Archiv der Kategorie: aus meinem tagebuch

berührt: Grenzen

“Berührt” heisst für mich;
Ab und zu möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas  inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)

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Dieses kleine Stilleben vom Frühstückstisch hier tut mir so gut. Da ist Kaffee, einer meiner allerneuesten handgemachten und so wunderschönen Tonbecherchen, ein angeknabbertes Darvida (weil Kaffee auf leerem Magen einfach nicht mehr geht), ein alter Tonkrug und von den Kindern verstreutes Ovomaltinepulver, und alles trägt die Handschrift des Herbstes; Braun.
Braun ist warm und gut.
Ich liebe Braun. Braun ist mir die liebste aller Farben.
Es ist so, wie ich gern wäre.
Es erinnert mich an Erdboden, an Rückzug und Geborgenheit und daran, dass ich anscheinend ein Mensch bin, der genau diese Dinge ganz besonders braucht, Bodenhaftung, Für-mich-sein, Mich-sicher-fühlen. Ich wusste gar nicht, wie dünnhäutig ich bin gegenüber Reizen von aussen- bis ich vorgestern mit meiner Familie im Europa Park war… und schlussendlich heulend und vollkommen erschlagen auf einer Bank vor der “Arthur”-Bahn hockte. All die Geräusche, die (für mein Empfinden) unglaublich vielen Menschen, das Hin- und Her und permanente Bewegtsein in der Öffentlichkeit, die Unmöglichkeit, sich zurück zu ziehen… das alles hat mich schlichtweg überwältigt. Es war einfach zu viel. Dabei bin ich selber auf keiner Bahn mitgefahren, habe nur zugesehen und gewartet und hatte kleine Kinder im Schlepptau, die mit all den Eindrücken offenbar spielend fertig wurden.
Sonderbar. Und so schade… Ich wollte, ich hätte mich selber besser im Griff und könnte einfach sein, wie andere auch. Nicht immer so mimosenhaft und spielverderberisch.
Aber eben. Heute ist Braun. Geborgen und sicher und mit einem Grundton von Ruhe. Und ich habe ein Stück weit mehr gelernt, wo meine Grenzen sind. Und dass ich die wahren muss. Weil es sonst einfach nicht schön ist. Für mich nicht und für die anderen auch nicht.

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ein Bild erzählt: stille Zeit

Manchmal sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Und manchmal hilft ein Bild auch, Worte zu finden, Dinge neu zu sehen, den Moment besser zu erfassen, den Alltag zu ent-wirren, Alltags-Erinnerungen zu schaffen. So wie hier.
Ein Bild erzählt

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Herr Kirschkernzeit ist krank. Jetzt hat es den Ärmsten zu guter Letzt auch noch erwischt. Das einzig Positive an der Sache ist, dass ich meine Kleinste heut’ früh ausnahmsweise bei uns im Bett weiterschlafen lassen kann, während ich mich mit meinem Kindergartenmädchen auf den Weg zum Kindsgi mache. Sonst muss ich sie jeden Morgen aus dem schönsten Schlummer reissen, weil ich ein 2jähriges Kind ganz bestimmt nicht alleine zuhause lasse, und sei es auch nur für 15 Minuten.
Doch heute bleibt Zeit für mich und meine Zweitjüngste, wir gehen entspannt los und kommen entspannt beim Kindergarten an. Der Abschied wird natürlich weniger entspannt, aber irgendwie haben wir uns alle auch daran schon ein bisschen gewöhnt, und während sie noch mit ein, zwei Tränchen kämpft und ich mich langsam loseise, entdeckt sie quasi mitten im Protest ein Krabbelvieh am Türrahmen -“Oh, ä Raupä!”- wechselt augenblicklich den Tonfall von entrüstet-verzweifelt zu verwundert-fasziniert, winkt mir fast abwesend noch ein paar Mal zu und beschäftigt sich dann sofort ausgiebig mit der kleinen, grünen Raupe, die mir in diesem Augenblick vorkommt wie ein Geschenk von oben.
Als ich zuhause über die Schwelle trete, ist das Haus still, Mann und Kind schlafen offenbar noch. Ich koche mir Kaffee und habe urplötzlich Lust, in der Bibel zu lesen, etwas, das ich schon seit Monaten nicht mehr getan habe. Interessanterweise fällt mir im Geschirrschrank eine alte Teetasse auf, von der ich schon ganz vergessen hatte, dass ich sie habe: Weiss ist sie, ein bisschen von Hand bemalt. In goldenen Lettern steht “Love the giver” darauf.
Es passt. Alles. Auf dem Tisch ein Strauss Eichel-Ästchen vom gestrigen Sonntags-Spaziergang im allerschönsten, wärmsten Honig-Gold-Braun, und daneben liegt eine liebe Postkarte von Rita, die mir gleich darauf als Lesezeichen zwischen meinen Bibelseiten dienen wird. Ich trinke meinen Kaffee langsam und gemütlich und zünde mir höchst feierlich eine kleine Kerze an.
So sollte es immer sein. So friedlich und sinn-voll.
Ich mag diesen Morgen. Er verspricht so viel. Und hält es auch.

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berührt: ausmustern und so

“Berührt” heisst für mich;
Ab und zu möchte ich mein Augenmerk auf all die Dinge und Momente richten,
die mich wirklich berühren.
Wo mich etwas  inspiriert, anrührt, wo ich fühle, spüre, zum Denken komme.
Wo sich etwas bewegt, innen im Verborgenen oder ganz greifbar und sichtbar vor meinen Augen.
Mal voller Freude, mal nachdenklich oder sentimental, mal montags, mal sonnabends, wortreich oder stumm…
So wie es im Augenblick gerade richtig scheint.
(Und wer immer mitmachen möchte, ist ganz herzlich eingeladen.)

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Ich habe es gerne ordentlich. Ausnehmend gern sogar. Und gerade in meiner Küche versuche ich immer wieder, das anscheinend Unmögliche möglich zu machen und loszukommen von den Dingen, um mehr Raum für uns Menschen zu schaffen. Gerade bei den Kochbüchern sortiere ich immer wieder aus, was ich nicht oft benutze, und in meinem Rezepteordner bin ich eisern, wenn es darum geht, Sosolala-Rezept-Ausrisse nach dem ersten nicht wirklich überzeugenden Nachkochversuch auszumustern.
Aber. Ich merke auch, dass es Dinge gibt, gerade auch Bücher oder Rezepte, die ich einfach gerne um mich habe, obwohl ich kaum je Verwendung für sie finde. Manche englischsprachige Kochbücher zum Beispiel, machen mir das Kochen zwar schwer mit ihren Cups und Ounzes und all den merkwürdigen und einfach unpraktischen Masseinheiten, trotzdem mag ich sie. Manchmal ist es einfach ihre Inspiration, die mir gut tut, die kleine Möglichkeit, für einen Augenblick Seiten-blätternd in eine andere Welt zu verschwinden und von guten Dinge oder anderen Lebensentwürfen zu träumen. (Bei diesem Buch z.B. ist das so. Ich gebrauche es nie. Doch ich lese so gerne darin.)

So geht es mir mit vielen Dingen in diesem Haus. Ich stolpere permanent über irgendwelchen Kram und raufe mir die Haare, weil ich einsehen muss, dass ich dem Chaos niemals Herr werden kann. Einer der Gründ dafür ist mein mangelndes Durchhaltevermögen, wenn es darum geht, den Kindern so was wie Ordentlichkeit beizubringen, ein anderer der, dass das Haus unfertig, riesig und verwinkelt ist und man jedes Mal gefühlt meilenweit laufen muss, um die Dinge wieder an ihr rechtes Ort zu bringen.
Vielleicht haben wir auch einfach zu viel Zeugs.
Weil der KonMari-Ansatz des “schnellen Ausmmistens in einem Rutsch” bei uns nicht funktioniert (zu wenig Zeit, zu viele involvierte Persönlichkeiten), habe ich angefangen, mir kleinere Wegschaff-Happen vorzunehmen. Dann steht einfach mal wieder “10 Dinge weg” auf meiner To-do-Liste.
Ob es jemand ein Ende findet?
Na, ich weiss nicht recht…
Auf der anderen Seite denke ich manchmal auch: Der ganze Hipe ums Reduzieren ist vielleicht -bei mir auf jeden Fall- auch einfach nur ein weiterer Versuch, von anderen Mängeln und unerfüllten Bedürfnissen im eigenen Leben abzulenken, den Blick umzuleiten, weg vom Menschen, hin zum Ding, was dann einmal mehr in die Irre führt und doch irgendwie sinnbildlich ist für unsere Gesellschaft… Im Ablenken sind wir Menschen doch irgendwie ziemlich gut, oder? Fakt ist nämlich: Sobald ich mich wohl fühle und zufrieden und ausgefüllt bin, fällt mir das ganze Tohuwabohu in meinem Haus eigentlich gar nicht mehr gross auf, und ich käme wohl nie auf den Gedanken, meine Zeit zum wiederholten Mal mit dem Aussortieren meiner gerade mal 14 Kochbücher zu vertrödeln…

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In Feierlaune

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Wir hatten volle Tage. Reiche Tage. Und sind noch immer mittendrin in Festtagsstimmung und Feierlaune.
Zuerst zwei Tage Marktgetümmel und ein wirklich einmalig heimeliges Dorffest rund um die Uhr. Sie sperren hier immer die Strasse vor unserem Haus, und es ist unendlich schön, dann Tag und Nacht darauf herumspazieren zu können, zu sehen, wie die Marktfahrer ihre Buden aufstellen und Schätze auspacken wie handgestrickte Socken, Bergkäse und Bündner Salsiz, Kürbisse in allen Formen und Farben, Getöpferte Hexenhäuschen und Taschen und Täschchen aus Wachstuch (Genau das hab ich mir dann auch gekauft. Ein Picknickbeutelchen aus abwaschbarem Stoff, schön türkis mit Sternen drauf). Es gibt immer Unmengen zu Essen, von Thailändisch (die Mama eines ehemaligen Schulgspäänlis von Kind1 kommt aus Thailand und kocht selbst) über Eritreisch (oder wie das heisst), von Kebap bis Öpfelchüechli. Wir geben jedes Mal unsinnig viel Geld aus und mampfen uns immer querfeldein durchs Sortiment, aber das geniessen wir dann auch in vollen Zügen- es ist ja schliesslich ein Fest und nur einmal im Jahr. Die Kinder waren oftmals auf eigene Faust unterwegs, allein mitten im Getümmel ihres Heimatdorfes, je nach Alter kürzer oder länger, nur die beiden Kleinsten wurden natürlich von uns begleitet und zogen uns wieder und wieder mit einem spitzbübischen Grinsen aus dem Haus. Wieder los, untergetaucht in der fröhlichen Menge, die unsere Gassen plötzlich bevölkerte. Abends wird mir dann jeweils klar, dass ich kaum je Zeit hatte, einfach nur zu sitzen. Aber es macht mir nichts aus. Ich lebe normalerweise ein eher zurückgezogenes Leben, obwohl ich im Dorf wohne und die Menschen liebe. Ein paar Tage Vollblut-Herdenmitglied tut mir an sich sehr gut. Ich freue mich, wenn jemand mich anspricht und tauche dann nur zu gerne ein in Klatsch und Tratsch oder schaue einfach nur zu, wie die Welt um mich herum farbenfroh pulsiert.
Nicht vergessen werde ich: Das Strahlen meiner Grossen, als das Sesselkarussell sie höher und höher fliegen liess. Kind2 und sein Dürüm, auf den er sich ein ganzes Jahr lang schon gefreut hatte. Kind1 mit seiner Jugendgruppe und wie er so ganz selbstverständlich an der Kasse des Marktzügleins stand, um Tickets zu verkaufen oder sich als junger Fahrbegleiter auf einen der kleinen Waggons schwingen liess. (Er ist so gross geworden. Männlich. Und auch ein klitzekleines bisschen vernünftiger. Schön.)
Ich erinnere mich daran, wie mir der Wirt der Beiz vis-à-vis jedes Mal, wenn ich auch nur in der Nähe seines Tresens stand, mit einem Zwinkern ein Glas in die Hand drückte, mal mit einem schaurig hochprozentigen CaiPirinha mal mit süssem Apfelwein- und wie sehr mich diese Geste gerührt hat, obwohl ich jedes Mal nach zwei, drei Schlückchen den Inhalt meines Glases diskret irgendwo verschwinden liess. Ich denke zurück an den Karussell-Mitarbeiter, der meinen Kindern ein Extrabillet geschenkt hat. An die grandiose Fasnachtsgugge, bei der von Kind (7 Jahre alt vielleicht und mit kleiner Pauke) bis Oma alles vertreten war und die Schlagzeuger einem den Rythmus in die Beine fahren liessen. An die dorfeigene Musikgruppe, die Andreas Gabaliers “I sing a Liad für Di” gespielt hat, und zwar so schön, dass es sogar mir gefallen hat, obwohl Andreas Gabalier mich normalerweise nicht unbedingt vom Hocker haut.
Ja, es war ein schönes Fest.
Und heute auch wieder; Kind2 wurde elf. Und irgendwie ging einfach eins ins andere über, kaum waren draussen die Zelte und Budern wieder abgebaut und meine Beine wieder einigermassen erholt, ging’s an Cookiesbacken für den Geburtstagsznüni in der Schule, Geschenke wurden last-minute-zusammengesucht oder fertig gebastelt und ich gab mir alle Mühe, ihm einen hübschen Gabentisch zu richten und wenigstens der Küche so was wie einen Hauch Feierlichkeit einzuhauchen (der Rest des Hauses sah dafür natürlich umso schlimmer aus *hüstel*). Zum Zmittag hat er sich Riz Casimir gewünscht, und alle waren glücklich. Er besonders. Aber auch ich. Es war ein wunderbarer Tag, gemächlich und wohlwollend, sehr einfach in seiner Art, aber mit diesem ganz besonderen Grundgefühl. Immer wieder gab es Augenblicke, wo Unerledigtes mich ansteuerte, die nasse Wäsche auf dem Waschküchenboden, das ungemachte Bett, meine Haare, die dringendst eine Dusche benötigt hätten, der schon wieder dreckige Pulli meiner Kleinsten- doch immer dann, wenn mir alles über den Kopf zu wachsen drohte, schnappte ich kurz nach Luft und machte mir wieder und wieder klar, worum es geht, so ganz genau genommen: Um die Freude an diesem Kind, um die Freude am Leben, um die Dankbarkeit für diesen ganz besonderen Tag und all die Tage, die wir gemeinsam verbringen dürfen. Und wenn das Haus auch starrt vor Dreck und auch diesmal das Mittagessen alles andere als pünktlich auf dem Tisch stand, heute wollte ich vor allem eins sein: zufrieden und heiter und guter Dinge.
Ich glaube, das ist mir auch gelungen. Und es hat allen gut getan, Raum geschaffen für gute Laune und fürs Entspannt- und Glücklichsein.
Das war wohl sogar eines der schönsten Geschenke, das ich meinem Kind an diesem Tag machen konnte.

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