Archiv der Kategorie: aus meinem tagebuch

Zur Zeit…

… ist es fürchterlich grau und oftmals auch mitten am Tag so dunkel, dass ich auf die Uhr schauen muss, um mich zu vergewissern, dass nicht bereits der Abend anbricht. Es ist intensiv dezemberlich, dezemberlich in dem Sinne, dass das Licht tatsächlich an allen Ecken und Enden fehlt und die Natur sich -sogar ganz ohne Frost und Schneedecke- still und regungslos zum Winterschlaf niedergelassen hat. Alles ist langsam. Nichts wuselt oder hetzt oder spriesst oder wächst oder schlägt sonstwie Kapriolen.
Gerade habe ich eine Lampe auf meinen kleinen, alten Schreibtisch im lila Zimmer gestellt und ein langes Kabel gezogen, damit ihr Licht auch brennen kann (im mittleren Stock gibt es nur wenige Steckdosen). Jetzt schreibe ich in ihrem wunderbar warmen Schein und finde das wahnsinnig behaglich…

Zur Zeit … lese ich auch wieder. Ein neu erschienenes Buch, das mir meine Schwester A. zum Abschluss ihres „Book-and-Food 2018“- Geburtstagsgeschenkes vom letzten Jahr gegeben hat; jeden Monat habe ich heuer jeweils ein Buch und zum Beispiel selbst gebackene Kekse oder Pralinen oder Tee oder einmal sogar einen hausgemachten Dreikönigskuchen von ihr gekriegt, meist passend zum Thema und immer total delikat. Es war ein absolut grossartiges Geschenk, Bücher und Essen, auf das ich mich jeden Monat vorfreuen konnte- und sie gleich mit, denn die meisten Bücher habe ich ihr dann ausgelesen wieder zurück gegeben, damit sie sich auch noch durchlesen konnte *zwinker* Das Besondere an dieser Art von Geschenk ist ja auch, dass man mindestens einmal im Monat irgendwie in Kontakt kommt. Vielleicht via Paketpost, vielleicht persönlich oder über einen Zwischenkontakt, der Buch und Co. überbringt, so oder so schafft es eine wunderbare Verbindung und gibt erst noch Gesprächsstoff, weil man sich nachher ausführlich über Rezepte oder die (gemeinsame) Lektüre austauschen kann. Man muss auch gar nicht unbedingt neue Bücher wählen: meine Schwester hat mir zwischendurch auch Bücher eingepackt, die sie gratis in der Bücherkiste ihres Hausblockes fand. Oder einfach ein Buch, auf das sie selbst schon schrecklich neugierig war und es unbedingt haben musste. Manchmal wurde dazu gebacken und gekocht, dann wieder war die Zeit einfach zu knapp und es kam ein süsses Mitbringsel aus ihrem Kurzurlaub dazu…
Bei diesem letzten Buch hier, „Die Reise der Amy Snow“, bin ich erst ganz am Anfang, aber der Schreibstil ist wirklich schön, so elegant und überlegt und zurückhaltend und fast gar nicht kitschig, was mich sehr freut. Die perfekte Winterabend-Lektüre zwischen Strickzeug und Tee und einer Extraschicht Bettdecken. Ich freue mich drauf!
Auch wenn es schade ist, dass mein „Jahres-Abo“ damit bereits wieder vorbei ist… *snif*

Zur Zeit… ringe ich Tag für Tag aufs Neue mit mir und meiner Trägheit und gebe mein Bestes, mich wenigstens für ein halbes Stündchen an die Nähmaschine zu setzen: Seit Ewigkeiten hängen hier nämlich keine Gardinen an den Badezimmerfenstern. Sondern bloss mit Wäscheklammern angepinnte bunte Seidentücher, die es einem unmöglich machen, die Fenster zu öffnen, ohne sie gleichzeitig zu enthüllen.
Das. muss. sich. endlich. ändern.
Ende letzter Woche habe ich darum Stoff bestellt. Double Gauze. Damit Licht durchkommt, aber kein Blick rein, selbst nachts nicht, wenn innen drin Licht brennt und draussen vor dem Fenster die Autos mit Scheinwerferstrahl an uns vorüberfahren. Diesen Print hier, „En Garden“ von „Nano Iro“ finde ich traumhaft romantisch, und sein Cremeweiss harmoniert fantastisch mit den eierschalefarbenen Plättchen im Bad *schmacht*. Einen Vorhang hab ich jetzt immerhin. Mein Tagessoll für heute ist getan.

Zur Zeit… könnte ich permanent essen. Suppe am liebsten, ganz dick, mit Hafer und Lauch und Spinat und Zwiebeln und Grünzeug aller Art drin. Oder Plätzchen. Die gehen immer, zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Ganz so bunt und glitzersüss wie auf dem Foto werden diejenigen, die ich mit den Kindern mache, bzw machen will, aber nicht. Ich bin weniger der Streuseltyp, mehr so ein… Plätzchen-Purist, würde ich sagen. Aber trotzdem war es wunderbar, wie meine Mama neulich hier die Küche in die reinste Weihnachtsbäckerei verwandelte und mit meinen drei Mädchen Stunde um Stunde Teig knetend und Guetzli verzierend in Erinnerungsgold verwandelte.
Omas sind so wertvoll. Unbezahlbar.
Darum sind auch diese bunten Mailänderli -die allerersten Weihnachtskekse der Saison- in meinen Augen einfach unschlagbar gut und schön geworden. Nicht nur das Auge isst mit. Das Herz tut es auch.

Zur Zeit… fühle ich mich richtig wohl in dieser ruhigen, unaufgeregten Blase, in der wir uns befinden. Wir haben das Weihnachtswichteln einmal mehr ausfallen lassen. Planen nichts, müssen nichts, kennen keine Hektik (ausser morgens, wenn alle zur Schule sollen und keiner es will und alles aus dem Takt gerät). Es kommt mir völlig richtig vor so. Rund und natürlich. Irgendwie scheinen alle gerade vor allem eines zu brauchen: Gelassenheit. Pausen. Geborgenheit. Und ich spüre, dass sich genau diese Dinge momentan recht fliessend und ganz von selbst einfinden, solange ich selber mehr als nur einen Gang zurück schalte und mich nicht unter Druck setze mit einem kreativen Projekte-Rausch oder dem unsinnigen Gedanken, unser Haus und unseren Alltag unbedingt „weihnachtlich“ gestalten zu müssen.
Mir ist es weihnachtlich genug: Die Bienenwachskerze auf unserem Küchentisch brennt praktisch ununterbrochen. Jeden Tag hänge ich einen Strohstern mehr an das feine Leinenband über dem Buffet (ein Kalender von meiner Freundin Susi aus dem Dorf). Wir essen Weihnachtsguetzli (ich sollte mich wohl dringendst um Nachschub kümmern, das Kind auf dem Foto isst übrigens auch gerade so einen rosa Keks) und winterliche Dinge wie Datteln, Mandarinen, Haferkern-Suppe und Rosenkohl. Es wird viel gelesen. Hörspiele werden gehört, ab und zu ein Spiel gespielt (noch immer zu selten, ich gebe es zu), und die Kinder spielen oder zeichnen oder machen Hausaufgaben, während ich wieder ein Zimmer aufräume. Es klingt alles sehr idyllisch. Und obwohl wir ganz ehrlich meistens alles andere sind als eine idyllische, ruhige, gesittete Familie, stimmt es für einmal sogar: im Augenblick scheint die Idylle wirklich zum Greifen nah, sogar bereit den einen oder anderen Moment zu verweilen…

 

 

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zurück

Zurück. Ich denke, ich bin auf dem Weg… zurück. Ins Hier und Jetzt. In mein Leben. Starke Emotionen und all sowas brauchen ihre Zeit und ich war noch nie jemand, der einfach so hinweggehen kann über traurige Geschichten und Schicksalsschläge, die mich bewegen oder mir begegnen. Ich gehe immer eine Zeit lang mit. Nachdenklich und bedrückt und ein Stück weit absorbiert. Das war schon immer so. Und so wird es wohl bleiben. Diese Art gehört einfach zu mir, denke ich.
Aber so langsam bin ich wieder mehr in mir selbst verankert. Ich grüble nicht mehr so stark. Der Brief, den ich tatsächlich noch an die Hinterbliebenen dieses Jungen geschrieben habe (vielen Dank für eure Ermutigung!), hat auch mir selbst sehr gut getan und war ein heilsamer, wichtiger Schritt, das Thema loszulassen. Am Wichtigsten aber war die Abdankung am letzten Wochenende, in einer vollen Kirche, wo die Schulklasse seine Lieblingslieder vortrug, die er sich im Musikunterricht immer gewünscht hatte, wo so viel aus seinem Leben geteilt wurde und alle Abschied nehmen konnten. Mein Ältester sass ebenfalls in den Reihen, betete und sang, nahm Anteil. Für mich war das wahnsinnig wichtig, dass er da war; gerade weil ich weiss, dass sich so ein Moment nicht wiederholen lässt und nur bewusst und klar abgeschlossene Geschichten ein richtiges Ende finden. Nachher sassen Lehrer und Schüler noch lange Zeit zusammen, den ganzen Nachmittag lang, wenn ich es mir recht überlege. Sie sassen zusammen, assen Flammkuchen und redeten über dies und jenes und alles mögliche. Ich liebe dieses Bild: Dass Lehrer und Schüler sich so finden können. In einem Moment wie diesem. Das hat eine wahnsinnig starke Botschaft.

Gut tut es mir im Moment auch, zu sehen, wie Menschen sich kümmern; Die volle Kirche. Dass die Leute über diesen Tod sprechen und Betroffenheit zeigen. Briefe schreiben. Beten. Kerzen anzünden. In Zeiten wie diesen, wo jeden Tag Mord, Totschlag und Terror die Schlagzeilen regieren, scheint es, als wären diese Fähigkeiten -Mitfühlen und Anteil nehmen- gefährdet. Weil wir uns automatisch emotional wappnen und verschliessen, es auch müssen, um überhaupt noch froh sein zu können. Es wird gesagt, die Menschen würden verlernen, empathisch zu sein. Doch daran glaube ich nicht. Meine eigene Erfahrung lehrt mich nämlich anderes: Sobald Leid, Not und Schicksalsschläge ganz real vor uns stehen, reagieren wir. Die meisten von uns zumindest. Und die Reaktion ist: Helfen. Lindern. Unterstützen. Teilen.
Vor einem Jahr lief ich wieder an einen Verkehrsunfall heran. Involviert waren ein Auto und eine Jugendliche, die danach mit Schädelbruch ins Spital eingeliefert werden musste (Bis zum Bericht in der Zeitung war ich allerdings im Ungewissen und rechnete mit dem Schlimmsten, denn sie war bewusstlos und in schlimmem Zustand).
Ich will jetzt hier nicht allzuviel erzählen, aber was mir wirklich ans Herz ging war die Schnelligkeit und Kompromisslosigkeit mit der die Leute zusammenströmten, um all die Dinge zu tun, die getan werden mussten: Manche riegelten die Strasse ab und leiteten den Verkehr um (Eine davon ich. Ohne Leucht-Weste. Seither habe ich eine. Und auch ein Pannendreieck), andere leisteten erste Hilfe, wieder andere riefen die Polizei und den Notarzt und immer wieder kamen Leute, die fragten, ob sie irgendwie helfen könnten… Mir ging das sehr nahe. Alles. Der Unfall selbst und die Bilder, die dazu gehörten, aber auch dieses plötzliche Miteinander, das buchstäblich ein Leben rettete.
Genau das ist es auch, das mir jetzt gerade wieder so gut tut: Zu sehen, dass ich nicht alleine bin.
An meinem Geburtstag vor ein paar Tagen zum Beispiel… Meine Familie hat sich richtig viel Mühe gemacht, mit Truffes-Torte, die mein Mann noch um Mitternacht direkt nach seinem Feuerwehr-Jahresabschluss-Essen für mich gebacken hat, mit Kinderbasteleien und einem Gutschein für einen Tanzkurs, mit Pizza-Abend, vielen Knuddels und lauter über den Tag verteilten kleinen Nettigkeiten, von Glückwunsch-SMS über spontane Kurzbesuche bis hin zu Überraschungspaketen… Es sind all diese Gesten, die zählen. Sie haben mir wieder neuen Antrieb geschenkt und einen optimistischeren Blick nach vorn.

Gerade finde ich mich wieder neu ein. In meinem Alltag. Und lasse die schmerzlichen Gedanken an Tod und Trauer von neuem los. Meine Kleine hat zwei ihrer Milchzähne verloren, nur wenige Tage nacheinander. Sie ist stolz auf ihre Zahnlücken. Und wahnsinnig erleichtert, dass das Gewackel und Gezappel im Mund endlich ein (vorläufiges) Ende hat.
Meine Grosse wiederum hat sich dafür in der letzten Turnstunde zwei Schneidezahn-Ecken ausgeschlagen und musste notfallmässig zum Zahnarzt mit mir.
Ich koche auch wieder jeden Tag, so gut ich kann, bin aber immer wieder enttäuscht, wenn ich sehe, dass ausgerechnet meine allerschönsten und sorgfältigst gekochten Gerichte nur verzogene Mienen und einen Extra-Run auf den simplen grünen Salat ernten. Die schöne Gemüse-Quiche neulich, mit selbst gemachtem Mürbeteig und einem tadellos geratenen Belag und Guss, fand überhaupt keinen Anklang, was mich sogar ein paar Tränchen kostete, denn ich hatte mir wirklich sehr viel Mühe gegeben.
Meine allerneueste Entdeckung in der Küche ist auch wieder etwas, das offensichtlich nur mich begeistern kann: Ingwerwasser bzw. Ingwertee nature, heiss oder kalt getrunken und immer aus frischer Ingwerwurzeln (die sogar unser kleiner Dorfladen führt, und der hat sonst bloss Äpfel und Saisonfrüchte). Bisher war ich ja überzeugt gewesen, Ingwer fürchterlich scheusslich zu finden, genauso wie Süssholz, was mir die Sache mit den Gewürztees ziemlich erschwerte, denn Ingwer und Süssholz sind offensichtlich Lieblings-Ingredienzien in Yogi Tees und Co. Seit ein paar Tagen und einem mutigen Selbstversuch weiss ich aber; frischer Ingwer schmeckt mir sehr viel besser und irgendwie weniger scharf als das getrocknete Zeug aus dem Glas bzw. aus dem Teebeutel. Ich mag es! Und mein Magen stimmt mir zu; Ingwer wird gerne gegen Übelkeit und Magenverstimmungen getrunken, womit ich ja immer mal wieder zu kämpfen habe mit meinem Sensibelchen von Bauch.

Gerade habe ich übrigens absolut superspontan eine Mütze angeschlagen; eine „Classic Cuffed Hat“ von Purl Soho aus einem Knäuel sehr dicker „Tosh Chunky“, die schon seit Jahren hier herum lag und Staub ansetzte. Ich hatte diesen Insta-Post hier beim Strickcafé gesehen und wusste sofort: Die will ich auch haben! Allerdings nicht unbedingt in Pink. Ich habe sogar schon Wolle bestellt dafür. Dunkelgrüne Malabrigo, weil ich Dunkelgrün so schön finde. (Eine Ausnahme! Ich stricke noch immer weg, was das Zeug hält und bin äusserst sparsam mit Neuanschaffungen fürs Wollregal) Bis die neue Wolle hier eintrudelt, wollte ich mich schon mal ein bisschen einwärmen und machte gleich Nägel mit Köpfen: Ihr seht auf dem Foto zwar erst die ersten paar Strick-Runden, aber ganz ehrlich; gerade ist sie fertig geworden, meine „Classic Cuffed Hat“, sehr classic und mit dickem Rand. Sehen, machen, fertig werden: das ist es, wonach mir gerade zumute ist im Moment. Ich finde das einfach… sehr optimistisch. Warum auch immer.

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die eine Seite der Waagschale

„Früher habe ich den Herbst geliebt. Jetzt beginne ich, ihn zu hassen. Wenn die Natur mein Innerstes widerspiegelt, wirkt das verheerend.
Der Sommer hingegen bildet ein Gegengewicht. Er stösst die Waagschale gegenüber nach unten und bringt mich – zurück?- in Balance.“
(Ein Tagebucheintrag dieser Tage)

Gerade finde ich es eher schwierig.
Die Düsternis macht mir zu schaffen.
Wieder.
Egal wie hell und schön und gut alles wird zwischendurch- sie kehrt immer wieder zurück. Um wieder zu gehen, klar, das weiss ich mittlerweile. Das Pendel schwingt vor und zurück und je heftiger es in die eine Richtung rast, desto stärker kehrt es wieder. Das entspannt und bedrückt mich gleichermassen.
Neulich habe ich einen Artikel zum Thema PMS bzw. PMDD/PMDS (Prämenstruelle Dsyphorische Störung) gelesen und notiere mir seither, wie ich mich ungefähr wann innerhalb meines Zyklus fühle, wo es mir besonders gut oder besonders schlecht geht und wie genau die Symptome sich dabei entwickeln. Vielleicht wird mir das weiterhelfen, vielleicht aber auch nicht. Und manchmal ist auch klar, dass es andere Dinge sind, die mich belasten als „nur“ ein unausgeglichener Hormonhaushalt…
Es hat einen Todesfall gegeben im Kollegenkreis meines Erstgeborenen.
Suizid.
Mit 17.
Ich finde das unbeschreiblich schlimm und traurig und weine mich seither jeden Abend in den Schlaf, obwohl ich den Jungen noch nicht einmal gekannt habe. Aber diese Tragik und das Leid, das diese ganze Geschichte umgibt, vorher, währenddessen, danach… das ist einfach mehr als ich ertragen kann. Ich überlege die ganze Zeit, ob ich den Eltern einen Brief schreiben soll. Oder lieber nicht. Ich weiss nicht, was hier gut ist und was schlecht und jedes Mal, wenn ich mir vorstelle, wie sie sich jetzt, in diesem Moment wohl fühlen, welche Kämpfe, welchen Schmerz sie jetzt, in diesem Augenblick, zu ertragen haben… dann weiss ich nicht mehr weiter und betäube mich mit Arbeit, Essen oder Musik.
Ich bin froh, dass mein Sohn nicht schweigt. Er redet mit mir über all das. Wie unfassbar es ihm erscheint und dass er seinen Kameraden am Tag seines Todes noch „ganz normal und fast fröhlich“ von der Schule hat nach Hause gehen sehen. „Und vielleicht hat er da alles schon geplant. Du musst dir einmal vorstellen, wie das ist; du weisst genau, ‚das ist jetzt das letzte Mal, dass ich etwas esse‘. Du machst alles zum letzten Mal…“
Ja,
denke ich, und du weisst, du siehst sie alle zum letzten Mal. Sie hingegen wissen es nicht. Die Einsamkeit dieses Moments muss unerträglich sein.

Es ist Hauptthema an der Schule im Moment. Die Schüler tragen ihre Erinnerungen und gemeinsamen Erlebnisse mit ihrem Mitschüler automatisch zusammen und teilen ihre Erfahrungs-Bilder, bis sie zu einer Art Patchworkdecke werden, in der sie ihren Freund gleichsam einpacken und für sich in ihren Herzen bewahren.
Während ich mir das notiere, läuft mir wieder eine Träne übers Gesicht.
Ich muss das langsam ablegen.
Aber gleichzeitig möchte ich mir Zeit lassen damit.
Sonderbar. Man lebt so viele Widersprüche.
Ich habe jetzt eine Kerze in der Küche angezündet, ganz frisch und aus duftendem Bienenwachs. Sie brennt für diesen Jungen. Für seine Familie. Für alle die leiden und trauern. Fürs Erinnern und Beten und die Erhaltung des Mitgefühls.

Wahrscheinlich werde ich bald wieder schreiben. Hier, meine ich. Ein bisschen berichten. Über andere Dinge, die schöner sind und nicht so dermassen schwer und bedrückend. Eigentlich lasse ich einen Text wie diesen ungern so stehen; unaufgelöst.
Aber so sind die Dinge nunmal im Moment. So ist das Leben. Manchmal. Unaufgelöst. Im Vakuum. In der Schwebe. Das muss man wohl aushalten können.
Ich weiss nicht, ob ich es jemals lernen werde.

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Einen Fuss vor den anderen setzen

Fünfzehn Minuten. So viel Zeit habe ich mir für diesen Post hier frei genommen. Dann muss ich wieder los, weiterhetzen, denn die Aufgaben sind viele und mein Tag so klein wie jeder andere auch. Das Bad müsste geputzt werden, bzw. besser gleich 3 davon (ja, wir haben ein ziemlich grosses Haus) und die Küche sieht immer noch nach Mittagspause aus, voller Essen, Pfannen, dreckigen Tellern und wahrscheinlich liegen auch noch überall Glacé-Papierchen herum vom raschen Nachtisch…
Ich hatte nie etwas gegen Arbeit. Eigentlich, denke ich, bin ich ein fleissiger Mensch und es tut mir ganz gut, wenn etwas läuft und die Räder sich drehen. Es ist gut, eine Aufgabe zu haben. Vor allem, wenn man zur Schwermut neigt und den Herbst kaum verkraftet mit all seinem Grau und seiner bedrückenden Stille.
Im Augenblick aber ist es weniger die äusserliche Arbeit, die mir am Herzen liegt. Natürlich, ein sauberes Haus macht meine Seele leicht, die Harmonie eines liebevoll gepflegten Zuhauses fliesst sofort in mich ein und nimmt viel von der Düsternis, die mich immer wieder heimsucht, aber im Augenblick gibt es Wichtigeres zu tun für mich, als zu putzen oder Dinge von einem Ort an den nächsten zu verschieben; Ich lerne. Lerne, mich selber immer besser kennen, wer ich noch bin zwischen all den Schichten an Rollen und Verhaltensmustern. Meine Wünsche und Bedürfnisse bahnen sich gerade einen Weg nach oben und sprechen urplötzlich eine klarere Sprache als noch vor einem Jahr oder früher. Mit bald 40 ist das wohl so. Und es ist gut so, wie es ist.
„Gerade bin ich stark daran, mir selber mehr Freiheiten zu erkämpfen. Zb. möchte ich wieder mehr ausgehen, an Konzerte oder auch einfach mal irgendwohin auf ein Feierabendbier mit einer Freundin (Ich baue mir diesen Kreis gerade erst wieder auf). Ich BRAUCHE das jetzt einfach ganz schrecklich!“ Das habe ich gerade vor ein paar Minuten in einer Mail an eine Bloggerfreundin geschrieben. Und ja, es ist wahr; Ich brauche das. Menschen um mich herum. Frauen, die mir ähnlich sind oder auch ganz anders. Kleine Freiheiten. Lebensenergie. Kunst. Musik. Wieder mehr von dem leben, was mir früher so lieb war.
Demnächst werde ich tatsächlich an ein kleines Konzert gehen, ganz in der Nähe, und eine alte Freundin, mit der ich fast 3 Jahre lang zeit- und energiebedingt keinen Kontakt mehr hatte, organisiert es gleich selber.
Ich mag tatkräftige, starke Frauen.
Dass bei all dem meine Handarbeiten ein wenig brachliegen, erstaunt mich kaum. Ich glaube, mit Stricken und Nähen und dem kreativen Leben zuhause, fülle ich vor allem auch Lücken, die sich vorübergehend einfach nicht anders schliessen lassen. Strickmützen statt Tanzkurs, Quilts anstelle von verlässlichen, alltagsgelebten Freundschaften.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Ventile gefunden habe; zu stricken tut mir gut, sehr sogar, und ich glaube, Wolle und Stoffe haben mir ein Stück weit wirklich den Verstand gerettet, als es nichts weiter in meinem Leben zu geben schien als Hektik, Babyweinen, durchlöcherte Nächte und Kriesengespräche an der Schule. Sie waren ein Rettungsanker in der Not.
Und sie sind es immer noch. Auch treue Freunde. In allen Lebenslagen. Es ist immer noch schön, abends meine Babywolldecke in Progress heraus zu kramen und weiter ein paar Reihen in einer neuen Farbe anzustricken. Langsam, langsam, einen Fuss vor den anderen setzend. Aber ich habe immer weniger das drängende Gefühl, vorwärts hetzen zu müssen. Fertig sein zu wollen. Mehr und noch mehr und bessere Resultate erzielen zu wollen.
Dass diese kraus rechte kleine Decke im Schneckentempo fertig wird?
Was macht das schon?
Dass mein grüner Wollpullover noch keine 10 Reihen weit gekommen ist?
Völlig in Ordnung.
Dass es wohl Jahre dauern wird bis mein schwarz-rot-brauner Quilt -diese Woche tatsächlich fertig geworden!- all seine knallroten Quiltingknoten bekommen hat?
Keine grosse Sache.
Nur das kleine, silbergraue Zwergenmützchen für meinen süssen Babyneffen, das sollte wohl schon so langsam fertig werden. Der Herbst kennt keine Gnade; er wird demnächst zum Winter. Und der Kleine wächst und wächst und wächst. Vielleicht also doch noch einmal Wollmützchenstricken statt mich im Dorflokal zu verplaudern, hihi. Oder nein, ich nehm das Ding einfach mit; Strickcafé-Treffen gibt’s hier ja bisher noch keine…

PS. Damit ich hier keine Gerüchte streue: Nein, natürlich bin ich nicht jeden Abend unterwegs. Bei weitem nicht. Also wirklich bei. weitem. nicht. Aber ich wäre es gerne ein wenig öfters. *zwinker* Ein, zweimal pro Monat wäre immerhin ein netter Anfang.

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