zu dürfen; sie bekommen nämlich jedes Mal einen Schoko-Riegel, eine süsse Hüppe oder einen Keks zugesteckt…

Dieses Strickmagazin kam neulich bei mir an. Ebenfalls in englisch. Weil ich diese Sprache einfach wahnsinnig gerne mag. Und weil ich Strickmuster liebe und niemals nie genug davon kriegen kann. Allerdings wird diese Ausgabe von „Pompom“ wahrscheinlich zugleich meine Erste und Letzte sein, denn ich bin ein wenig enttäuscht vom Umfang dieses Heftes, obwohl die Bilder fantastisch aussehen und man merkt, dass viel Aufwand um die einzelnen Inhalte betrieben wurde. Aber ausser ein paar zugegeben äusserst hübschen, eher aufwändigen Strickdesigns beinhaltet es… so gut wie gar nichts. Eine reine Strickmustersammlung. Und das bin ich irgendwie nicht gewohnt. „Taproot“ und „Making“ haben mich wohl ein bisschen verwöhnt, denn die wiederum sind für mich Seelen-Nahrung pur.

Das kleine Strampelkind in meinem Bauch erfährt nicht unbedingt viel pränatale Aufmerksamkeit. Meist bin ich einfach nur dankbar, wenn sich mein Bauch und das ganze Thema nicht gross bemerkbar machen und mir genug Energie bleibt, um meinen Alltag einigermassen souverän zu stemmen. Ich finde das Leben ziemlich anspruchsvoll gerade und alles, was sich quer stellt, bringt das Fass zum Überlaufen. Aus Mäusen werden Elefanten, kein Wunder geht das Baby ständig vergessen in all dem Durcheinander.
Diese Woche aber hatte ich phasenweise derart starke Vorwehen, dass ich meine Augen nicht länger davor verschliessen kann: Der Countdown läuft. Die Zeit verrinnt nicht länger, sie strömt bereits ziemlich kraftvoll davon und bringt den Geburtstermin dieses Kindes näher und näher. Und ja, vielleicht kommt es auch früher als erwartet, obwohl das sehr untypisch wäre für mich, aber mit Vorwehen hatte ich bisher ja auch noch nie zu tun, auf keinen Fall mit jenen dieser Art… Nun, das Köfferchen ist jetzt jedenfalls gepackt. Oder vielmehr die Spital-Tasche. (Ich nehme diese hier mit.) Meine Schwester bringt mir ihren Maxicosy für die erste Fahrt im Auto und das, was ich überhaupt noch übrig habe an Säuglingskleidung, ist vom Speicher geholt, gewaschen und einsatzbereit. Keine Ahnung, wann es tatsächlich soweit ist. Es kann im Grunde noch Wochen dauern. Aber es ist ein gutes Gefühl, vorbereitet zu sein.

Jeden Morgen wird mir aufs neue klar; der Sommer liegt im Sterben. Der Hochnebel drückt nach unten, hüllt Häuser und Bäume, den Himmel, den Horizont, alles Leben, alles Sein grau in grau. „Trostlos“ ist das Wort, das mir in den Sinn kommt. Und weil wir alle irgendwie ein bisschen bedrückt und nur zögernd und wehmütig unser warmes Heim verlassen und ich mich völlig unfähig anstelle, die Kinder für die Schule, für ihren Alltag generell zu motiviere, kommt dieses Wort buchstäblich aus tiefster Seele. Trost-los. Da hängt so viel Schwermut in der Luft.

Gestern Abend nach dem Abendbrot ging ich nochmals kurz in den Garten. Abende sind die späten Morgen zu dieser Jahreszeit. Das Bild und die nebelfeuchte Luft sind dieselben. Der letzte Sturm hat zwei unserer Riesen-Sonnenblumen gestürzt und die restlichen haben so schwer an ihren Köpfen zu tragen, dass sie teilweise knicken. Ein trauriges Bild. Und doch so voller Schönheit. Diese tapferen, prallen Sonnen im kalten, milchigen Herbstdunst. Ich stand eine Weile vor dem welkenden Beet. Dann musste ich schreiben. Es gibt Anblicke, die füllen mein Herz mit Worten:

Leise aber vehement und unüberseh-, schlicht nicht länger ignorierbar schleicht sich der Herbst ein. Die wonnigen Freiheitsgefühle des Sommers bekommen einen dünnen Trauerrand. Welke Blätter kräuseln sich, noch halb versteckt zwar. Sie wissen sich zu tarnen, aber ich weiss, dass sie da sind.
Bereit bin ich nicht.
Das bin ich nie.
Doch mein Widerstand bildet Risse angesichts der wilden Schönheit einer üppig gereiften Natur. Ich muss nicht bereit sein, den Sommer ziehen zu lassen.
Ich muss nur annehmen, was ist. Akzeptanz ist eine Kunst, die das Stundenglas der Zeit mich lehrt.

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