Archiv der Kategorie: Färben

Färben mit Rosmarin und ein Peret

Auf meinem Laptop lag Staub. Ich werde langsamer und langsamer, träger und träger. Aber das ist in Ordung, habe ich beschlossen. Es ist in Ordung, auch beim Bloggen und in der Kreativität Jahreszeiten zu haben. Einen Frühling, wo alles neu wird und frisch gedeiht. Einen Sommer, der mit Schwung vor sich hin läuft, wo die Nacht zum Tag wird und umgekehrt. Den Herbst, der sich auf die Dinge fokusiert, die sein müssen, der sich kümmert und vorsieht und wenig Platz kennt für Spielereien. Und dann ist da noch der Winter. Hibernation. Eine kühle, stille, wenig fruchtbare Zeit, die einfach ausgehalten werden will. Und auf der auch ihr Segen liegt.

Momentan pendle ich zwischen Herbst und Winter. Es gibt dunkle Phasen, es gibt hellere, alles dreht sich um Geduld, Zärtlichkeit und Akzeptanz, darum auch in den Turbulenzen eines Lebens mit Kleinkind (wo ist nur mein Baby geblieben?!) verlässlich zu bleiben und das Rad am Laufen zu halten, ohne zur Maschine zu werden. Alles ist spontan- und braucht gleichzeitig enorm viel Struktur und Organisation.
Für Sachen wie unbeschwertes Schreiben, mal eben ein paar Runden Stricken oder so scheint der Zeitpunkt einfach nicht richtig.
Darum stehe ich zu meinen Pausen. Hier. Bei Instagram. Auch im fassbaren Leben. Das Rad dreht sich. Aber langsamer. Weil alles andere saust und wirbelt und nur zu leicht in alle Winde verweht…
Die Farbe der grüne Wolle oben stammt übrigens aus dem Gartenbeet meiner Nachbarin. Ihr üppiger Rosmarinstrauch beeindruckt mit jeden Sommer aufs Neue mit seinen dicken, knorrigen Ästen und dem wilden Grün seiner Nadeln. Er scheint windschief und uralt. Auf seine Weise erfahren, nichts kann ihm etwas anhaben, weder Biese noch Hagel noch Frost oder die Unbarmherzigkeit der Julisonne.
Auf Instagram habe ich folgendes dazu geschrieben:

Kuschelwolle in einer ersten und zweiten Färbung mit dem üppigen Rosmarin meiner alten Nachbarin. Damit ich nicht vergesse. Wie schön der Sommer war, wie reich das Leben und die Freundschaft. Die Frau ist über 90. Jeden Herbst, wenn die Stare sich in den Baumwipfeln über unseren nebeneinander liegenden Gärten sammeln und ihr Reisegeplapper über die Dächer schallt, stehe ich mit ihr draußen auf dem Hof und schaue in den Himmel. Ich denke an die Flüchtigkeit der Zeit und hoffe auf ein Dejavue im nächsten Jahr. Wenn sich alles wiederholt. Wer weiss. Wer weiß wie viele Jahreszeiten nach über 90 noch möglich sind? Wer weiß wie oft sie noch im Garten stehen und ihren Rosmarin schneiden wird? Darum ist diese Wolle hier für mich etwas ganz Besonderes. Ich nenne sie „Queen Anne“.


Aus einer meiner ersteren Färbungen auf einem überfälligen Strangen „Cumbria Fingering“ ist ein Peret geworden; die Baskenmütze aus Elas Buch „Stricken durchs Jahr“, das schon viel zu lange fast unbenutzt in meinem Regal steht und mehr Staub ansetzt als mein Laptop. Obwohl es so schöne Projekte hätte. Für mich. Gerade für mich. Jäckchen und Mützen und Schals und Tücher. Wolliges in Reinform, schön und schlicht und kuschelig. Seit ich diese voluminöse, aber herrlich leichte Baskenmütze abgekettet habe, trage ich sie praktisch ununterbrochen. Sobald ich aus dem Haus trete. Mein braunes Homestead-Tuch, die jägergrüne, dicke Jacke, aus der Kind1 hoffungslos herausgewachsen ist, Alpaca-Handschuhe vom letztjährigen Kunsthandwerks-Markt, abgewetzte dunkle Lederstiefel. Und diese Mütze. In der alle meine Haare Platz finden, ob zum Dutt hochgedreht oder in vollen Zöpfen. Eine wunderbare Passform, so ein Peret. Ich fühle mich vorbereitet und wohl darin. Ganz ich, irgendwie.

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Aus meiner Färbeküche: Weissdorn, Brombeerblatt und Birke

Ihr Lieben! Ein dickes, fröhliches „Dankeschön“ für jedes einzelne eurer Worte… zum Strickjäckchen, zum vorletzten Post… und überhaupt! Es ist schön, ein Echo zu hören. Noch schöner wäre es, ich könnte hinter jeden Beitrag eine wenigstens kleine Antwort schreiben. Das wäre mir wichtig. Eigentlich. Ich möchte eure Stimmen nicht so einfach versanden lassen, sondern Bezug nehmen. Aber dann verstreicht wieder so viel Zeit, bis ich meinen Laptop hervor ziehe, den Staub wegpuste und in die Tasten greife… Ich denke, ich lasse eure Worte, Sätze, Gedanken einfach so stehen, wie sie sind. Lese sie zum zweiten oder dritten Mal durch und freue mich. Im Stillen. Habt Dank, ihr besten aller Leserinnen!
Bevor ich wieder zu müde werde, um verständlich (und mit nicht ganz so vielen Tipfehlern *hüstel*) zu schreiben, erzähle ich einfach mal drauflos. Davon zum Beispiel, dass ich mir überlegt habe, was mich beim Bloggen am meisten bremst. Ausbremst bisweilen. Ich denke, neben der Zeit und der Ruhe, die mir schlicht abhanden gekommen sind mittlerweile, ist es die Erwartungshaltung, meine eigene Messlatte, die keinen meiner Posts verschont, sondern hier herumsäbelt, dort feilt und richtet und urteilt und permanent kritisiert und korrigiert.
Das macht das Schreiben zu einer Art… Prüfungs-Situation.
Wo es doch Freude sein sollte. Hauptsächlich. Oder ausschliesslich.
Vielleicht, habe ich mir gedacht, vielleicht wäre es anders, wenn ich von meinem Handy aus schreiben würde? Laptop, das bedeutet, Arbeit, Ernsthaftigkeit, etwas Grosses und Gewichtiges. Das Handy wiederum hat viel Leichtigkeit an sich. Eine Art Spieler-Natur. Ich gucke Miss Marple darauf, flippe durch Pinterest und Instagram, höre mir die neuesten Sprachnachrichten meiner Freundinnen an… Am Handy bin ich ganz ich selbst, ganz bei mir, völlig im Alltag, im Augenblick, mitten im Geschehen.
Vielleicht, ja, vielleicht würde das etwas ändern an meiner Schreib-Blockade. Denn blockiert, das bin ich. Irgendwie. Vor allem, wenn ich richtig denken soll. Und meine Gedanken verständlich machen, hübsch verpacken, mit Schleife drum herum und einem richtig guten Schluss-Satz.
Nur Lyrik geht. Meistens jedenfalls und vor allem dann, wenn ich partout keine Zeit habe dafür. Dann flitzen die Worte schneller als meine Gedanken und purzeln bunt zu einem herrlichen Puzzle, an dem ich mich selbst wahrscheinlich am meisten freue, einfach weil es so schwungvoll aus mir heraus sprudelt, zu schnell für den inneren Kritiker, der bloss stumm nach Luft schnappt.
Mal sehen. Ob das was wird. Wie genau ich dann meine Fotos hochladen soll, darüber rätsle ich noch.

Im Augenblick sitze ich ja aber an meinem Laptop im dunklen, stillen lila Zimmer, während die Kinder im Nebenraum bei offener Türe schlafen. Und meine Bilder kommen -wie zu alten Zeiten- noch aus meiner kleinen Kompakt-Kamera. Nichts Neues, nichts Spektakuläres, und Retuschieren und Verändern war auch nicht nötig. Das helle, kühle Herbstlicht hat leuchtende Farben und starke Kontraste hervor gebracht. Ein gerechtes Abbild der verschiedenen Töne, die ich oben in meiner Färbeküche auf Wolle gebannt habe…
Meine Weissdorn-Färbung zum Beispiel. Versuch Nummer zwei. Gesammelt am allerersten Geburtstag meines kleinen Jungen, an einem schönen, warmen Herbsttag, den wir sehr entspannt, sehr reduziert, sehr bewusst gefeiert haben.
Ich habe kleine Ästchen abgebrochen, nicht viele, bloss ein paar, und auch nur an den Büschen, die wirklich üppig wuchsen am Ufer des kleinen Dorfbaches, wo mein Kleiner quietschend vor Freude seine Füsschen badete und am liebsten gleich nackig ins Wasser gehüpft wäre zum Spielen und Plantschen…

Die zerschnittenen Zweiglein, das dünne Holz, die noch grünen Blätter und die roten, ganzen Beeren habe ich eine Nacht lang in Wasser eingelegt, am nächsten Tag mitsamt dem Einweichwasser etwa 90 Minuten leicht sprudelnd geköchelt und dann 2 bis 3 Tage ziehen lassen. In der Zwischenzeit konnte ich meine Wolle („Big Merino Hug“-Färbewolle von Rosy Green) mit Kaltbeize AL vorbereiten. Nach einer Stunde vorsichtigem Erwärmen im abgeseihten, roten Sud (zwischen 60 und 80 Grad) blieb sie für vielleicht 24 Stunden im Farbwasser, wurde zuerst gelblich, dann rostrot, irgendwann orange-beige und nach dem Waschen schliesslich Sanddorn-Farben und ziemlich intensiv. Ich war sofort verliebt in diesen Ton.
Der Wollstrang in der Mitte und derjenige ganz rechts sind die 2. und 3. Färbung aus demselben Farbbad. Beide mit der gleichen Wolle wie der farbstarke erste Strang links, allesamt kuschelweich und eher dick.
Ich mag den Farbverlauf des Trios, die Nuancierung von Zimt hin zu zartestem Apricot.

Kraftvoll und beindruckend finde ich auch das strahlende Sonnengelb meiner allerersten Birken-Färbung; der untere Wollstrang hat wirklich Power und leuchtet selbst im matten Licht meiner Hexenkammer wie ein magischer Kristall. 200Gramm Laubblätter, mit kochendem Wasser übergossen und für 12 Stunden angesetzt, wurden nur knapp 30 Minuten bis zum Kochen erhitzt und für 90 Minuten stehen gelassen. Dass der Sud braungelb ausfiel, hat mich zuerst mächtig enttäuscht, und lauter Fragen durch meinen Kopf gejagt. „Ist die Flotte doch zu heiss geworden?“ habe ich notiert. „War die Ziehzeit nicht ideal? Oder ist es, weil Herbst ist?“
Doch kaum schwamm die Wolle im Sud, schimmerte sie mir kräftig gelb entgegen und nach 2 Tagen Ziehdauer hatte ich ein herrliches Sonnenblumengelb, das mich wirklich rundum glücklich macht.

Das Gelb der kurz darauf gesammelten Brombeer-Blätter von unterhalb der Gleise wirkt um einiges zurückhaltender und hat mich offen gestanden recht überrascht; ich hatte mit Beige gerechnet, mich fast ein bisschen gefreut sogar auf eine helle Braun-Note. Aber, nun ja.
Die Wolle habe ich diesmal nicht vorgebeizt, da Brombeerblätter an sich bereits genügend beizendes Tannin enthalten, damit die Farbstoffe dauerhaft an den Proteinfasern haften bleiben. Die Farbe blutete beim Auswaschen auch so gut wie gar nicht aus, was ich als gutes Zeichen deute für eine waschfeste Färbung.
Hier habe ich übrigens beim Färben zu meinem Standart-Rezept gegriffen, einen Topf voller Blätter 1 Stunde geköchelt und dann 24 Stunden als Flotte ziehen lassen. Das Garn konnte danach bei etwa 60-80 Grad nochmals eine Stunde im abgesiebten Farbsud simmern und 24 Stunden lang Farbe annehmen, bevor ich es ausgespült und in etwas Babyshampoo gewaschen habe. Ein Schuss Essig im letzten Spülwasser bringt den allenfalls ein bisschen aus dem Gleichgewicht geratenen PH-Wert der Wolle wieder ins Lot und hilft, die Farbe zu fixieren.

So. Die Uhr schlägt eben halb elf. Es ist stockdunkel, herbtslich kalt und irgendwie einsam. Meine Lider flattern, die Augen brennen ein wenig vom weissen Licht, vom dem ich die letzten gut 80 Minuten kaum den Blick gehoben habe…
Ich färbe gerne. Es tut mir gut, spickt meinen Tag mit Sinn und Abenteuerlust. Kolumbusgefühle, habe ich geschrieben, neulich bei Instagram. Das Gefühl, Neuland zu betreten. Und in eine ganz eigene, verwunschene Welt einzutauchen…

„Das Färben mit Pflanzen wirkt wie ein Jungbrunnen; ich freue mich wie ein Kind, staune, als sähe ich zum ersten Mal. Das Licht in meiner Färbe-Küche ist kühl, die Birke in der Baumkronen-Reihe meiner Aussicht wirkt kahler und schwach, herbstmüde hald, doch sie ist da und ich liebe diesen Blick in einen belaubten Himmel. Frei, tief, der Natur näher als ich es tatsächlich bin- mein Fenster gaukelt mir vor, ich stände über den Färbetöpfen einer Landhaus-Küche. Umgeben von Tannen, Birken, Haselsträuchern. Mit einem Himmel, den ich nicht teilen muss mit dem Rest der Agglomeration.
Ein Stückchen davon spiegelt sich im Färbewasser. Eingeklemmt zwischen den Schichten und doch irgendwie befreit, offen.
Genau so fühle ich mich, wenn ich färbe. In Zeiträumen, die gerade noch so knapp… so schnell schnell… Unordentlich ist meine Hexenküche, schlampig, uneingerichtet, weil hurtig und in Windeseile. In den fünf Minuten, die eigentlich gar nicht sein dürften. Aber mit tropfender Wolle in der Hand, mit Schattierungen von Braun, Gelb, Grün zwischen den Fingern… fühle ich mich aufgeräumt und erhaben. Wenn man aus Blättern Farbe macht, denkt man rasch einmal, man könne noch ganz andere Grenzen sprengen.“

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Herbstsocken und ein Gedanke

Fast ein Jahr hat es gedauert, bis dieses Paar Wollstrümpfe an meine Füsse kam. Volle vier Jahreszeiten. Ich erinnere mich schwach, dass ich sie im letzten Jahr ungefähr zu dieser Zeit ganz euphorisch angeschlagen habe, hingerissen von den wunderschönen, satten Herbsttönen, in denen Rita für ihre „Spinnwebstube“ ihr Merino-Yak-Sockengarn färbt. Braun und Gold und Graulila. Einfach schön. Und wie der Faden durch die Finger gleitet, seidig und gleichzeitig robust… schön. Einfach schön, auch das.
Ich denke, ich kann sagen, ich stricke gerne mit dieser so besonderen Sockenwolle. Und ich liebe die Farben. Nach wie vor.
Dass es zwölf Monate, vier Jahreszeiten, einen ganzen Jahreskreis brauchte, um die letzte Masche abzuketten und ein Pärchen neue, braune Wollstrümpfe mein eigen zu nennen, hat andere Gründe als ein Garn, das einem verleidet; Ich habe entdeckt, dass ich überhaupt nicht gerne rechts verschränkt stricke. So ein Geknorze! Die Masche will meistens irgendwie nicht so, wie meine Finger wollen, der ganze Fluss gerät ins Stocken, und das ist es ja gerade, was ich so mag am Stricken, das Fliessen und Vorwärtsrollen, dass meine Hände mittlerweile autonom arbeiten können, zwei, drei, vier, fünf Maschen lang, und die Augen ihnen nur noch ab und zu einen Blick schulden, souverän aber knapp, wie altehrwürdige Hirtenhunde bei einer Herde braver Schafe.
Bloss dass rechts verschränkte Maschen eben alles andere als brav sind. Mehr störrisch. Bockig.
Leider habe ich das erst erkannt, nachdem ich mich schon ein ganzes Stück bis weit über die Ferse mit einem Muster aus rechts verschränkten und klassisch linken Maschen abgemüht hatte.
„Na gut“, dachte ich und biss die Zähne zusammen. „Machen wir hald weiter so. Wenigstens sieht es gut aus.“
Nun ja, als die erste Socke dann fertig war, war ich mir diesbezüglich auch nicht mehr so sicher. Eigentlich, so denke ich heute, eigentlich mag ich rechts verschränkte Maschen bloss im Bündchen. Als kleines Extra. Nicht ausgegossen über die ganze Fusslänge. Das wirkt irgendwie… zu eng. Steif. Die Lücken zwischen den Maschen sind wenig kleidsam.
Trotzem hab‘ ich meine Freude an diesem Paar. Natürlich rettet die schöne Wolle hier einmal mehr ein nicht wirklich ausgereiftes Muster, das ich mir innerhalb eines altbewährten Sockenprinzips mal eben aus den Fingern gesogen habe ohne richtig zu planen. Und klar bin ich froh, findet dieses schleppende Langzeit-Projekt jetzt einfach mal ein Ende. Ein trotz allem ganz glückliches sogar, denn Wollsocken habe ich bloss wenige, hätte aber gern ein ganzes Arsenal davon, mit dem ich mich wappnen kann gegen die kommende Kälte und den winters recht klammen Boden hier im Haus.
Jetzt habe ich aktuell bloss noch zwei Arbeiten auf den Nadeln: eine Kinderjacke für meine 8jährige aus seidig schimmerndem lila Schmusegarn und ein dickes, grosses, dunkelblaues Dreieckstuch aus handgesponnener Wolle, das ich wahrscheinlich zum Lückenbüsserprojekt zwischen Abketten und neu Anschlagen ernennen werde, weil es einfach ist und so gar nicht eilig. Socken reizen mich aber. Nochmals. Diesmal wahrscheinlich mehr klassisch, mit kurzem Bündchen, Ferse und Spitze in Kontrastfarben, dazwischen einfach bloss glatt rechts. Simpel aber gut. Und vielleicht meine pflanzlich gefärbten Bambus-Sockengarne? Altrosa mit Braun? Oder Braun mit blonden Einstrickmuster-Streumaschen und rosa Ferse und Spitze…? Meine Färbungen sind wie Honig. Und ich die Biene. Nicht weil sie so besonders schön wären… aber besonders, für mich, weil sie meine sind.

Manchmal überlege ich, wie es wohl wäre, einen kleinen Webshop zu haben. Für den ich färben könnte. Ich tadle mich dann zwar und rücke mir den Kopf gerade, der kurz einmal ein bisschen zu weit in den Wolken war, aber ich kann mir nicht helfen; der Gedanke gefällt mir. „Woolentwine“ macht so schöne Sachen. „Wooly Mamoth Fibre“ genauso. Allein ihre Bilder machen mich schon glücklich. Sowas möchte ich auch einmal können.
Beim Insbettbringen meiner Kinder heute, ist mir der Gedanke gekommen, einfach weiter zu färben. So wie ich es eben kann in Moment. Noch in Kinderschrittchen, mit mehr Glück als Verstand aber mit ganzem Herzen bei dem, was ich tue. Färbebücher lesen, Pflanzen entdecken, Blätter, Kerne, Beeren, Wurzeln sammeln… und einfach spielen und im Thema tauchen und baden soviel ich mag.
Und dann -vielleicht- einen kleinen Marktstand an einem der vielen Herbst-, Weihnachts-, Koffer- oder Handwerks-Märkte haben. Einfach so. Dann, wenn es passt.
Ich und ein Marktstand?
Der Gedanke kam unvermittelt und schien mir recht unverfroren. Doch ich habe ihn noch nicht verworfen.

PS. Das süsse kleine Sämchen-Kind aus Filz auf dem ersten und zweiten Foto stammt übrigens einmal mehr von Allerleirauh. Es kam zusammen mit einer genauso verschmitzt schmunzelnden Mutter Erde und gehört zu meinen allerliebsten Filz-Schätzen überhaupt. (Könnte ich Icons einsetzen, würde hier jetzt eine ganze Reihe Herzen blinken.)

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endlich grün

Wieder war ich lange fort.
Nicht hier.
Weil ich anderswo gebraucht wurde, im realen Leben, wo ich mich haltlos mitgerissen fühlte von Haushalt, Kindern und Krankheitsviren… Ich schaffte es kaum, Atem zu holen, schon kam die nächste Welle, und wenn man nicht untergehen will, muss man strampeln wie wild.
Nun, ich glaube, das Ärgste ist für den Moment wieder vorüber. Wie bei einem Sturm, der sich legt. Das Baby, das drei, vier Tage sehr krank war, mit hohem Fieber und allem möglichen kämpfte und verzweifelt kleine innerliche Kriege focht, scheint über den Berg; diese Nacht konnten wir im eigenen Bett verbringen und nicht mehr durch die Gänge tigern oder unten auf dem Sofa nächtigen. Er weint auch nicht mehr so viel. Gottseidank. Isst wieder ein ganz klein wenig. Spielt ein bisschen.
Es geht bergauf, und das tut einfach gut zu wissen.


Viel gemacht habe ich nicht. Nichts, was sich vorzeigen liesse. Ein bisschen stricken, ein wenig Eiscreme kochen, einen neuen Wollstrang in einer ganz wunderbaren Farbe färben… damit wäre die Liste bereits zuende. Alles andere ist längst wieder unsichtbar, verschwunden, verpufft, weggegessen, weggeräumt, nicht der Rede wert, ein „Haschen nach Wind“, wie ich bei Instagram geschrieben habe.
Doch es gab auch kleine Freuden. Die Wolle zum Beispiel. Diese Wolle. Das wunderbare, sanfte, schlichte Grün, das ich dem zweiten Armvoll Schilfblüten vom Bächlein entlocken konnte, ganz ohne Vorbeize, nur mit den gekochten, ganzen Blüten, heissem Wasser und einem Tässchen knapp eine Woche altem Eisenessig (nach diesem Rezept hier), das ich ganz zum Schluss noch für 15 Minuten ins abgekühlte Färbebad goss, bevor ich den Strang herausgenommen und in einem Becken voller Wasser und Babyshampoo ausgewaschen habe.

Die Flotte war anfangs rostrot und recht intensiv, die Wolle aber leicht und blond, blond wie Babyhaar. Das Eisenessig verfärbte das Wasser dunkel, fast schwarz, ich zog zuerst einen Strang Silbergrau heraus, der erst mit der Zeit und beim Trocknen auf Olivgrün umschwenkte.
So ein schönes Grün.
Als ich es zum ersten Mal sah -ich komme immer bloss sporadisch rauf in meine Färbeküche, in kleinen Fluchten vor dem Gewusel untem im Haus und bei den Kindern- musste ich laut „Juhui!“ rufen. So richtig aus tiefstem Herzen. Als eine Art… urchigem Freudejodel sozusagen. Ich hab‘ mich so gefreut! Grün! Endlich! Wie sehr ich mir diese Farbe gewünscht, ersehnt und erarbeitet habe. Natürlich klingt das kitschig. Doof. Keiner ersehnt sich eine Farbe, oder? Wobei… ich schon. Ehrlich. Mir liegt so viel an diesen Naturfarben. Wahrscheinlich weil die Dinge in meinen Färbetöpfen momentan das einzige sind, was bleibt und funkelt, wenn ich abends das Licht lösche.

Das Blond mag ich auch. Ich weiss gar nicht wieso. Es ist reiner als das Matschegelb der Rhabarberfärbung, goldener, weich und liebenswert. Irgendwie erinnert mich diese Farbe an Goldlöckchen, die sich sommers an einem sanft geschwungenen Babynacken kringeln… Ich habe meinen allerletzen Strang Sockenwolle (ein wunderbares Geschenk meiner Freundin Rita!) so gefärbt, mit dem ersten Büschel Schilfblüten, noch bevor die Eisenbeize bereit war. Damals war ich unsicher, hoffte noch immer auf Grün und warf die eine Hälfte der blonden Wolle nochmals in einen Färbegang, diesmal in Rhabarberblatt, nur so zum Spass und ein bisschen auch aus Verzweiflung. Es hätte ja immerhin -mit sehr viel Glück und so- sein können, dass „nachträgliches Beizen“ in Rhabarber irgendwie auch sowas wie Grün ergibt, oder?…
Gab es nicht. Keine Spur. Braun wurde daraus. Schon wieder. Und die Wolle ziemlich rau und krisselig.


Gelernt habe ich aber: Mein zweiter Schilfblüten-Versuch entstand ganz sanft, mit sachte simmernder „Rosy Green“-Färbewolle, die sich nach dem Färben noch genauso babypopozart und kükenflauschig anfühlt wie als ich sie frisch aus der Packung zog. Was wohl daraus werden wird…? Ich weiss es noch nicht. Genauso wenig wie wann ich überhaupt wieder etwas zuende stricken werde. Die Zeit fliegt, scheint so flüchtig wie selten. Und ich ohne Anker, ohne Bodenhaftung. Manchmal flattere ich herum eine weisse Flagge an einer windschiefen Fahnenstange…


Aber die kleinen, feinen Dinge, die sich überall verstecken lassen, Herbstsocken im Körbchen neben dem Sofa, eine kleine, lila Jacke mit rein glatt rechten Maschen auf dem Nachttisch für den Abend, weisse Wolle und Kräuter und Pflanzen zum buntmachen eines grauen Tages oben in der Hexenküche… diese Dinge sind ein Hafen. Wo ich gern zurück kehre. Einkehre. Luft hole und Kraft und Motivation.

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